{"id":3574,"date":"2016-03-08T12:59:04","date_gmt":"2016-03-08T11:59:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=3574"},"modified":"2016-03-08T12:59:04","modified_gmt":"2016-03-08T11:59:04","slug":"buch-marmor-stein-und-liebeskummer-von-christian-bruhn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2016\/03\/08\/buch-marmor-stein-und-liebeskummer-von-christian-bruhn\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eMarmor, Stein und Liebeskummer\u201c von Christian Bruhn"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Marmor.jpg\" rel=\"attachment wp-att-3573\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3573\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Marmor-200x300.jpg\" alt=\"Marmor\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Marmor-200x300.jpg 200w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/Marmor.jpg 334w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Christian Bruhn ist Komponist und Musikproduzent. In der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit verfasste er unz\u00e4hlige, zum Teil sehr erfolgreiche Schlager. Sp\u00e4ter komponierte er Film-, Fernsehmusik und Werbemelodien. Von 1991 bis 2009 war er Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA und bis 2007 Pr\u00e4sident der CISAC (Dachorganisation der Urheberrechtsgesellschaften). Mit \u201eMarmor, Stein und Liebeskummer\u201c legte der Bruhn im Jahr 2005 in Anspielung an einen seiner gr\u00f6\u00dften Hits seine Autobiographie vor. Sie tr\u00e4gt den Untertitel \u201eErinnerungen , Gedanken und Gef\u00fchle von ihm selbst aufgeschrieben\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Bruhn gilt als einer der kommerziell erfolgreichsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts, trotzdem ist der Name den allermeisten Deutschen nicht gel\u00e4ufig, weil er in erster Linie im Hintergrund arbeitete. \u00dcber Jahrzehnte hinweg komponierte, arrangierte und produzierte er f\u00fcr alle Schlagerstars von Rang und Namen: Siw Malmkvist, Katja Ebstein, Mireille Mathieu, Drafi Deutscher, Catarina Valente, Peter Maffay, Wencke Myhre, Vico Torriani, Freddy Quinn u.v.m. Bereits ein nur fl\u00fcchtiger Blick auf herausragende Werke aus seiner Feder l\u00e4sst den Freund deutscher Popul\u00e4rmusik mit der Zunge schnalzen: \u201eZwei kleine Italiener\u201c, \u201eLiebeskummer lohnt sich nicht\u201c, \u201eWunder gibt es immer wieder\u201c, \u201eMarmor, Stein und Eisen bricht\u201c, \u201eAus B\u00f6hmen kommt die Musik\u201c, \u201eEin bisschen Spa\u00df muss sein\u201c, dazu Filmmusiken wie \u201eHeidi\u201c, \u201eWickie\u201c, \u201eSindbad\u201c, \u201eCaptain Future\u201c, \u201eTimm Thaler\u201c, \u201eSilas\u201c, um nur einige wenige zu nennen.<\/p>\n<p>Das Buch setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Der erste, eigentlich autobiographische Teil hat 23 Kapitel und beschreibt Privatleben und beruflichen Werdegang, der anschlie\u00dfende zweite Teil besteht aus einer erg\u00e4nzenden Sammlung zusammenhangsloser Essays, Betrachtungen, Streitschriften, Gedichten und fiktiven Interviews.<\/p>\n<p>Jedem der autobiographischen Kapitel sind ein oder mehrere Zitate vorangestellt, sie stammen von Philosophen, Schriftstellern und Musikern, es sind aber auch etliche Selbstzitate darunter.