{"id":10000,"date":"2023-05-16T12:56:21","date_gmt":"2023-05-16T10:56:21","guid":{"rendered":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/?p=10000"},"modified":"2023-05-17T07:29:41","modified_gmt":"2023-05-17T05:29:41","slug":"buch-die-turing-galaxis-zur-aesthetik-digitaler-musik-und-zum-diskreten-charme-der-neuen-medien-norbert-schlaebitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2023\/05\/16\/buch-die-turing-galaxis-zur-aesthetik-digitaler-musik-und-zum-diskreten-charme-der-neuen-medien-norbert-schlaebitz\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eDie Turing-Galaxis. Zur \u00c4sthetik digitaler Musik und zum diskreten Charme der Neuen Medien\u201c &#8211; Norbert Schl\u00e4bitz"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-9992\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/TuringGalaxisCover-207x300.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/TuringGalaxisCover-207x300.jpg 207w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/TuringGalaxisCover.jpg 414w\" sizes=\"(max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/>Norbert Schl\u00e4bitz ist leitender Professor des Faches Musikp\u00e4dagogik an der Westf\u00e4lischen-Universit\u00e4t M\u00fcnster. Neben diversen Schulmaterialien erschien zuletzt \u201eAls Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen\u201c (2016). Nun hat er sein Opus Magnum vorgelegt, quasi die Quintessenz der Betrachtungen, \u00dcberlegungen und Einsch\u00e4tzungen seines Themenfeldes.<!--more--><\/p>\n<p>Allein der Umfang dieses Gewaltwerkes in Ziegelsteinform ist mit knapp 900 Seiten eigentlich eine absolute Zumutung. Der Anspruch ein Buch zuerst komplett gelesen zu haben, bevor man eine Rezension dazu verfasst, ger\u00e4t hier an eine nat\u00fcrliche Grenze. Ganze vier Monate vergingen bis ich auf die letzte Seite des Buches vorgedrungen war, da hat man die Ideen und Thesen der ersten 200 Seiten fast wieder vergessen. Und 900 Seiten anspruchsvollen, wissenschaftlichen Text, das soll erstmal jemand schaffen, das eignet sich nicht zur entspannten Lekt\u00fcre vor dem Zubettgehen, da muss man hellwach sein. Und: wer hat schon die Muse \u00fcber Wochen so einen Schinken durchzuarbeiten, als Liegeleser bekommt man schnell Atemnot, wenn man diesen Klotz (1,65kg) auf dem eigenen Brustkorb abstellt. Es ist daher schwer vorstellbar, dass mehr als eine Handvoll Menschen das Buch komplett lesen werden. Und man fragt sich unwillk\u00fcrlich, wie kann das eigentlich einem angeblich erfahrenen P\u00e4dagogen passieren, einen so wesentlichen Teil der Leserfahrung so lebensfremd einzusch\u00e4tzen, er will doch sicherlich auch, dass seine Schrift gelesen wird, warum dann so abartig lang und unverdaulich? Da haben anscheinend die Jahrzehnte an der Uni und in akademischen Kreisen eine eigenwillige Einsch\u00e4tzung bewirkt, vermutlich wurde aber beim Verfassen des Textk\u00f6rpers nicht mal im Ansatz an den m\u00f6glichen Leser gedacht, sonst w\u00e4re das nicht passiert.<\/p>\n<p>Nun zur eigentlichen Sache: Das sehr umfangreiche Buch basiert auf einer eigenen Dissertationsschrift aus dem Jahre 1997 und wurde zum 25-J\u00e4hrigen Jubil\u00e4um einer massiven \u00dcberarbeitung und Erweiterung unterzogen. Der interessante, urspr\u00fcngliche Titel \u201eZum diskreten Charme der Neuen Medien\u201c ist jetzt Untertitel, passt aber immer noch, obwohl das, was Ende der 1990er Neue Medien bezeichnete verglichen mit der Gegenwart sich fundamental ver\u00e4ndert hat. Nur zur Erinnerung: Damals gab es gerade mal Rechner, das Internet und Suchmaschinen. ipod, iphone, Facebook, Youtube, Instagram, Twitter &amp; TicToc befanden sich noch in einer weit, weit entfernten Galaxis. Die Voraussetzungen daf\u00fcr waren aber freilich schon gelegt. Welche Anteile von der urspr\u00fcnglichen Schrift \u00fcbernommen wurden, was neu dazu kam, ist nicht gekennzeichnet, man darf annehmen, dass das meiste ersetzt oder erg\u00e4nzt wurde und sich Schl\u00e4bitz mit dem R\u00fcckbezug vor allem seiner eigenen damaligen (richtigen?) Einsch\u00e4tzung vergewissern will. Und warum auch nicht?