{"id":4133,"date":"2016-10-10T12:51:33","date_gmt":"2016-10-10T10:51:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=4133"},"modified":"2016-10-10T12:51:33","modified_gmt":"2016-10-10T10:51:33","slug":"buch-lexikon-musiklehre-von-clemens-kuehn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2016\/10\/10\/buch-lexikon-musiklehre-von-clemens-kuehn\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eLexikon Musiklehre\u201c von Clemens K\u00fchn"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LexikonMusiklehre.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4132\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LexikonMusiklehre-188x300.jpg\" alt=\"lexikonmusiklehre\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LexikonMusiklehre-188x300.jpg 188w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LexikonMusiklehre-643x1024.jpg 643w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LexikonMusiklehre-768x1224.jpg 768w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/LexikonMusiklehre.jpg 940w\" sizes=\"(max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a>Clemens K\u00fchn studierte Musikwissenschaft bei Carl Dahlhaus und war seit 1997 Professor f\u00fcr Musiktheorie an der Hochschule f\u00fcr Musik Dresden. Nach mehreren erfolgreichen Fachbuchpublikationen wie z.B. \u201eGeh\u00f6rbildung im Selbststudium\u201c (1983), \u201eAnalyse lernen\u201c (1994) wurde 2016 das \u201eLexikon Musiklehre\u201c ver\u00f6ffentlicht, ein alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk mit eingeschobenen Texten. Was der Begriff Musiklehre aus Sicht des Autors genau umfasst, an wen sich die Schrift richtet und was sie bezwecken soll wird im Vorwort leider nicht n\u00e4her erl\u00e4utert. Es findet sich lediglich eine etwas pathetische Widmung an \u201edie junge Generation\u201c. Als begleitende Literatur werden Bachs Inventionen, sein Wohltemperiertes Klavier, die Klaviersonaten Mozarts und Beethovens und Schumanns Kinderszenen empfohlen.<!--more--><\/p>\n<p>Und diese Empfehlungen sagen bereits viel \u00fcber den nachfolgenden Inhalt aus. Als Unbedarfter k\u00f6nnte man meinen, dass es sich bei einer \u201eMusiklehre\u201c um die Lehre von\/\u00fcber Musik handelt, das ist hier jedoch nicht der Fall. Der Begriff wird im Sinne der klassisch-deutschen Musikwissenschaft verstanden und auch so behandelt. Jegliche Bez\u00fcge, die \u00fcber dieses spezielle Verst\u00e4ndnis hinausweisen w\u00fcrden, kommen im Buch nicht mal ansatzweise vor. So werden zwar zum x-ten Mal grundlegende Begriffe wie Tonika, Dominante, Dreiklang, Diatonik oder der Quintenzirkel erkl\u00e4rt. Vollkommen unbehandelt bleiben jedoch Begriffe und Zusammenh\u00e4nge, die \u00fcber dieses alt\u00fcberlieferte Schulwissen hinausgehen, obwohl sie in den realen Musikwelten nat\u00fcrlich l\u00e4ngst allgegenw\u00e4rtig sind.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise wird ausgerechnet der Begriff \u201eMusik\u201c im Lexikon auch nicht gelistet, erkl\u00e4rt oder definiert. Auch weitere grundlegende Begriffe wie Komposition, Improvisation, Interpretation, Auff\u00fchrung, Einspielung, Wiedergabe werden nicht n\u00e4her beschrieben, haben in K\u00fchns Lehre von Musik keinen Platz. Behandelt werden stattdessen ausnahmslos Begriffe und Beispielwerke der klassisch-romantischen Musiktradition von ca. 1600-1900. Hin und wieder f\u00e4llt auch mal ein Begriff der nicht \u00fcber 120 Jahre alt ist, dann aber oft missverst\u00e4ndlich oder unvollst\u00e4ndig, z.B. konstruiert er einen irritierenden Zusammenhang zwischen Aleatorik und Improvisation (S. 18). Wissenschaftliche Quellenangaben beziehen sich zum gro\u00dfen Teil auf seinen alten Lehrer Carl Dahlhaus, so als h\u00e4tte sich nach