{"id":2707,"date":"2015-06-06T09:37:35","date_gmt":"2015-06-06T07:37:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=2707"},"modified":"2015-06-06T09:37:35","modified_gmt":"2015-06-06T07:37:35","slug":"familiengeschichten-das-bildnis-meines-urgrossvaters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2015\/06\/06\/familiengeschichten-das-bildnis-meines-urgrossvaters\/","title":{"rendered":"Familiengeschichte(n): Das Bildnis meines Urgro\u00dfvaters"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-2706 size-large\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-1024x768.jpg\" alt=\"IMG_3132\" width=\"584\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-300x225.jpg 300w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-768x576.jpg 768w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-1200x900.jpg 1200w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/IMG_3132-1980x1485.jpg 1980w\" sizes=\"(max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/><\/a>Ende letzten Jahres gab es einen Todesfall in meiner Familie. Mein Onkel, den ich mein Leben lang kannte und zu dem ich bis zuletzt unregelm\u00e4\u00dfigen Kontakt hatte, verstarb kurz nach Weihnachten ziemlich unerwartet in einem Berliner Krankenhaus. Ich selbst erfuhr die traurige Nachricht erst Anfang des neuen Jahres durch eine Mail einer weit entfernten Verwandten. Seine Verh\u00e4ltnisse waren nicht ganz einfach und so dauerte es eine Weile bis die Dinge geregelt werden konnten. Irgendwann ging es auch um den bescheidenen Nachlass und mir wurde auf Anfrage prinzipiell die M\u00f6glichkeit einger\u00e4umt einige pers\u00f6nliche Dinge aus seinem Besitz an mich zu nehmen. Ich musste mehrmals beim Nachlassgericht und bei der Wohnungsgesellschaft nachfragen, irgendwann im April wurde mir dann ein Termin genannt an dem ich mich an der Wohnung einzufinden h\u00e4tte um bei der Begehung dabei zu sein und ein paar Sachen herauszusuchen. Ausgerechnet in der Woche entdeckte ich einige erhebliche M\u00e4ngel an meinem Auto, der Termin stand aber fest und so mietete ich mir kurzerhand einen Wagen, bretterte an einem Mittwochabend von W\u00fcrzburg nach Berlin, \u00fcbernachtet bei alten Freunden und stand am n\u00e4chsten Tag zur angesetzten Zeit vor der Haust\u00fcr.<!--more--><\/p>\n<p>Aus seinen Erz\u00e4hlungen wusste ich, dass sich noch einige alte Alben mit Familienfotos in seinem Besitz befanden. Fotos aus der Zeit in Gerlos in Tirol, wo sich fast die gesamte Berliner Gro\u00dffamilie Sch\u00fctze in der Zeit von Ende 1943 bis nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in Sicherheit gebracht hatte. Au\u00dferdem wusste ich von einer Zeichnung, die meinen Urgro\u00dfvater Ludwig Hermann Sch\u00fctze darstellt. Ich hatte sie nur dunkel in Erinnerung, hatte sie vor vielen Jahren einmal an der Wand seines Wohnzimmers h\u00e4ngen sehen. Damals konnte ich damit nicht viel anfangen, nahm die Zeichnung und meines Onkels Erkl\u00e4rungen dazu freundlich zur Kenntnis. Jetzt, viele Jahre sp\u00e4ter hatte es auf einmal eine besondere Bedeutung, es stand symbolisch f\u00fcr die wenigen Dinge, die nach unserem Tod von uns \u00fcbrig bleiben. Andere Verwandte zeigten daran kein gr\u00f6\u00dferes Interesse und so hatte ich den Vorsatz dieses Bildnis, das meinem Onkel wichtig gewesen war, und die alten Fotos, die er ein Leben lang bewahrt hatte, an mich zu nehmen.<\/p>\n<p>Das Bild und die Fotoalben waren schnell gefunden, es ging alles ganz flott, nach etwa 30 Minuten stand ich mit zwei halb gef\u00fcllten Umzugskisten wieder vor der T\u00fcr. F\u00fcr den Nachmittag hatte ich bereits im Vorfeld ein Treffen mit einer Tante vereinbart, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. In der Wohnung war alles so z\u00fcgig gegangen, dass ich jetzt etwas Zeit \u00fcbrig hatte. Als ich ihre Adresse ins Navi eintippte, gab es allerdings eine kleine \u00dcberraschung: Die Stra\u00dfe, die sie mir genannt hatte, gab es in Berlin genau f\u00fcnf Mal in verschiedenen Stadtteilen und eine Postleitzahl hatte ich leider nicht aufgeschrieben. Ich fuhr also zur ersten Option der Liste und stellte schnell fest, dass die angegebene Hausnummer hier gar nicht existierte, also weiter zur n\u00e4chsten Station und dort hatte ich Gl\u00fcck, diesmal war ich richtig.