{"id":3505,"date":"2016-02-12T14:33:18","date_gmt":"2016-02-12T13:33:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=3505"},"modified":"2016-02-12T14:33:18","modified_gmt":"2016-02-12T13:33:18","slug":"buch-cowboys-indies-von-gareth-murphy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2016\/02\/12\/buch-cowboys-indies-von-gareth-murphy\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eCowboys &#038; Indies\u201c von Gareth Murphy"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/CowboysIndies.jpg\" rel=\"attachment wp-att-3504\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3504\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/CowboysIndies-179x300.jpg\" alt=\"CowboysIndies\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/CowboysIndies-179x300.jpg 179w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/CowboysIndies.jpg 298w\" sizes=\"(max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a>Gareth Murphy wuchs in einer Musikerfamilie in Dublin auf und lebt als freier Autor in Paris. Er arbeitete f\u00fcr verschiedene Musikfirmen und produzierte elektronische Kompilationsalben.\u00a0\u201eCowboys &amp; Indies\u201c ist sein erstes Buch. Mit dem Untertitel \u201eThe Epic History of the Record Industry\u201c erschien es 2014 im englischen Original. Im Herbst 2015 ver\u00f6ffentlichte Tiamat die deutsche \u00dcbersetzung mit un\u00fcbersetztem Titel und dem Zusatz \u201eEine abenteuerliche Reise in Herz der Musikindustrie\u201c.<\/p>\n<p>Murphy hat sich viel vorgenommen f\u00fcr sein Debut, er will die mehr als hundertj\u00e4hrige Geschichte der westlichen Musikindustrie nachzeichnen. Er beschr\u00e4nkt sich dabei, ohne das irgendwo n\u00e4her zu benennen oder zu erkl\u00e4ren, ganz und gar auf die anglo-amerikanischen Anteile. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte anhand einflussreicher Figuren, die er im Vorwort als \u201aRecord Men\u2019 bezeichnet. Unter diesem schwer ins Deutsche zu \u00fcbersetzenden Begriff fasst er so diverse Berufsst\u00e4nde wie Erfinder, Labelbosse, Tontechniker, Impressarios, Produzenten, Manager, Vermarkter, Vorstandsvorsitzende und Aufsichtsr\u00e4te zusammen. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie \u2013 zumindest aus Sicht des Autors \u2013 wesentliche Akzente im Verlauf der Geschichte von Musikeinspielungen und deren Vermarktung gesetzt haben.<!--more--><\/p>\n<p>Murphy epische Version der Geschichte beginnt historisch gesehen vollkommen zu Recht Mitte\/Ende des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung der ersten mechanischen Aufnahme- und Abspielger\u00e4ten auf Walzen, sp\u00e4ter Platten. Detailgenau beschreibt er den zeitlichen Ablauf, die Motivation der Erfinder, Patentrechtsstreitigkeiten, Erfolge, Flops, Firmenbankrotte, Patentaufk\u00e4ufe und irgendwo ganz am Rande geht es auch um Musik, die aber von den Hauptfiguren in erster Linie aufgenommen wird um den Kunden m\u00f6glichst viele Abspielger\u00e4te andrehen zu k\u00f6nnen. Von da aus geht es \u00fcber die Vermarktungszahlen w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs zur Erfindung des Radio, der gro\u00dfen Depression, \u00fcber die Swing\u00e4ra und den Zweiten Weltkrieg zum Streik der Musikergewerkschaften Anfang der 1940er Jahre. Murphy erz\u00e4hlt sehr ausf\u00fchrlich von John Hammond, danach auch von Sam Philipps, George Martin, Phil Spector und einigen anderen Musikproduzenten der 1950er und 1960er Jahre. In den 1970 Jahren geht es ausf\u00fchrlich um Management und Vermarktung der britischen Band The Sex Pistols. Ab da schwenkt Murphy um, wechselt seinen Erz\u00e4hlschwerpunkt und schreibt nur noch von den Gesch\u00e4ftsm\u00e4nnern\u00a0(keine Frauen!) in den oberen Managementetagen. Es geht nicht mehr um Musik, Aufnahmetechnik, Produktion, Konzerte etc., sondern einzig und allein um Strategien der Vermarktung, ja, genaugenommen um Vorgehensweisen m\u00f6glichst viel Geld zu erwirtschaften.