{"id":4693,"date":"2017-05-30T08:36:34","date_gmt":"2017-05-30T06:36:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=4693"},"modified":"2017-05-30T08:36:34","modified_gmt":"2017-05-30T06:36:34","slug":"buch-als-musik-und-kunst-dem-bildungstrauma-erlagen-von-norbert-schlaebitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/05\/30\/buch-als-musik-und-kunst-dem-bildungstrauma-erlagen-von-norbert-schlaebitz\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eAls Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen\u201c von Norbert Schl\u00e4bitz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/AlsMusikUndKunstCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-4692\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/AlsMusikUndKunstCover-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/AlsMusikUndKunstCover-200x300.jpg 200w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/AlsMusikUndKunstCover.jpg 334w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Norbert_Schl\u00e4bitz\">Norbert Schl\u00e4bitz<\/a> ist leitender Professor des Faches Musikp\u00e4dagogik an der Westf\u00e4lischen-Universit\u00e4t M\u00fcnster. Seit vielen Jahren ver\u00f6ffentlicht er Arbeitshefte und Schulb\u00fccher f\u00fcr die F\u00e4chern Deutsch (EinFach Deutsch) und Musik (O-Ton). \u201eAls Musik und Kunst dem Bildungstraum(a) erlagen\u201c erscheint bei V&amp;R unipress und tr\u00e4gt den Untertitel \u201eVom Neuhumanismus als Leitkultur, von der \u00bbWissenschaft\u00ab der Musik und von anderen Missverst\u00e4ndnissen\u201c.\u00a0Die umfangreiche Schrift ist nichts weniger als eine fundamentale und knallharte Systemkritik. Aus dem Blickwinkel eines progressiven Geistes- und Musikwissenschaftlers stellt Schl\u00e4bitz das \u00fcberlieferte, deutsche Bildungsideal in Frage und zerlegt es nach allen Regeln der argumentatorischen Kunst in seine Bestandteile. Im Zentrum der Betrachtung steht dabei der Humboldt\u2019sche Bildungshumanismus, den er als wirkm\u00e4chtige Ideologie ohne Realit\u00e4tsbezug versteht, die zu Ignoranz, Arroganz und Ausgrenzung f\u00fchrt.<!--more--><\/p>\n<p>Das Buch beginnt mit einer ausf\u00fchrlichen Einleitung, in der die Ausgangslage dargelegt und die weitere Vorgehensweise umrissen wird. Es folgen dreizehn Kapitel: Kritik der Medien, Bildungsfantasien, Bildungspraxen, Das Inhumane humaner Bildung, Musik als Sprache, Komplexit\u00e4tsl\u00fcge, Vom Wortlaut der Schrift, Lesbarkeit der Partituren, Geburt der Musikwissenschaft, \u201eE\u201c und \u201eU\u201c, Gegenstand der Fachdisziplin, Fachdisziplin Musik, \u201eR\u00fccksturz zur Erde\u201c, Aufbruch zu einer \u201etranshumanistischen\u201c Bildung.<\/p>\n<p>Wortreich, sachlich und belegt durch viele Beispiele erkl\u00e4rt Schl\u00e4bitz in den ersten Kapiteln des Buches, was das Humboldt\u2019sche Bildungsideal genau ist, woher die Idee stammt, wie sie gedacht war und was sie bewirken sollte. Gleichzeitig geht er damit aber bereits kritisch ins Gericht und zeigt auf wie wenig diese Ideale mit den damaligen oder gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Zust\u00e4nden zu tun haben. Eine zentrale, bildungshumanistische Idee ist es beispielsweise, dass die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Betrachtung vermeintlicher kultureller Gro\u00dftaten den Sinn f\u00fcr das Gute, Edle, Sch\u00f6ne entwickelt und der Mensch so auch selbst besser, edler und sch\u00f6ner (?) wird. Deswegen werden Sch\u00fcler bis zum heutigen Tag an h\u00f6heren Schulen mit Latein und Altgriechisch, Literatur-, Kunst- und Musikgeschichte gequ\u00e4lt, m\u00fcssen Theater-, Ausstellungs-, und Konzertbesuche \u00fcber sich ergehen lassen, auch wenn sie damit in den seltensten F\u00e4llen etwas anfangen k\u00f6nnen und die Zwangsma\u00dfnahme meist sogar einen gegenteiligen Effekt hat. Schl\u00e4bitz belegt genauestens, dass Generationen von Sch\u00fclern durch entsprechende Inhalte eben genau nicht besser und edler geworden sind, sondern ignoranter, arroganter und ablehnender. Und diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern systematische Folge der zugrunde liegenden Idee: Wenn es, vorzugsweise in der Vergangenheit, zeitlose, idealtypische kulturelle Werte gibt (Griechen, R\u00f6mer, Mitteleuropa), gibt es auf der anderen Seite, vorzugsweise in der Gegenwart, auch irrelevante, zu vernachl\u00e4ssigende, unterkomplexe Werte (Afrika, Asien, Amerika, Australien). Von diesen grunds\u00e4tzlichen \u00dcberheblichkeitsgedanken waren u.a. Missionierung, Kolonialisierung, nationale Auseinandersetzungen und zwei f\u00fcrchterliche Weltkriege gepr\u00e4gt. Am deutschen Wesen sollte die Welt genesen.