<\/p>\n<p>Der Empfang war sehr herzlich, ich brachte Blumen mit, meine Tante hatte Kuchen gekauft und wir tauschten uns \u00fcber Kinder und Eltern aus. Kurz danach kamen noch meine Cousine und mein Gro\u00dfcousin dazu, von denen ich wusste, denen ich aber in meinem bisherigen Leben noch nie begegnet war, es hatte sich bis jetzt einfach nicht ergeben. Aber es war schon erstaunlich, eine Kennenlern- und Anw\u00e4rmphase war gar nicht n\u00f6tig, wir unterhielten uns ganz unbefangen, als ob wir uns schon ewig kennen w\u00fcrden, Familie eben. Wir sprachen \u00fcber meinen Onkel, \u00fcber andere Verwandte und unsere eigenen, kleinen Teilfamilien. Irgendwann erz\u00e4hlte ich auch von dem Bild und den alten Fotoalben und die holte ich dann auf ihren Wunsch aus dem Auto und wir schauten sie zusammen an. In der Runde erz\u00e4hlten wir uns Anekdoten und Familiengeschichten, das meiste davon war f\u00fcr mich vollkommen neu. Ich h\u00f6rte ergreifende, lustige, erstaunliche, erhellende und geheimnisvolle Geschichten. Wir erz\u00e4hlten und erz\u00e4hlten, vom fr\u00fchen Nachmittag bis zum sehr sp\u00e4ten Abend. Ich stellte viele Fragen und erhielt viele Antworten, allerdings war bald klar, dass nicht alles so einfach zu erkl\u00e4ren war, vieles davon lag Jahrzehnte zur\u00fcck. Mein Gro\u00dfcousin hatte sich aber offensichtlich bereits etwas tiefgreifender mit der Familiengeschichte auseinandergesetzt und berichtete gut informiert von weiteren Fotos, Bildern, Briefen und Dokumenten. Irgendwann als es schon ziemlich sp\u00e4t geworden war, verabschiedeten wir uns voneinander und ich fuhr durch die Nacht wieder die weite Strecke zur\u00fcck nach W\u00fcrzburg. Gegen M\u00fcdigkeit musste ich w\u00e4hrend der Fahrt nicht ank\u00e4mpfen, ich war von den vielen Eindr\u00fccken wie aufgedreht.<\/p>\n<p>Nach meiner R\u00fcckkehr blieb ich mit meinem Gro\u00dfcousin weiter in Kontakt. Er mailte mir weitere Information und schickte mir eine dicke Mappe mit handschriftlichen Kompositionen meines Gro\u00dfonkels (seines Vaters) aus den 1920er bis 1950er Jahren, darunter Liederzyklen, Klaviersonaten und Ensemblest\u00fccke f\u00fcr Blockfl\u00f6te und Klarinette. Von seinem Bruder (meinem anderen Gro\u00dfcousin) erhielt ich eine Sammlung von literarischen und autobiographischen Texten meines Urgro\u00dfvaters Ludwig Hermann Sch\u00fctze und einige Bilder meines zu Lebzeiten ber\u00fchmten Urururgro\u00dfvaters <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eduard_Sch\u00fctz_(Schauspieler)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Eduard Sch\u00fctz<\/a> (geboren Johann Erdmann Nicolaus Sch\u00fctze). Von anderer Seite kam dann noch eine Textdatei mit dutzenden journalistischen Texten meines Urgro\u00dfvaters, die er f\u00fcr die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) geschrieben hatte. Eine weitere Verwandte hat sie vor einigen Jahren in m\u00fchevoller Arbeit gesammelt, abgetippt und in Heftform zusammengefasst. Erst diese Woche erhielt ich dann noch ein PDF-Scan des Ariernachweises meines Gro\u00dfonkels, der \u00fcber mehrere Generationen zur\u00fcckreicht bis zur zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts. Au\u00dferdem befinden sich noch handschriftliche Gedichte und Briefe meines prominenten Urururgro\u00dfvaters in Familienbesitz, die noch gar nicht richtig gesichtet werden konnten, weil sie in alter Schrift verfasst sind.