{"id":172,"date":"2013-02-23T22:37:14","date_gmt":"2013-02-23T21:37:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=172"},"modified":"2013-02-23T22:37:14","modified_gmt":"2013-02-23T21:37:14","slug":"black-blind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2013\/02\/23\/black-blind\/","title":{"rendered":"Black &#038; Blind"},"content":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchjahr 2011 unternahm ich eine Reise in die USA davon eine Woche in New York City und eine zweite Woche in Austin, Texas zum gro\u00dfen Musikfestival SXSW.<\/p>\n<p>Als ich in New York ankam wurde ich in der Stadt von einem heftigen Regenguss empfangen und schaffte es gerade noch halbwegs trocken in meine Unterkunft, dem Big Apple Hostel. Die folgenden Tage waren zwar trockener, aber nicht viel freundlicher, der Fr\u00fchling war zu dieser Zeit definitiv noch nicht in New York eingezogen. Nicht nur klimatisch, auch im \u00fcbertragenden Sinne empfand ich die Stadt als k\u00fchl und abweisend. Vieles wirkte auf mich glatt, oberfl\u00e4chlich und kommerziell. Angefangen von den L\u00e4den am Times Square, \u00fcber die Shows am Broadway bis zu den touristischen Clubs in den Seitenstra\u00dfen. Als Besucher erkannte man beim Schlendern durch die Stra\u00dfen an jeder zweiten Ecke irgendeine Location aus einer Filmszene eines amerikanischen Blockbusters. Von der Public Library bis zu Ground Zero hatte ich st\u00e4ndig das Gef\u00fchl hier schon einmal gewesen zu sein. Es war insgesamt kein unangenehmer Aufenthalt, aber ich war auch nicht ungl\u00fccklich als die Zeit rum war und ich nach einer Woche in Newark in den Flieger nach Austin, Texas stieg.<!--more--><\/p>\n<p>Dort angekommen holte ich einen bereits gebuchten Wagen bei der Autovermietung ab und fuhr in die Stadt um meine Bleibe f\u00fcr die kommende Woche zu beziehen. Wie bei meinem ersten Besuch in Austin hatte ich mich beim dortigen German House, einer Studentenunterkunft, gemeldet. W\u00e4hrend der Semesterferien waren dort einige Zimmer frei und die wurden sehr g\u00fcnstig an interessierte Besucher zwischenvermietet. Man durfte dort allerdings keine gro\u00dfen Anspr\u00fcche stellen oder eine Rundumversorgung erwarten. Ich lud dort meine Sache ab und fuhr mit leichtem Gep\u00e4ck f\u00fcr zwei Tage auf einem Trip in die umliegende Hill Country bis das Festival begann. Nach meiner R\u00fcckkehr nach Austin verbrachte ich die Tage dann meistens nach einem \u00e4hnlichen Ablauf. Morgens lie\u00df ich es ruhig angehen, fr\u00fchst\u00fcckte zuerst, las die Zeitung, quatsche eventuell mit einem Studenten z.B. mit Mark, einem ehemaligen US-Soldaten, der traumatisiert aus der Army entlassen worden war, sich dann von seiner Familie trennte und jetzt als Student an der Universit\u00e4t versuchte sich ein zweites Leben aufzubauen. Am sp\u00e4ten Vormittag fuhr ich dann in die Stadt um freie Konzerte zu besuchen, denn eine offizielle Festivalkarte hatte ich in im Vorfeld nicht ergattern k\u00f6nnen. Es gab aber gen\u00fcgend interessante freie Shows und abends auch jede Menge Clubkonzerte zu kleinem Eintritt zum Beispiel direkt um die Ecke vom German House im \u201eHole in the Wall\u201c in der Guadalupe Street. Dort wurde man gleich am ersten Abend mit dem Spruch \u201eWelcome to Texas, Fuckers!\u201c und einem starken Margarita begr\u00fc\u00dft. Obwohl ich niemanden im Club kannte, f\u00fchlte mich sofort wie zu Hause.<\/p>\n<p>An einem der folgenden Tage, es k\u00f6nnte ein Samstag gewesen sein, hatte ich den Mittag und den fr\u00fchen Nachmittag bei dem legend\u00e4ren Plattenladen \u201eWaterloo Records\u201c 600 N Lamar verbracht und war dann zum Essen zum gegen\u00fcberliegenden \u201eWhole Foods Market\u201c gegangen. Beim Essen sprach mich eine Frau an, wir kamen ins Gespr\u00e4ch und ich wei\u00df nicht warum, aber es endete damit, dass sie mir von ihrer kinderlosen Ehe und ihren erfolglosen Versuchen von k\u00fcnstlicher Befruchtung erz\u00e4hlte. Und das alles am helllichten Tag im sonnigen Open-Air-Essbereich eines Einkaufscenters. Mir war das etwas unangenehm, aber ich wollte die ungl\u00fcckliche Frau auch nicht brutal unterbrechen und gehen. Also h\u00f6rte ich mir die Geschichte bis zum Ende an. Ich h\u00e4tte gerne irgendwas Mitf\u00fchlendes gesagt, aber ich glaube selbst auf Deutsch w\u00e4re mir das schwer gefallen, auf Englisch war es schlicht unm\u00f6glich. Irgendwann klingelte dann ihr Handy und ihr Mann war dran und sie musste ziemlich pl\u00f6tzlich gehen. Da sa\u00df ich dann alleine mit meinem inzwischen kalt gewordenen Burrito, den ich die ganze Zeit aus Piet\u00e4t nicht angefasst hatte. Schmeckte dann aber auch kalt okay, war ja immerhin frisch und aus einem Vollwert-Supermarkt. Danach ging ich noch kurz zu einer Show bei \u201eWaterloo\u201c zur\u00fcck, aber es war hei\u00df, laut und voll, ich hatte keine Lust mehr und lief los zu meinem Mietwagen, den ich ein paar Stra\u00dfen weiter geparkt hatte.