{"id":1738,"date":"2014-09-03T23:24:40","date_gmt":"2014-09-03T21:24:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=1738"},"modified":"2014-09-03T23:24:40","modified_gmt":"2014-09-03T21:24:40","slug":"buchkritik-warum-hits-hits-werden-von-volkmar-kramarz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2014\/09\/03\/buchkritik-warum-hits-hits-werden-von-volkmar-kramarz\/","title":{"rendered":"Buchkritik: \u201eWarum Hits Hits werden\u201c von Volkmar Kramarz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Hits.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1737\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Hits.jpg\" alt=\"Hits\" width=\"216\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Hits.jpg 216w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/Hits-197x300.jpg 197w\" sizes=\"(max-width: 216px) 100vw, 216px\" \/><\/a>Das Buch erschien im August 2014 bei transcript in der Reihe \u201eStudien zur Popularmusik\u201c und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eErfolgsfaktoren der Popmusik\u201c (ISBN 978-3-8376-2723-7, 37,99 \u20ac). Der Autor Volkmar Kramarz lehrt seit dem Jahr 2000 Musikwissenschaft an der Universit\u00e4t Bonn.<!--more--><\/p>\n<p>Volkmar Kramarz versucht mittlerweile seit mehreren Jahrzehnten einer deutschen Leserschaft die Konstruktionsprinzipien von Pop- und Rockmusik zu erkl\u00e4ren. Im Jahr 1983 ver\u00f6ffentlichte er den musikwissenschaftlichen Text \u201eHarmonieanalyse der Rockmusik\u201c (Schott), ein Jahr sp\u00e4ter folgte das in Deutschland fast schon zum Klassiker gewordene Buch \u201eDie E-Gitarre\u201c (Voggenreiter), das seitdem mehrfach wiederaufgelegt wurde. In den Nullerjahren ging es dann gleich zweimal dezidiert und praxisbezogen um die zeitlosen Harmonieformeln der Popul\u00e4rmusik (\u201eDie Pop Formeln\u201c, 2006 und \u201eDie Hip Hop Formeln\u201c, 2008). In seinem aktuellen Buch geht er nun noch einen Schritt weiter. Es geht diesmal um nichts weniger als die \u201eErfolgsfaktoren der Popmusik\u201c, um die Ermittlung der globalen Hitformel, um den perfekten, produktionstechnischen Masterplan einer erfolgreichen Musikkarriere.<\/p>\n<p>Der Autor hat das umfangreiche Buch (390 S.) in f\u00fcnf gro\u00dfe Kapitel unterteilt: 1. Popmusik und Erfolg, 2. Kategorien und Parameter der Analyse, 3. Parameter-Auswertungen erfolgreicher Songs, 4. Eigene Experimente und Untersuchungen, 5. Fazit und Diskussion.<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel werden viele Themen angeschnitten, aber die zentralen Begriffe nur indirekt anhand von recht willk\u00fcrlich zusammengestellten Zitaten umrissen, die zum Teil auch noch uralt sind. Es wird an keiner Stelle deutlich, was der Autor selbst unter (kommerziellem?) Erfolg versteht, immer wieder werden Quellen zitiert, letztlich aber kein eigenes Statement abgegeben. Ein wie auch immer gestalteter k\u00fcnstlerischer Erfolg wird dagegen nicht thematisiert und spielt f\u00fcr den Autor offensichtlich keine erw\u00e4hnenswerte Rolle. Auch wird die \u00c4ra, die Stilistik oder der geo-kulturelle Raum der Betrachtung nicht n\u00e4her definiert. Es werden viele Themen angerissen (GEMA, Downloads, Bandf\u00f6rderung, Rundfunk), aber die Grundaussagen bleiben weiterhin vage. Entwicklungen der 90er und Nullerjahre werden mit Zitaten aus den 1980er Jahren, Entwicklungen in den USA mit Zitaten deutscher Boulevardmedien belegt. Letztendlich geht es dann um Musik der Jahre 2007-2012, trotzdem ist die zentrale Referenz immer und immer wieder das popmusikalische Werk der Beatles, das bekanntlich aus den ansonsten nicht weiter thematisierten 1960er Jahren stammt. Mit deren Werk wird verglichen und bemessen, als sei es der essentielle Urkeim aller nachfolgenden Popmusiken in allen Zeiten. Musik von vor 1960 spielt in der Betrachtung so gut wie keine Rolle, popul\u00e4re Musik aus popverwandten Stilistiken wie z.B. Jazz, Folklore, Elektronik oder gar Klassik auch nicht, ganz zu schweigen von nicht westlicher Musik aus Asien, Afrika oder S\u00fcdamerika.