{"id":2630,"date":"2015-05-14T15:29:45","date_gmt":"2015-05-14T13:29:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=2630"},"modified":"2015-05-14T15:29:45","modified_gmt":"2015-05-14T13:29:45","slug":"asta-und-ivo-von-ludwig-hermann-schuetze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2015\/05\/14\/asta-und-ivo-von-ludwig-hermann-schuetze\/","title":{"rendered":"\u201eAsta und Ivo\u201c von Ludwig Hermann Sch\u00fctze"},"content":{"rendered":"<p>Es ist die Geschichte einer kurzen Lebensgemeinschaft, die ich erz\u00e4hlen will. Seit l\u00e4ngerem hatten wir ein verwitwetes Kanarienweibchen, Asta genannt, das sich durch sein stilles, freundliches Wesen unsere Zuneigung erwarb. Vor Kurzem gesellten wir ihm einen Zeisig-J\u00fcngling bei, dem ich, in Erinnerung an einen Schulkameraden, den Namen Ivo gab. Die ersten Tage ihres Zusammenseins waren nicht vielversprechend. Asta zeigte eisige Zur\u00fcckhaltung und wies dem wilden Eindringling ostentativ den R\u00fccken zu, abweisend mit einer W\u00fcrde, die an Adele Sandrock erinnerte. Danach wurde das Verh\u00e4ltnis besser. Der wilde Ivo, der sich im K\u00e4fig wie toll geb\u00e4rdete, offenbar um Eindruck zu machen, stimmte die w\u00fcrdevolle Asta allm\u00e4hlich um. Nicht nur das, er verdarb sogar bald ihre guten Sitten. Wir lie\u00dfen h\u00e4ufiger beide frei im Zimmer umherfliegen, wie wir das fr\u00fcher schon mit Asta gemacht hatten. War diese aber sonst nach kurzem Rundfl\u00fcgen stets bald wieder in den K\u00e4fig zur\u00fcckgekehrt, so machte sie es neuerdings wie Ivo, setzte sich lange auf die Gardinenstange und verga\u00df sich eines Tages soweit, dass sie in der K\u00fcche in einem Topf in dem Erbsen f\u00fcr die Suppe aufquellen sollten, ein Vollbad nahm, ein andermal sich sogar auf den Fr\u00fchst\u00fcckstisch in der Butter niederlie\u00df. Auch waren beide abends oft nicht zu bewegen, in ihren Bauer zur\u00fcckzukehren. Bisweilen geschah es allerdings, dass Asta dasselbe freiwillig wieder aufsuchte, w\u00e4hrend Ivo oben auf der Gardinenstange kampierte. Sie lie\u00df es augenscheinlich mit m\u00fctterlichem Wohlwollen geschehen, wohl darum, weil sie wusste, dass bei diesen Eskapaden nichts passieren konnte, was ihre Eifersucht geweckt h\u00e4tte. Vor einigen Tagen aber geschah es, dass Ivo sich in ein Zimmer stahl, in dem das Fenster offen stand und, verlockt durch einen fremden Vogel auf der Fensterbank \u2013 oder war es eine alte Bekanntschaft? \u2013 und das sch\u00f6ne Fr\u00fchlingswetter, auf und davonflog. Alle Versuche ihn durch Aufstellen des Bauers auf dem Balkon zur Heimkehr zu bewegen, blieben erfolglos. Und Asta? Zun\u00e4chst schien sie zu trauern, wurde einsilbig und in sich gekehrt und schien bisweilen wehm\u00fctig durchs Fenster nach dem fr\u00f6hlichen Burschen Aussicht zu halten. Aber das gab sich bald, nach zwei Tagen hatte sie das Gleichgewicht der Seele wiedergewonnen, und ich argw\u00f6hne, dass sie so empfindet, wie jene Verlassene in einem Vers, den ich einmal in der Schweiz fand:<\/p>\n<p>\u201eMein Schatz ist fortgeloffen, ich wei\u00df nicht wohin,<br \/>\nKein Mensch kann mir glauben, wie froh, dass ich bin!\u201c<\/p>\n<p>Die Gerechtigkeit verlangt indessen, dass wir uns auch in Ivos Gem\u00fct zu versetzen suchen. War es der unwiderstehliche Freiheitsdrang, der ihn zur Flucht trieb, oder war es gar, dass ihm die alternde Witwe mit ihren Avancen auf die Nerven ging? Wir werden es nie erfahren, denn, um ein Wort des Vikars in Halbes Jugend zu variieren: \u201eWer kann die Geheimnisse einer so armen Vogelseele ergr\u00fcnden?\u201c<\/p>\n<p>Nachschrift: Nun ist auch Asta ausger\u00fcckt und hat meine \u201etiefsch\u00fcrfende\u201c Psychologie \u00fcber den Haufen geworfen \u2013 \u201eDer Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme.\u201c<\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\n<strong>Ludwig Hermann Sch\u00fctze<\/strong>\u00a0(1869-1943) ist mein Urgro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits. Er war Kunsth\u00e4ndler und Kunstkritiker, arbeitete viele Jahre f\u00fcr die Photographische Gesellschaft Berlin (davon elf Jahre in New York) und verfasste im Laufe seines Lebens journalistische, literarische und autobiographische Texte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist die Geschichte einer kurzen Lebensgemeinschaft, die ich erz\u00e4hlen will. 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