{"id":4580,"date":"2017-04-10T12:45:43","date_gmt":"2017-04-10T10:45:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=4580"},"modified":"2017-04-10T12:45:43","modified_gmt":"2017-04-10T10:45:43","slug":"buch-die-grosse-aufstiegsluege-von-suat-yilmaz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/04\/10\/buch-die-grosse-aufstiegsluege-von-suat-yilmaz\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eDie grosse Aufstiegsl\u00fcge\u201c von Suat Yilmaz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/DieGrosseAustiegsl\u00fcgeCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4579\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/DieGrosseAustiegsl\u00fcgeCover-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/DieGrosseAustiegsl\u00fcgeCover-187x300.jpg 187w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/DieGrosseAustiegsl\u00fcgeCover.jpg 312w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a>Suat Yilmaz ist t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Deutscher der zweiten Generation. Er wurde 1978 in der T\u00fcrkei geboren, nach der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland wuchs er im Ruhrgebiet auf, machte Abitur und studierte, nach einem kleinen akademischen Umweg, Sozialwissenschaft. Heute arbeitet er als Talentscout f\u00fcr die Westf\u00e4lische Hochschule und unterst\u00fctzt benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene in Schule und Studium.\u00a0Durch seine pers\u00f6nliche Herkunft und berufliche T\u00e4tigkeit hat Yilmaz einen besonderen Einblick in viele Einzelschicksale. Die Erfahrungen seines eigenen Lebenslaufs und viele seiner Beobachtungen hat er nun in dem Buch \u201eDie grosse Aufstiegsl\u00fcge\u201c zusammengefasst.<!--more--><\/p>\n<p>Das Thema Bildungsgerechtigkeit liegt sp\u00e4testens seit der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 offen auf dem Tisch und die problematische Situation wurde seit dem alle drei Jahre (2003, 2006, 2009, 2012) mehr oder weniger best\u00e4tigt. Insbesondere bei der sozialen Durchl\u00e4ssigkeit ist Deutschland dauerhaft Schlusslicht im internationalen Vergleich. Das hei\u00dft, dass es hierzulande statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Kind im Laufe seiner Bildungskarriere aus seinen sozio-\u00f6konmischen Verh\u00e4ltnissen ausbricht und das gilt in beide Richtungen. Akademikerkinder werden selbst Akademiker, Arbeiterkinder bleiben Arbeiterkinder, Kinder von Sozialhilfeempf\u00e4ngern dito, ihre individuelle Begabungen, Interessen, F\u00e4higkeiten und Leistungsbereitschaft spielen in unserem deutschen Bildungs- und Bildungsbewertungssystem dagegen kaum eine Rolle.<\/p>\n<p>Der provokante Titel des Buches von Yilmaz ist ung\u00fcnstig gew\u00e4hlt, denn er f\u00fchrt in die Irre. In einer gerechten Gesellschaft gibt es selbstverst\u00e4ndlich keine Aufstiegsgarantie und es bleibt auch unklar wer dar\u00fcber gelogen haben soll. Auch werden die Kinder nicht, wie im Untertitel formuliert, \u201eum ihre Zukunft betrogen\u201c, sondern viel mehr ihre Potentiale nicht gef\u00f6rdert und ihre Entwicklungsm\u00f6glichkeiten ausgebremst.<\/p>\n<p>Yilmaz hat schon Recht, wenn er die altbekannten Argumente vorzieht und aus seiner pers\u00f6nlichen Erfahrungsebene heraus betrachtet. Als Talentscout einer Hochschule steht er an vorderster Front und verf\u00fcgt \u00fcber erstaunlich detaillierte Einblicke in die Lebensumst\u00e4nde seiner Sch\u00fctzlinge. Man sp\u00fcrt, wie sehr er mit dem Herzen dabei ist und f\u00fcr die gute Sache k\u00e4mpft. Er kann auch auf etliche kleine Erfolge verweisen, Begegnungen bei denen seine Unterst\u00fctzung Einzelschicksale deutlich zum Positiven beeinflusst hat.<\/p>\n<p>Sein Blickwinkel bleibt dabei fast ausnahmslos der des Migrantenkindes. Ethnische Herkunft spielt bei seinem Verst\u00e4ndnis von Bildungsbenachteiligung eine herausragende Rolle. So wird in jedem seiner Beispiele genau benannt, ob es sich um ein Zuwandererkind oder einen sog. \u201eHerkunftsdeutschen\u201c handelt, obwohl er doch angeblich genau diese Kategorisierung aufheben will. Dass auch andere Faktoren wie Bildungsniveau, Einkommen, Wohnort, Gesundheit, Familienstand der Eltern fulminanten Einfluss haben, ist ihm selbstverst\u00e4ndlich bewusst, f\u00e4llt in den angef\u00fchrten Beispielen aber immer mal wieder unter den Tisch.