<\/p>\n<p>Inhaltlich geht es in 19 langen Kapiteln um f\u00fcnf Thesen, die dankenswerter Weise am Anfang vorangestellt werden: 1. Mensch\/Maschinekopplungen, 2. Gestaltungsr\u00e4ume zwischen analog\/digital &amp; Pop\/Kunstmusik, 3. Computermusik als Programmmusik, 4. Kunst-\u00c4sthetik und Erziehung, 5. Musikp\u00e4dagogik als praktische Medientheorie.<\/p>\n<p>Wie man im durchaus aufschlussreichen Nachwort aus den autobiographischen Notizen erf\u00e4hrt, hat Schl\u00e4bitz einen fachlich fundierten Hintergrund als Gitarrist, Bandmusiker, Songschreiber, aber vor allem als \u00fcber Jahre t\u00e4tiger Filmkomponist. Da ist man meistens immer auch gleich Keyboarder, Techniker, Produzent, Instrumentalist und Arrangeur, ein musikalischer Allrounder sozusagen. Irgendwann hat sich seine berufliche Karriere allerdings akademisiert, wurde zuerst (musik)p\u00e4dagogisch, dann kunstphilosophisch und schlie\u00dflich nahezu rein geisteswissenschaftlich. Aus dieser heutigen Perspektive blickt er zur\u00fcck auf die musiktechnischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte und versucht sie einzuordnen bzw. in den Schulalltag zu integrieren. \u00c4u\u00dferst sympathisch dabei sein unkonventioneller Blick, seine bereits bekannte, systemkritische Haltung kommt hier immer wieder durch, er stellt althergebrachtes gr\u00f6\u00dftenteils auf krasse Weise in Frage, \u00fcbt begr\u00fcndete Kritik insbesondere an der im deutschensprachigen Sprachraum verbreiteten traditionellen Idee von Musikwissenschaft, Musikp\u00e4dagogik und grunds\u00e4tzlichem Bildungsideal ganz allgemein. Dazwischen immer wieder Exkurse in (musik)historische, fachliche, wissenschaftliche und gesellschaftliche Regionen, wo er erstaunlich offenherzig Stellung bezieht. Als Au\u00dfenstehender des akademischen Regelbetriebs kann man sich gut vorstellen, dass man mit solch steilen Thesen heutzutage keine Professur mehr bekommen w\u00fcrde, aber leider irgendwie auch wirkungslos, weil die gesch\u00e4tzten Kollegen sein Buch mit absoluter Sicherheit nicht lesen werden und schon gar nicht Bildungspolitiker in den Ministerien, aber das wei\u00df er vermutlich auch selbst. Trotzdem nat\u00fcrlich angenehm, dass jemand diese Ideen intelligent formuliert vorlegt, k\u00f6nnte ein anregender Beitrag zum Diskurs sein, falls es einen solchen denn geben w\u00fcrde. (Tut es nicht.)<\/p>\n<p>Man muss \u00fcbrigens auch nicht immer einverstanden sein um seinen Beitrag wertzusch\u00e4tzen. In einigen Bereichen pr\u00e4sentiert er fragw\u00fcrdige Theorien, b\u00fcgelt ernstzunehmende Bedenken einfach vom Tisch, geht mit Gegenargumenten nicht gerade zimperlich um. So behauptet er bspw., dass die politische Corona-Kampagne die aus seiner Sicht positiv zu bewertende Digitalisierung an den Schulen beschleunigt h\u00e4tte, was nat\u00fcrlich total verr\u00fcckter Irrsinn ist. Erstens waren es die unn\u00f6tigen und kinderrechtswidrigen Schulschlie\u00dfungen (Recht auf Bildung, Recht auf sozialen Umgang etc.), die die Kinder davon abgehalten haben zur Schule zu gehen, zweitens sind eben in dieser Zeit ohne Not katastrophale Missst\u00e4nde unter Kindern und Jugendlichen verursacht worden (psychische Probleme, Esst\u00f6rungen, Misshandlungen, Suizid \u2013 you name it), deren Aufarbeitung uns noch Jahre besch\u00e4ftigen wird. Man muss schon der realen Welt vollkommen entr\u00fcckt sein und\/oder keine schulpflichtigen Kinder haben um dieser Phase des rechtsstaatlichen und bildungspolitischen Totalausfalls irgendetwas Gutes abgewinnen zu wollen. Streng genommen war es der absolute Beweis, dass Digitalisierung eine vollkommen hohle Phrase ist und Kinder, Jugendliche, Eltern und Gesellschaft in erster Linie von Analogisierung, also echten menschlichen Begegnungen profitieren.