<\/p>\n<p>Im Folgenden n\u00e4hert sich der Autor der speziellen Situation seines Fachgebiets Musikwissenschaft\/-p\u00e4dagogik und dekonstruiert argumentatorisch geschickt, immer wieder auch stark polemisch einige der zentralen, ungepr\u00fcften Mythen der Disziplin. Dazu geh\u00f6ren u.a. der angeblich so enge Zusammenhang zwischen Musik und Sprache, die r\u00fcckhaltlos positive Bewertung von Komplexit\u00e4t in jeglicher Form und die gleichzeitige Abwertung von Einfachem (Unterkomplexem), die \u00dcbergewichtung von notierter Musik und die Vernachl\u00e4ssigung nicht-notierter Musik, der z.T vollkommen irrwitzige und \u00e4u\u00dferst unkonkrete musikwissenschaftliche Sprachduktus, die konstruierte und nur im deutschsprachigen Raum gebr\u00e4uchliche Unterscheidung in \u201eE\u201c und \u201eU\u201c und nicht zuletzt der Problemkomplex \u201eNeue Musik\u201c. Diese Themen werden in einem ausufernden Mittelteil aufgearbeitet und ausf\u00fchrlich dargelegt.<\/p>\n<p>Schl\u00e4bitz ist ein begabter Polemiker und es ist sehr anregend und unterhaltsam zu verfolgen, wie konsequent er seine Kritikpunkte zu Ende denkt und auch auf Papier bringt. Zum Teil f\u00fchrt das zu weitreichenden Feststellungen und Forderungen, z.B. wenn er die Schlie\u00dfung oder zumindest komplette Neuausrichtung musikwissenschaftlicher Institute in Deutschland fordert oder die Streichung der finanziellen F\u00f6rderungen f\u00fcr \u201eNeue Musik\u201c um damit eine Hinwendung zu gesellschaftlichen Realit\u00e4ten und Erfordernissen zu bewirken. Es bleibt zu vermuten, dass er mit diesen krassen, im Grunde aber durchaus nachvollziehbaren Forderungen bei Fachkollegen auf massive Ablehnung st\u00f6\u00dft. Es ist \u00e4u\u00dferst erfreulich, dass er dennoch so offen, k\u00fchn, ja fast todesmutig aufspricht, dabei h\u00e4lt er sich mit pers\u00f6nlichen Angriffen und pers\u00f6nlichen Anekdoten auff\u00e4llig zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Auch wenn es passagenweise den Anschein hat, verliert sich der Autor nicht in seiner gnadenlosen Kritik, sondern bleibt immer souver\u00e4n und bietet im letzen Kapitel mit der Idee einer transhumanistischen Bildung einen konzeptionellen Ausblick, der einige Eckpfeiler f\u00fcr die dringend angeratene Erneuerung setzt. Zentrale Idee ist es, dass Sch\u00fcler und Studenten das selbst\u00e4ndige Lernen erlernen und das ist eine Forderung, die direkt an die urspr\u00fcnglichen Vorgaben von Humboldt anschlie\u00dft. Es ist daf\u00fcr entscheidend zu verstehen, dass wir nicht weiterhin mit einem absoluten Kultur- und Wertesystem in eine ideale Vergangenheit zur\u00fcckblicken, sondern dass wir die dynamisch sich ver\u00e4ndernden Kultur- und Wertesysteme der Gegenwart und Zukunft betrachten und sie wahrnehmen, betrachten, genie\u00dfen, analysieren, interpretieren, bewerten, nutzbar machen, transferieren usw. Schl\u00e4bitz argumentiert, dass wir uns bzgl. Bildungsverbreitung mitten in einer entscheidenden Zeitenwende befinden. Die umfassenden Ver\u00e4nderungen der Digitalisierung und ihre Folgen empfindet er als \u00e4hnlich revolution\u00e4r und wegweisend wie die Gutenberg\u2019sche Erfindung des Buchdrucks und der Vergleich leuchtet ein. Sp\u00e4testens jetzt m\u00fcssen Kinder, Jugendliche und Studenten auf die neuen Bedingungen vorbereitet werden. Informationen, Wissen, Produktionsmittel und Verbreitungsmedien stehen uns in einer digitalen Welt ungefiltert und gr\u00f6\u00dftenteils frei zur Verf\u00fcgung. Wir m\u00fcssen uns orientieren, bzw. die Bef\u00e4higung zur Orientierung erlernen, Erfahrungen sammeln, ein Gef\u00fchl, einen eigenen Geschmack entwickeln, Beurteilungskriterien und Standpunkte festlegen, folgenreiche Entscheidungen in einer sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernden Welt treffen, aber auch eigene Meinungen immer wieder \u00fcberpr\u00fcfen und bei Bedarf revidieren. Wir m\u00fcssen Stimmungen aufgreifen, kritisch hinterfragen, essentielle Informationen sammeln, irrelevantes Wissen zur Seite legen, aber bei Bedarf darauf zur\u00fcckgreifen. Wir m\u00fcssen lernen mit neuen Medien umzugehen, vielleicht auch lernen sie nicht zu nutzen, wie m\u00fcssen Fake-News von belegten Fakten unterscheiden und wir m\u00fcssen akzeptieren, dass es l\u00e4ngst keine vermeintlich ewig richtigen Wahrheiten mehr gibt, dass was heute richtig erscheint, morgen falsch sein kann und dass sich alles immer ver\u00e4ndert und wir uns mitver\u00e4ndern. Dabei hilft kein \u201eBellum Gallicum\u201c, kein Shakespear\u2019sches Sonett und keine Sonatenhauptsatzform, sondern nur offensive, aufgekl\u00e4rte Auseinandersetzung. Manchmal hat man heutzutage den Eindruck Kinder und Jugendliche sind da schon wesentlich weiter als die meisten Gelehrten der akademischen Institutionen.<\/p>\n<p>Bei aller Sympathie f\u00fcr die berechtigten Ausf\u00fchrungen des Autors muss an dieser Stelle Kritik an Sprache und Stil ge\u00fcbt werden. Allein die schiere L\u00e4nge des Textes (gut 400 engbedruckte Seiten, 5 Abbildungen s\/w) ist f\u00fcr moderne Leser eigentlich eine Zumutung. Hinzu kommen die elend langen Haupt- und Nebensatzkonstruktionen, oft mit (vermutlich im Lateinunterricht) erlernten Partizipienkonstruktionen. Da hat anscheinend die Lekt\u00fcre von musikwissenschaftlichen Texten aus dem 19. Jahrhundert stark auf den Schreibstil des Autors abgef\u00e4rbt. Der Stil ist zwar eloquent und fein geschliffen, aber beim besten Willen nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Das f\u00e4llt besonders auf, weil der Inhalt doch so modern und progressiv ist. Jedem Studenten h\u00e4tte man gesagt: Fass dich k\u00fcrzer, formuliere es pr\u00e4gnanter, straffe die Aussage. Naja, vielleicht f\u00fcr den Autor ein Grund mehr auch auf dieser Ebene die alte Denke zu \u00fcberwinden und sich stilistisch der Gegenwart und Zukunft zuzuwenden. Ein n\u00e4chstes sinnvolles Projekt w\u00e4re: Die \u00dcbersetzung der wertvollen Gedanken in zeitgem\u00e4\u00dfe, pr\u00e4gnante Sprache inkl. bildungspolitischen Forderungen und das auf 120 knackigen Taschenbuchseiten. So, dass es auch ganz normale Menschen lesen und verstehen k\u00f6nnen. Was n\u00fctzt ein kluger, kritischer Text, wenn er stilistisch unnahbar und rein vom Umfang her schlicht kaum zu bew\u00e4ltigen ist? (Der Rezensent hat mit Unterbrechungen mehrere Monate f\u00fcr die komplette Lekt\u00fcre gebraucht, eine sch\u00f6ne Qu\u00e4lerei).<\/p>\n<p>Fazit: Schl\u00e4bitz ist mit seinem Buch ein wichtiger Beitrag zu bildungspolitischen Entwicklung gelungen und man kann sich nur w\u00fcnschen, dass viele verantwortliche Professoren, Lehrer und Bildungspolitiker seinen Text, notfalls auch nur ausschnittsweise, lesen. Freilich sind seine Forderungen bzgl. Wandel zum transhumanistischen Ideal extrem, ja fast schon umst\u00fcrzlerisch. Andererseits muss man aber auch sehen, dass insbesondere die deutsche Musikwissenschaft sich gedanklich (und sprachlich) gr\u00f6\u00dftenteils immer noch im 19. Jahrhundert befindet, seit Jahrzehnten jeglichen gedanklichen Fortschritt bewusst verweigert und sich so l\u00e4ngst ins geisteswissenschaftliche Abseits man\u00f6vriert hat. Nicht nur sind Folk, Jazz, Rock, Pop, Ambient, Techno, Electro, Noise und deren Geschichte immer noch nicht als Studienobjekte angekommen, auch s\u00e4mtliche modernen Kulturtheorien werden in den traditionell ausgerichteten Instituten von deutschen Hochschulen und Universit\u00e4ten bis heute gar nicht oder nur in Ausnahmef\u00e4llen behandelt oder thematisiert. Was bleibt da \u00fcbrig als ein sauberer Schnitt?<\/p>\n<p>Das gebundene Buch hat 419 Seiten, erscheint bei V&amp;R unipress und kostet knackige 55 Euro. Das ist teuer, ist aber in diesem Fall seinen Preis wert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Norbert Schl\u00e4bitz ist leitender Professor des Faches Musikp\u00e4dagogik an der Westf\u00e4lischen-Universit\u00e4t M\u00fcnster. 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