{"id":2625,"date":"2015-05-11T12:31:19","date_gmt":"2015-05-11T10:31:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=2625"},"modified":"2015-05-11T12:31:19","modified_gmt":"2015-05-11T10:31:19","slug":"buch-der-letzte-mann-der-alles-wusste-von-john-glassie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2015\/05\/11\/buch-der-letzte-mann-der-alles-wusste-von-john-glassie\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eDer letzte Mann, der alles wusste\u201c von John Glassie"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DerLetzteMann.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2624\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DerLetzteMann-188x300.jpg\" alt=\"DerLetzteMann\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DerLetzteMann-188x300.jpg 188w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/05\/DerLetzteMann.jpg 314w\" sizes=\"(max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>John Glassie ist Journalist, Fotograph und Schriftsteller und lebt in Brooklyn, New York.\u00a0Viele Jahre hat er Interviews und Artikel \u00fcber Literatur und Kunst in teilweise renommierten Zeitschriften und Zeitungen ver\u00f6ffentlicht. Hinzu kommt ein Buch mit der Fotoserie \u201aBicycles Locked to poles\u2019 (2005), einige Ausstellungen und etliche Beitr\u00e4ge zu Anthologien. Mit \u201eDer letzte Mann, der letzte alles wusste\u201c legt er eine umfangreiche, (popul\u00e4r-) wissenschaftliche Publikation in Buchformat vor, die ein sehr spezielles Thema behandelt. Die deutsche \u00dcbersetzung des Buches tr\u00e4gt den Untertitel \u201eDas Leben des exzentrischen Genies Athanasius Kircher\u201c und genau darum geht es, aber auch um ein bisschen mehr.<!--more--><\/p>\n<p>Athanasius Kircher war ein deutscher Jesuit und Universalgelehrter, er lebte von 1602 bis 1680 und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens am Collegium Romanum in Rom, wo er forschte und lehrte. Er besch\u00e4ftigte sich mit \u00c4gyptologie, Geologie, Medizin, Mathematik, Physik und Musiktheorie. Er stand mit einigen der f\u00fchrenden Forschern und Gelehrte seiner Zeit brieflich in Verbindung und ver\u00f6ffentlichte im Laufe seines Lebens eine betr\u00e4chtliche Anzahl von umfangreichen und aufw\u00e4ndig illustrierten B\u00fcchern, die in den gebildeten Schichten ganz Europas bekannt waren und war somit f\u00fcr einige Jahrzehnte eine dominante Pers\u00f6nlichkeit des internationalen, wissenschaftlichen Diskurses.<\/p>\n<p>Das Buch beginnt mit einer \u201eApologetischen Vorbemerkung\u201c und ist danach in drei umfangreich Kapitel aufgeteilt: Das erste Kapitel beschreibt seinen pers\u00f6nlichen Lebensweg aus einem Dorf in der hessischen Rh\u00f6n bei Fulda \u00fcber den Eintritt beim Jesuitenorden in Paderborn und die anschlie\u00dfenden Wanderjahre \u00fcber K\u00f6ln, W\u00fcrzburg und Avignon. Das zweite Kapitel beginnt mit seiner Ankunft in Rom, wo er ab 1638 lehrte und ab 1645 vom Dienst freigestellt wurde und fortan haupts\u00e4chlich forschte und ver\u00f6ffentlichte. Das dritte Kapitel beschreibt die Lebensjahre ab 1671 bis zu seinem Tod und die Rezeption und Wirkung seines Werkes \u00fcber seinen Tod hinaus.<\/p>\n<p>Kircher war und ist ein heute weitgehend vergessener und in Fachkreisen ein immer noch umstrittener Gelehrter. Der zu Lebzeiten hohe Grad der Verbreitung und Wirkung seiner Schriften steht im krassen Widerspruch zu den oftmals betr\u00e4chtlichen Fehleinsch\u00e4tzungen, unwissenschaftlichen Ausschweifungen und offensichtlichen Plagiaten in seinen \u00c4u\u00dferungen. Teilweise konnte er die Dinge nicht besser wissen, spekuliert und theoretisiert aufgrund l\u00fcckenhafter und falscher Informationen, andererseits behauptet er aber auch Dinge von denen er wei\u00df, dass sie nicht stimmen (Antrieb einer Uhr mit der Energie eines Sonnenblumenkerns, Entschl\u00fcsselung der Hieroglyphen, geozentrisches Planetensystem, etc.). Immer wieder entstehen daraus aberwitzige und f\u00fcr einen Menschen mit heutigem Wissen hocham\u00fcsante Geschichten. Allerdings war diese Arbeitsweise f\u00fcr das Zeitalter Kirchers nicht un\u00fcblich. Theorien wurden formuliert und die praktischen Erkenntnisse aus Mangel an Erkenntnis angepasst. Der wissenschaftliche Anspruch von Wiederholbarkeit eines Experiments war noch nicht etabliert. Aber Kircher wird mit zunehmenden Alter zur tragischen Figur, denn der Paradigmenwechsel, das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung steht unmittelbar bevor. Und so muss der vormals unantastbare Gelehrte im vorangeschrittenen Alter mitansehen wie zentrale Thesen und Schriften seines Werkes von nachwachsenden Forschern massiv in Zweifel gezogen und seine Integrit\u00e4t in Misskredit gebracht wird. Nichtsdestotrotz haben auch seine fehlerhaften Theorien auf verschiedensten Wissensgebieten bis weit nach seinem Tod immer wieder f\u00fcr interessante Impulse gesorgt und tun es immer noch wie Literatur und Ausstellungen der zur\u00fcckliegenden Jahre belegen.<\/p>\n<p>Glassie schreibt routiniert, zug\u00e4nglich und unterhaltsam. Immer wieder werden witzige Anekdoten und Querverbindungen zwischen die allgemeinen Ausf\u00fchrungen gestreut. Der Stil ist ernsthaft, solide recherchiert, aber angenehm unakademisch. Externe Quellen sind sauber markiert und in Fu\u00dfnoten ausf\u00fchrlich dokumentiert. Der Autor leistet keinen eigenen Forschungsbeitrag, holt die Figur Kircher aber aus der Obskurit\u00e4t, gew\u00e4hrt neben der Biographie auch einen Einblick in die zeitgen\u00f6ssische Wissenskultur und deren Wandel. Damit gelingt ihm ein hochinteressanter und unterhaltsamer Einblick in eine entscheidende Phase der modernen Wissenschaftsgeschichte.<\/p>\n<p>Die \u00dcbersetzung aus dem Amerikanischen stammt von Bernhard Kleinschmidt und ist angesichts der Herausforderung (trockene Materie, altdeutsche &amp; lateinische Texte) bemerkenswert gut gelungen. Nur der Titel des Buches klingt im Amerikanischen etwas mehr auf den Punkt (\u201aA Man of Misconceptions. The Life of an Eccentric in an Age of Change\u2019), aber vielleicht hat da der Verlag mitreingeredet. Das Buch enth\u00e4lt neben dem Text 17 kleinformatige, s\/w-Abdrucke von Illustrationen aus Kirchers Werken.<\/p>\n<p>Das gebundene Buch erscheint im Berlin Verlag, hat 350 Seiten und kostet 24,99 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Glassie ist Journalist, Fotograph und Schriftsteller und lebt in Brooklyn, New York.\u00a0Viele Jahre hat er Interviews und Artikel \u00fcber Literatur und Kunst in teilweise renommierten Zeitschriften und Zeitungen ver\u00f6ffentlicht. 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