{"id":4225,"date":"2016-11-18T07:59:50","date_gmt":"2016-11-18T06:59:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=4225"},"modified":"2016-11-18T07:59:50","modified_gmt":"2016-11-18T06:59:50","slug":"erfahrungsbericht-wo-findet-eigentlich-popmusikwissenschaftlicher-diskurs-statt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2016\/11\/18\/erfahrungsbericht-wo-findet-eigentlich-popmusikwissenschaftlicher-diskurs-statt\/","title":{"rendered":"Erfahrungsbericht: Wo findet eigentlich (pop)musikwissenschaftlicher Diskurs statt?"},"content":{"rendered":"<p>Meine Studienzeit liegt schon eine Weile zur\u00fcck. Als ich das (Zweit-)Studium der Musikwissenschaft an der bayerischen Universit\u00e4t meiner Heimatstadt antrat, hatte ich gerade das Diplom an einer Hochschule f\u00fcr Musik absolviert. Es war ein praktisch orientiertes Studium gewesen, abgesehen vom Hauptfach, wo man den Lehrer zweimal die Woche in einer Eins-zu-eins Situation gegen\u00fcber sa\u00df, hatte es kaum Gelegenheiten f\u00fcr einen erweiterten fachlichen Austausch gegeben. Musikp\u00e4dagogische Erfahrungen sammelte man alleine, es wurde kaum etwas empfohlen, besprochen oder diskutiert. Aus diesem Grund hatte ich mich auch f\u00fcr ein anschlie\u00dfendes, geisteswissenschaftliches Studienfach entschieden. F\u00fcr mich gab es mit dem Beginn des Zweitstudiums einiges nachzuholen. Insbesondere in meinen Nebenf\u00e4chern Amerikanistik und Kulturwissenschaft englischsprachiger L\u00e4nder gab es bergeweise Texte aus mehr als 500 Jahren zu lesen. Ich richtete mich dabei nach einer Liste von Titeln die im ersten Semester an alle Studierenden als kleines, kopiertes Heftchen ausgegeben worden war. Ob man diese Titel gelesen hatte, interessierte im weiteren Verlauf aber dann niemanden mehr. Im Grundstudium wurden in den Einf\u00fchrungskursen und Proseminaren verschiedene Themen an die Kursteilnehmer verteilt, man musste ein Referat dar\u00fcber halten und am Ende des Semesters eine Seminararbeit abgeben. Lehrbeauftragte waren gestresst und hatten kaum Zeit, Professoren waren so gut wie nicht ansprechbar. So ging es im Hauptstudium weiter: Vorlesung und Seminar besuchen, Referate der Mitstudierenden anh\u00f6ren, Seminararbeit schreiben und abgeben, Schein abholen. Meinungsaustausch oder Diskussionen gab es nicht.<!--more--><\/p>\n<p>Im Fach Musikwissenschaft wurde mir aufgrund meines Diploms das Grundstudium erlassen. Im Hauptstudium lief es dann allerdings \u00e4hnlich ab wie in meinen Nebenf\u00e4chern: Vorlesungen besuchen und 90 Minuten zuh\u00f6ren, wie ein Professor schwer verst\u00e4ndlich aus seinem Manuskript abliest, Hauptseminare besuchen, Referate der Mitstudierenden anh\u00f6ren, Seminararbeit schreiben, abgeben, Schein abholen, fertig.<\/p>\n<p>Weil ich bereits mein Zweitstudium belegte, war ich schon etwas \u00e4lter als die meisten meiner Kommilitonen, ich arbeitete damals schon seit mehreren Jahren als Instrumentallehrer und freier Musiker. Das Studium belegte ich nicht in erster Linie, um einen Abschluss zu erlangen, sondern aus prinzipiellem Interesse am Fach. Ich reagierte deswegen oft ungehalten, wenn ich den Weg zur Uni auf mich genommen hatte, vielleicht eigene berufliche Termine verlegt hatte um dann von Mitstudenten, Lehrbeauftragten oder Professoren mitunter unengagierte, br\u00e4sige Vortr\u00e4ge anh\u00f6ren zu m\u00fcssen. F\u00fcr Seminarteilnehmer und Professoren muss ich ein unangenehmer und l\u00e4stiger Student gewesen sein. Am Ende solcher Vortr\u00e4ge begann ich aus Langeweile und zum Spa\u00df, Fragen zu stellen, Ideen zu \u00e4u\u00dfern, unfertige Theorien zu entwickeln, ich wollte mich unterhalten, diskutieren, mit offenem