<\/p>\n<p>Nachdem ich ungef\u00e4hr den halben Weg dorthin gelaufen war, wurde ich von der Seite angesprochen. Es war ein gro\u00dfer, d\u00fcnner Afro-Amerikaner mit schwarzer Brille und einem Blindenstock. Er fragte mich, ob ich ihm Geld leihen k\u00f6nnte. Ich h\u00e4tte wahrscheinlich einfach weiter gehen k\u00f6nnen und ich wei\u00df nicht warum, aber ich fragte ihn wof\u00fcr er das Geld den haben wolle. Darauf meinte er, er w\u00fcrde gerne mit dem Bus oder dem Taxi nach Hause fahren und h\u00e4tte aus irgendwelchen Gr\u00fcnden kein Geld daf\u00fcr. Ich sagte dann, kein Problem, mein Auto steht um die Ecke und ich k\u00f6nnte ihn gerne mitnehmen, ich w\u00e4re fremd in der Stadt und h\u00e4tte gerade nichts zu tun, ich w\u00fcrde ihn gerne da hinfahren, wo er hin will. Der Mann nahm das Angebot an, ich f\u00fchrte ihn und wir liefen langsam zu meinem Auto. Dort angekommen stiegen wir ein und ich sagte ihm, dass ich mich in der Stadt nicht gut auskennen w\u00fcrde. Er meinte, das w\u00e4re kein Problem, er wohne zwar auch noch nicht lange in der Stadt, aber er w\u00fcrde das Stra\u00dfennetz auswendig k\u00f6nnen. Und so war es dann auch, ich fuhr nach seinen Angaben quer durch die Stadt, an jeder Kreuzung, bei jeder Kurve, bei jedem Spurwechsel gab er mir neue, korrekte Anweisung und benannte immer die neue Stra\u00dfe in die wir gerade eingebogen waren. Von der Seite konnte ich hinter seine Brille sehen und erkannte, dass seine Augen die ganze Zeit geschlossen waren. Seinen Stock hatte er dabei zusammengeklappt zwischen seinen Beinen liegen. Wir fuhren Richtung Osten und es dauerte eine Weile, aber irgendwann unterquerten wir die I-35. Wir befanden uns nun in East Austin einem offensichtlich \u00e4rmeren Teil der Stadt und mir wurde etwas mulmig. Der Mann lotste mich weiter durch die Stra\u00dfen des Viertels und irgendwann waren wir anscheinend dort angekommen wo er hin musste. Auf dem Weg hatte er mir erz\u00e4hlt, dass er seit dem Tag zuvor verschiedene Kirchengemeinden abgeklappert hatte um Geld f\u00fcr die Bezahlung seiner Miete zu erbitten, er hatte es aber nicht zusammen bekommen. Er entschuldigte sich auch f\u00fcr sein Erscheinungsbild und erkl\u00e4rte mir, er h\u00e4tte die letzte Nacht auf der Stra\u00dfe verbracht. Dann bat er mich h\u00f6flich um etwas Geld. Ich gab ihm einen F\u00fcnfer und wies ihn darauf hin, dass es ein F\u00fcnfer sein, weil ich wusste, das alle amerikanischen Dollarnoten dieselbe Gr\u00f6\u00dfe haben und f\u00fcr Blinde schwer zu unterscheiden sind. Er bedankte sich h\u00f6flich, verabschiedete sich mit einem \u201eGod bless ya\u2019\u201c, klappte seinen Stock aus und ging seiner Wege. Ich bin dann umgedreht und wieder in den westlichen Teil der Stadt gefahren. In den folgenden Tagen ging ich noch zu einigen Konzerten und h\u00f6rte viel Bands, deren Namen ich inzwischen l\u00e4ngst vergessen habe. Am Tag meiner Heimreise h\u00e4tte ich fast den Flug verpasst, weil ich auf dem Weg zum Flughafen in einen Stau geriet, aber es hat dann doch noch gereicht. Den Flieger bestieg ich in Jeansjacke und meinem Stetsonhut, den ich mir bei meinem Trip in Bandera gekauft hatte. Ich sa\u00df dann 8 Stunden wortlos neben einer attraktiven, blonden Frau und sie fragte mich kurz vor Ende des Fluges allen ernstes auf Englisch, ob ich Reiter bei einem Rodeo w\u00e4re, ich w\u00fcrde so aussehen. Ich denke gerne an die Zeit in Austin im Fr\u00fchjahr 2011 zur\u00fcck und bis heute bereue ich, dass ich dem blinden Mann nicht viel mehr von meinem Schei\u00df-Geld auf seinen harten, beschwerlichen Weg mitgegeben habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchjahr 2011 unternahm ich eine Reise in die USA davon eine Woche in New York City und eine zweite Woche in Austin, Texas zum gro\u00dfen Musikfestival SXSW. 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