{"id":3858,"date":"2016-06-08T11:29:10","date_gmt":"2016-06-08T09:29:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=3858"},"modified":"2016-06-08T11:29:10","modified_gmt":"2016-06-08T09:29:10","slug":"buch-100-gramm-wodka-von-fredy-gareis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2016\/06\/08\/buch-100-gramm-wodka-von-fredy-gareis\/","title":{"rendered":"Buch: \u201e100 Gramm Wodka\u201c von Fredy Gareis"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/100GrammWodka.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-3857\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/100GrammWodka-188x300.jpg\" alt=\"100GrammWodka\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/100GrammWodka-188x300.jpg 188w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/100GrammWodka.jpg 314w\" sizes=\"(max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Fredy Gareis beschreibt sich als Migrant, Entdecker und Autor. Er wurde 1975, also noch zu Sowjetzeiten, in Almaty (Kasachstan) geboren. Als Nachkomme deutscher Einwanderer, siedelte er kurz nach seiner Geburt mit der Mutter nach Westdeutschland \u00fcber. Er wuchs bei R\u00fcsselsheim auf, studierte Amerikanistik, machte eine Ausbildung an einer Journalistenschule und arbeitet seit 2007 als freiberuflicher Reporter (Stern, Zeit, Neon, DRadio). Nach seinem Debut \u201eTel Aviv \u2013 Berlin\u201c (2014) ist \u201e100 Gramm Wodka\u201c (2015) seine zweite Buchpublikation.\u00a0In seinem aktuellen Buch berichtet Gareis von einem mehrmonatigen Roadtrip quer durch den russischen Kontinent von West nach Ost. Die Reise beginnt in Sankt Petersburg und f\u00fchrt \u00fcber Moskau, Jekaterinburg, Omsk, Almaty, Irkutsk, Jakutsk und unz\u00e4hligen weiteren Zwischenstationen bis zur Pazifikk\u00fcste. Er l\u00e4sst sich dabei viel Zeit und bedient sich verschiedenster Fortbewegungsmittel, f\u00e4hrt Zug, kauft sich ein Auto, das er kurz danach wegen einer Panne stehen lassen muss und ihm prompt geklaut wird, f\u00e4hrt Bus, per Anhalter, mit Mietwagen, der Transsib und einem Sammeltaxi.<!--more--><\/p>\n<p>Gareis beginnt die Reise mit dem Vorsatz das Heimatland seiner Vorfahren zu erkunden, Lebensstationen von Verwandten zu besuchen und somit auch die eigene Herkunft zu erforschen. So ist der vordergr\u00fcndig lockere und manchmal auch vom Zufall bestimmte Roadtrip eine Reise in eine sehr pers\u00f6nliche Familiengeschichte, die in einem au\u00dferordentlichen Ma\u00dfe von Migration, Vertreibung, Krieg, Gewalt, Verlust, Armut und staatlicher Willk\u00fcr gepr\u00e4gt worden ist. Von all dem hat der Autor in seiner Kindheit und Jugend wenig erz\u00e4hlt bekommen, sollte anscheinend von der zur\u00fcckliegenden Misere verschont bleiben, umso heftiger schmei\u00dft er sich nun allerdings in die Aufarbeitung der famili\u00e4ren Vergangenheit. So ist die Reise immer wieder durchsetzt von Flashbacks und Retrospektiven, geschichtlichen Exkursen und geopolitischen Erkl\u00e4rungen. Gareis erz\u00e4hlt viel von seiner Mutter und Gro\u00dfmutter, den starken Frauen, und auf der anderen Seite auch von den von Krieg, Vertreibung und Alkohol zerst\u00f6rten M\u00e4nnern. Die titelgebenden \u201e100 Gramm Wodka\u201c stehen dabei f\u00fcr die handels\u00fcbliche Dosis (f\u00fcllt ein traditionelles Wodkaglas) des teuflischen Nationalges\u00f6ffs, das von vielen Russen anscheinend wie Wasser getrunken und daher vorzugsweise in Flaschenform konsumiert wird.<\/p>\n<p>Die Spurensuche ist packend, mitrei\u00dfend, zuweilen witzig, oft genug aber auch ersch\u00fctternd und traurig. Welches Schicksal gro\u00dfe Teile seiner Verwandtschaft zu erdulden hatten ist tragisch und manchmal schwer auszuhalten. Zu welchen Traumata und verpfuschten Biographien die Migrationsgeschichten auch in nachfolgenden Generationen gef\u00fchrt haben, erscheint \u00fcber weite Strecken unfassbar gnadenlos und brutal. Beispielhaft steht daf\u00fcr das Nicht-Verh\u00e4ltnis des Autors zu seinem eigenen Vater, das in einer kurzen Episode beschrieben wird und einen als Leser sprachlos macht.<\/p>\n<p>Kurz vor Ende des Buches scheint dem Autor bei seinem Tripp allerdings die Puste ausgegangen zu sein. Vom sibirischen Herbst, geht es per Zeit- und Ortssprung in einen tiefwinterlichen, dunklen und bitterkalten Februarmonat und einer nicht enden wollenden, fast schon surreal anmutenden Busfahrt, die \u00fcber mehr als 5000km und bei Temperaturen bis zu 40-50 Grad minus ohne erw\u00e4hnenswerte Zwischenstopps vom Baikalsee, \u00fcber Ostsibirien zur Stadt Magadan an der Pazifikk\u00fcste f\u00fchrt. Es bleibt unklar, warum er den letzten Teil der Reise \u00fcberhaupt noch auf sich genommen hat. Abschlie\u00dfend besucht er das Grab seiner Gro\u00dfmutter, mit ihrem Tod hatte die Geschichte begonnen. \u201eEs ist ein Abschied, aber es ist kein Ende.\u201c Dawai!<\/p>\n<p>Das Buch hat in der Mitte viele farbige, zum Teil sehr stimmungsvolle Fotos. Im vorderen Umschlag ist es mit einer kompakten Karte ausgestattet, die einen die Routen auch kartographisch mitverfolgen lassen. Als Special wird ein Link zu einer Spotifyplayliste angegeben, der als Soundtrack zum Buch bezeichnet wird und mit einer pers\u00f6nlichen Auswahl russischer Musik von Shostakovich bis Leningrad Cowboys best\u00fcckt ist.<br \/>\nEinen Blog oder weiterf\u00fchrende Informationen im Internet gibt es anscheinend nicht.<\/p>\n<p>Das Buch erscheint bei Malik, hat 252 Seiten und kostet 14,99\u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fredy Gareis beschreibt sich als Migrant, Entdecker und Autor. Er wurde 1975, also noch zu Sowjetzeiten, in Almaty (Kasachstan) geboren. 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