{"id":4422,"date":"2017-02-22T16:50:22","date_gmt":"2017-02-22T15:50:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=4422"},"modified":"2017-02-22T16:50:22","modified_gmt":"2017-02-22T15:50:22","slug":"buch-how-music-got-free-von-stephen-witt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/02\/22\/buch-how-music-got-free-von-stephen-witt\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eHow Music got free\u201c von Stephen Witt"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/HowMusic.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4421\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/HowMusic-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/HowMusic-196x300.jpg 196w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/HowMusic.jpg 326w\" sizes=\"(max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a>Stephen Witt ist amerikanischer Journalist und hat im Sommer 2015 mit \u201cHow Music got free\u201c sein erstes umfangreiches Sachbuch ver\u00f6ffentlicht. Kurz darauf erschien das Buch mit gleichnamigem Titel in deutscher \u00dcbersetzung, ein darauf Jahr nun die englischsprachige Taschenbuchausgabe. Das Buch tr\u00e4gt den Untertitel \u201eA Story of Obsession and Invention\u201c und Witt beschreibt darin detailliert und sachkundig den revolution\u00e4ren Wandel den Digitalisierung, MP3-Format und die M\u00f6glichkeiten des Internets auf die globale Musikindustrie und letztlich die ganze Gesellschaft hatten.<\/p>\n<p>Witt erkl\u00e4rt bereits in der Einleitung, dass er diese aufregenden Zeiten des medialen Wandels als junger Student und aktiver Filesharer selbst miterlebt hat. Jahre sp\u00e4ter hat er sich dann f\u00fcr die Protagonisten und deren Motivation interessiert und ist dem in intensiver und nicht immer einfacher Recherche nachgegangen. Er hat die spannende Erz\u00e4hlung auf verschiedene Blickwinkel verteilt um die Geschehnisse greifbarer zu machen. Zentrale Handlungsstr\u00e4nge sind die Geschichten der Figuren Karlheinz Brandenburg (Forscher am Erlanger Fraunhofer Institut und Entwickler des MP3-Formats), Bennie Lydell Glover (Mitarbeiter eines amerikanischen CD-Presswerks, aktiver Leaker und Filesharer) und Doug Morris (CEO diverser globaler Medienkonglomerate), dazu kommen passagenweise weitere Akteure wie Shawn Fanning (Napster), Alan Ellis (Oink) u.a.<!--more--><\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung beginnt mit der Entwicklung des MP3-Formats und der langwierigen Entfaltung ihrer Wirkungskraft. Es werden die Umst\u00e4nde in damaligen Presswerken und das etablierte Gesch\u00e4ftsmodell der Musikindustrie beschrieben. Selbstverst\u00e4ndlich spielen auch die ersten Sharingplattformen und herausragende Leaks eine tragende Rolle. Witt ist bestens informiert und schreibt kenntnisreich und eloquent. Es gelingt ihm auch trockene Materien, z.B. Laborversuche, Entwicklerkonferenzen und Patentrechtsverhandlungen wie einen spannenden Kriminalroman zu erz\u00e4hlen und im Grunde ist es zusammengenommen ja auch genau das. Immer wieder scheint er sich allerdings Details zu verlieren, zitiert Dialoge und n\u00e4here Umst\u00e4nde, die er nicht kennen kann und ganz offensichtlich geschmacksverst\u00e4rkend hinzugef\u00fcgt hat. Wesentliche Sachinformationen sind davon allerdings an keiner Stelle betroffen, somit bleibt er dem Stil der klassischen amerikanischen Non-Fictional Novel im Grunde treu. Witt h\u00e4lt die Chronologie der Handlung im wesentlichen ein, als zeitliche Marker dienen die diversen Leaks und bekannten V\u00d6s von Rap-, Rock- und Popalben, die r\u00fcckblickend taggenau datiert werden k\u00f6nnen. Zus\u00e4tzlich zu den aufw\u00e4ndigen Interviews, werden auch Artikel aus Fachmagazinen und Protokolle von Gerichtsverhandlungen verwendet.