{"id":4385,"date":"2017-02-01T08:09:30","date_gmt":"2017-02-01T07:09:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=4385"},"modified":"2017-02-01T08:09:30","modified_gmt":"2017-02-01T07:09:30","slug":"historische-musikwissenschaft-eine-postfaktische-disziplin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/02\/01\/historische-musikwissenschaft-eine-postfaktische-disziplin\/","title":{"rendered":"Historische Musikwissenschaft &#8211; eine postfaktische Disziplin"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gastbeitrag von Prof. Dr. Norbert Schl\u00e4bitz<\/strong> (Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster)<\/p>\n<p>Postfaktisch ist zum Wort des Jahres 2016 ausgelobt worden. Das soll so viel hei\u00dfen, dass Fakten eine mehr nachgeordnete bis gar keine Bedeutung haben und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Stimmungen zum Eigentlichen erhoben werden. Zahlreiche Beispiele lassen sich f\u00fcr die j\u00fcngere Vergangenheit daf\u00fcr benennen, die an dieser Stelle gleichwohl keine besondere Rolle spielen.<br \/>\nEs mutet allerdings vielleicht sonderbar an, dass diese auf die gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse bezogene Zuschreibung auf eine vermeintlich wissenschaftliche Disziplin angewendet wird, zumal diese in einem Jahrhundert an Universit\u00e4ten sich etabliert, die vom Positivismus, vom Rationalismus, von auf harten Fakten beruhenden technischen Innovationen bestimmt ist. Von postfaktischen Zust\u00e4nden kann da zun\u00e4chst einmal keine Rede sein.<br \/>\nGenauer gesagt ist vom 19. Jahrhundert die Rede. Das 19. Jahrhundert l\u00e4sst sich in der Tat als ein Jahrhundert der Wissenschaften herausstellen, die nach der Diktion von Luhmann allein dem Kriterium von wahr\/falsch sich verpflichtet f\u00fchlen. Daneben gibt es aber auch Disziplinen, die sich zwar wissenschaftlich w\u00e4hnen, aber stattdessen dem Gef\u00fchl ihre Referenz erweisen. Zu diesen geh\u00f6rt auch die Musik-\u201eWissenschaft\u201c. Sie orientiert sich weniger an Fakten denn mehr an Gef\u00fchlen und Stimmungen, gibt sich diesen hin. Und auf der Basis dieser Hingabe werden Schriften verfertigt, die sich zwar wissenschaftlich nennen, aber postfaktisch unterminiert sind. Das sieht seinen Grund darin, dass der Bezugspunkt der Historischen Musikwissenschaft weniger die Wissenschaft ist denn mehr die Romantik mit ihren geradezu m\u00e4rchenhaften Schriften. Ja, die Romantik wendet sich sogar explizit gegen das harte Zahlen- und Faktenargument von Wissenschaft. Und genau hier, in der Romantik, hat die Historische Musikwissenschaft prim\u00e4r ihre Heimat; aus der Romantik geboren, nimmt die Historische Musikwissenschaft den Stift, schreibt auf, was sie bewegt.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Das Postfaktische in der Historischen Musikwissenschaft<\/strong><br \/>\nEinige Beispiele, wie wenig auf Faktentreue die Historische Musikwissenschaft Wert legt, m\u00f6gen hierzu angef\u00fchrt werden. Nehmen wir Adolph Bernhard Marx und sein 1867 posthum erschienenes Buch Das Ideal und die Gegenwart, in dem mit m\u00e4rchenhaften, sprich: postfaktischen Worten Folgendes geschrieben steht: \u00bbDas inwendig wallende und waltende und fortwirkende Leben, das im getreuen Wiederhall uns zu offenbaren, \u2013 vielmehr die R\u00e4thselwelt des verh\u00fcllten Innern in R\u00e4thselsprache uns geheimnisvoll zu deuten: das ist die Bestimmung der Musik, \u2013 R\u00e4thsel sie selber, R\u00e4thselsprache f\u00fcr die ewigen Geheimnisse derMenschenbrust. [\u2026] Dennoch war es nicht den Alten beschieden [\u2026], die Kunst des Innern zur Vollendung zu f\u00fchren. [\u2026] Erst das Christentum, dem innerlichen Leben zugewendet, den Blick auf das Ueberirdische, K\u00f6rperlose geheftet, seinem ganzen Wesen nach Mysterium, gleichsam die Geburtsst\u00e4tte des in sich zur Selbsterkennung gewendeten Seelenlebens und die Zufluchtsst\u00e4tte f\u00fcr die nach ihrem Ursprung hinverlangende Seele, erst das Christentum konnte diese Kunst, das seligspielende Abbild seiner selbst, zur Vollendung und Herrschaft bringen. [\u2026] Sehr sp\u00e4t erst ist diese j\u00fcngste der K\u00fcnste zu ihrer Vollendung gelangt; Sebastian Bach und H\u00e4ndel, die S\u00f6hne des vorigen Jahrhunderts, bezeichnen die ersten Fu\u00dfstapfen auf der H\u00f6he.\u00ab Das sind Worte, die von einem gef\u00fchlstr\u00e4chtigen Glaubensbekenntnis bestimmt sind, aber keineswegs Worte, die bem\u00fcht sind, m\u00f6glichst objektiv oder faktentreu \u00fcber Musik zu schreiben. Adolph Bernhard Marx ist nun kein irgendwer. Im Gegenteil, mit seiner Berufung im Jahr 1830 auf den Berliner Lehrstuhl kann im Grunde die Geburtsstunde der Musikwissenschaft ausgerufen werden. Beispiele wie diese durchziehen die Geschichte der Musikwissenschaft zuhauf.<br \/>\nErnst B\u00fccken schreibt 1942 in dem von ihm herausgegebenen Handbuch f\u00fcr Musikwissenschaft \u00fcber Mozart in folgender Weise: \u00bbWas in der c\u2013moll-, der e-moll-Sonate in wildem, trotzigem Ungest\u00fcm losbricht und manchmal schon ein jung-Beethovensches Titanentum vorklingen l\u00e4\u00dft, ist die erste gro\u00dfe Eigenpr\u00e4gung des Mozartschen Sch\u00f6pfertums. [\u2026] Welche F\u00fclle von feinen Details alles dessen, in dem Mozart weit \u00fcber den Zeitstil hinaus der Einzige ist und geblieben ist! Das Brausen einer feurigen J\u00fcnglingsseele, der epochale Sturm und Drang haben zum ersten Male eine Sch\u00f6pferkraft entfesselt, die ein summum opus des siebzehnj\u00e4hrigen K\u00fcnstlers entstehen lie\u00df.\u00ab Trotzig und ungest\u00fcm bricht die Musik los, so will es Ernst B\u00fccken ausgemacht haben. Auf welche Weise man methodisch hier das Trotzige in einer Musik ermittelt, ist leider dann nicht vorgestellt. Hier liefert die eigene Begeisterung f\u00fcr die Musik von Mozart die Grundlage zum romantisch verkl\u00e4rten Schreiben, das einem Titanentum und Geniekult huldigt, das von allen irdischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen losgel\u00f6st wild und m\u00e4rchenhaft drauflosfantasiert \u2013 postfaktisch eben. Was k\u00fcmmern schon tats\u00e4chliche Gegebenheiten, wo die Begeisterung des Schriftsetzers einen anderen Menschen in Szene setzen will?<br \/>\nDer so Schreibende ist mehr ein vom Musikgenuss eingenommener Kulturbewahrer, aber kaum ein Wissenschaftler. M\u00f6chte man als Wissenschaftler m\u00f6glichst getreu wissen, was war, so schafft man als begeisterter Kulturbewahrer in dieser, aber auch sp\u00e4teren Zeit sich eine eigene Welt; eine Welt, so geschaffen, wie man sie gerne h\u00e4tte. Christian Kaden wei\u00df zu berichten: \u00bbDas Stereotyp vom \u203aguten (toten) K\u00fcnstler\u2039, und der Beweihr\u00e4ucherungs-Service an diesem Guten, verbesserte kostenfrei das Eigenbild und das Eigenbewusstsein des Diensttuenden. Es beschert ihm, durch \u00dcbertragung, vorzeigbare Identit\u00e4t, kr\u00e4ftigt die Selbstbehauptung. Nur so l\u00e4sst sich verstehen, dass auch h\u00e4rteste Lebens-Tatsachen der zum Idol-Deklarierten unter den Teppich gekehrt werden. Beethoven ist ein Beispiel daf\u00fcr. Ein drastischeres noch ist die Rezeption Richard Wagners.