Ausgang streiten. Immer wieder hatte ich geh\u00f6rt, dass der Sinn eines Studiums sei zu einer eigenst\u00e4ndigen, kritischen Pers\u00f6nlichkeit heranzureifen. Aber Diskussionen waren nicht erw\u00fcnscht, sie wurden nicht bef\u00f6rdert und sportlich mit Argumenten ausgetragen, nein, ihnen wurde kein Raum gegeben, sie wurden abgew\u00fcrgt, unkonventionelle Fragen oder provokante Ideen waren nicht erw\u00fcnscht, es gab keine offenen Foren f\u00fcr (musik-)wissenschaftlichen Austausch, keine offiziellen oder inoffiziellen Begegnungsst\u00e4tten. Stattdessen wurden etablierte, akademische Hierarchien gepflegt, auf Titel und Werdegang wurde genau geachtet. Professoren waren \u201euntouchable\u201c, angeblich immer im Stress, f\u00fcr normale Studierende im laufenden Semester kaum erreichbar, in den Semesterferien schlicht nicht da. Ihnen wurde zugearbeitet von Privatdozenten, Doktoranten, Sekret\u00e4rinnen, HiWis und Tutoren, ein opportunistisches Verhalten f\u00f6rderndes System in dem keiner etwas riskieren wollte\/konnte, denn die Stellen sind schwer umk\u00e4mpft. Kein Platz also f\u00fcr offenen (musik-)wissenschaftlichen Diskurs.<\/p>\n<p>Von Seiten einiger weniger Lehrbeauftragten und Mitstudenten hatte es ein paar Lichtblicke gegeben, im Gro\u00dfen und Ganzen war ich von den Strukturen jedoch ma\u00dflos entt\u00e4uscht, von meinen F\u00e4chern aber nach wie vor begeistert. Nach dem Ende meines Magisterstudiums brauchte ich deswegen etwas Abstand und stellte f\u00fcr mich fest, dass die konservativen, festgefahrenen Strukturen vielleicht eine Besonderheit meiner Alma Mater gewesen sein k\u00f6nnten. Mittlerweile war mir klarer, wohin sich mein fachliches Interesse ausrichtete, ich begann entsprechende Fachliteratur zu sammeln, mich einzulesen, vereinbarte Termine, f\u00fchrte Gespr\u00e4che und fand schlie\u00dflich einen Doktorvater, der bereit war mein Promotionsprojekt zu betreuen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Promotionszeit war ich Externer, das hei\u00dft, ich hatte w\u00e4hrend der Zeit keinen Job oder Lehrauftrag an der Hochschule. Das ist ungew\u00f6hnlich, meist sind eine befristete Anstellung und die M\u00f6glichkeit zur Promotion in Deutschland eng miteinander verkn\u00fcpft. Zumeist ergeben sich daraus ungesunde Abh\u00e4ngigkeiten zwischen Doktorand und Betreuer. Bei mir stand das nicht zur Debatte, weil eine entsprechende Stelle nicht existierte und f\u00fcr mich auch nicht von besonderem Interesse gewesen w\u00e4re. Ich verdiente mein Geld zu dem Zeitpunkt auf sehr angenehme Weise als Instrumentalp\u00e4dagoge und freier Musiker. Mein spezieller Status brachte aber auch organisatorische Nachteile mit sich. Andere Promotionsstudenten, die Mo-Fr im Vor- oder Nebenzimmer ihres Profs verbrachten, waren dauerhaft und topaktuell \u00fcber neuste Entwicklungen informiert, weil der Informationsfluss der Fakult\u00e4t mehr oder weniger \u00fcber ihren Schreibtisch ging bzw. sie beim gemeinsamen Kaffee oder Mittagsessen davon Wind bekamen. Im Gegenzug wurden sie allerdings st\u00e4ndig durch auferlegte Handlangert\u00e4tigkeiten von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten. Meist hatten (und haben) sie halbe Stellen, verrichten aber die Arbeit ganzer Stellen, ihre wissenschaftlichen Arbeiten kommen nicht vom Fleck, sie m\u00fcssen an Abenden, Wochenenden und im Urlaub schreiben. Oft ziehen sich ihre Doktorarbeiten \u00fcber viele Jahre in die L\u00e4nge, manche werden damit nie fertig.