{"id":1851,"date":"2014-10-22T08:20:44","date_gmt":"2014-10-22T06:20:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=1851"},"modified":"2014-10-22T08:20:44","modified_gmt":"2014-10-22T06:20:44","slug":"buch-das-geschaeft-mit-der-musik-von-berthold-seliger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2014\/10\/22\/buch-das-geschaeft-mit-der-musik-von-berthold-seliger\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eDas Gesch\u00e4ft mit der Musik\u201c von Berthold Seliger"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Seliger-Musik.preview.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-1850\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/Seliger-Musik.preview-187x300.jpg\" alt=\"Seliger-Musik.preview\" width=\"187\" height=\"300\" \/><\/a>Das Buch erschien bereits im Januar 2013 bei Tiamat und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eEin Insiderbericht\u201c (ISBN 978-3-893-201808 18,00 \u20ac). Der Autor Berthold Seliger ist freier Autor und betreibt eine eigene Konzertagentur.\u00a0Nach einem Intro folgen acht Kapitel, die sich mit den Themen Live-Industrie, Tontr\u00e4gerindustrie, Copyright, Verwertungsgesellschaften, Sponsoring, soziale Situation, Musikjournalismus und (Kultur-) Politik befassen.<!--more--><\/p>\n<p>Das Buch ist als \u201eInsiderbericht\u201c betitelt und als \u201eInsider\u201c kann sich der Autor getrost bezeichnen. Seit mehr als 25 Jahren betreibt er eine eigene Konzertagentur und betreut(e) in der Zeit als Agent Bands wie Calexico, Lambchop und die Walkabouts, sowie als Europaagent K\u00fcnstler wie Lou Reed, Patti Smith und Lucinda Williams. So f\u00e4llt das erste Kapitel \u201eLive-Industrie\u201c mit knapp 100 Seiten erwartungsgem\u00e4\u00df am l\u00e4ngsten aus. Seliger berichtet eloquent und ausf\u00fchrlich von dem Tagesgesch\u00e4ft von Veranstaltern und Agenten, von Tickets und Big Data. Er gibt etliche glaubhafte Beispiele und Musterrechnungen mit denen er verdeutlichen will wie das Eintrittsgeld erhoben und verteilt wird und was am Ende f\u00fcr wen \u00fcbrig bleibt. Es wird erkl\u00e4rt welche Garantien gefordert werden, wer welche Arbeit macht und wer die Risiken tr\u00e4gt. Seliger argumentiert hier aus der Sicht des Ticketk\u00e4ufers und Konzertbesuchers, sicherlich auch aus der Sicht des Konzertagenten und K\u00fcnstlervertreters und platziert, als einer, der bestens mit den Strukturen vertraut ist, seine deutliche und umfassende links-liberale Systemkritik. Als Leser kann einem dieser unverhohlen k\u00e4mpferische Stil (mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten) passagenweise etwas zu massiv anmuten. Denn: Am Schluss muss schon noch jeder einzelne f\u00fcr sich entscheiden, ob ihm ein Ticket f\u00fcr ein Konzert mehr als 120 Euro wert ist oder eben nicht. Und welche Anteile vom Umsatz an K\u00fcnstler, Agenten, Veranstalter und Hallenvermieter gehen, m\u00fcssen die irgendwie auch unter sich aushandeln. Und wenn man nicht gerade zu U2, Bruce Springsteen oder Madonna ins Konzert geht, sondern lieber zur unbekannten Band in die Studentenkneipe um die Ecke, betrifft einen sowieso nicht.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Kapitel wirft Seliger einen Blick auf die Machenschaften der Tontr\u00e4gerindustrie, zeigt auf wie sie bis in die 1990er aufgestellt war, wie sie vom Wechsel von Vinyl auf CD profitiert hat, wie sie den \u00dcbergang von CD auf Download versemmelt hat und was der aktuelle Wechsel von Download auf Stream f\u00fcr K\u00fcnstler und Endkonsumenten f\u00fcr Chancen mit sich bringt. Seine Sichtweisen legt er mit klaren Argumenten dar und belegt sie mit klugen, teilweise recht frischen Zitaten (Patti Smith, Kim Dotcom, Sven Regener etc.), die allesamt sauber belegt werden. Weiter geht es mit Aspekten des deutschen Urheberrechts und der GEMA, die mal wieder gar nicht gut wegkommt. Es wird beteuert wir untransparent die Gema abrechnet (stimmt), wie ma\u00dflos hoch ihre Verwaltungskosten (stimmt) und die Geh\u00e4lter der Vorstandsvorsitzenden (skandal\u00f6s) sind, aber auch wie schwer es die Clubs in Berlin doch haben (darf bezweifelt werden). Welche Bedeutung die GEMA heute f\u00fcr aktive Urheber, also f\u00fcr jetzt lebende Songschreiber und Komponisten hat, kommt leider nicht zur Sprache.