<\/p>\n<p>Yilmaz Argumentation ist richtig und plausibel, aber leider nicht neues, die Situation d\u00fcrfte jedem einigerma\u00dfen interessierten Beobachter bestens bekannt sei. Seine vielen Beispiele machen das zwar anschaulicher und nachvollziehbarer als die oft zitierten Tabellen und Tortendiagramme der oben genannten Bildungsstudie, aber so wirklich weiter helfen tut das auch nicht. Yilmaz zitiert wiederholt das deutsche Grundgesetzt, engagiert sich pers\u00f6nlich und beruflich, fordert pers\u00f6nliches, nachbarschaftliches und ehrenamtliches Engagement von anderen und damit liegt es sicher nicht falsch. Allerdings wirken seine gebetsm\u00fchlenartigen Appelle auf Dauer etwas erm\u00fcdend, denn die Grundaussage seines Textes hat man als Leser eigentlich schon nach dem Vorwort begriffen.<\/p>\n<p>Erstaunlich ist dagegen, dass der Autor keine einzige Bildungsstudie n\u00e4her betrachtet und\/oder erl\u00e4utert und auch die staatlichen Organe nicht konkret in die Pflicht nimmt. Im kompletten Buch wird z.B. nicht mal am Rande erw\u00e4hnt, dass Bildung in Deutschland L\u00e4ndersache ist und somit die Berliner Parlamentarier nicht allzuviel Handhabe haben. \u00dcber das Buch hinweg finden sich immer wieder Listen mit stichpunktartigen Forderungen. Alles richtig und aller Ehren wert, leider sind die Einzelpunkte sehr allgemein und unverbindlich formuliert. Ein gemeinsamer Nenner, auf den sich h\u00f6chstwahrscheinlich alle einigen k\u00f6nnten ohne wirkliche Konsequenzen daraus ziehen zu m\u00fcssen. Da h\u00e4tte man sich von einem erfahrenen und engagierten Sozialwissenschaftler dann vielleicht doch etwas mehr konkrete politische, vielleicht auch juristische Ma\u00dfnahmen gew\u00fcnscht. Pers\u00f6nliches Engagement sch\u00f6n und gut, aber das sagt sich nat\u00fcrlich leicht f\u00fcr einen Talentscout, der hauptberuflich gut f\u00fcr das F\u00f6rdern von Sch\u00fclern und Studenten bezahlt wird. Die meisten Eltern d\u00fcrften vollauf damit besch\u00e4ftigt sein, die eigenen Kinder halbwegs unbeschadet durch den Irrsinn des deutschen Bildungssytems zu lotsen. Denen nun auch noch die F\u00fcrsorge f\u00fcr benachteiligte Nachbarskinder aufzuerlegen kann sicher nicht die L\u00f6sung sein. Selbstverst\u00e4ndlich w\u00e4re entsprechende Ver\u00e4nderungen vorzunehmen die ureigenste Aufgabe von Bildungspolitikern der deutschen Bundesl\u00e4nder, insbesondere der Kultusminister. Wer sonst k\u00f6nnte richtungweisende und verbindliche Schritte vornehmen? Das ger\u00e4t bei Yilmazs Betrachtung leider total aus dem Fokus und ist daher auch eine wirkliche Schw\u00e4che der Argumentation.<\/p>\n<p>Abgesehen davon liegt er mit der grunds\u00e4tzlichen Einsch\u00e4tzung der augenblicklichen Situation sicher richtig. Auch weist er immer wieder darauf hin, dass unserere Gesellschaft angesichts der erh\u00f6hten Zahl von asylberechtigten Zuwanderern aus z.B Syrien einer neuen bildungspolitischen Herausforderung gerecht werden muss, wenn man kulturelle Spannungen bereits im Ansatz entsch\u00e4rfen will.<\/p>\n<p>Fazit: \u201eDie grosse Aufstiegsl\u00fcge\u201c beschreibt die deutsche Bildungsungerechtigkeit aus der pers\u00f6nlichen Sicht eines t\u00fcrkischst\u00e4mmigen Talentscouts. Die Erz\u00e4hlperspektive ist authentisch, das Grundproblem allerdings bereits l\u00e4ngst bekannt. Neue L\u00f6sungswege werden leider nicht aufgezeigt.<\/p>\n<p>Das gebundene Buch erscheint bei Eichborn und kostet 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Suat Yilmaz ist t\u00fcrkischst\u00e4mmiger Deutscher der zweiten Generation. Er wurde 1978 in der T\u00fcrkei geboren, nach der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland wuchs er im Ruhrgebiet auf, machte Abitur und studierte, nach einem kleinen akademischen Umweg, Sozialwissenschaft. Heute arbeitet er &hellip; <a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/04\/10\/buch-die-grosse-aufstiegsluege-von-suat-yilmaz\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,11,21,10,17],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4580"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4580"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4580\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4580"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4580"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4580"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}