<\/p>\n<p>Ich konnte mir dagegen meine Zeit frei einteilen, bekam aber viele Dinge zu sp\u00e4t oder gar nicht mit. Ich versuchte meinen Betreuer wenigstens ein bis zwei Mal im laufenden Semester zu sehen, ihm eine Arbeitsprobe zuzumailen und bei einem gemeinsamen Mittagessen zu besprechen. Obwohl ich Doktorand war, war es f\u00fcr mich aber fast immer schwer einen Termin zu bekommen. Oft lagen zwischen dem Versenden der Arbeitsprobe und einer konkreten inhaltlichen Fragestellung 2-3 Wochen. In der Zeit hatte ich l\u00e4ngst eine eigene Antwort gefunden, eine L\u00f6sung improvisiert und weitergeschrieben, bei den Treffs hatte ich l\u00e4ngst neue Themen zu besprechen, aber eine neuere Arbeitsprobe hatte der Betreuer nicht mehr bekommen, nicht ausgedruckt, nicht gelesen.<br \/>\nNoch mehr als im Grund- und Hauptstudium fehlte mir ein verl\u00e4sslicher Ansprechpartner, ein erfahrenes Gegen\u00fcber, ich verlor unheimlich viel Zeit, weil ich Umwege machte, im Nebel rumstocherte, an Lappalien kleben blieb, vermeidbare Fehler machte. Ich fuhr deswegen zu Tagungen und Kongressen, hielt Vortr\u00e4ge, h\u00f6rte mir andere Vortr\u00e4ge an. Die Hierarchien zwischen etablierten Professoren, Privatdozenten, Doktoranten und einfachen Studenten war dort dieselbe wie an Uni und Hochschule meiner Heimatstadt. Professoren blieben unter sich, es herrschte vollkommene Ellbogenmentalit\u00e4t, Buckeln nach oben, Treten nach unten. Es gab hier punktuellen wissenschaftlichen Austausch, aber die Themen waren extrem speziell, die Zeit extrem knapp (20-30 Minuten Vortrag, 10-15 Minuten Diskussion). Die wohl wichtigste Erfahrung war, dass sich andere zum Teil in viel prek\u00e4reren Situationen befanden als ich (Geldnot, Zeitnot, schlechte Stimmung, Isolation etc.).<\/p>\n<p>Im Nachgang werden einige ausgew\u00e4hlte Vortr\u00e4ge solcher Tagungen verschriftlicht und in einem Jahrbuch oder Tagungsband zusammengefasst. Der erscheint dann meist 12-18 Monate sp\u00e4ter als Buch, ist also alles andere als eine unmittelbare \u00c4u\u00dferung, sondern eine komplett ausgearbeitete und abgesicherte These. Es kommt dazu, dass das Schreiben eines Artikels nicht finanziell honoriert wird, das hei\u00dft, ein Autor schreibt je nach Aufwand ca. 2-6 Wochen ohne jede Bezahlung an solch einem Text. Das k\u00f6nnen sich festangestellte Professoren leisten, Doktoranden und einfache Studenten eher nicht, die schreiben ja bereits an ihren Promotionsschriften, Master- und Bachelorarbeiten ohne was daf\u00fcr zu bekommen.<\/p>\n<p>Ich kann mich erinnern, dass mein Betreuer kurz vor der Abgabe meiner Promotionsschrift ein paar Kollegen aus dem Flur zusammentrommelte, um f\u00fcr mich als Zuh\u00f6rer zur Verf\u00fcgung zu stehen. Ich referierte eine ca. 30-min\u00fctige Zusammenfassung meines Themas an dem ich bis dahin ca. 6 Jahre recherchiert und \u00fcber das ich 400 Seiten geschrieben hatte. Es kamen schlie\u00dflich drei von vielen Eingeladenen, einer davon kam sp\u00e4ter, eine andere musste fr\u00fcher gehen, mein Betreuer war die ganze Zeit da, mit meinem popmusikalischen Thema war keiner im Ansatz vertraut. Vielmehr inhaltlichen Austausch gab es kaum, mit dem Vorsitzenden des Promotionsausschusses ging es meist um Termine und Formalit\u00e4ten (Ist eine Ver\u00f6ffentlichung als E-Book erlaubt oder eine kostenintensive Printversion erforderlich?). \u00c4hnlich lief es auch w\u00e4hrend der Pr\u00fcfung. Alle beteiligten Pr\u00fcfer hatten sichtlich Angst, sich mit einer verf\u00e4nglichen Frage vor den Kollegen und dem Protokollf\u00fchrer zu blamieren. Ich war inhaltlich auf eine Verteidigung meiner These eingestellt, ein Diskurs oder eine Diskussion, die diesen Namen verdient, entstand an diesem Tag leider nicht. Ich bin von keinem der Beteiligten jemals wieder auf mein Promotionsthema angesprochen worden.