{"id":1444,"date":"2014-04-19T09:19:35","date_gmt":"2014-04-19T07:19:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=1444"},"modified":"2014-04-19T09:19:35","modified_gmt":"2014-04-19T07:19:35","slug":"buchtipp-geschichte-wird-gemacht-von-dietrich-helms-und-thomas-phleps-hg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2014\/04\/19\/buchtipp-geschichte-wird-gemacht-von-dietrich-helms-und-thomas-phleps-hg\/","title":{"rendered":"Buchtipp: \u201eGeschichte wird gemacht\u201c von Dietrich Helms und Thomas Phleps (Hg.)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/9783837625103_720x720.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1443\" alt=\"9783837625103_720x720\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/9783837625103_720x720-197x300.jpg\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/9783837625103_720x720-197x300.jpg 197w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/9783837625103_720x720.jpg 473w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><br \/>\nDas Buch erschien im April 2014 bei transcript in der Reihe \u201eBeitr\u00e4ge zur Popularmusikforschung\u201c der Gesellschaft f\u00fcr Popularmusikforschung (GfPM fr\u00fcher ASPM) und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eZur Historiographie popul\u00e4rer Musik\u201c (ISBN 978-3-8376-2510-3, 18,99 \u20ac). Der Herausgeber Dietrich Helms ist Professor f\u00fcr historische Musikwissenschaft an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck; der Herausgeber Thomas Phleps ist Professor f\u00fcr Musikp\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t Giessen.<\/p>\n<p>Nach einem Editorial der Herausgeber folgen sieben deutsche und englischsprachige Aufs\u00e4tze verschiedener Autoren, darunter auch einer von Helms. Bis auf eine Ausnahme sind alle Aufs\u00e4tze die Verschriftlichung von Vortr\u00e4gen der gleichnamigen Arbeitstagung der ASPM (jetzt GfPM), die Ende 2012 am musikwissenschaftlichen Seminar an der Universit\u00e4t Basel stattfand.<!--more--><\/p>\n<p>Das mit 128 Seiten etwas knapp angelegte Buch geht der interessanten Fragestellung nach unter welchen Bedingungen die Geschichte der Popul\u00e4ren Musik gemacht bzw. geschrieben wird. Wer oder was war wichtig? Wen oder was kann man vergessen? Vom wem werden die Geschichten verfasst? Warum und f\u00fcr wen wird Popmusikgeschichte niedergeschrieben?<\/p>\n<p>Den Anfang macht Helmut R\u00f6sing mit dem Text \u201eGeschichtsschreibung als Konstruktionshandlung.\u201c Er rekapituliert kurz die Geschichte der (deutschen) Musikgeschichtsschreibung von den Anf\u00e4ngen der Schrift bis zur Gegenwart und stellt schlie\u00dflich sieben fundamentale, selbstkritische und zum Teil provokante Fragen, so z.B.: \u201eBen\u00f6tigen wir im Zeitalter der medialen \u00dcberlieferung \u00fcberhaupt noch Musikgeschichte?\u201c Er versucht dazu abschlie\u00dfend knappe Antworten zu finden, aber es ist sicher lohnenswert auch eigene Antworten zu seinen intelligenten Fragen zu suchen.<\/p>\n<p>Der folgende englischsprachige Text des amerikanischen Musikers und Musikforschers Elijah Wald ist aus meiner Sicht der inhaltliche H\u00f6hepunkt des Buches und rechtfertigt alleine schon eine Anschaffung. Wald hat in den letzten Jahren bereits mit mehreren B\u00fcchern und einige steilen Thesen Aufsehen erregt, so z.B. \u201eHow the Beatles destroyed Rock and Roll\u201c (2009), &#8222;Escaping the Delta&#8220; (2005) oder (zusammen mit Dave van Ronk) \u201eThe Mayor of MacDougal Street\u201c (2005), das als Inspiration zum j\u00fcngst erschienenen Film \u201eInside Llewyn Davis\u201c (2013) der Coen Br\u00fcder diente. Im vorliegendem Buch tr\u00e4gt sein Text den Titel \u201eForbidden Sounds: Exploring the Silences of Music History\u201c. Darin stellt er die These auf, dass die Bedeutung von popul\u00e4rer Tanz- und B\u00fchnenmusik aufgrund ihrer Funktion als pure Gebrauchsmusik von Musikhistorikern selten oder gar nicht dokumentiert wird und deswegen Teile der gelebten Musikkultur in der Geschichtsschreibung einfach totgeschwiegen werden. So entstehen blinde bzw. stumme Stellen innerhalb der Musikgeschichte, die zwar von musikalisch interessierten Zeitgenossen erlebt wurde, aber konsequent nicht akademisch erfasst wurde und wird. Er sucht und findet in seiner unnachahmlich, stark auf eigenen Erlebnissen und Nachforschungen basierenden Art einige sehr \u00fcberzeugende Beispiele und Erkl\u00e4rungen. Spannend, erhellend, dabei aber unterhaltsam und in letzter Konsequenz auch nachdenklich stimmend.