\u00ab Als Beleg nennt Kaden neben Beethoven insbesondere Richard Wagner, dessen antisemitisches \u00bbPamphlet\u00ab Aufkl\u00e4rungen \u00fcber das Judentum in der Musik z. B. aus dem Jahre 1869, wie Kaden schreibt, \u00bbvon der musikwissenschaftlichen Wahrnehmung ausgeblendet\u00ab geblieben ist. Im Klartext: So genau m\u00f6chte die Fachdisziplin es gar nicht wissen, was f\u00fcr ein Mensch hinter dem Komponisten hervorlugt. Die Sentenz, was nicht passt, wird passend gemacht, findet hier ihren schlechten Ort, wo die Fachdisziplin Musik herumschwadroniert von Titanen und Genies, wo man sich lieber dem zuwendet, was dem eigenen Weltbild zuarbeitet und anderes Missliebiges korrigiert oder am besten gleich ganz wegl\u00e4sst. Der Heroenkult ersetzt wissenschaftliche Reflexivit\u00e4t und Genauigkeit durch unreflektierte Begeisterung mit fast schon religi\u00f6s anmutender Gl\u00e4ubigkeit. Um diese Religionsgemeinschaft herum aber regieren l\u00e4ngst die harten Faktenwissenschaften, die die Welt umgestalten.<br \/>\nZur Gilde der Produzenten von Fake-News, die sich dessen gar nicht bewusst ist, zu sehr ist man umfangen von seiner eigenen Ideologie, geh\u00f6rt ganz fraglos an prominenter Stelle auch Arnold Schering mit seiner Beethovendeutung, die er in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts vorlegte. Er glaubt in der Musik von Beethoven, dabei mit dem Finger auf den Notenlinien Note f\u00fcr Note voranschreitend, symboltr\u00e4chtige und vor allen Dinge eindeutige Motive auszumachen. Das liest sich dann wie folgt: \u00bbDas Folgende zeigt n\u00e4mlich, da\u00df Beethoven in diesem Satze den Daseinskampf eines von Gewalt bis zum Wahnsinn getriebenen Volkes hat darstellen wollen. Jedesmal, wenn die drohende musikalische Geste der Tyrannenwut (1\u20135, 22\u201324) erklungen, \u00e4chzen die Unterdr\u00fcckten auf und versuchen eine Gegenwehr, die ihr Ziel zwar nie erreicht, aber mehrmals (so in 44ff.) bis zum gewaltigen Aufb\u00e4umen geht. Ein zweiter solcher Ansturm des Volkes war in Takt 58 vor\u00fcber. Ihn d\u00e4mpft der Tyrann, indem er der drohend heranflutenden Menge seine W\u00e4chter entgegenstellt. Breitspurig und roh pflanzen sie sich auf (59\u201362). L\u00e4\u00dft man dieses Bild gelten, dann ergibt sich f\u00fcr das p und dolce vorzutragende Seitenthema 63-ff. das Bild einer sch\u00fctzenden, beruhigenden Geste, etwa der M\u00fctter, die ihre furchtsamen Kinder mit z\u00e4rtlichem Zuruf bes\u00e4nftigen. Aus dem Zuruf entwickelt sich leidenschaftliche Ungeduld und dr\u00e4ngende Sehnsucht (cresc., 84ff.) bis zum Erl\u00f6sungsgedanken (94ff.): Ach, w\u00e4ren wir erst frei, alles w\u00e4re gut! Um diesen Preis willen wollen wir weiterk\u00e4mpfen! [\u2026] Das Tyrannenmotiv bleibt auf unisone Tuttischl\u00e4ge beschr\u00e4nkt, w\u00e4hrend die Volkskampfmotive in allen Stimmen, Lagen und Schattierungen erscheinen k\u00f6nnen und in der Regel einen aufgelockerten Satz zeigen. Dort Unbeugsamkeit, brutaler Wille, hier Ratlosigkeit und Durcheinander. Mit beiden Gegens\u00e4tzen arbeitet auch die Durchf\u00fchrung. Die freiheitliche Aufwallung, mit der der erste Teil schlo\u00df, wird mit einer neuen furchtbaren Drohung der W\u00e4chter beantwortet (125\u2013128). Sie l\u00f6st Trotz aus, der, dreimal mit ohnm\u00e4chtigen Ans\u00e4tzen beginnend, zu offener Emp\u00f6rung f\u00fchrt. Wie sich das zusammenrottet (158-ff.), in Wut die F\u00e4uste sch\u00fcttelt (168ff.), wie die Henkersknechte mit breiten Schritten heraneilen (179ff.) und die Menge zur\u00fcckdr\u00e4ngen, bis alles ersch\u00f6pft am Boden liegt, wie zwei ma\u00dflose Drohungen erfolgen \u2013 die zweite (240ff.) unter Aufgebot der gesamten f\u00fchllosen Henkerschar -, diese Szenen mag Beethoven in voller Realistik vor seinem inneren Auge erblickt haben.\u00ab \u00dcber mehrere hundert Seiten wolken solche musikalischen Bl\u00fctentr\u00e4ume empor. Solchen postfaktischen Deutungsversuchen wollen dann selbst Zeitgenossen von Schering nicht mehr folgen, wenn 1949 von Andreas Liess geschrieben wird, dass mit dieser \u00bbv\u00f6lligen\u00ab ins Poetische abdriftenden Beethoven-Deutung Schering \u00bb\u00fcber das Ziel hinausgeschossen\u00ab sei. Am Rande erw\u00e4hnt: Interessant hier zu wissen w\u00e4re, bis zu welchem Grad die community in der Musik solche postfaktischen Schriften als wissenschaftlich akzeptiert und ab wann die Sache kippt und man davon spricht, dass wer \u00fcber das Ziel hinausgeschossen sei bzw. dass gerade bl\u00fchender Unsinn verbreitet wird.<br \/>\nSo an den Haaren herbeigezogen Scherings Ausf\u00fchrungen auch klingen, theoretisch k\u00f6nnte es sich ja trotzdem so verhalten wie beschrieben, immerhin war f\u00fcr Menschen fr\u00fcher die Welt eine still stehenden Scheibe, der Gedanke einer runden, sich bewegenden Erde bl\u00fchender Unsinn. Doch der vermeintliche Unsinn hat sich als gegenwartsfester erwiesen. So k\u00f6nnte, so m\u00e4rchenhaft das Geschriebene von Schering auch klingt, in diesem trotzdem eine den kompositorischen Tatsachen nahestehende Deutungsarbeit sich abbilden. Kopernikus Formeln konnten von anderen nachgerechnet werden, was zuletzt das Modell der stillstehenden Erde wegfegte. Es gilt also auch bei Schering, zu belegen, zu beweisen, damit Dritte den Schering\u2019schen Ansatz \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen. Es gilt also, eine halbwegs logische Kette aufzumachen, methodisch so zu arbeiten, dass Dritte zu \u00e4hnlichen Schl\u00fcssen kommen k\u00f6nnen. Vorgelegtes sollte also in irgendeiner Art und Weise zumindest ansatzweise objektivierbar sein, in irgendeiner Weise validierbar oder reliabel. Bei Scherings gedanklichen Schweifz\u00fcgen ist das aber unm\u00f6glich. Wer immer will, kann und wird in die Musik von Beethoven etwas anderes hineinlegen k\u00f6nnen, da Musik von sich aus absolut nichtssagend ist und jeder hineinfantasieren kann, was ihm gerade vorschwebt. Das ist ja gerade die St\u00e4rke von Musik, ihre absolute Leere, die Bedeutungsf\u00fclle verspricht. Scherings Ansatz erf\u00fcllt hierin nicht einmal minimalste Wissenschaftsanspr\u00fcche, denn er liefert ja nur eine bestenfalls h\u00fcbsche Geschichte, die man auch anders h\u00e4tte erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.