<\/p>\n<p>Nach diesen diversen Erfahrungen stellte ich mir nach Abschluss meiner Dissertation die Frage: Wo findet eigentlich musikwissenschaftlicher Diskurs statt?<br \/>\nMein Studienverlauf hatte mir gezeigt, dass ein Diskurs nicht in den Vorlesungen und Seminaren von Hochschulen und Universit\u00e4ten stattfindet, jeder arbeitet f\u00fcr sich, es gibt kaum Austausch, kein Interesse aneinander, keine Fragestunde, Sprechstunden sind knapp bemessen, seit der Bolognareform z\u00e4hlen noch mehr als bereits vorher Noten, Punkte, Scheine. Diskussionen gelten als Zeitverschwendung.<br \/>\nUnmittelbar findet ein Diskurs meiner Erfahrung nach auch nicht bei Kongressen und Tagungen statt, dazu sind derlei Veranstaltungen schon strukturell viel zu exklusiv (Anreisekosten, \u00dcbernachtungskosten, Eintrittsgeld zum Teil selbst f\u00fcr Referenten), kaum zirkulierende Ank\u00fcndigungen, extrem langfristige Planung. Die Professoren bleiben bei solchen Veranstaltungen gerne unter sich, f\u00fcr aufstrebende, aufstrebende Kr\u00e4fte ist es ein Pr\u00e4sentationsforum, eine Jobmesse, ein Who\u2019s who, es geht dabei nicht in erster Linie um Inhalte oder Argumente.<br \/>\nAuff\u00e4llig ist auch, dass es fl\u00e4chendeckend nahezu keine Kritik musikwissenschaftlicher Literatur gibt. In den Feuilletons oder Wissensteilen etablierter Zeitungen und Zeitschriften werden solche Inhalte fast gar nicht besprochen. Artikel in wissenschaftlichen Fachzeitschriften sind f\u00fcr Externe quasi unzug\u00e4nglich (ein Artikel im Journal of Popular Music Studies kostet als PDF im Moment 38 $), Tagungsb\u00e4nde und Artikelkompilationen haben exorbitante Preise. In den allermeisten F\u00e4llen haben die Autoren keine eigenen Webseiten, stattdessen standardisierte und oft deutlich veraltete CVs auf dem eigenen Uni-Server, von einem Blog mit Kommentarfunktion ganz zu schweigen. Ganz offensichtlich besteht von Seiten der Autoren auch kein Interesse die eigenen Texte auf digitaler Ebene einer breiten \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen. Selbst Fachkollegen haben andererseits auch keine Zeit und\/oder kein Interesse, derartige Texte zu lesen, allenfalls ein sog. Abstract, eine ca. halbseitige Zusammenfassung. Bestenfalls k\u00f6nnen die Autoren einen Kollegen oder eine Kollegin \u00fcberreden, wenigstens einen ank\u00fcndigungsartigen Text zu verfassen. Auf eine Buchver\u00f6ffentlichung substanziell reagieren, eine alternative Sichtweise aufzeigen? Warum sich die Arbeit machen, warum sich Kollegen zu Gegnern machen, warum Gr\u00e4ben aufrei\u00dfen? Es gibt umfangreiche, aufw\u00e4ndige Sammelb\u00e4nde, die Monate und Jahre nach Erscheinen keine einzige Kundenrezension beim f\u00fchrenden Versandbuchh\u00e4ndler Amazon vorweisen k\u00f6nnen. Startet man eine Google-Suche, findet man au\u00dfer auf den Verlagsseiten keine weitere Erw\u00e4hnung. Die Leute arbeiten einsam und isoliert vor sich hin, reagieren nicht auf die Thesen anderer und \u00e4rgern sich vermutlich selbst dar\u00fcber keine Reaktionen hervorgerufen zu haben.<\/p>\n<p>Ich habe bald festgestellt, dass es f\u00fcr mich als berufst\u00e4tigen Externen schwierig bis unm\u00f6glich ist, wissenschaftliche Aufs\u00e4tze im Printformat zu ver\u00f6ffentlichen. Die Recherche ist aufw\u00e4ndig, es dauert bis eine These entwickelt und ein Text wasserdicht formuliert ist, man kann das Manuskript dann einreichen, eventuell wird es abgelehnt, vielleicht nach weiteren Ver\u00e4nderungen angenommen, dann erscheint der Text 12-24 Monate sp\u00e4ter in Kleinstauflage in einem Sammelband zum Preis von ca. 35-70 Euro, es gibt keine Werbung, keine Besprechungen, keine Reaktionen. Durchbl\u00e4ttern werden das Buch wohl nur die Autoren, die einen Beitrag