<\/p>\n<p>Gerade in der englischen Version braucht man Leser allerdings schon ein erweitertes Erkenntnisinteresse und einen langen Atem bzw. viel Sitzfleisch. Ausdauer wird jedoch belohnt, Witt leistet ganze Arbeit, das Ergebnis ist beeindruckend und es w\u00e4re nicht verwunderlich, wenn aus dieser literarischen Vorlage in nicht allzu ferner Zeit ein spannender Hollywoodfilm entstehen w\u00fcrde w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Autor l\u00e4sst tief Blicken in die medialen und technischen Bedingungen der beschriebenen fr\u00fchdigitalen \u00c4ra, h\u00e4lt sich aber mit Bewertungen und Urteilen auff\u00e4llig zur\u00fcck. Das mag daran liegen, dass er wie erw\u00e4hnt selbst als Filesharer aktiv war. Es wird aus der Geschichte aber auch deutlich, dass der Ablauf in seiner Konsequenz historisch unvermeidlich war und daher eine Aburteilung der Aktivit\u00e4ten Einzelner billig w\u00e4re und dem Thema nicht gerecht werden w\u00fcrde. Dieselben Unternehmen die digitale Kopien von gepressten CD-Alben verhindern wollten, verkauften ihren Kunden auch CD-Brenner und Rohlinge, dieselben Unternehmen, die Internetverbindungen anboten, wollten den Kunden den Austausch von Daten \u00fcber digitale Netzwerke verbieten. Computer-Nutzer zahlten verdeckte Lizenzen f\u00fcr Codierprogramme und sollten gleichzeitig durch Blockadesperren daran gehindert werden bezahlte, eigene CDs auf ihren Rechner zu ziehen, zu komprimieren und\/oder auf mobilen Playern zu nutzen.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4tere Erfindung von iPod, Downloadportalen, Smartphones und Streaming zeigt wie hoffnungslos dieser Kampf gewesen ist und welche Potentiale die Vertreter der gro\u00dfen Medienunternehmen nicht erkannten oder lange Zeit nicht kommerziell nutzbar konnten, stattdessen wurde die eigene Kundschaft kriminalisiert ohne ihnen eine funktionierende, kommerzielle Alternative zu bieten. So gesehen waren die Piraten der ersten Stunde wegweisende Pioniere, die etliche technische Entwicklungen erstmals konsequent anwendeten und so die Vorteile der Digitalisierung selbst noch dem letzten, minderj\u00e4hrigem Nutzer vor Augen f\u00fchrten. Hat nur etwas gedauert bis die Industrie das kapierte, nachzog und wieder Profit daraus ziehen konnte. Die gesamte Medienlandschaft und die Art des Musikkonsums hat sich im Zuge diese Entwicklung unumkehrbar ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Eine nachvollziehbare Erz\u00e4hlung dieser bedeutsamen Geschichte war \u00fcberf\u00e4llig und hat einen hohen Lehr- und Unterhaltungswert. Interessant daran ist vor allem, dass es anders war, als man erwartet h\u00e4tte bzw. als das Narrativ der Unterhaltungsindustrie es gegen\u00fcber den Endverbrauchern dargestellt hat (\u201eCopy kills Music\u201c). Die gro\u00dfen Player standen der Entwicklung vorwiegend im Weg, ma\u00dfgeblich angetrieben wurde sie von einer handvoll spleeniger Einzelk\u00e4mpfer, die sich zum allergr\u00f6\u00dften Teil nicht einmal pers\u00f6nlich kannten: Sie sind die \u201aUnsung Heroes of the Digital Revolution\u2019.<\/p>\n<p>Fazit: Ein sehr anregendes Buch \u00fcber ein entscheidendes St\u00fcck Mediengeschichte, deren Auswirkungen wohl so gut wie jeden betreffen. Empfehlenswert f\u00fcr Medienhistoriker, Kulturwissenschaftler, Musikforscher, genaugenommen eigentlich f\u00fcr jeden der Ohren hat zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das englische Taschenbuch erscheint bei Penguin und kostet 14,99 Euro. Die gebundene deutsche Ausgabe erscheint bei Eichborn f\u00fcr 19,99 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stephen Witt ist amerikanischer Journalist und hat im Sommer 2015 mit \u201cHow Music got free\u201c sein erstes umfangreiches Sachbuch ver\u00f6ffentlicht. Kurz darauf erschien das Buch mit gleichnamigem Titel in deutscher \u00dcbersetzung, ein darauf Jahr nun die englischsprachige Taschenbuchausgabe. Das Buch &hellip; <a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/02\/22\/buch-how-music-got-free-von-stephen-witt\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,11,8,21,15,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4422"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4422"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4422\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}