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass die Familie Sch\u00fctze \u00fcber Generationen hinweg aus Schauspielern, Kunsth\u00e4ndlern und Musikern (oder zumindest stark musikinteressierten Menschen) bestand, allesamt unreligi\u00f6s, pazifistisch, aufgeschlossen und liberal, mit einem stark ausgepr\u00e4gten, oft professionellen Interesse an Kunst und Kultur. Ich hatte davon bisher nicht die geringste Ahnung und es macht mich schon nachdenklich, dass ich dieser musischen Tradition vollkommen unbewusst, aber doch auffallend konsequent gefolgt bin. Die neuen Informationen und Erkenntnisse erreichten mich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck im Laufe der letzten Wochen und haben mich sehr besch\u00e4ftigt. Ganz langsam f\u00fcgen sich die Puzzlest\u00fccke zu einem Bild zusammen und ich beginne Zusammenh\u00e4nge und Parallelen zu erkennen. Ich sehe meine eigene berufliche T\u00e4tigkeit und meinen Lebensweg zunehmend mit anderen Augen, mein Blickwinkel hat sich ver\u00e4ndert. Pl\u00f6tzlich wirken etliche Bereiche meines vermeintlich so selbstbestimmten Lebens determinierter und traditionsverbundener als ich es jemals f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Ich hatte meine Ausbildung, meine Studieng\u00e4nge, meine Interessengebiete und mein berufliches Bet\u00e4tigungsfeld zumindest zum Teil mit dem Gedanken einer Abgrenzung gegen\u00fcber meinem engsten famili\u00e4ren Umfeld ausgew\u00e4hlt und umgesetzt. Jetzt muss ich feststellen, dass ich mich nur vermeintlich abgegrenzt habe, ja, im \u00fcberschaubaren Familienstammbaum v\u00e4terlicherseits mehr oder weniger vollkommen auf Linie liege. Ich pflege und wertsch\u00e4tze vergleichbare Inhalte wie meine bildungsb\u00fcrgerlichen Ahnen vor mir und bin gerade dabei sie an meine eigenen Kinder weiterzugeben. Diese Erkenntnis ist in keiner Weise entt\u00e4uschend, ganz im Gegenteil, es freut mich, erf\u00fcllt mich mit einer Art (Familien-)Stolz, den ich bisher nicht kannte, viele Dinge, die ich zuvor in Frage stellte, ergeben auf einmal einen tieferen Sinn. Ich f\u00fchle mich als lebendiger Teil einer langen, famili\u00e4ren Tradition und Gemeinschaft, von deren Existenz ich bis vor kurzem noch nichts wusste.<\/p>\n<p>Gerade bin ich dabei die vielen Informationen zu sortieren und die Flut der Eindr\u00fccke einzuordnen. Es arbeitet aber schon in mir (wie dieser Text beweist). Vor einigen Wochen habe ich auf dem Blog ohne gro\u00dfe Erkl\u00e4rung eine Kurzgeschichte meines Urgro\u00dfvaters gepostet (<a href=\"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/2015\/05\/14\/asta-und-ivo-von-ludwig-hermann-schuetze\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eAsta und Ivo\u201c<\/a>) und darauf \u00fcberdurchschnittlich viele und sehr positive Reaktionen und Kommentare bekommen. In der kommenden Zeit werde ich voraussichtlich immer wieder mal etwas in der Richtung einstellen. Die Familiengeschichte(n) und k\u00fcnstlerische Artefakte meiner Vorfahren werden mich wohl noch eine Weile besch\u00e4ftigen, davon gehe ich fest aus, vielleicht ergibt sich sogar etwas Substanzielles daraus. Das gerahmte Bildnis meines Urgro\u00dfvaters h\u00e4ngt mittlerweile \u00fcbrigens in meinem Wohnzimmer \u00fcber dem Klavier und blickt gn\u00e4dig und liebevoll auf unseren Esstisch herab. Hin und wieder, wenn ich am Tisch sitze oder daneben auf dem Sofa liege, blicke ich hoch und k\u00f6nnte schw\u00f6ren, er h\u00e4tte mir gerade zugezwinkert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende letzten Jahres gab es einen Todesfall in meiner Familie. Mein Onkel, den ich mein Leben lang kannte und zu dem ich bis zuletzt unregelm\u00e4\u00dfigen Kontakt hatte, verstarb kurz nach Weihnachten ziemlich unerwartet in einem Berliner Krankenhaus. 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