geleistet haben, um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich drin sind, an den Text werden sie sich im Detail kaum noch erinnern k\u00f6nnen, es ist zu lange her. Als Au\u00dfenstehender k\u00f6nnte man sich fragen, warum tun sich die Autoren so was dann \u00fcberhaupt an? Tja, die Antwort ist, sie haben keine andere Wahl, wenn sie eine wissenschaftliche Stelle im deutschen Bildungssystem haben wollen. In der deutschen Geisteswissenschaft ist die Anzahl der wissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichungen die harte W\u00e4hrung, in der gezahlt wird, nach der Professuren vergeben werden. Und da kommt es nicht einmal in zweiter Linie auf den Inhalt und schon gar nicht auf den vorhergehenden oder folgenden Diskurs an. Die Texte liest &#8211; wie gesagt &#8211; sowieso kaum einer. Die Anzahl und Orte der Ver\u00f6ffentlichungen werden wie Troph\u00e4en gesammelt, es z\u00e4hlt der sogenannte Hirschindex oder Hirschfaktor.<\/p>\n<p>Dissertation und Promotion liegen mittlerweile seit einigen Jahren hinter mir. Auf die Ver\u00f6ffentlichung meiner Promotionsschrift gab es keine Anfragen, Rezensionen oder Kommentare, es ist fast so, als h\u00e4tte ich nie etwas geschrieben oder ver\u00f6ffentlicht. Seitdem habe ich einige wissenschaftliche Artikel zu anderen Themen verfasst, die zum Teil ver\u00f6ffentlicht wurden. Auch sie haben keinerlei Resonanz hervorgerufen.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf habe ich mich auf einige Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter beworben, aber das gestaltete sich schwierig. Die meisten Stellen sind keine Vollzeitstellen und zus\u00e4tzlich zeitlich befristet, weil an konkrete Projekte gebunden. Die Fristen bewegen sich in der Regel zwischen 6-9 Monaten bis bestenfalls 2-3 Jahren. Verglichen mit meiner T\u00e4tigkeit als Instrumentalp\u00e4dagoge und freier Musiker w\u00e4re das in den allermeisten F\u00e4llen eine deutliche finanzielle Verschlechterung. Hinzu k\u00e4men Pendlerei, Umzug, Verlust vieler beruflicher und sozialer Kontakte, aber ich h\u00e4tte das auf mich genommen, um endlich mal nicht Externer zu sein, sondern mit kompetenten Vorgesetzten und engagierten Fachkollegen eventuell sogar in einem Team einer konkreten Aufgabenstellung nachzugehen, die fachlichen Austausch erm\u00f6glicht und am Ende vielleicht etwas Aufmerksamkeit auf sich zieht. Daher habe ich mich immer beworben, wenn die fachlichen Anforderungen einer Stelle sich in etwa mit meiner erworbenen Qualifikation zu decken schienen. Ein paar Mal wurde ich eingeladen, klar, dass man Hin- und R\u00fcckfahrt selbst bezahlt, falls eine \u00dcbernachtung erforderlich ist, die nat\u00fcrlich auch, Bewerbungsunterlagen bekommt man heutzutage sowieso nicht mehr zur\u00fcck, man kann schon froh sein, eine schriftliche Absage zu bekommen, wenn es am Ende nicht klappt, Nachfragen w\u00e4hrend des laufenden Verfahrens sollte man besser unterlassen, egal, ob es sich \u00fcber Wochen, Monaten oder sogar Jahre hinzieht. Dreimal kam ich angeblich in die letzte Runde, eine Stelle bekam ich nie. Man erf\u00e4hrt normalerweise nicht, woran es gelegen hat, obwohl man es nat\u00fcrlich gerne wissen w\u00fcrde, wahrscheinlich w\u00fcrde es einem auch weiterhelfen. Ich nehme an, dass es bei mir an drei wesentlichen Faktoren scheiterte: Vorangeschrittenes Alter (Bewerbung ab 38), keine Ver\u00f6ffentlichungen in renommierten Journalen und nicht zuletzt mein Familienstand als Vater von vier schulpflichtigen Kindern. Letzteres darf offiziell keine Grund zur Ablehnung sein, ist es aber in der Praxis doch. Es kommt dazu, dass es ziemlich sicher sehr viele Bewerber auf solche Stellen gibt, denn f\u00fcr Vollblutmusikwissenschaftler gibt es beruflich keine Alternative. Vielleicht war\u2019s bei meinen Absagen aber auch was anderes, ich wei\u00df es letztlich nicht.