<\/p>\n<p>Im folgenden Kapitel wirft Seliger einen kritischen Blick auf die Praxis des (Kultur-) Sponsoring und liefert pikante Beispiele von renommierten deutschen Musikern, die sich f\u00fcr Geld ziemlich skrupellos doch recht zweifelhaften Firmen (z.B. Alkoholdestillen, Zuckerwassermischer, Fast Food Brutzler) an den Hals werfen. Das vertr\u00e4gt sich ganz offenkundig gar nicht mit den ehemals hehren ideologischen Ideen des Rock and Roll wie z.B. Eigenst\u00e4ndigkeit, Unabh\u00e4ngigkeit oder einer wie auch immer gearteten politischen oder moralischen Aussage, wird aber selten bis nie kritisch beanstandet. Allerdings ist dieses Gebaren nat\u00fcrlich nicht typisch f\u00fcr den Musikmarkt, ganz im Gegenteil, in anderen Bereichen treibt das ja noch ganz andere Bl\u00fcten, denn anscheinend ist es heutzutage gesellschaftlich akzeptiert sich skrupellos zu bereichern, wenn man einmal die Gelegenheit dazu hat. Trotzdem sch\u00f6n, dass es Seliger so direkt und undiplomatisch anspricht.<br \/>\n\u00c4hnlich kritisch geht er damit um, dass sich der deutsche (Musik-)Journalismus schamlos den Geldgebern hingibt und kaum noch wirklich unabh\u00e4ngige Kritik oder Berichterstattung stattfindet. Das f\u00e4ngt an bei lokalen Veranstaltungsmagazinen und geht rauf bis zu ehemals anerkannten Fachbl\u00e4ttern, Wochen- und Tageszeitungen. Unabh\u00e4ngig im eigentlichen Sinne des Wortes sind seiner Ansicht nach allenfalls Internetmagazine (wie Pitchfork) und Blogs (wie dieser!), die aber ohne Budget freilich nicht imstande sind dauerhaft Qualit\u00e4tsjournalismus auf hohem Niveau zu bieten.<br \/>\nInteressant und anregend auch seine Beobachtungen zur sozialen Situation, obwohl er dabei vermutlich zu sehr von seinem pers\u00f6nlichen Umfeld in Berlin ausgeht (Hippster, Musiker, Neue Medien, alle Menschen sind bei ihm anscheinend Ticketk\u00e4ufer und Popkonzertg\u00e4nger etc.).\u00a0Das Buch endet mit einer eng bedruckten vier-seitigen Literaturliste, die neben den \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen (Adorno, Horkheimer, Benjamin, Marcuse etc.) auch einige ungew\u00f6hnliche, aber aussagef\u00e4hige Autoren (Harry Belafonte, Bill Graham, Hans Werner Henze, Hanns Eisler, Keith Richards, Dave van Ronk, Nick Tosches etc.) benennt.<\/p>\n<p>Fazit: Berthold Seliger stellt hohe Anspr\u00fcche an sich und seine Leser, an Musiker und Musikvermarkter. In seinem Buch legt er die Zusammenh\u00e4nge, Verwicklungen und die sich daraus ergebenden Probleme aus seiner pers\u00f6nlichen, sehr erfahrenen Sicht dar und wird daher dem Titel des Buches in vollem Umfang gerecht. Er schreibt durchweg pr\u00e4gnant und klar in einer gut lesbaren, unakademischen Sprache. Perspektiven oder m\u00f6gliche L\u00f6sungen f\u00fcr die erkannten und benannten Probleme bietet er leider nicht. Seine sehr hoher moralischer Standard ist vielleicht nicht jedermanns Sache und teilweise etwas zu vordergr\u00fcndig und dick aufgetragen. Wenn man das Buch als pers\u00f6nliches Statement eines engagierten Insiders wertet, hat Berthold Seliger gute, wichtige und aufkl\u00e4rende Arbeit geleistet, weil damit ein alternativer Blick auf das Gesch\u00e4ft mit der Musik er\u00f6ffnet wird. Daf\u00fcr kann man ihm nur danken. Dicke Empfehlung.<\/p>\n<p>Die Aussage des Buches wird von einem lesenswerten <a href=\"http:\/\/bseliger.de\/blog\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blog<\/a> mit regelm\u00e4\u00dfigen Eintragen flankiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Buch erschien bereits im Januar 2013 bei Tiamat und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eEin Insiderbericht\u201c (ISBN 978-3-893-201808 18,00 \u20ac). 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