<br \/>\nScherings selbst scheint die Unbeweisbarkeit seiner eigenen Deutung bewusst gewesen zu sein, denn er setzt dieser Aneinanderreihung von fantasieges\u00e4ttigten Zeilen noch einen drauf, wenn er darauf zu sprechen kommt, inwieweit seine Schreibarbeit wissenschaftlich legitimiert sei. Seine so entworfene Auslegung kritisch zu hinterfragen verwirft Schering als \u00bbungerechtfertigte Zumutung\u00ab, denn seine Beweisf\u00fchrung w\u00e4re von einem \u00bbinnere[n] Verstehen, das gleicherweise geistiger wie seelischer Natur ist\u00ab, geleitet. So ist das also. Jedem Studenten damals, aber mehr noch heute w\u00fcrde man so eine Aussage um die Ohren schlagen, wo eine Einzelperson geistig-seelisches Verstehen zum Gradmesser von Wissenschaft macht. Schering ist obendrein von seiner eigenen Fake-News-Arbeit derart begeistert, dass er nicht nur glaubt, eine m\u00f6gliche Interpretation zu Beethovens Werk geliefert zu haben, sondern gleich die Interpretation. \u00bbEin Zweifel, ob wirklich der richtige Schl\u00fcssel gefunden ist oder ob au\u00dfer der angegebenen Deutung nicht noch eine andere m\u00f6glich sei, wird jedesmal von der Musik selbst zerstreut. Unsere Deutungen treten mit dem Anspruch auf, zum ersten Mal das von Beethoven ge\u00fcbte Prinzip der Anlehnung an poetische Vorbilder festgestellt und nachgewiesen zu haben.\u00ab<br \/>\nWissenschaft nach Schering operiert also auf folgende Art und Weise:<br \/>\n1. Geistiges wie seelisches Verstehen ist f\u00fcr eine Auslegung unbedingte Voraussetzung,<br \/>\n2. auf dieser Grundlage h\u00f6rt\/liest man die Musik und schreibt parallel dazu sozusagen 1:1 auf, auf welche Weise die von der Musik affizierte Seele zu einem spricht,<br \/>\n3. die vorgelegte Auslegung wird sodann als die Auslegung proklamiert, da man ja vom eigenen richtigen seelischen Verstehen \u00fcberzeugt, ein Irrtum unm\u00f6glich ist,<br \/>\n4. zum Beleg eigenen Verstehens wird wieder auf die Musik zur\u00fcckverwiesen.<br \/>\nEin solches methodisches Vorgehen nennt man wohl tautologisch, ist vielleicht kurios, aber nicht einmal in rudimentersten Z\u00fcgen wissenschaftlich. \u00dcbertragen wir diese wissenschaftliche Methode mal auf einen g\u00e4nzlich anderen Fall. Ereignis: Es donnert. Das hinreichende geistige wie seelische Verstehen vorausgesetzt, denn was anderes braucht es ja nicht, f\u00fchle ich, dass einzig und allein ein Gott daf\u00fcr verantwortlich sein kann. Und ich werde auch wohlfeile und reichlich Gr\u00fcnde daf\u00fcr finden und benennen, von denen ich vollkommen \u00fcberzeugt bin. Wer das nun nicht glauben mag, den verweise ich zum Beweis der Richtigkeit meiner Ausf\u00fchrungen zur\u00fcck auf das Ereignis, den Donner. Q.e.d. Wer dann immer noch etwas anderes behauptet, dem fehlt halt das notwendige seelische Verstehen, das man selbst zum Gl\u00fcck irgendwie hat.<br \/>\nSo kann man also auch \u201eWissenschaft\u201c im Bereich der Fachdisziplin Musik betreiben. Arnold Schering tritt hier eher auf im Gewand eines Schamanen auf, dessen F\u00e4higkeiten nicht jedem gegeben sind und wo obendrein das \u201eWie\u201c einer Heilung ein Mysterium bleibt, aber nicht als Wissenschaftler. Aber wahrscheinlich tut man den Schamanen Unrecht, wenn man sie in den gleichen Topf wie Schering wirft. Heute wird in einer Einf\u00fchrung zur Musikwissenschaft Arnold Scherings Beethovendeutung und sein Ansatz von Burkhard Meischein als \u201eber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt\u201c gew\u00fcrdigt. Das ist noch milde formuliert. Was dort geschrieben steht, ist vollkommener Unsinn, postfaktisch rundherum, und wurde doch anstandslos als Wissenschaft, auch in musikwissenschaftlichen Zeitschriften publiziert und diskutiert. Arnold Schering gilt zudem nach wie vor als angesehener Musikwissenschaftler im Kreise der Fachdisziplin. Zumindest hat er es mit dieser durch und durch unwissenschaftlichen Schreiberei in mehrere Einf\u00fchrungen zur Musikwissenschaft geschafft. Man hat sich damit also tats\u00e4chlich ernsthaft mal besch\u00e4ftigt, ja mehr noch: Es haben doch tats\u00e4chlich sp\u00e4tere Vertreter der Fachdisziplin sogar daran angeschlossen.<br \/>\nIm weiteren Verlauf ist daher auch nicht mehr von der Historischen Musikwissenschaft die Rede, das k\u00f6nnte den Irrtum aufscheinen lassen, dass es sich tats\u00e4chlich um eine wissenschaftliche Disziplin handelte, sondern von der Fachdisziplin Musik.<br \/>\nM\u00f6chte man tr\u00e4umen, schl\u00e4gt man ein Buch von Vertretern der Fachdisziplin Musik zu Themen mit Herzensangelegenheiten auf, m\u00f6chte man dagegen wissen, legt man diese lieber beiseite, recherchiert und liest an anderer Stelle besser selber noch einmal nach.<br \/>\nBis in die Gegenwart hinein spielt das Postfaktische im Raum der Fachdisziplin eine Rolle. Fritz Volbach z.B., der Gr\u00fcndungsdirektor des musikwissenschaftlichen Instituts in M\u00fcnster, schreibt im Jahre 1926 in seinem Handbuch f\u00fcr Musikwissenschaften \u00fcber Beethoven und dessen Musik noch folgende salbungsvolle, postfaktisch ges\u00e4ttigte Worte: \u00bbBeethovens Kunst ist nicht wie die seiner Vorg\u00e4nger, eine Kunst des sch\u00f6nen Scheins, des reizvollen Spiels, sie ist eine ethische, im h\u00f6chsten Sinne sittliche Kunst; freie Bekenntnismusik. Nicht das Sch\u00f6ne allein ist ihr Zweck, durch das Sch\u00f6ne will sie das Gute erreichen\u00ab, wobei man kritisch nachfragen darf, wie er das wissenschaftlich ermittelt haben will. Der Gedanke, der hier formuliert ist und in unendlicher Variation in anderen Schriften von Vertretern des Faches proklamiert, ist, dass die richtige Musik nur recht rezipiert den Menschen ethisch l\u00e4utern w\u00fcrde.<br \/>\n2011 nun schreibt der Philosoph und Musik\u00e4sthetiker Peter Rinderle noch immer Vergleichbares, wenn geschrieben steht, dass er an eine \u201eErziehung unserer Emotionen\u201c an den \u201erichtigen Dingen\u201c im Raum der Kunst glaubt. Nach Rinderle gibt es explizit \u201emoralisch gute Musik\u201c und umgekehrt auch \u201eunmoralische, b\u00f6se Musik\u201c, wobei er in dem heiteren Haydn die gute Musik ausgemacht sehen will und \u2013 wen wundert\u2019s \u2013 in Rammstein eine b\u00f6se. Das B\u00f6se dr\u00fcckt sich quasi aus in verzerrten Gitarrenkl\u00e4ngen. Klammer auf: Man mag sich, bei einer solchen Argumentationsf\u00fchrung gar nicht vorstellen, von welchen b\u00f6sen Geistern die Musiker von Rammstein besessen sein m\u00f6gen, dass sie solch b\u00f6se Musik unter die ahnungslosen Menschen streuen, sie verf\u00fchren zum B\u00f6sen. Es m\u00fcssen wahrlich D\u00e4monen sein. Wenn man dar\u00fcber hinaus bedenkt, dass einer der Musiker von Rammstein auch Kinder-Musicals schreibt, merkt man erst mal, wie perfide, hinterlistig das B\u00f6se ist, um sich seinen Opfer anzun\u00e4hern. Klammer zu. Die hier aufgezeigten Beispiele von Marx bis Schering sind nur wenige. Sie lie\u00dfen sich endlos fortsetzen, verfertigt von namenhaften Autoren aus dem Raum der Fachdisziplin.