<\/p>\n<p>Im Anschluss an mein Promotionsstudium, habe ich Hochschule und Uni nur noch besucht, um den Verpflichtungen eines Lehrauftrags und eines j\u00e4hrlichen Vortrags zum Thema \u201eAls Musiker erfolgreich selbst\u00e4ndig sein\u201c vor Studierenden nachzukommen. Auf meine Frage warum ausgerechnet ich daf\u00fcr Jahr um Jahr wieder angefragt werde, obwohl meine wissenschaftliche Expertise doch auf einem vollkommen anderen Gebiet liegt, wurde mir vom verantwortlichen Professor wiederholt mitgeteilt, ich sei nun mal der einzige kommerziell erfolgreiche Musiker, den er pers\u00f6nlich kenne, und er sei deswegen froh, wenn ich das Seminar \u00fcbernehmen w\u00fcrde. Auf meine erworbene Fachqualifikation als promovierter Musikwissenschaftler bin ich weder an Hochschule noch an der Universit\u00e4t von niemandem jemals wieder angesprochen worden. Der Lehrauftrag an der Universit\u00e4t wurde kurz nach meiner Promotion nicht mehr vergeben. Ein Grund daf\u00fcr wurde mir nie mitgeteilt, ich habe von Studierenden davon erfahren. Die F\u00e4cher, die ich betreut habe, (Geh\u00f6rbildung, Songwriting) gibt es dort inzwischen nicht mehr.<\/p>\n<p>Trotz dieser diversen Entt\u00e4uschungen hat mein Interesse an der Erforschung musikalischer und musikwissenschaftlicher Themen und Problemstellungen nicht nachgelassen. Neben meinem Broterwerb als Musikp\u00e4dagoge und freier Musiker (mit der Zeit immer freier), habe ich Konzert- und Interviewreihen betreut, Talkshows moderiert, Dokumentarfilme, Musikvideos und Musikalben produziert, musikalische Reisen dokumentiert, Musikmuseen und Instrumentenwerkst\u00e4tten besucht, langj\u00e4hrigen Austausch mit K\u00fcnstlern, Musikern und \u00c4stheten gepflegt. Anfang 2013 fand sich dann endlich auch das Medium um diese diversen Aktivit\u00e4ten zu dokumentieren: Ich startete den Dennis Sch\u00fctze Blog, auf dem alles in Schrift, Bild und Ton nachzulesen ist. Ziemlich bald nahmen Rezensionen und Kritiken mehr und mehr Platz ein. Zuerst waren es Konzert- und Albumbesprechungen, mit der Zeit r\u00fcckten immer deutlicher Noten-, Buch- und Fachbuchbesprechungen in den Vordergrund. Seit mehreren Jahren bekomme ich auf Anfrage musikp\u00e4dagogische sowie musik- und kulturwissenschaftliche Fachb\u00fccher von verschiedenen Verlagen zugeschickt, lese sie, mache mir Notizen und bespreche sie dann mehr oder weniger ausf\u00fchrlich auf meinem Blog. Mein Blog wird t\u00e4glich von ca. 50-200 Einzelpersonen aufgerufen. Es gibt regelm\u00e4\u00dfige Besucher, die meist die letzten 2-3 Artikel zur Kenntnis nehmen, eventuell auch lesen und kommentieren. Und es gibt Leser, die dezidiert einen Artikel aufrufen, entweder kommen sie \u00fcber einen externen Link oder finden den Artikel per Schlagwort \u00fcber die Suchfunktion.<\/p>\n<p>Parallel zum Blogartikel werden die Rezensionstexte von mir beim f\u00fchrenden Buchversand Amazon als Kundenrezension mit Sternewertung eingestellt und entfalten dort oftmals eine enorme Wirkung. Das liegt daran, dass es zu Fachb\u00fcchern sehr selten andere Rezensionen gibt und so kommt einer einzelnen, ausf\u00fchrlichen Besprechung eben eine umso bedeutendere Rolle zu. Allerdings kommt es bei den Kundenrezensionen nur selten zu weiterf\u00fchrender Kommentierung, obwohl dies m\u00f6glich w\u00e4re. Auf dem Blog sind die Leser kommentarfreudiger, man rechnet allgemein mit ca. einem Kommentar pro 50-100 Lesern. Die Hemmschwelle ist niedriger, wenn die Leser den Blog kennen und ihnen inhaltliche Ausrichtung und sprachlicher Umgangston