{"id":4826,"date":"2017-06-13T09:28:53","date_gmt":"2017-06-13T07:28:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=4826"},"modified":"2017-06-13T09:28:53","modified_gmt":"2017-06-13T07:28:53","slug":"reise-rain-in-riga","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/06\/13\/reise-rain-in-riga\/","title":{"rendered":"Reise: Rain in Riga"},"content":{"rendered":"<p>Hatte eine ruhige Nacht und habe gut geschlafen. Der Taiwanese ist so ruhig und still, seine K\u00f6rperma\u00dfe so gering, dass ich ihn morgens zuerst gar nicht in seinem Bett finde und den Eindruck habe, er w\u00e4re schon l\u00e4ngst aufgestanden und unterwegs. Erst als ich zur\u00fcck aus dem Bad komme, merke ich, dass ich nicht alleine bin. Fr\u00fchst\u00fcck au\u00dfer Haus, zur\u00fcck gehe einen kleinen Umweg entlang des Kanals, komme an einem Musikinstrumentenladen vorbei, im Showroom nur Standardware aus China und Korea, weiter \u00fcber eine kleine Br\u00fccke, da steht ein Blinder mit Spiegelbrille und Gitarre im Nieselregen und singt lustige, lettische (?) Folkslieder f\u00fcr die unsichtbaren Passanten. Ich h\u00f6re kurz zu und werfe ihm was in den Pott, der vor ihm steht. Die abgenutzte, offene Gitarrentasche hat er wie ein Gewehrhalfter \u00fcber dem R\u00fccken h\u00e4ngen, always ready to ramble, always ready to run.<!--more--><\/p>\n<p>Im Hostel die t\u00e4gliche Routine, Blogartikel schreiben, zum ersten Mal am iPad, der PC im Hostel ist out of order und wird auf Nachfrage auch nicht repariert, sie Zucken mit den Schulten, wozu denn, benutzt sowieso keiner mehr. Der Taiwaner ist schon unterwegs, macht einen organisierten Tagesausflug wie ich sp\u00e4ter erfahre, ich habe also meine Ruhe. Gut so, draussen weht ein kalter Wind und es regnet, ich lese im Reisef\u00fchrer, habe keine Lust raus zu gehen und schon auf den ersten Metern nass zu werden und erst recht keine Lust auf einen Verlegenheitsbesuch in irgendeinem langweiligen Museum.<\/p>\n<p>Irgenwann l\u00e4sst der Regen nach, ich gehe l\u00e4ngs des Kanals Richtung NW, dann in das Jugendstilviertel beim Kronvalda Park, sch\u00f6n, ich eiere ohne Plan \u00a0durch die Strassen und Gassen, mache hin und wieder ein Foto, dann sehe ich ein nettes Cafe und trete ein. Junge Leute, nette Atmo, free Wifi, ich bestelle einen Kaffee und einen kleinen Kuchen, checke meine Mails. Gute Nachrichten, der Entwurf f\u00fcr das Cover des anstehenden Kinderliederalbums ist fertig, sieht gut aus, ein paar letzte Korrekturen und das Ding geht raus, sollte dann Mitte Juli vorliegen. Ich kann vom Cafe in Riga ein paar hilfreiche Anmerkungen machen, cool.<\/p>\n<p>Der Regen will und will nicht ganz aufh\u00f6ren, vom Cafe gehe ich direkt ins Kino. Hier in Riga l\u00e4uft bereits &#8222;The Circle&#8220; mit Emma Thomson und Tom Hanks, interessantes Thema, guter Film, kommt im Sep in Deutschland. Ich sehe ihn auf englisch mit lettischen und russischen Untertiteln. Danach kleiner Snack und Spaziergang zum gro\u00dfen Fluss Daugava, leider verl\u00e4uft die Uferpromenade direkt neben der vielbefahrenen Stra\u00dfe, deswegen biege ich irgenwann zur\u00fcck in die Altstadt, passiere ein paar Kirchen, dann irgendein Platz, die Sonne kommt kurz raus, auf einer kleinen B\u00fchne steht eine zarte S\u00e4ngerin in einem gr\u00fcnen Trenchcoat, neben ihr sitzt ihr Begleitgitarrist. In der goldenen Abendsonne, spielen sie f\u00fcr die