<\/p>\n<p><strong>\u201eE\u201c wie ethisch, erhaben, \u201eU\u201c wie unterirdisch<\/strong><br \/>\nDas Postfaktentum treibt bis in die Gegenwart seine m\u00e4rchenhaften Bl\u00fcten. Untergr\u00fcndig sind solche Worte nach wie vor vom \u201eE\u201c\/\u201cU\u201c-Gestus bestimmt, wonach nur eine bestimmte Musik zum Guten treibt, eine andere aber nicht. \u201eE\u201c-Haydn und \u201eU\u201c-Rammstein sozusagen. Die grundlegende Trennung in \u201eE\u201c und \u201eU\u201c selbst ist eine aus dem postfaktischen Universum heraus entworfene, gr\u00fcndet diese Trennung doch auf dem Weltenentwurf der Romantiker, die in der Musik eine \u201eSprache der Engel\u201c gesehen haben wollen, die auf untergr\u00fcndige Art und Weise f\u00fcr manche Zeitgenossen selbst die Kommunikation mit Gott erlaubte. Wo man aber mit Gott zu kommunizieren glaubt, darf eine Musik auf keinen Fall zugleich profanen weltlichen Dingen gen\u00fcgen, jedwede Funktion, gar Unterhaltung steht au\u00dfen vor. Also erfindet man im Raum der Fachdisziplin flugs die Trennung in \u201eE\u201c und \u201eU\u201c und denkt die gesamte f\u00fcr die eigenen Zwecke taugliche Gebrauchs- und Unterhaltungsmusik der Vergangenheit von Bach, H\u00e4ndel &amp; Co um. Man erfindet sich also eine heroenhafte Ahnengalerie und Musikgeschichte mit guten und b\u00f6sen Musiken oder auch mit guten und schlechten Musiken. Und in der guten \u201eE\u201cntwicklungslinie dr\u00fcckt sich das Prinzip der Notwendigkeit aus. Guido Adler schreibt 1923: \u00bbBald glaubte ich zu erkennen, da\u00df \u203adie Entwicklung der Tonkunst organisch sei. In stetiger Aufeinanderfolge reihen sich die Entwicklungsmomente aneinander\u2039 \u2013 diese These stellte ich an den Anfang meiner erstpublizierten Arbeit \u203aDie historischen Grundklassen der christlich-abendl\u00e4ndischen Musik bis 1600\u2039\u00ab. Diese Umdeutung einstiger Unterhaltungsmusik zur ernsten Musik ist notwendig, denn ohne den gro\u00dfen einen Musik auszeichnenden Ernst lohnt die Besch\u00e4ftigung mit der Musik nicht. Dass man zu anderen Zeiten zu derselben Musik, die pl\u00f6tzlich ein \u201eE\u201c im Titel tr\u00e4gt, getanzt, gelacht hat, sich dazu unterhalten, weil sie Hintergrundmusik war, wen k\u00fcmmert\u2019s schon? Jetzt sitzt man still, stumm und h\u00f6rt and\u00e4chtig mit gro\u00dfem Ernst zu, l\u00e4sst sich erbauen, wo man fr\u00fcher plauderte. Das ausgerufene \u201eE\u201c will es so. Alles \u00dcbrige, was nicht zur Wandlung von Unterhaltungsmusik zur ernster Musik vorgesehen ist, wird zum wohlfeilen Antagonisten \u201eU\u201c, \u00fcber das das ausgerufene \u201eE\u201c seine vernichtenden Urteile f\u00e4llt und selbst dabei nur noch heller strahlt.<\/p>\n<p><strong>Der Verblendungseffekt beim Triumph der Analyse<\/strong><br \/>\nEine wirklich gute \u201eE\u201c-Musik verfolgt nat\u00fcrlich keinerlei Zwecke, das w\u00e4re viel zu profan, weltlich. Sie erweist sich stattdessen als absolut, autonom, sie ist nur sich selbst genug. Funktionale, unterhaltende Zwecke bedient sie ja durch ihre Umdeutung nun nicht mehr. Und weil das so ist, kann man das Klangereignis auch ausschlie\u00dflich aus sich selbst heraus begr\u00fcnden, glaubt zumindest Carl Dahlhaus. Und damit sind wir bei einem anderen prominenten Vertreter der postfaktischen Disziplin. \u00bbDer Triumph der Analyse [!] besteht in dem Nachweis, da\u00df ein Werk, mindestens ein gegl\u00fccktes, nicht anders sein kann, als es ist.\u00ab Dieser vielfach zitierte Satz von Carl Dahlhaus zeigt die Verblendung an, zeigt an die Neigung zum Postfaktischen. Carl Dahlhaus negiert alle au\u00dfermusikalischen Einfl\u00fcsse bei einer Komposition, so als ob der Komponist seit Geburt an in einem abgeschlossenen Raum ohne Au\u00dfenkontakt gesessen h\u00e4tte und nun aus der Isolation heraus seine Komposition bastelt. Dass biographische, politische, historische, psychische und physische Befindlichkeiten u.a.m eine Komposition immer und \u2013 wie auch anders \u2013 mitbedingen, ach was \u2013 Papperlapapp, das blendet Carl Dahlhaus in bester postfaktischer Tradition einfach aus und wendet sich allein dem Notenskelett zu und analysiert nach Regeln der Musik, die es so auch nicht gibt. Das einzige, was gilt, ist die Musikpartitur. Man tut so, als ob in dieser alles steht, was man braucht, um genau zu bestimmen, warum eine Musik so und nicht anders klingt. \u00bbMan mu\u00df diesen Gedanken nur einmal aussprechen, um zu sehen, wie absurd er ist\u00ab, meint Albrecht Wellmer dazu. Martin Geck kommentiert Dahlhaus Haltung mit den Worten \u00bbDie Betriebsblindheit, mit der dieser kluge, vielseitige und hochgebildete Gelehrte hier argumentiert, ist mit H\u00e4nden zu greifen.\u00ab Es ist in der Tat eine Form von Verblendung oder Engstirnigkeit, die manche Vertreter der Fachdisziplin teils bis heute bewegt. Vladimir Karbusicky hat eine solche Form des Analysierens einmal mit folgenden Worten abgelehnt: \u00bbJe resoluter verschiedene Urteile und je \u203aeindeutiger\u2039 die Auslegung rationalistisch sich stilisierender Analytiker sind, um so mehr zeugen sie von Einbildung, von engstirniger Eingenommenheit\u00ab. Das Postfaktische hat also auch und gerade da seinen Platz, wo man allein vermeintlich der Rationalit\u00e4t Folge leistet. Man bosselt oftmals fraglos klug sich seine musikalische Welt zusammen, bis sie einem stimmig scheint. So erfindet man seine Welt mit universaler, einzigartiger Musik, geschuldet einem Absolutheitstraum und ausgewiesen ist das im \u201eE\u201c, das wie eine Monstranz vor der ausgew\u00e4hlten Musik hergetragen wird.<br \/>\nKonklusion: \u00dcberall, wo man heute noch zwischen \u201eE\u201c und \u201eU\u201c scheidet, von einzigartiger, zeitloser, gar universaler Musik spricht, lebt man diesen postfaktischen Traum weiter und hat sich von der Realit\u00e4t aber v\u00f6llig verabschiedet. Das Ergebnis sind Fake-News, die aber den Produzenten derselben als solche gar nicht auffallen und die teils heute noch so transportiert und gelehrt werden. Das Postfaktische lebt also oft auch da, wo der Schreibstrom dem M\u00e4rchenhaften sich versagt und k\u00fchl rational die Worte sich f\u00fcgen, sobald implizit oder explizit die Vorstellungen von \u201eE\u201c und \u201eU\u201c die Musikwelt von Schreibenden bewegen.<\/p>\n<p><strong>Die Fachdisziplin Musik und ihre Umwelt<\/strong><br \/>\nDas ist alles solange nicht sonderlich aufgefallen, wie auch die Umwelt der Fachdisziplin \u00e4hnliche Tr\u00e4ume bewegte, ausgedr\u00fcckt in einem Bildungsb\u00fcrgertum, das in der Kunst unnachahmliche Werte verortete, die denen der Fachdisziplin gleichkamen. Die Fachdisziplin bediente sozusagen die Sehnsucht nach dem Metaphysischen, und ein Bildungsb\u00fcrgertum sog das gierig auf. Und so konnte sich ein B\u00fcrgertum in Andacht in die Kunst versenken und darin sich wiederfinden, ein gemeinsames kulturelles ICH konstruieren, das im Zirkulieren um sich selbst auch nur sich selbst und seine Kunst gelten lie\u00df und anderes verwarf. Man versammelte sich als Bildungsb\u00fcrgertum mithilfe auch der schriftkundigen Priester, Musikwissenschaftler genannt, um den geschaffenen G\u00f6tzen \u201eE\u201c-Kultur und feierte sich dabei mehr selbst, weil man sich einer auserw\u00e4hlten Elite zugeh\u00f6rig f\u00fchlte, die auch den Zugang zum inneren Zirkel streng regelte. Nicht jeder konnte\/durfte Zugang haben. Was dieser geschaffene G\u00f6tze Kultur nicht inkludierte, dem wurde in der Regel mit Indifferenz, Ignoranz, oftmals auch mit Verachtung begegnet. Und die schriftkundigen Priester lieferten die Argumente dazu.