<\/p>\n<p>Im zweiten Kapitel werden dann die Kategorien und Parameter der Analyse benannt. Es sind die erwartbaren, \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen der klassischen, musikwissenschaftlichen Analyse (Form, Harmonik, Melodik, Rhythmik, Arrangement, Text). Abgeleitet werden sie zum gro\u00dfen Teil tats\u00e4chlich aus Songwriting-Anleitungen deutscher (!) Autoren, kein Wort von David Brackett, Philip Tagg oder anderen international renommierten Koryph\u00e4en. Auch die zugegebenerma\u00dfen unhandliche, aber Popmusik nun mal konstituierende Kategorie \u201aSound\u2019 wird nicht als wesentliches Thema der Analyse gestreift.<\/p>\n<p>In den Analysen operiert Kramarz mit der Terminologie der klassisch-romantischen Funktionstheorie (Tonika, Subdominante, Dominate, etc.). Warum er sich daf\u00fcr entschieden hat, bleibt ein R\u00e4tsel. Selbstverst\u00e4ndlich hat sich f\u00fcr die Analyse und die Vermittlung von Pop, Rock, Jazz und artverwandter Musik l\u00e4ngst die Stufentheorie als praktikabelste weitgehend durchgesetzt. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Verwendung der Bezeichnungen Eb (Kramarz: Es) oder B (Kramarz: H), hier w\u00e4re die international \u00fcbliche Schreibweise sicherlich vern\u00fcnftiger gewesen.<\/p>\n<p>Skurril wird es im dritten Kapitel bei der Auswertung. Es wimmelt hier nur so von unlogischen Zirkelschl\u00fcssen. Beispiel gef\u00e4llig? Der Autor ordnet die Songs (nach Vorgabe deutscher Songwritingschulen, die immer wieder zitiert werden) in verschiedene Formteile wie Intro, Strophe, Refrain, etc. (statt wie international \u00fcblich: Verse, Chorus, Bridge) und stellt dann anschlie\u00dfend fest, dass fast alle erfolgreichen Popsongs ein Intro, Strophen und Refrains haben. Wenn man es vorher selbst platziert, findet man nat\u00fcrlich immer das, wonach man sucht. Das funktioniert zwar, bringt einen inhaltlich aber nicht weiter. Dieses Prozedere wird im weiteren Verlauf noch auf die Spitze getrieben, wenn die Beispiele im vierten Kapitel nicht mehr nur selbst durchdefiniert, sondern gleich auch noch selbst eingespielt werden um anhand komplizierter Verfahren inkl. Hirnaktivit\u00e4tsmessungen am MRT zu beweisen, dass etablierte Harmonieformeln besser ins Ohr gehen als nicht etablierte oder willk\u00fcrliche. Nun, wer h\u00e4tte das gedacht?<\/p>\n<p>L\u00f6blich immerhin die vielen Notenbeispiele, die zum Teil anscheinend selbst erstellt sind (hier\u00fcber fehlen die Angaben). Leider gibt es keine echten Partituren oder DAW-Screenshots irgendwelcher Arrangements, stattdessen immer nur Miniaturausschnitte, zumeist einstimmig oder im Klaviersatz (auch wenn im St\u00fcck gar kein Klavier vorkommt).