<\/p>\n<p>Der englische Text des Briten Derek B. Scott tr\u00e4gt den Titel \u201eInvention und Interpretation in Popular Music History\u201c. Es wird nicht ganz klar worauf er eigentlich hinaus will, schon seine These ist unpr\u00e4zise und sein Argumentationsstil wirkt sehr willk\u00fcrlich, nicht stringent, er springt ohne erkennbaren Zusammenhang wild von Beispiel zu Beispiel, trotzdem einige gute Gedanken und deswegen lesenswert.<\/p>\n<p>Interessant der im Vergleich dazu n\u00fcchterne Text \u201eGeschichtsschreibung popul\u00e4rer Musik\u201c von Martin Pfleiderer. Er vergleicht hier Inhalt und Pr\u00e4sentation von sieben verschiedenen amerikanischen Popularmusikgeschichtsb\u00fcchern, die in englischsprachigen L\u00e4ndern vorzugsweise als Literatur an Colleges und Universit\u00e4ten eingesetzt werden. Diesen Publikationen kommt somit ein signifikanter Einfluss bei der Ausbildung eines popmusikalisch-kulturellen Bewusstseins unter jungen, amerikanischen Akademikern zu, alleine deswegen lohnt sich eine n\u00e4here Betrachtung. Au\u00dferamerikanische kulturelle Einfl\u00fcsse spielen in den Publikationen und ihren Wiederauflagen offensichtlich eine eher untergeordnete Rolle. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass es bez\u00fcglich dieser tendenziell amerika-zentristischen Sichtweisen auf die Geschichte der Popmusik angeblich keine umfassenden, deutschen oder europ\u00e4ischen Gegenentw\u00fcrfe gibt. Musste gleich an Piero Scaruffis \u201eA History of Rock Music\u201c (2003) oder an Charlie Gilletts \u201eThe Sound of the City\u201c (1970) denken, aber auch diese nicht-amerikanischen Autoren haben die Entwicklung in den USA im Zentrum ihrer Darstellungen.<\/p>\n<p>Barbara Hornberger wendet in ihrem Text \u201eGeschichte wird gemacht\u201c die analytische Arbeitsweise des amerikanisch gepr\u00e4gten New Historicism auf den gleichnamigen Popsong der deutschen Band Fehlfarben an. Sie nennt den Ansatz ihrer Untersuchung im weiteren Verlauf \u201ekulturpoetisch\u201c und man kann den Versuch durchaus als aufschlussreich und somit gelungen ansehen. Neue und exemplarisch dargestellte Ans\u00e4tze f\u00fcr Analyse sind immer willkommen.<\/p>\n<p>Der Text \u201eNothin\u2019 here but History: Geschichtlichkeit als \u00e4sthetische Kategorie bei Steely Dan\u201c von Friedrich Geiger wirkt so, als wenn die Lieblingsband des Autors (Steely Dan) in die thematische Vorgabe der Tagung\/des Buches (Musikgeschichte) hineingezwungen wurde. Nachvollziehbar, aber nicht wirklich mitrei\u00dfend. Die Notenbeispiele wirken wie lustlos abgetippt (Klavierauszug, keine Angaben zur Provenienz der Transkriptionen), es werden leider keine tieferen Zusammenh\u00e4nge oder Beziehungen erl\u00e4utert. F\u00fcr Steely Dan-Fans vermutlich lesenswert.<\/p>\n<p>Das Buch schlie\u00dft ab mit dem Text \u201eHistory? My story! Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Ich in der Musik-Geschichte\u201c von Dietrich Helms, leidenschaftlich und lesenswert, ein sch\u00f6ner Schlusspunkt. Man fragt sich am Ende nur warum Helms als etablierter Musikwissenschaftler, Herausgeber und Autor von Texten nicht einfach nach seinen eigenen Vorgaben loslegt und ein entsprechendes Buch schreibt, was hindert ihn daran genau das zu tun? Naja, vielleicht ist der Text ja eine getarnte Selbstmotivation und er arbeitet schon heimlich dran.<\/p>\n<p>Fazit: Ein schmaler Band mit beeindruckendem Inhalt. Die Herausgeber haben gute Arbeit geleistet. Insbesondere die englischsprachigen Texte sind eine wirkliche Bereicherung f\u00fcr die Sammlung und lockern die ansonsten etwas n\u00fcchterne und sehr deutsche Argumentationsweise etwas auf. Schade, dass es von den Vortr\u00e4gen der Tagung nicht noch einige mehr in den Tagungsband der Reihe geschafft haben. Das w\u00e4re n\u00e4mlich abschlie\u00dfend ein Kritikpunkt: F\u00fcr ein Buch von 128 Seiten sind 18,99 ein ziemlich hoher Preis. Und: Warum erscheint der Tagungsband erst eineinhalb Jahre nach der Tagung?<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes erscheint voraussichtlich der Band zur Tagung im Jahr 2013 zum Thema \u201eTypisch Deutsch &#8211; (Eigen)Sichten auf popul\u00e4re Musik in diesem unseren Land\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch erschien im April 2014 bei transcript in der Reihe \u201eBeitr\u00e4ge zur Popularmusikforschung\u201c der Gesellschaft f\u00fcr Popularmusikforschung (GfPM fr\u00fcher ASPM) und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eZur Historiographie popul\u00e4rer Musik\u201c (ISBN 978-3-8376-2510-3, 18,99 \u20ac). 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