<br \/>\nAls Folge dieser Engstirnigkeit und dieses simplen Weltbildes l\u00e4sst sich eindeutig Achtung\/Missachtung aussprechen, wo das eigene Weltbild, zum Absoluten erh\u00f6ht, zum Eigentlichen geriet\/ger\u00e4t, alles Fremde andere aber verworfen, nachgeordnet, eben oft missachtet wurde\/wird. Diese Ichbezogenheit, auch ignorante Selbst\u00fcberh\u00f6hung oder dieser Eurozentrismus war von wenig humanistischem Gepr\u00e4ge, obwohl genau das Gegenteil behauptet wurde, wo die ausgew\u00e4hlte Musik zur sittlichen, ethischen erkl\u00e4rt wurde. Gerade das Inhumane konnte oft genug seinen Ausgang davon nehmen, da die Identit\u00e4tsstiftung \u00fcber massive Ausgrenzung bewegt wird. Die Fachdisziplin hat ihren nicht geringen Anteil daran, dass aus dem Traum geborene Weltbilder auch den faktisch gewordenen Alptraum vorantrieben.<br \/>\nDie schriftkundigen Priester der Fachdisziplin f\u00fchlten sich im v\u00f6lligen Einklang mit den geistigen Eliten der Gesellschaft. Auch der z.B. aufgrund seiner klaren Worte zum Faschismus und zu Weltkrieg II zum ethischen Leuchtturm erhobene Thomas Mann fand w\u00e4hrend des 1. Weltkrieges \u00fcberhaupt nichts dabei, den \u201eZusammenbruch einer \u201eFriedenswelt, die er so satt, so \u00fcberaus satt hatte\u201c (Thomas Mann) euphorisch zu feiern. Man m\u00f6ge doch \u201eGott loben\u201c, dass er es so gef\u00fcgt habe. Er war ein gl\u00fchender Verfechter von Weltkrieg I, befand Kunst und Krieg als Br\u00fcder oder Schwestern im Geiste, befand, dass Kunst und Barbarei einander bedingen, vorausgesetzt nat\u00fcrlich, es ist die richtige Kunst, die sich paart. Bildungsb\u00fcrgertum, K\u00fcnstler, die k\u00fcnstlerisch versierten Schriftgelehrten \u00fcberboten sich teilweise in dem, was man Andersgl\u00e4ubigen in Sachen Kunst und Kultur (und der fremden Kunst\/Kultur) alles antun d\u00fcrfte, da sie ja der falschen Kunst anh\u00e4ngig waren. Die Zeiten, als die Geschichten vom sittlichen Mehrwert der K\u00fcnste und denen von Titanen, die mit ihrer Kunst quasi in die Zukunft sahen, ihre Hochzeit hatten, waren so ziemlich die m\u00f6rderischsten, die man sich denken kann.<br \/>\nNach dem Ende von Weltkrieg II wurden die erdichteten Geschichten vom ethischen Mehrwert der Kunst zwar \u2013 faktisch l\u00e4ngst widerlegt \u2013 noch einmal neu aufgelegt, aber ihr Niedergang war l\u00e4ngst besiegelt. Zu bedauern ist das sicherlich nicht. Es war eh alles nur erfunden, was um die gro\u00dfe Kunst sich alles ranken sollte. So konnte der Blick freiwerden f\u00fcr eine klarere Beschreibung von Gesellschaft und eine neue Beschreibung von Kunst sich bilden, ohne gleich von Bildungsh\u00fctern massiv sanktioniert zu werden. Gel\u00e4rmt wurde bei allem Neuen zwar trotzdem, aber das Bildungsb\u00fcrgertum selbst treibt aus dem meinungsbildenden Zentrum allm\u00e4hlich in die Peripherie, findet f\u00fcr sein emp\u00f6rtes L\u00e4rmen immer weniger ein nennenswerte Resonanz. Mit dem Niedergang des Bildungsb\u00fcrgertums, das in den m\u00f6rderischen Zeiten zuvor nicht nur versagt, sondern seinen eigenen schlechten Teil dazu beigetragen hat, verliert auch die Fachdisziplin Musik allm\u00e4hlich ihre Leser \u2013 und mit den Lesern sie selbst als auch die ideologieverd\u00e4chtige \u201eE\u201c-Musik ihre zuvor unangefochtene Reputation.<br \/>\nDieser schleichende Wegfall von Anerkennung einerseits und die M\u00f6glichkeit zur Implementierung neuer Kunstausformungen andererseits haben aber noch andere Gr\u00fcnde. Je vernetzter Gesellschaft nach dem Weltkrieg zun\u00e4chst auf elektronischem Wege, schlie\u00dflich auf digitalem Wege wurde, um so mehr hat das Modell vom \u201eE\u201c seine Attraktivit\u00e4t verloren. Kultur ist immer weniger ein homogener Raum, in dem sich eine einzige Idee von Kunst, zur Verg\u00f6ttlichung geeignet, halten kann. Zu viele, unterschiedliche Musiken beginnen, den Raum auszuf\u00fcllen. Der Sockel des goldenen Kalbs \u201eE\u201c-Musik wird immer mehr eingeebnet, bis der Sockel plan zum ebenen Boden ist und die \u201eE\u201c-Musik als eine unter vielen rangiert. Sie steht, ihrer erhobenen Stellung beraubt, auf einmal in Konkurrenz zu anderen, hat sich zu beweisen und erweist sich als immer weniger konkurrenzf\u00e4hig. Mittlerweile konkurrieren die unterschiedlichsten Weltmodelle miteinander, und es wird deutlich, dass, anders als im \u201eE\u201c-Universum ausgemacht, kein Modell das Modell ist. Es dr\u00fcckt sich darin lediglich eine m\u00f6gliche Spielart aus. Das Bildungsangebot, dem das B\u00fcrgertum huldigt, verliert auch auf diese Weise mehr und mehr an Einfluss, auch wenn die Bildungsgegenst\u00e4nde nach wie vor die Curricula bestimmen. Doch daneben etablieren sich weitere Angebote (auch in Schule und Studium), die vom Universalen, Einzigartigen Abstand nehmen. \u201eE\u201crnste Musik hat in Anbetracht der Pluralit\u00e4t von Sichtweisen zur Musik mehr und mehr so seine identit\u00e4tsstiftende Funktion verloren, ist eine unter vielen geworden und unter den vielen eher ein klingendes Randph\u00e4nomen geworden. Die Welt ist dadurch bunter, freier im Denken, \u2013 man k\u00f6nnte auch sagen \u2013 insgesamt pluralistischer geworden.<\/p>\n<p><strong>Vom Spa\u00df an der Musik und lustfeindlichen Erbauungst\u00f6nen<\/strong><br \/>\nEin Grund f\u00fcr die schwindende Akzeptanz in der Breite mag, neben dem nicht gegenwartsfesten Klang, die lustfeindliche Rezeptionsform sein. Der Niedergang der sogenannten klassischen \u201eE\u201c-Musik ist auch darin zu sehen. Geschrieben werden diese Zeilen hier in dem Monat, in der die Elbphilharmonie er\u00f6ffnet wurde. Die Elbphilharmonie soll nun beispielhaft daf\u00fcr stehen, dass Menschen der einst postfaktisch ausgerufenen \u201eE\u201c-Kultur nach wie vor zugetan sind oder dass man neue Rezipienten daf\u00fcr gewinnen kann. Leichte Zweifel k\u00f6nnen einen beschleichen, wenn man schon allein nur an das Er\u00f6ffnungskonzert der Elbphilharmonie denkt. Ist die Musikkultur der Vergangenheit wirklich noch eine, die bewegt und erregt, oder nicht eher eine, die man \u2013 durch jahrzehntelange \u00dcbung \u2013 still und stumm ertr\u00e4gt und manchmal nicht einmal das, wo man beim schnellen Schwenk der Kamera durch die Elbphilharmonie w\u00e4hrend des Er\u00f6ffnungskonzertes schon manch einen glaubte hinwegd\u00e4mmern zu sehen. Und das bei einem solchen Ereignis!