<\/p>\n<p>Ein Wort noch zur Auswahl der untersuchten St\u00fccke: Das Verfahren wird transparent und detailliert dokumentiert. Es handelt sich bei den insgesamt 30 angeblich exemplarischen Songs um Grammy-Gewinner (5), Echo-Preisgewinner (5), UK-Topsingles (5), Deutsche Topsingles (5) und die Gewinner des European Song Contest (5) der Jahre 2007-2012. Die zeitliche und stilistische Reichweite der Analyseaussage ist dadurch extrem eingegrenzt und schlie\u00dft die Popmusik des 20. Jahrhundert (Beatles!) nahezu komplett aus. Gegen diese selbstauferlegte zeitliche Eingrenzung ist prinzipiell nichts einzuwenden, sie h\u00e4tte jedoch unbedingt im Titel oder zumindest im Untertitel Erw\u00e4hnung finden m\u00fcssen. Problematischer ist dagegen der indirekte Anspruch auf eine Art \u201eWelthitformel\u201c, obwohl ausschlie\u00dflich westliche und im \u00fcberwiegenden Ma\u00dfe westeurop\u00e4ische Vertreter in die Untersuchung einbezogen wurden, die noch dazu in allererster Linie auf nur rein kommerzielle Erfolge verweisen k\u00f6nnen (hohe Verkaufszahlen). Trotz dieser zeitlichen und geo-kulturellen Begrenzung werden zum Teil immer noch \u00c4pfel mit Birnen verglichen, so z.B. der Musicalsong \u201eOver the Rainbow\u201c (Komposition von 1939 in einer Version aufgenommen 1993), der Songwritertune \u201eHallelujah\u201c (Komposition von 1984), der Retro Soul von Amy Winehouse und Adele, Country\/Folk von Dixie Chicks und Robert Plant &amp; Alison Krauss und die obskuren und musikalisch\/k\u00fcnstlerisch nicht gerade in hohem Ma\u00dfe repr\u00e4sentativen Gewinner des ESC.<\/p>\n<p>Die abschlie\u00dfende Literaturliste ist viel zu umfangreich (22 eng bedruckte Seiten), die genannten Quellen werden im Text mehrheitlich gar nicht erw\u00e4hnt, andere fehlen dagegen komplett. Ein externes Lektorat h\u00e4tte dem Buch gut getan.<\/p>\n<p>Fazit: Abschlie\u00dfend bleibt festzustellen, dass trotz eines enormen Aufwands nicht erkl\u00e4rt wurde warum Hits Hits werden. Eine allgemeing\u00fcltige Konstruktionsformel f\u00fcr erfolgreiche Popmusik wurde nicht gefunden und konnte auch nicht plausibel dargelegt werden. Der Grund daf\u00fcr ist meines Erachtens ganz einfach: Es gibt sie nicht.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich findet man bei n\u00e4herer Betrachtung Formeln, Konstruktionsprinzipien, Baupl\u00e4ne, Regelwerke, Arbeitsmethoden etc. und je enger man den Betrachtungswinkel stilistisch, zeitlich oder geo-kulturell zieht, desto pr\u00e4ziser k\u00f6nnen diese formuliert werden. Es kann auch sehr unterhaltsam, interessant und bereichernd sein eine solche Suche durchzuf\u00fchren oder als Au\u00dfenstehender zu verfolgen. Aber die daraus gewonnen Erkenntnisse sind keine Kategorie f\u00fcr Erfolg oder Misserfolg, sie gelten gleicherma\u00dfen f\u00fcr gute und schlechte, f\u00fcr erfolgreiche und erfolglose Songs. Denn kommerzieller Erfolg ist keine \u00e4sthetische Kategorie, es gibt in der Musik n\u00e4mlich keinen direkten Zusammenhang zwischen Konstruktionsprinzip und Erfolg. Beweisen lie\u00dfe sich das relativ einfach mit einer analog angelegten Untersuchung einer Anzahl dezidiert erfolgloser Popsongs. Die These: Die Ergebnisse bzgl. der vorgegebenen Kategorien und Parameter der Analyse w\u00e4ren nahezu die gleichen, erfolgreiche und erfolglose Songs haben grunds\u00e4tzlich dieselben Konstruktionsprinzipien. Man kann einen Song, den man f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnlich h\u00e4lt, mit musikwissenschaftlichen Mitteln analysieren und daraus interessante Erkenntnisse gewinnen. Die Magie dieses Songs wird man aber mit dieser Erkenntnis nicht nachbauen k\u00f6nnen. Das ist das Frustrierende in der Musikwissenschaft, aber zugleich das Wunderbare an der Musik. Es w\u00e4re schlimm, wenn das anders w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch erschien im August 2014 bei transcript in der Reihe \u201eStudien zur Popularmusik\u201c und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eErfolgsfaktoren der Popmusik\u201c (ISBN 978-3-8376-2723-7, 37,99 \u20ac). 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