\u00a0Bruhn entwickelt seine Lebensgeschichte chronologisch, erlaubt sich aber auch immer wieder anekdotische Exkurse um einzelne Entwicklungen oder Beziehungen zu Ende erz\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Laut Klappentext will er unterhalten und \u201emit schonungsloser Offenheit\u201c von den H\u00f6hen und Tiefen seines Lebens berichten. Er erz\u00e4hlt also von Kindheit und Jugend bei Hamburg, Klavierstunden und Ausbildung, der \u00dcbersiedlung nach M\u00fcnchen, ersten beruflichen Erfolgen, man liest \u00fcber verschiedene Zusammenarbeiten mit Textern, K\u00fcnstlern, Plattenfirmen, ihm gelingen erste Hits, er schreibt Filmmusiken und Werbejingles (\u201eMilka, die zarteste Versuchung&#8230;\u201c), er heiratet und l\u00e4sst sich scheiden (4x) und heiratet dann noch einmal, verdient sehr viel Geld, kauft Immobilien, gewinnt Preise, erh\u00e4lt Ehrungen, wird Funktion\u00e4r und so weiter.<br \/>\nSchonungslos ist Bruhn aber nicht nur bzgl. seiner Berichterstattung, sondern auch im Umgang mit seinen Lesern. Bruhn ist begabt, flei\u00dfig und erfolgsverw\u00f6hnt. In den besseren Momenten wirkt das selbstbewusst und meinungsstark. In den nicht so guten Momenten wirkt es unfassbar narzisstisch, egozentrisch, geltungss\u00fcchtig, eitel und arrogant und zwar so sehr, dass es beim Lesen manchmal wirklich weh tut. Trotz all seiner unbestrittenen und lang anhaltenden Erfolge ist er anscheinend immer noch verzweifelt auf der Suche nach Anerkennung vom Vater, von der Familie, von Kollegen, den Vertretern der E-Musik, ja, der gesamten deutschen \u00d6ffentlichkeit. Gegen\u00fcber der vergangenen und zeitgen\u00f6ssischen Kunstmusik und Hochkultur qu\u00e4lt ihn geradezu ein pathologischer Minderwertigkeitskomplex. Dabei k\u00f6nnte er sich entspannt zur\u00fccklehnen, seine Erfolge und sein Geld z\u00e4hlen, ihm kann doch eigentlich keiner was und angesichts der schieren Quantit\u00e4t seines Outputs kann man auch nur respektvoll den Hut ziehen. Stattdessen reibt er sich auf, arbeitet sich ab, ist unverzeihlich, hat ein Ged\u00e4chtnis wie ein Elefant, kann sich an jede schlechte Kritik und jeden b\u00f6sen Kritiker erinnern, ja, sie werden w\u00f6rtlich zitiert, auch wenn die entsprechenden Texte bereits vor Jahrzehnten erschienen und daher l\u00e4ngst vergessen sind. Dann wieder tendenzi\u00f6se, pseudophilosophische oder gesellschaftspolitische Ausfl\u00fcge, kalauernde Altherrenwitze, bitterb\u00f6ses Nachtreten, Anekdoten von Bes\u00e4ufnissen und anderen Exzessen. Es werden nebens\u00e4chlichste Zeugnisse aus Leserbriefen, Artikeln, Reportagen, Fachb\u00fcchern, die kein Mensch kennt, zitiert und kommentiert, richtig gestellt, verbessert, ins rechte Licht ger\u00fcckt und herumgeschlaumeiert. Bruhn wei\u00df immer wie es wirklich war\/ist, wer die Fehler macht, wie es besser geht, was schief l\u00e4uft, andere sollen gef\u00e4lligst machen, was er sagt, er selbst nimmt sich dagegen s\u00e4mtliche Freiheiten, die Gef\u00fchle oder Beweggr\u00fcnde anderer interessieren ihn nicht, sein Wille z\u00e4hlt, er setzt sich durch, h\u00e4tte uns das gleich sagen k\u00f6nnen, liegt richtig, ist stark und setzt sich am Ende durch. Es ist passagenweise irre und schwer ertr\u00e4glich mit welchem Brainfuck Bruhn fast 500 Seiten f\u00fcllt, zu oft fehlt ihm jede Distanz, Souver\u00e4nit\u00e4t, Erhabenheit und\/oder Gnade.