<br \/>\nSicher: Auf die Jahre hinaus ist die Elbphilharmonie ausverkauft und sie wird es wohl auch bleiben. Die Frage stellt sich gleichwohl: Kommen die Menschen um der Musik willen oder um des beeindruckenden Geb\u00e4udes willen? Die Antwort ist wohl leicht zu geben: Die Veranstaltungen werden oder w\u00fcrden selbst ohne irgendein inhaltliches Programm ausverkauft sein, weil man das Erlebnis Geb\u00e4ude inhalieren will. Ein Briefkopf der Elbphilharmonie mit dem Hinweis versehen, dass irgendetwas gespielt wird oder dass das Programm noch folgt, d\u00fcrfte vollkommen hinreichend sein, um den Ausverkauf zu garantieren. Die Rezeptionshaltung von so manchem Zuschauer mag auch dergestalt sein, dass man die gespielte Musik z\u00e4hneknirschend in Kauf nimmt, gehuldigt wird aber im Anschluss in Gespr\u00e4chen und Erz\u00e4hlungen dann der Kultur der Architektur. Es stellt sich die Frage, ob die vielen Schulklassen, die die Elbphilharmonie besuchen sollen\/m\u00fcssen sowie dort zum stillen Stillsitzen verdammt sein werden und nicht einmal mehr husten d\u00fcrfen, weil das Husten den ganzen Raum durchdringt, im Nachhinein zu Freunden der \u201eE\u201crnsten Musik werden. Leichte Zweifel darf man anmelden.<br \/>\nMusik darf heute und soll wieder Spa\u00df machen. Was z\u00e4hlt, ist die gute Unterhaltung. Der Niedergang der \u201eE\u201c-Musik findet so auch darin seinen Ausdruck, dass eine Jugend zunehmend es befremdend befindet, dass die Vertreter der alten postfaktischen Erz\u00e4hlungen die Disziplinierung zum Stillsitzen aussprechen. Auf diese Weise aber wird dem absoluten musikalischen \u201eE\u201crnst das Leben ausgeblasen, wo ganz allgemein die gelebte Freude an der Musik wieder ihren akzeptierten Raum zur\u00fcckgewonnen hat. Wer will beim H\u00f6ren von Musik schon eine Messe zelebrieren, wo die Musik zur Party aufruft? Ob der Tempel Elbphilharmonie dazu geeignet ist, wird sich erweisen&#8230; Zu w\u00fcnschen w\u00e4re es, denn dann w\u00e4re es nicht nur die H\u00fclle, die interessierte, sondern auch der Inhalt.<\/p>\n<p><strong>Eigenverantwortliches Urteilen<\/strong><br \/>\nDa der kommunikative Resonanzraum der Gesellschaft immer weniger die Klagen vom Ende der \u201eE\u201c-Musik aufnimmt, werden auch diese Klagen zur mangelnden Akzeptanz von \u201eE\u201c-Musik als das deutlich, was sie sind: Es dr\u00fcckt sich in ihnen aus die pers\u00f6nliche Haltung von Individuen, die bedauern, dass die eigene Wertsch\u00e4tzung nicht mehr zu der Wertsch\u00e4tzung erhoben wird. Die bildungshumanistische Tr\u00e4umerei eines Adorno, der in der Instrumentalmusik den Gipfel aller Musiken sah und am anderen Ende, dem Bodensatz sozusagen, den Schlager, hat sich wohl endg\u00fcltig ausgelebt. Und das ist auch gut so, denn war man fr\u00fcher zum blinden Gehorsam gen\u00f6tigt, denn Werturteile waren imperativ ausgesprochen, so werden heute Werturteile mehr eigenverantwortlich getroffen. Wer zu fr\u00fcherer Zeit dem Prometheus eines Beethoven nichts abgewinnen konnte, dem fehlte das n\u00f6tige Verst\u00e4ndnis, wenn der Prometheus heute einem oder vielen nichts sagt, dann liegt es eher daran, dass der Prometheus nicht mehr wirklich in die Zeit passt und der Rezipient sich obendrein nicht mehr vorschreiben l\u00e4sst, was ihm gefallen soll. Die Zeiten von Befehl und blindem Gehorsam sind pass\u00e9.<br \/>\nGesellschaft ist realit\u00e4tsfester geworden und deren Mitglieder verantwortungsbewusster dergestalt, dass man, ohne sich rechtfertigen zu m\u00fcssen, sich selbst aussucht, was einem gef\u00e4llt und was nicht. Die Musik hat sich anzuschmiegen gefallenstr\u00e4chtig an den Rezipienten, nicht der Rezipient an die Musik. Auf diese Weise kann fraglos auch die ehemals im \u201eE\u201crnsten verortete Musik wieder Spa\u00df machen. Man kann sich von ihr als Evergreen hier und da gut unterhalten lassen und dabei auch die jeweilige Rezeptionsform ohne schlechtes Gewissen selbst w\u00e4hlen. Wer darin die Klangtapete sehen will, der rezipiert sie eben so, wer dazu tanzen will, mag tanzen, wer nur ausschnitthaft jene Musik h\u00f6ren mag und keine ganzen Werke, der tut das, und wer kontemplativ sich darin versenken will, warum nicht? Der gro\u00dfe \u201eE\u201crnst tritt zur\u00fcck, die \u201eU\u201cnterhaltung wird rehabilitiert. Und wer genug vom alten Evergreen hat, dem man immer seine Klang-Patina anh\u00f6rt, der wendet sich eben der aktuellen Musik wieder zu. Beethoven neben Beyonc\u00e9, Bosse und Bono. So what? Und wenn Beethoven sich gef\u00e4llig zeigt dem Geschmack des H\u00f6rers, dann wird auch dieser geh\u00f6rt, zumindest ab und an. Wo die \u201eE\u201crnste Musik wieder zur Unterhaltung nebst entsprechender Rezeptionsform sich wandelt, hat diese Musik eine Zukunft. Als gelegentlicher Evergreen hat die \u201eE\u201c-Kultur eine Zukunft, im steifen Korsett, als unverr\u00fcckbare universale, zeitlose Kunst verstanden, ist der siechende Untergang ihr beschieden, der Tod der Kunst ausgemacht, vielleicht sogar schon vollzogen, und nur die letzten Zuckungen werden noch mit Lebendigkeit verwechselt.<br \/>\nDie Zeit der scheinbar wissenden und doch nur tr\u00e4umenden Oberlehrer ist in einer mehr realit\u00e4tsfesten Gesellschaft vorbei. Realit\u00e4tsfester hei\u00dft nun sicher nicht, dass man sich gegenw\u00e4rtig nicht in virtuellen Welten verlieren kann, ganz im Gegenteil: In der Regel aber wei\u00df man um die Gemachtheit dieser Welten, man kann sich die Welt, in der man leben will, aussuchen. Sie ist nicht statisch wie im \u201eE\u201c-Universum vorgegeben, wo man dem Einzigartigen, Universalen huldigte und dabei unwiederbringlich in der Irrationalit\u00e4t des Postfaktischen versank. Man kann fast die Formel aufmachen: Je mehr Gesellschaft von traumhaften, virtuellen Dingen wie Undingen durchdrungen wird, umso weniger verliert man sich in Tr\u00e4umen, die die Wirklichkeit an sich abbilden sollen.<\/p>\n<p><strong>Die Fachdisziplin Musik und der musikalische Analphabetismus<\/strong><br \/>\nDie Fachdisziplin Musik hat sich damit abzufinden, dass paradoxerweise das postfaktische Zeitalter f\u00fcr die postfaktischen Erz\u00e4hlungen aus dem Raum der Fachdisziplin Musik keinen Sinn mehr hat. Wen k\u00fcmmert es noch, wenn, ohne irgendwelche Belege angeben zu k\u00f6nnen, vom sittlichen Mehrwert der K\u00fcnste schwadroniert wird, von Musiken, die mit anderen Sph\u00e4ren kommunizieren soll u.a.m.?<br \/>\nWie aber reagiert die Fachdisziplin darauf? In der Regel wird geklagt und der alten Zeiten gedacht, als das eigene Tun noch gesellschaftsf\u00e4hig war. Unf\u00e4hig, sich der Musik der Gegenwart zu \u00f6ffnen, bosselte und bosselt nun die Mehrzahl der Vertreter der Fachdisziplin an marginalen Bruchst\u00fccken der Vergangenheit herum, verliert dabei zunehmend die Gegenwart aus den Augen und wei\u00df immer weniger \u00fcber das weite wachsende Feld der Musik zu sagen. Oder man verfertigt Redundanzereignisse wie z.B. Biografien zu Komponisten, zu denen schon mannigfaltige Biografien geschrieben worden sind. Verlegt werden sie gern zu runden Geburtstagen, auch Todestagen, damit \u00fcberhaupt wer sie kauft.