<\/p>\n<p>Mit Etablierung der CD verdienten sich die Firmen dumm und d\u00e4mlich, die Herstellung war billiger als bei einer Vinylschallplatte, aber man konnte sie als technische Innovation wesentlich teurer verkaufen und aufgrund vertragsrechtlicher Fu\u00dfnoten sogar noch weniger vom Gewinn an die Musiker und Bands abgeben. Der Autor benennt diese Umst\u00e4nde zwar am Rande, \u00fcberschattet wird diese Feststellung aber von seiner unverhohlenen Bewunderung f\u00fcr diese durchtriebenen Raffh\u00e4lse, die besonders im zweiten Teil dieses Buches etwas unangenehme Z\u00fcge annimmt. Wie durch ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas wird der verschwenderische Lebenswandel und fragw\u00fcrdige, gesch\u00e4ftliche Entscheidungen betrachtet. Dazu erz\u00e4hlt Murphy von Begebenheiten und Entwicklungen als ob er selbst danebengestanden h\u00e4tte, er zitiert die Aussagen Beteiligter, wechselt immer wieder auch in die direkte Rede und l\u00e4sst sie fiktiv selbst sprechen, als w\u00e4re damals ein Aufnahmeger\u00e4t mitgelaufen. Solche Passagen nehmen zum Ende hin zu, sie wirken langatmig, unglaubw\u00fcrdig, frei erfunden. Hinzu kommt, dass Murphy es einfach nicht schafft sich mal kurz zu fassen, sich auf\u2019s Wesentliche zu reduzieren, Nebens\u00e4chlichkeiten vielleicht nur anzudeuten oder auch einfach komplett wegzulassen. Weil ihm das nicht gelingt, wird der Text l\u00e4nger und l\u00e4nger, zieht sich und trotz dieser Ausdehnung gelingt es ihm nicht die Themen Digitalisierung, Downloads, Streaming sachlich und umfassend abzuhandeln. Es bleibt bei diffusen Stichworten und Allgemeinpl\u00e4tzen. Shawn Fanning, der Gr\u00fcnder von Napster wird nicht mal erw\u00e4hnt, die musikmarktwirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen, die Plattformen wie iTunes, YouTube, Soundcloud, Spotify, im Musikgesch\u00e4ft provoziert haben, werden nicht weiter thematisiert. Auch spielen Entwicklungen und Tendenzen au\u00dferhalb der anglo-amerikanischen Homezone des Autors \u00fcberhaupt gar keine Rolle (nicht einmal Frankreich, sein &#8211; laut Klappentext &#8211; aktueller Wohnort). Als deutscher Leser steht man deshalb etwas au\u00dfen vor und Murphy wirkt wie ein \u00fcberkommener Vertreter der niedergegangenen Musikindustrie, wie einer von denen, die heute noch nicht fassen k\u00f6nnen, dass sich die Zeiten (und das Gesch\u00e4ft) f\u00fcr immer ge\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>Trotzdem allem schafft es der Autor 480 Seiten kleinkarierten und anekdotisch gepr\u00e4gten Text ohne jegliche Fotos, Bilder, Diagramme oder belastbare, quantitative Daten zusammenzuschreiben. Herauskommt ein Ziegelstein von einem Buch, schwer, aber leider nicht gewichtig, man muss aufpassen, dass es einem beim Lesen im Liegen nicht die Atmung abschn\u00fcrrt, wenn man es auf dem Brustkorb abstellt. Immerhin kann man ziemlich sicher sein, dass kein zweiter Teil folgen wird, denn Murphy hat ganz offensichtlich alles niedergeschrieben was er jemals aufgeschnappt hat, viel mehr kann da beim besten Willen nicht mehr folgen.<\/p>\n<p>Fazit: Langatmige Geschichte der anglo-amerikanischen Musikindustrie und einiger exemplarischer Record Men.<\/p>\n<p>Das Taschenbuch erscheint bei Tiamat, hat 480 Seiten und kostet 24 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gareth Murphy wuchs in einer Musikerfamilie in Dublin auf und lebt als freier Autor in Paris. Er arbeitete f\u00fcr verschiedene Musikfirmen und produzierte elektronische Kompilationsalben.\u00a0\u201eCowboys &amp; Indies\u201c ist sein erstes Buch. 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