<\/p>\n<p>Wirklich interessant ist es andererseits zu erfahren wie intuitiv, leichtg\u00e4ngig und \u00fcbersichtlich das Schlagerpopgesch\u00e4ft nach dem zweiten Weltkrieg und vor der Digitalisierung, also ca. 1950-1980 war. Es gab kaum nationale Konkurrenz, Musik zu produzieren und das Knowhow \u00fcber die entsprechende analoge Technik waren quasi eine Art Geheimwissenschaft, die kaum ein Au\u00dfenstehender zu Gesicht bekam, geschweige denn beherrschte. Gearbeitet wurde in Berlin, Hamburg, K\u00f6ln und zunehmend eben auch in M\u00fcnchen. Die Protagonisten kennen sich, man trifft sich beim Grand Prix, bei der \u00dcbergabe von Goldenen Schallplatten, danach geht man gemeinsam einen heben und\/oder gleich in den Puff. Musik l\u00e4uft im \u00f6ffentlich-rechtlichen Radio und Fernsehen, Schallplatten werden im Laden gekauft, Tantiemen ordentlich abgerechnet, sch\u00f6ne heile Welt, es entstehen die Produktionsimperien von Bruhn, Siegel, Farian, Moroder, sp\u00e4ter dann auch Bohlen etc. Bruhn bekommt bald mehr Auftr\u00e4ge als er bew\u00e4ltigen kann, verlegt sich zunehmend auf Musik f\u00fcr Fernsehserien und Filme. Leider erf\u00e4hrt man nur wenig \u00fcber die praktischen Bedingungen der Musikproduktion. Wie sah das Komponieren, Arrangieren, Notieren, Proben, Aufnehmen, Produzieren tats\u00e4chlich aus? Wie versorgte man sich mit Informationen \u00fcber aktuelle Sounds und Effekte? Was bewirkte der digitale Wandel? Es scheint kein Zufall zu sein, dass sich Bruhn gleichzeitig aus dem aktiven Musikgesch\u00e4ft zur\u00fcckzog. Auf ein paar Seiten \u00e4u\u00dfert er sich \u2013 allerdings aus sehr pers\u00f6nlicher Sicht &#8211; \u00fcber seine Meinung zum aktuellen Musikgesch\u00e4ft (also bis 2005), da h\u00e4tte man gerne mehr dar\u00fcber erfahren, allerdings war Bruhn damals schon Ende 60 und an gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen Entwicklungen vielleicht nicht mehr so sehr interessiert. Amazon, iPod, YouTube, Smartphones, Downloads und Streaming steckten da noch in den Kinderschuhen oder waren nicht einmal erfunden.<\/p>\n<p>Fazit: \u201eMarmor, Stein und Liebeskummer\u201c ist Autobiographie und Epochenportrait \u00fcber eine Zeit als das Musikgesch\u00e4ft und insbesondere der deutsche Schlager noch eine heile Welt darstellten. Inhalt und Stil sind passagenweise extrem selbstbezogen und dadurch anstrengend zu lesen. Immerhin laviert Bruhn nicht, er erz\u00e4hlt so wie es sich aus seiner Sicht zugetragen hat und zwar ohne R\u00fccksicht auf (Gesichts-)Verluste. Fremdsch\u00e4men ist absolut m\u00f6glich. Eine Lebensgeschichte wie ein Schlagertext!<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt in der Mitte einige private und viele \u00f6ffentliche s\/w-Fotos, u.a. von Auftritten bei diversen Auff\u00fchrungen und Ehrungen. Das gebundene Buch erschien im Verlag Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf, hat 432 Seiten und ist mittlerweile nur noch antiquarisch oder beim Autor selbst erh\u00e4ltlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Bruhn ist Komponist und Musikproduzent. In der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit verfasste er unz\u00e4hlige, zum Teil sehr erfolgreiche Schlager. Sp\u00e4ter komponierte er Film-, Fernsehmusik und Werbemelodien. 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