<br \/>\nMan kann sagen: Gerade die Fachdisziplin Musik ist von einem grassierenden musikalischen Analphabetismus bedroht. W\u00e4hrend die Musik der Gegenwart m\u00e4andriert in allm\u00f6gliche Bereiche, sich weiter differenziert, spezifiziert, eben lebendig und ungest\u00fcm ist, keine ma\u00dfgeblichen Richtungen mehr kennt, verbleibt die Fachdisziplin prominent der Musik der Vergangenheit statisch treu verbunden, verliert man sich in Kleinoden oder streitet sich \u00fcber irgendwelche Nebens\u00e4chlichkeiten. Der musikalische Kosmos w\u00e4chst, die Fachdisziplin stellt sich diesem aber in gro\u00dfen Teilen nicht. Je mehr sich die Fachdisziplin von den musikalischen Realit\u00e4ten abschottet, um so weniger wei\u00df sie dazu Stellung zu nehmen. Wie sollte sie auch, fehlt ihr doch einerseits ein auch nur vager \u00dcberblick zur Musik, die klingt, und andererseits auch das methodische R\u00fcstzeug, einer Musik der Gegenwart relevant analytisch zu begegnen. Wo sollte das auch herkommen, wenn man nach wie vor gl\u00e4ubig zuvorderst symbolisch codierter Musik, also Notenereignissen und Partituren nachh\u00e4ngt, wo die Musik zu weiten Teilen sich davon wieder gel\u00f6st hat und das komplexe Rauschen des Realen regiert?<br \/>\nDas methodische R\u00fcstzeug mag geeignet sein, eine Sonatenhauptsatzform zu erforschen, mit demselben aber eine Soundarchitektur analysieren zu wollen, ist geradezu grotesk albern.<br \/>\nDas ist in etwa so, als ob, wer nur Englisch spricht, Gehaltvolles zu in deutsch verfassten, unverstandenen Schriften sagen will. Als Ergebnis befindet er, ignorant anderen Sprachen gegen\u00fcber und \u00fcbersch\u00e4tzend die eigene sowie den eigenen Wissenshorizont, dass sich in den deutsch gehaltenen Schriften ein verdammt schlechtes Englisch abbildet sowohl grammatikalisch als auch inhaltlich. So etwas mache doch \u00fcberhaupt keinen Sinn?, mag man staunend einwenden. Richtig! Und doch wird solches getan in der Fachdisziplin, wo man \u2013 fugen-\/sinfoniekundig sowie entsprechend methodisch aufgestellt \u2013 zum Blues, Techno, generell zur Popul\u00e4ren Musik sich analytisch verh\u00e4lt und zum trefflich negativen Urteile kommt. Wer umgekehrt den Blues lebt und umf\u00e4nglich mit diesem kompetenten Genre-Blick Beethoven beurteilte, k\u00e4me zu dem Schluss, dass Beethoven den Blues nicht hat und verdammt schlechte Blues-Musik geschrieben hat. Aber im Unterschied zu den Fachvertretern unter umgekehrten Vorzeichen k\u00e4me wohl kein Blues-Kenner auf eine so bl\u00f6de Idee.<br \/>\nAuch aus dieser mangelnden Lernbereitschaft, ein neues Methodenrepertoire sich zu erarbeiten, erw\u00e4chst so der musikalische Analphabetismus, von dem die Fachdisziplin im wachsenden Ma\u00dfe umfangen ist. Es fehlt ganz allgemein die Bereitschaft zum Lernen in der Fachdisziplin, und damit die F\u00e4higkeit, sich neue, musikalische Welten zu erschlie\u00dfen.<br \/>\nWo die gesellschaftliche Kommunikation l\u00e4ngst \u00fcber die Fachdisziplin hinweggefegt ist, die Fachdisziplin Musik den kommunikativen Anschluss verloren hat, ist sie von einer einst meinungsbildenden Disziplin zu einer sektiererischen Disziplin mutiert, die weitestgehend nur noch um sich selbst dreht. Wen k\u00fcmmert\u2019s noch, was dort betrieben und geschrieben wird? In dieser kleinen Welt der Fachdisziplin spielt die Verblendung notwendigerweise eine gewichtige Rolle. Sie ist so mit Blindheit geschlagen, merkt dies aber nicht einmal. Wo man nicht \u00fcber den eigenen musikalischen Tellerrand mehr hinausschaut, glaubt man weiter, dem Eigentlichen zuzuarbeiten, nicht registrierend, dass das ausgemachte Eigentliche Ergebnis der eigenen beschr\u00e4nkten Sicht ist. W\u00fcrde man sich nur der komplexen musikalischen Wirklichkeit stellen, w\u00fcrde das Eigentliche zum Nebens\u00e4chlichen sich wandeln. Wenn von au\u00dfen stirnrunzelnd gefragt wird, was man da denn eigentlich tut in der Fachdisziplin, sind die Antworten bestenfalls von Emp\u00f6rung getragen und von einem Nachtrauern nach alten Zeiten.<\/p>\n<p><strong>Schriftstellerisches Hobbytum oder: Leere Betriebsamkeit und das selbstbez\u00fcgliche Kreisen um sich selbst<\/strong><br \/>\nAber nicht einmal intern sind die emsig verfassten Schreiberzeugnisse zuweilen noch gro\u00df gefragt. Die gro\u00dfen Themen sind l\u00e4ngst abgegrast, was bleibt, sind die immer kleiner werdenden Fragestellungen. Zuweilen ist der Forschungsblick so klein gew\u00e4hlt, dass der Kollege\/die Kollegin nebenan das eigene Forschungsfeld schon nicht einmal mehr eines Blickes w\u00fcrdigt. Die selbstbez\u00fcgliche Sicht auf die eigene kleine Musikwelt, so reich sie auch beschrieben ist, ist demnach so ausgepr\u00e4gt, dass nicht einmal mehr der Blick auf die Schriften anderer aus der eigenen Fachdisziplin hinreichend get\u00e4tigt wird. So wird allein geschrieben, um des Schreibens willen, f\u00fcr einen groben \u00dcberblick und f\u00fcrs Lesen reichen die Zeit und das Interesse schon oft nicht mehr. Das hat zum einen mit der trotzdem gro\u00dfen Menge der zur Belanglosigkeit neigenden Publikationen zu tun. \u00bbDie schiere Masse der Produktion, die f\u00fcr den Einzelnen ungreifbar bleibt und mit jedem Versuch einer limitierenden Intervention nur noch weiter w\u00e4chst, frustriert nicht nur das Endlichkeitsbed\u00fcrfnis von sinnschaffenden Akten in Permanenz, sondern kommuniziert sich subjektiv als Absurdum, dem Gegenteil von Sinn. Der hermeneutische Zirkel wird zum Hamsterr\u00e4dchen, in dem sich abgestrampelt, aber kein Fortschritt erzielt wird\u00ab (Hans Neuhoff). Die Masse macht\u2019s.<br \/>\nEs gilt, auch deshalb m\u00f6glichst viel zu schreiben, um \u00fcber die opulente Literaturliste sich interessant zu machen f\u00fcr eine der raren Stellen im Raum der Fachdisziplin, die langsam, aber stetig abschmelzen. Der Grund zum Schreiben liegt daher manchmal auch weniger im Erkenntnisinteresse, sondern in der Stelle, die angestrebt wird. Ludwig Finscher, die Lichtgestalt der Fachdisziplin Musik und einst Herausgeber des MGG, schreibt: \u00bbJeder mu\u00df so viel und so schnell schreiben, da\u00df er nicht mehr zum Lesen kommt.