des Betreibers und anderer Kommentatoren vertraut sind. Die entsprechenden Verlage bekommen ausnahmslos einen Hinweis mit Link unmittelbar nach Ver\u00f6ffentlichung des Artikels. Meist bekommt man kurze Dankesmails von irgendwelchen freundlichen PR-Damen, bei wissenschaftlichen Verlagen allerdings eher nicht. Rezensierte Autoren melden sich selten bis nie, sie halten sich vornehm zur\u00fcck, man wei\u00df meist nicht einmal, ob sie die Rezension \u00fcberhaupt zur Kenntnis genommen haben. Schwierig wird es mitunter, wenn die Rezension eine zwar ausf\u00fchrlich begr\u00fcndete, aber f\u00fcr den Autor ung\u00fcnstige, weil nicht positive Beurteilung enth\u00e4lt. Und besonders schwierig wird es, wenn der Autor ein ambitionierter Professor ist und zwischen sich und dem Rezensenten ein hierarchisches Gef\u00e4lle erkennt. Eine negative Rezension, wie auch immer sachlich begr\u00fcndet, wird da gleich als ruf- und gesch\u00e4ftssch\u00e4digend begriffen und entsprechend Versuche unternommen das Schlimmste zu verhindern. Ich versuche in solchen F\u00e4llen regelm\u00e4\u00dfig, die Unstimmigkeiten auf eine Sach- und Faktenebene zu heben und biete die Ver\u00f6ffentlichung einer Gegendarstellung im Blog an. Diese M\u00f6glichkeit wurde erst einmal in Anspruch genommen. Andere Autoren wandten sich beleidigt ab, eine positive Rezension h\u00e4tten sie stillschweigend hingenommen, Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung besteht meist nicht.<\/p>\n<p>Neben den Rezensionen gibt es aber auch noch andere Beitr\u00e4ge wie Essays, Glossen, Kurzgeschichten, Interviews, Werkstattbesuche, Reisereportagen, Berichte von Tagungen, Ausstellungen, Messen, Fotoserien, T\u00e4tigkeitsprotokolle, Arbeitsergebnisse, Vorank\u00fcndigungen, Nachbesprechungen, etc. Die Blogartikel sind mal wissenschaftlich, mal journalistisch, mal literarisch, mal rein informativ und decken somit ein breites Spektrum ab (erst Anfang dieser Woche habe ich auf dem Blog Kulturtechno des Komponisten Johannes Kreidler erstmals vom Schlagwort der sog. \u201eK\u00fcnstlerischen Forschung\u201c geh\u00f6rt, der in diesem Zusammenhang evtl. angebracht sein k\u00f6nnte). Gemeinsam haben sie, dass sie von mir verfasst wurden und meine pers\u00f6nliche Wahrnehmung von Pop, Musik und Kultur abbilden, so wie es sich f\u00fcr einen Blog geh\u00f6rt nat\u00fcrlich mit einer sachlichen, aber durchaus subjektiv gef\u00e4rbten Sichtweise. Ich nehme f\u00fcr mich in Anspruch, dabei unvoreingenommen und fair mit den Personen und Gegenst\u00e4nden meiner Betrachtung umzugehen. Ich bekomme mal mehr, mal weniger Feedback, z.B. in Form von Kommentaren, aber auch durch Zitierung, Verlinkung, Rezensionsanfragen bis hin zu konkreten Arbeitsauftr\u00e4gen. Ich versuche damit, meinen Beitrag zu einem offenen Diskurs im Rahmen der mir gebotenen M\u00f6glichkeiten zu leisten. Das ist vielleicht nicht viel, aber trotzdem mehr, als ich jemals mit meiner akademischen Arbeit bewirken konnte. Ich bin sowohl digital, als auch sozial gut vernetzt und gro\u00dfe Teile meiner publizistischen Arbeit basieren auf genau dieser Vernetzung. Ich musste jedoch feststellen, dass eine Vernetzung mit Vertretern akademischer Institutionen zu keinem Zeitpunkt erw\u00fcnscht gewesen ist. Mein Eindruck ist, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine da stehe, sondern dass sie auf einem strukturellen und systematischen Missstand der deutschen Musikwissenschaft, ja, eventuell sogar der gesamten deutschen Geisteswissenschaft beruht, der jungen Akademikern und externen Forschern viele interessante Themen, Zug\u00e4nge, Kontakte, Austauschm\u00f6glichkeiten und Entwicklungen bewusst verbaut. Aber auch f\u00fcr die andere, die institutionell etablierte Seite, stellt dieser Umgang mit Nachwuchs und Fachkollegen einen dramatischen Verlust dar, viele gute Ideen, Gedanken und Anregungen bleiben dabei auf der Strecke, werden so nie oder viel zu sp\u00e4t in den Institutionen ankommen, obwohl sie klug und vern\u00fcnftig sind und eine vielversprechende Br\u00fccke darstellen w\u00fcrden zwischen Elfenbeinturm und Streetknowledge.