{"id":3401,"date":"2016-01-12T14:35:44","date_gmt":"2016-01-12T13:35:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=3401"},"modified":"2016-01-12T14:35:44","modified_gmt":"2016-01-12T13:35:44","slug":"buch-satztechniken-im-20-jahrhundert-von-christoph-wuensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2016\/01\/12\/buch-satztechniken-im-20-jahrhundert-von-christoph-wuensch\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eSatztechniken im 20. Jahrhundert\u201c von Christoph W\u00fcnsch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Satztechniken.jpg\" rel=\"attachment wp-att-3400\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3400\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Satztechniken-210x300.jpg\" alt=\"Satztechniken\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Satztechniken-210x300.jpg 210w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Satztechniken-718x1024.jpg 718w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Satztechniken-768x1095.jpg 768w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/Satztechniken.jpg 940w\" sizes=\"(max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Christoph W\u00fcnsch ist Professor f\u00fcr Musiktheorie an der Hochschule f\u00fcr Musik W\u00fcrzburg und bet\u00e4tigt sich dar\u00fcber hinaus als Komponist Neuer Musik. \u201eSatztechniken im 20. Jahrhundert\u201c erschien erstmals 2009 bei B\u00e4renreiter Studienb\u00fccher Musik, 2014 erschien die unver\u00e4nderte, zweite Auflage.\u00a0Der Autor hat sich f\u00fcr seine Schrift viel vorgenommen: Geliefert werden soll ein \u00dcberblick \u00fcber Satztechniken von Klassikern der Moderne, darunter ganze Musikgenres, einzelne Musikstile und Personalstile. Daf\u00fcr musste verst\u00e4ndlicherweise eine Auswahl getroffen werden. Im Inhaltsverzeichnis finden sich zehn Kapitel des Buches, f\u00fcnf weitere wurden auf eine beigelegte CD-ROM ausgelagert. Die Kapitel\u00fcberschriften lauten:\u00a01. Strukturen im Umfeld der Tonalit\u00e4t, 2. Harmonische Ph\u00e4nomene, 3. Pitch Class Set Theorie, 4. Debussy, 5. B\u00e9la Bart\u00f3k, 6. Strawinsky, 7. Klassizistische Moderne, 8. Freie Atonalit\u00e4t, 9. Arnold Sch\u00f6nberg und die Zw\u00f6lftontechnik, 10. Jazzharmonik<br \/>\nAuf der CD-ROM befinden sich zus\u00e4tzlich: 1. Hindemiths \u201eUnterweisung\u201c, 2. Kurt Weill, 3. Oliver Messiaen, 4. Serielle Technik, 5. Minimal Music<\/p>\n<p>Die Satzsysteme werden in dem Taschenbuch mit Text und Notenbeispielen auf jeweils 20-25 Seiten beschrieben. Das ist ganz offensichtlich sehr knapp bemessen und f\u00fchrt dazu, dass der resultierende Text zu einem extrem konzentrierten Destillat ger\u00e4t, es geht tats\u00e4chlich um den reinen Tonsatz, dargestellt meist anhand nur eines einzigen Musikbeispiels im Klavierauszug. Es wird keine musikgeschichtliche Einbettung vorgenommen, die vorgestellten Techniken wirken vollkommen statisch und undynamisch. Selbst so eng damit verbundene Themen wie Instrumentierung, Besetzung, Arrangement, Form, praktische Umsetzung, etc. werden bereits nicht mehr behandelt, es gibt keine Partituren oder Klangbeispiele. Diese krasse Reduktion auf satztechnische Aspekte f\u00fchrt bei einigen der behandelten Stile zu so abstrakten Beschreibungen, dass man, gerade wenn man damit vertraut ist, den beschriebenen Stil kaum wiedererkennt. Insbesondere ist das der Fall bei Musikstilen, die nicht auf der Idee einer prominenten Einzelperson aufbauen, sondern auf einer l\u00e4ngeren, kollektiven, prozessualen Entwicklung, wie z.B. Freie Atonalit\u00e4t, Jazzharmonik oder Minimal Music.<\/p>\n<p>Im Kapitel Jazzharmonik werden z.B. Akkorde und Skalen, Voicings, Guide Lines und modale Harmonik erkl\u00e4rt, aber mit keinem Wort erw\u00e4hnt, dass hier ausschlie\u00dflich musikalische Konzepte der jazzmusikalischen Epochen von ca. 1945-1965 beschrieben werden und das dann noch mit der akademischen Terminologie der 1980\/90er Jahre. Die musikalischen Vorl\u00e4ufer Ragtime, Dixieland, Blues, Swing spielen bei der Betrachtung, so wie auch nachfolgende wie z.B. Free Jazz oder Fusion keine Rolle. Auch die entscheidenden Ideen der kollektiven Improvisation, Riffing, Head Arrangements etc. werden ebenso wenig erw\u00e4hnt wie die Frage wie denn die vom Autor dargelegten Bausteine nun in Ensembles, Combos, Big Bands und Orchestern praktisch zum Klingen gebracht wurden\/werden. Wertvolle Anschauungsmaterialien in Form von Transkriptionen, Aufnahmeskizzen oder Partituren fehlen g\u00e4nzlich. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen wird am Ende des Kapitels brav auf deutschsprachige Fachliteratur (darunter einmal W\u00fcnsch selbst und ein ehemaliger Doktorand) verwiesen, es gibt erstaunlicherweise keinen einzigen Verweis auf amerikanische Literatur und das ausgerechnet bei dieser ur-amerikanischsten aller Musiktraditionen.<\/p>\n<p>Nicht viel anders verh\u00e4lt es sich auch bei Kurt Weill. Hier dient dessen zwar popul\u00e4rste, aber ebenso abgespielteste, Zwei-Akkorde-Songkomposition \u201eMackie Messer\u201c als stellvertretendes Analyseobjekt f\u00fcr seinen lebensumfassenden Personalstil. Ja, seine Songkompositionen sind wesentlich und allemal eine n\u00e4here Betrachtung wert. Aus satztechnischer Sicht h\u00e4tte freilich die \u00dcbertragung in die f\u00fcr ihn typische, aber grunds\u00e4tzlich ungew\u00f6hnliche Salonorchesterform interessiert. Was steht in der Partitur, warum werden nicht Ausschnitte abgedruckt und exemplarisch analysiert? Instrumentierung, Klangfarbe und Arrangement spielen doch gerade hier eine so wichtige\u00a0Rolle.<\/p>\n<p>Bezeichnend auch, dass der wohl einflussreichste Musikstil des 20. Jahrhunderts, n\u00e4mlich Popmusik, mit den epochalen Satztechniken (Sequenzing, Sampling, Filtering, etc.) nicht mit einer Silbe erw\u00e4hnt wird. Und wenn jetzt von jemandem der Einwand erhoben wird, dass dieser Stil in sich zu divers sei, kann erwidert werden, dass das den Autor ja auch nicht vor anderen fragw\u00fcrdigen, weil punktuellen Stilanalysen abgehalten hat. Es gibt daf\u00fcr eine einfache Erkl\u00e4rung: W\u00fcnsch ist klassisch ausgebildeter Pianist und Musiktheoretiker. Er denkt in Parametern der klassisch\/romantischen Musiktheorie. Er kann Klavierausz\u00fcge in traditioneller Notation sehr plausibel erkl\u00e4ren und in knappe Theorien fassen. Man gewinnt bei der Lekt\u00fcre des Buches allerdings den deutlichen Eindruck, dass schwer fassbare musikalische Einflussgr\u00f6\u00dfen wie Sound, Schichtungen, Klangtextur, Groove, Danceability, Improvisation, Dynamik, Energie, Ekstase, Feeling f\u00fcr ihn nicht beschreibbar, ja vielleicht nicht mal erkennbar sind. Die Reduktion der musikalischen Vorlagen auf skalische und akkordische Destillate und deren mathematischen Verh\u00e4ltnisse beschreibt aber nur einen sehr theoretischen Teil des Klangerlebnisses, viele andere und darunter absolute entscheidenden Anteile bleiben leider auf der Strecke. W\u00fcnschs abstrakter Ansatz funktioniert sehr gut bei intellektuellen Analyseobjekten wie Pitch Class, Zw\u00f6lftontechnik, Hindemith, Messiaen oder Serialismus. Bei intuitiven, prozessualen Formen von Musik erkennt man jedoch klar die Grenzen seiner Herangehensweise.<\/p>\n<p>Das Buch wird vom Verlag \u00fcbrigens als Studienbuch mit Lernprogramm, Aufgaben und L\u00f6sungen vermarktet. Man muss musiktheoretisch allerdings schon sehr weit fortgeschritten und dazu ein sehr strebsamer Student sein um von dieser trockenen, schriftlichen Kost profitieren zu k\u00f6nnen. Es ist vorstellbar, dass andere Lerntypen bzw. eher praktisch veranlagte Interessierte mehr von einem H\u00f6ren diverser Werkeinspielungen und dem parallelen Lesen der Partituren haben. Es kommt hinzu, dass sich das Buchformat nicht gut zum Studium eignet: Gr\u00f6\u00dfere Seiten, Ringbindung und der gesamte Inhalt in Druckform h\u00e4tten hier einen entscheidenden Vorteil gebracht. Dass das die Kosten erheblich in die H\u00f6he getrieben h\u00e4tte (wie im Vorwort behauptet), ist nicht ganz glaubhaft.<\/p>\n<p>Kleine Anmerkung: Im Impressum ist vermerkt, dass der Buchdruck von der Bertold Hummel Stiftung und der Sparkassenstiftung Mainfranken W\u00fcrzburg finanziell unterst\u00fctzt wurde. Warum sich ein gutsituierter Professor mit anst\u00e4ndigen Bez\u00fcgen eine solche Bl\u00f6\u00dfe gibt, bleibt unklar, hatte er nicht den Mut eigenes Geld in sein Buch zu investieren? Und sind Stiftungen nicht eigentlich dazu da Bed\u00fcrftige zu unterst\u00fctzen? Eine Anfrage des Rezensenten bei der Bertold Hummel Stiftung lieferte leider keine plausible Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Das Taschenbuch inkl. CD-ROM erscheint bei B\u00e4renreiter Studienb\u00fccher, hat 214 Seiten (weitere 150 Seiten auf CD) und kostet 26,95 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph W\u00fcnsch ist Professor f\u00fcr Musiktheorie an der Hochschule f\u00fcr Musik W\u00fcrzburg und bet\u00e4tigt sich dar\u00fcber hinaus als Komponist Neuer Musik. \u201eSatztechniken im 20. 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