\u00ab<br \/>\nDiese kleine Welt der Musik erscheint unf\u00e4hig, sich dem waltenden Kosmos der Musik zu \u00f6ffnen. Zwar bleibt man im Kreisen um sich selbst schriftstellerisch rege, bewegt aber nichts mehr, nicht einmal mehr in gr\u00f6bsten Umrissen. Man k\u00f6nnte auch so sagen: In der Fachdisziplin Musik geht so jeder seinem eigenen Hobby nach, was man gerne machen kann. Zum Problem aber ger\u00e4t, dass dieses Hobbytum von der Gesellschaft alimentiert wird. Hans Heinrich Eggebrecht hat kurz vor seinem Tode selbstkritisch zu Papier gebracht: \u00bbDas Altern der Musikhistoriographie zeigt sich \u00e4u\u00dferlich als Trend zu ihrer Verselbst\u00e4ndigung in sich selbst, wo sie im Starren auf ihre Objekte ein geschichtliches Konzept nicht mehr artikuliert, im Sog des Publikationsmarktes sich verschlei\u00dft, trotz Mammutkongressen unbeachtet bleibt, in der Uferlosigkeit beliebiger Details endlose F\u00e4den spinnt und der Gefahr erlegen ist, in unreflektierten Fragestellungen und Stoffbereichen im Schatten tradierter Motivationen gesch\u00e4ftig zu sein und in leerer Betriebsamkeit und B\u00fcrokratisierung Material zu h\u00e4ufen und zu verwalten\u00ab. Diese Analyse zum eigenen Fach hatte Hans Heinrich Eggebrecht in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts getroffen, nur um kurz vor der Jahrtausendwende zu bekennen, dass er die gleichen Worte f\u00fcr den Zustand des eigenen Faches wieder verwenden k\u00f6nnte. Resignierend stellt er fest: \u00bbDas k\u00f6nnte ich heute so \u00e4hnlich wieder schreiben\u00ab. Er wirft dem eigenen Fach vor \u00bbVerselbst\u00e4ndigung in sich selbst, Konzeptionslosigkeit, leere Betriebsamkeit\u00ab. Mit anderen Worten: Nichts bewegt sich trotz unerm\u00fcdlicher Bewegung, sprich: So bewegt sich das Fach zwar unerm\u00fcdlich, doch nichts bewegt sich. Bewegender Stillstand allein ist es, was das unerm\u00fcdlich schreibende Fach noch auszeichnet.<br \/>\nIm Jahre 2006 liest sich das Urteil von Claus-Steffen Mahnkopf zur Fachdisziplin Musik \u2013 jede diplomatische Wortakrobatik g\u00e4nzlich beiseite stellend \u2013 noch eindringlicher, wenn er das Fach beschreibt als \u00bbbeh\u00fctet im esoterischen Gefilde selbstbez\u00fcglicher Forschungszusammenh\u00e4nge\u00ab, dem es als gesellschaftlich wenig relevantes Fach erlaubt ist, \u00bbsich mit sich selber zu besch\u00e4ftigen.\u00ab Sein vernichtendes Urteil zur Fachdisziplin lautet, dass es r\u00fcckst\u00e4ndig und mittelm\u00e4\u00dfig aufgestellt ist. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind zu sehen, dass man mit einem wirklich wissenschaftlichen Gestus weiterhin fremdelt und den postfaktischen nach wie vor bedient, was meint, dass \u00bbMystizismus, Irrationalismus, \u203aMetaphysik\u2039, \u203aTiefe\u2039\u00ab (Mahnkopf) weiterhin die Stellschrauben sind, mit denen man glaubt, Musik relevant beschreiben zu k\u00f6nnen. Man erkennt in der Analyse leicht das romantische Erbe, das wie ein M\u00fchlstein die Fachdisziplin nach unten zieht und das einen prinzipiell nicht ausgeschlossenen wissenschaftlichen Gestus weiterhin l\u00e4hmt. Die Folge bleibt die nachhaltige Produktion von Fake-News, mit denen man sich selbst etwas vormacht. Im Unterschied zu den vielen anderen misslichen Fake-News, sind die aus der Fachdisziplin formulierten Fake-News aber kaum zum Teilen in den sozialen Netzwerken geeignet noch nachgefragt. Wie schreibt Hans Neuhoff: \u00bbDie Publikationen von Musikwissenschaftlern diffundieren nur schwach, die meisten \u00fcberhaupt nicht in die Strukturen des Musiklebens hinein\u00ab.<\/p>\n<p><strong>Modernit\u00e4tsfeindlich und reformunf\u00e4hig<\/strong><br \/>\nDer Ausweg aus der Krise ist von der Fachdisziplin allein kaum zu leisten. Selbstredend gibt es Vertreter, ein paar sind auch hier zitiert worden, die thematisch und methodisch anders aufgestellt sind, nur reicht es nicht zu einer das Fach mitrei\u00dfenden Meinungsf\u00fchrerschaft. Gelingen kann eine Reformation der Fachdisziplin im Grunde nur dann, wenn die Lehrst\u00fchle insbesondere f\u00fcr Historische Musikwissenschaft umgewidmet werden, man ihnen eine andere Denomination gibt, die an die Stelle des Historischen die Gegenwart stellt. Das Fach selbst ist konservativ aufgestellt, ja es ist ein \u201emodernisierungsfeindliches Fach\u201c, wie Neuhoff konstatiert, eine Reformation kann nur von au\u00dfen geleistet werden, indem man den selbstbez\u00fcglichen, autoreferentiellen Schreibfluss unterbricht und einen neuen in Szene setzt. Eine gutgemeinte Anregung von Seiten der Politik z.B., als Institut geschlossen zu werden, wenn man weitermacht wie bisher oder andernfalls sich zu ver\u00e4ndern, kann da schon Wunder wirken. Helfen kann auch, wenn bei Verfahren zur Besetzung von Stellen Kommissionsmitglieder von au\u00dfen bestellt werden. Historische Musikwissenschaftler werden kaum von sich aus auf die Idee kommen, frei werdende Stellen umzuwidmen und so sich selbst abzuschaffen. Auch die \u00d6ffnung zu den Naturwissenschaften kann gerade f\u00fcr die Fachdisziplin heilend wirken sowohl inhaltlich als auch wissenschaftsmethodologisch. Der Weg zu einer wirklichen Wissenschaft k\u00f6nnte so geebnet werden. Das alles wird vielen im Fach nicht gefallen, die Medizin nicht schmecken, aber wer sagt, dass eine Medizin schmecken soll, heilen oder zumindest helfen soll sie doch. Und helfende, vielleicht gar heilende H\u00e4nde hat die Fachdisziplin dringend n\u00f6tig.<br \/>\nDer Verabschiedung romantischer Tr\u00e4umerei, von \u201eE\u201crnsten Musiken getragen, kann so der Weg geebnet werden. Auch kann man so neue inhaltliche sowie methodologische Impulse setzen. Zwar \u00f6ffnen sich zuweilen, aus der Not geboren und durch Ansto\u00df von au\u00dfen, auch heute manche Institute neuen, aktuellen Themen, heften sich neue Etiketten an, die gegenwartstauglich scheinen, doch hinter den Etiketten verbleibt dann doch im Gro\u00dfen und Ganzen alles beim Alten. Den Orgelfachmann, der den Lehrstuhl f\u00fcr Musik und Neue Medien besetzt, den soll es schon gegeben haben. So mancher Student, manche Studentin hat sich schon wundern d\u00fcrfen, was hinter Etiketten zum Vorschein kam. Es bedarf also auch der von au\u00dfen geleiteten, helfenden Kontrolle, dass das Etikett auch mit Inhalten gef\u00fcllt wird. Wenn man von au\u00dfen in das Fach hineinregiert, ihm hilft, sich zu erneuern, kann auf Dauer endlich Wissenschaft werden, was in gro\u00dfen Teilen dem Postfaktischen sich verschrieben hat und den romantischen Traum lebt. Es w\u00e4re dem Fach zu w\u00fcnschen, aus diesem Traum endlich aufzuwachen, der es von Anbeginn mit einem l\u00e4hmenden, immer wieder &#8222;Fake-News&#8220; produzierenden Schleier umf\u00e4ngt. Dann kann man endlich auch guten Gewissens von einer \u201eMusikwissenschaft\u201c reden, wo man heute besser von der postfaktischen Fachdisziplin Musik reden sollte, um Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Wer Genaueres zu den hier kursorisch abgesteckten Gedanken wissen will, der sei verwiesen auf mein Buch \u201eAls Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen. Vom Neu-Humanismus als Leitkultur, von der Wissenschaft der Musik und von anderen Missverst\u00e4ndnissen.&#8220; G\u00f6ttingen (V&amp;R) 2016.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag von Prof. Dr. Norbert Schl\u00e4bitz (Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t M\u00fcnster) Postfaktisch ist zum Wort des Jahres 2016 ausgelobt worden. 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