<\/p>\n<p>Nicht nachvollziehbar auch wie Schl\u00e4bitz allgemeine Bedenken zur Smartphonisierung der Kinder und Jugend, z.B. dargelegt von Manfred Spitzer, l\u00e4cherlich macht. Auch hier wieder: So kritiklos wie er kann man nur sein, wenn man seit Jahren keinen Kontakt mehr mit Kindern, jungen Eltern oder Lehrern hat. Dass die allgemeine Verbreitung von Smartphones, Wlan und mobilen Daten zu einem Zusammenbruch von Lernbereitschaft, Leseverm\u00f6gen, Konzentrationsf\u00e4higkeit, Leistungsbereitschaft, etc. gef\u00fchrt hat, wird jeder Nachhilfelehrer, jeder Instrumentalp\u00e4dagoge, jeder Sporttrainer best\u00e4tigen k\u00f6nnen, da braucht es nicht mal Studien, obwohl es die selbstverst\u00e4ndlich auch gibt. Wie man an diesen bedenklichen Entwicklungen (nach den Regeln internationaler, hochmanipulativer, meist amerikanischer Medienkonzerne) kritiklos ausschlie\u00dflich Gutes erkennen kann ist schon sehr, sehr einseitig.<\/p>\n<p>Die meisten anderen seiner Betrachtungen sind hingegen erfrischend aktuell: Noch nie habe ich einen Musik(p\u00e4dagogik)professor so fachlich und zeitgem\u00e4\u00df informiert \u00fcber Computermusik, Musiksoftware und die M\u00f6glichkeiten der KI schreiben sehen. Hier ist Schl\u00e4bitz eine absolute Ausnahmeerscheinung. Ausgehend von seinen eigenen, zutreffenden Betrachtungen entwickelt er etliche interessante Thesen bzgl. kreativer Prozess, Nutzbarkeit von Rechnern in Musikproduktion und Medienerziehung, Bedeutung von Klangbibliotheken, Automatisierungen und K\u00fcnstliche Intelligenz, zuk\u00fcnftige Bedeutung des Begriffs Urheberschaft, Zukunft und Gestaltung von Musik, die fast allesamt neuartig, manchmal fast schon prophetisch wirken. Und genauso k\u00f6nnen musikp\u00e4dagogische Betrachtungen eben auch sein: klassische Incentives f\u00fcr Gegenwart und Zukunft. Anregungen und Anreize f\u00fcr eine aktive Auseinandersetzung mit Medien, Musik und Technik.<\/p>\n<p>Fazit: Insgesamt ein \u00e4u\u00dferst langwieriger, aber passagenweise bereichernder Read. K\u00f6nnte sein, dass das Buch am Ende doch mehr Menschen erreicht als gedacht, weil das Thema KI und Musik just nach Erscheinen einen enormen Hype in den Medien erzeugt hat. Generierte Musik wird wohl eine Nische in den Weiten des digitalen Musikkonsumkosmos finden, davon kann man ausgehen. Wenn dieses ungew\u00f6hnliche Buch dann doch eine unerwartete Bedeutung erf\u00e4hrt, w\u00e4re das sicherlich ganz im Sinne der vom Autor immer wieder erw\u00e4hnten Kontingenz. Ein zumindest f\u00fcr den Rezensenten beruhigendes Konzept, das letzten Endes mit dem Autor vers\u00f6hnt. Vielen Dank f\u00fcr die vielen Anregungen in diesem Buch, ich w\u00fcnsche viel Erfolg, beim n\u00e4chsten Mal aber bitte auf 300-400 Seiten beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Das gebundene Buch hat 874 Seiten, erscheint bei epOs und kostet knackige 45 Euro. Das ist viel Geld, in diesem Fall aber seinen Preis wert, allerdings nur, wenn man die erforderliche Zeit zum Lesen und Einwirken lassen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norbert Schl\u00e4bitz ist leitender Professor des Faches Musikp\u00e4dagogik an der Westf\u00e4lischen-Universit\u00e4t M\u00fcnster. Neben diversen Schulmaterialien erschien zuletzt \u201eAls Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen\u201c (2016). 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