<\/p>\n<p>Warum der Diskurs von institutioneller Seite so rigoros verweigert wird, kann ich nicht sagen. Ich vermute, dass es mit Angst vor Autorit\u00e4ts- und Machtverlust und Verlust von Deutungshoheit zusammenh\u00e4ngt. Vorteilhaft ist diese Diskursverweigerung genaugenommen f\u00fcr niemanden, au\u00dfer vielleicht f\u00fcr arriviertes, akademisches F\u00fchrungspersonal, das seine Pfr\u00fcnde absichern will und einfach keine Lust und Kraft mehr hat, sich nach einem langen und beschwerlichen Weg nach oben noch f\u00fcr irgendetwas rechtfertigen. Das etablierte Wissenschaftsbild soll nicht angetastet, nicht mehr ver\u00e4ndert und schon gar nicht in Frage gestellt werden. Es ist ja eine altbekannte Weisheit, dass Experten sich dadurch auszeichnen, dass sie aufh\u00f6ren, Fragen zu stellen, weil sie bereits f\u00fcr alles eine Antwort haben. Fragen, auf die sie keine Antwort haben, werden einfach als irrelevant deklariert (sonst h\u00e4tten sie ja eine passende Antwort). Einen ergebnisoffenen Diskurs f\u00fchren nach meiner Erfahrung ausschlie\u00dflich Laien und Amateure, von Expertenseite ist er nicht erw\u00fcnscht. Allerdings kommt man so aus wissenschaftlicher Sicht nicht weiter und f\u00e4ngt an, sich im Kreis zu drehen. Um das zu kaschieren wird immer weiter fragmentiert und spezialisiert, bis selbst Fachleute und Experten keine gemeinsame Ebene mehr haben. Alle sind rege, forschen, schreiben, ver\u00f6ffentlichen, aber es gibt niemanden mehr, der das Geschriebene noch zur Kenntnis nehmen w\u00fcrde: Durchgetretenes Gaspedal im kompletten Leerlauf. Und alle wundern sich, dass sie nicht vom Fleck kommen.<\/p>\n<p>Wann f\u00e4llt das eigentlich mal jemandem auf? Und wie kann man das vielleicht \u00e4ndern und normalisieren? Vielleicht indem wir anfangen einander zuh\u00f6ren und miteinander zu reden.<\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\nEin erster Entwurf dieses Textes entstand im Dezember 2014 und erschien aber erst im Januar 2016 auf diesem Blog. Im Fr\u00fchjahr 2016 wurde ein Abstract davon als freies beitrag f\u00fcr die 26. Arbeitstagung der Gesellschaft f\u00fcr Popularmusikforschung (GfPM) eingereicht und angenommen. Zu diesem Anlass wurde der Text \u00fcberarbeitet und um einen Schlussteil erweitert. (Lektorat: Stefan Hetzel)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Studienzeit liegt schon eine Weile zur\u00fcck. Als ich das (Zweit-)Studium der Musikwissenschaft an der bayerischen Universit\u00e4t meiner Heimatstadt antrat, hatte ich gerade das Diplom an einer Hochschule f\u00fcr Musik absolviert. Es war ein praktisch orientiertes Studium gewesen, abgesehen vom &hellip; <a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2016\/11\/18\/erfahrungsbericht-wo-findet-eigentlich-popmusikwissenschaftlicher-diskurs-statt\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,14,8,21,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4225"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4225"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4225\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4225"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4225"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4225"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}