unbesetzten Sitze eines Restaurants, ich bestelle einen Espresso und h\u00f6re ihnen zu. C&#8217;est si bon, Come away with me, sch\u00f6ne Nummern, die Stimmfarbe erinnert mich an die W\u00fcrzburger S\u00e4ngerin Sandra Buchner und ich bin erstaunt wie pr\u00e4sent und vollst\u00e4ndig diese Minibesetzung klingt. Irgendwann ziehe ich weiter, weil es wieder anf\u00e4ngt zu regnen, gehe ich an diesem lost day nochmal ins Kino und zwar aus Protest in den bl\u00f6desten Film der zur Auswahl steht: The Mummy. D\u00e4mlicher geht&#8217;s eigentlich nicht, wie kann man nur f\u00fcr eine dreistellige Millionensumme so einen Schwachsnn produzieren, es ist unfassbar. Immerhin sehe ich den Film auf englisch, tue damit ein kleines bisschen was f\u00fcr meine Bildung, cool auch die Soundanlage des Kinos, die so brutal tiefe Frequenzen erzeugt, wie ich sie noch nie in einem Kino geh\u00f6rt bzw. gef\u00fchlt habe. Nat\u00fcrlich wird der Effekt klug dramaturgisch eingesetzt, man sp\u00fcrt das Unheil also immer auch schon kommen. Ich kann nicht anders, das gef\u00e4llt mir, ist fast schon das vierte D.<\/p>\n<p>Danach zur\u00fcck ins Hostel. Der Taiwaner ist auch wieder da, erst glotzt er in sein Smartphone, irgendwann legt er es zur Seite und redet mit mir. Anscheinend brauchte er etwas um vertrauen zu fassen oder den Mut zu finden, jetzt stellt er mir\u00a0immer mehr Fragen, die zum Teil etwas skurril wirken. Europa ist ihm total fremd, er hat Angst vor Rassismus und Kriminalit\u00e4t. Er will von mir wissen wie oft sich Europ\u00e4er duschen, ob sie Perfum verwenden, wie lange wir arbeiten, wie oft wir in den Urlaub fahren, ob wir von unseren Geh\u00e4ltern leben k\u00f6nnen. Gleichzeitig hat er noch nicht vom Syrienkonflikt geh\u00f6rt, kennt weder Merkel, noch Macron, nicht May, den Namen Trump hat er wohl schon mal geh\u00f6rt, kann ihn aber politisch nicht einordnen. Naja, er ist 23 und wahrscheinlich haben sie in Taiwan einfach andere Probleme, immerhin bereist er ja die westliche Hemisph\u00e4re, versucht also seinen Horizont zu erweitern. Es prallen hier aber schon Welten aufeinander. Danach betritt ein \u00e4lterer Australier das Zimmer, er wird sich als Wodkatrinker und furchtbarster Schnarcher der kompletten Reise herausstellen, aber erstmal haben wir etliche gemeinsame Themen. Er ist neben seinem Beruf als Jurist seit vielen Jahren immer wieder lange Phasen als Backpacker in der Welt unterwegs. 41, single und sucht eine Frau. &#8222;I&#8217;ve been to Hollywood, I&#8217;ve been to Redwood, I crossed the ocean for a heart of\u00a0gold.&#8220; (Neil Young)<\/p>\n<p>Na, da bin ich mal froh, dass ich mein vielleicht nicht ganz perfektes, aber wertvolles Heim gefunden habe. W\u00e4hrend der Busfahrt, als ich von meiner Familie erz\u00e4hlte, schaut mich der ebenfalls alleinstehende Maxim mit seinen traurigen, dunklen Augen an und sagte leise mit deutlichem s\u00fcdamerikanischem Akzent: &#8222;There is no place like home, hombre.&#8220; Ja, es ist eine Floskel, aber keiner von uns beiden findet das in diesem Augenblick lustig oder platt.<\/p>\n<p>Morgen (Di) geht am sp\u00e4ten Nachmittag der Flieger von Riga, zur\u00fcck nach W\u00fcrzburg. Ist gut so, f\u00fcr diesmal habe ich genug. My rambling days are over.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hatte eine ruhige Nacht und habe gut geschlafen. 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