dessen Tod im Jahre 1989 nicht mehr viel neues getan. Genannte Werke stammen nahezu ausnahmslos von wei\u00dfen, m\u00e4nnlichen, christlichen Mitteleurop\u00e4ern, ganz so als h\u00e4tte es in anderen L\u00e4ndern, auf anderen Kontinenten oder auch nach 1950 keine erw\u00e4hnenswerten musikalischen oder musiktheoretischen Entwicklungen mehr gegeben. G\u00e4nzlich unber\u00fchrt bleiben au\u00dferdem f\u00fcr die moderne Musikkultur so konstituierende Stile wie Folklore, Blues, Jazz, Pop, Rock, Hip Hop oder elektronische Musik. Kein Wort zu Musik aus Afrika, Asien, Australien, S\u00fcdamerika, bzgl. Nordamerika f\u00e4llt immerhin mal der Begriff Minimal Music.<\/p>\n<p>Auch die paradigmatischen Wechsel, die durch analoge Aufnahmetechniken (ab ca. 1900), Elektronik (ab ca. 1950) und Digitalisierung (ab ca. 1980) hervorgerufen wurden sind K\u00fchne keine Silbe wert. Das als Lexikon betitelte Buch wirkt daher auf den zweiten Blick wie die abstrakte Konstruktion einer musiktheoretischen Filter-Bubble. Hier wird kein offener \u00dcberblick \u00fcber Begriffe der Musiktheorie geboten, sondern in allererster Line abgeschottet, ausgeklammert, weggesehen. Bemerkenswert ist nicht der behandelte Inhalt (gibt es zigfach in anderen B\u00fcchern oder kostenlos bei Wikipedia), sondern das, was bewusst ausgelassen und ignoriert wurde. Es wird eine besorgniserregend einseitige, statische und monokulturelle Sichtweise auf Musikkultur, -theorie und -geschichte festgeschrieben und als amtliche Lehrmeinung kommuniziert. Es wird eine Geradlinigkeit und Homogenit\u00e4t von musikgeschichtlichen und \u2013theoretischen Entwicklungen, Verh\u00e4ltnissen und Zusammenh\u00e4ngen vorgegaukelt, die es so nie gegeben hat, weder in der Vergangenheit und schon l\u00e4ngst nicht in der Gegenwart.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass in Lehrb\u00fcchern, Lexika und Arbeitsheften zusammengefasst und generalisiert werden muss, Erkl\u00e4rungen sind modellhaft, verallgemeinernd, abstrakt, werden aus Platz- und Zeitgr\u00fcnden reduziert, konzentriert, das ist alles legitim. Es ist aber nicht in Ordnung in einer allgemeinen Musiklehre komplette Kontinente, Zeitalter oder V\u00f6lker auszulassen ohne dies wenigstens vorauszuschicken und zu begr\u00fcnden. Ohne eine entsprechende Erkl\u00e4rung bzw. Abgrenzung wird ein theoretischer Text zur willk\u00fcrlichen Fiktion.<\/p>\n<p>Fazit: Gemessen am Lebensalter des Autors und vorangestellter Widmung hat das \u201eLexikon Musiklehre\u201c von Clemens K\u00fchn den Charakter eines musiktheoretischen Verm\u00e4chtnisses. Bedauerlicherweise wird darin aber nicht die Diversit\u00e4t zeitgen\u00f6ssischer, weltumspannender Musikkulturen zelebriert (inklusive aller Unsicherheiten und Unklarheiten). Stattdessen wird ein (ab-)geschlossener und selbstgerechter Blick auf deutsche Musiktheorie des 19. Jahrhunderts pr\u00e4sentiert. K\u00fchne beschreibt die musiktheoretische Welt so einfach und strukturiert wie er sie gerne h\u00e4tte. Die Publikation ist von der f\u00fcr deutsche Musikwissenschaft leider typischen freiwilligen Selbstbeschr\u00e4nkung durchsetzt und f\u00fcr kritische Leser somit eine etwas ern\u00fcchternde Bilanz einer jahrzehntenlangen akademischen Karriere. So erscheint das Lexikon wie das Protokoll einer ambitionierten akademischen Flei\u00dfarbeit und bietet nur sehr begrenzten Erkenntnisgewinn.<\/p>\n<p>Das Taschenbuch hat 320 Seiten und erscheint bei B\u00e4renreiter f\u00fcr sportliche 24,95 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Clemens K\u00fchn studierte Musikwissenschaft bei Carl Dahlhaus und war seit 1997 Professor f\u00fcr Musiktheorie an der Hochschule f\u00fcr Musik Dresden. 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