{"id":5555,"date":"2017-12-04T11:26:18","date_gmt":"2017-12-04T10:26:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=5555"},"modified":"2017-12-04T11:26:18","modified_gmt":"2017-12-04T10:26:18","slug":"musikpaedagogik-muse-und-hass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2017\/12\/04\/musikpaedagogik-muse-und-hass\/","title":{"rendered":"Musikp\u00e4dagogik: Muse und Hass"},"content":{"rendered":"<p>Meine Kinder besuchen ein musisches Gymnasium in Bayern. Das klingt erstmal ganz toll. Man glaubt, musische F\u00e4cher wie Musik, Kunst, Tanz, Theater und Literatur w\u00fcrden eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielen als an anderen Schulen. Laut Lehrplan und F\u00e4cherverteilung ist das auch so, nur werden in den entsprechenden Stunden eben nicht in erster Linie musisch-kreative Inhalte vermittelt, sondern genauso wie in den meisten anderen natur- und geisteswissenschaftlichen F\u00e4chern trockenes Lernwissen behandelt, das auswendig gelernt und p\u00fcnktlich zur Abfrage\/Ex\/Schulaufgabe abgeliefert werden muss.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAls Instrumentalp\u00e4dagoge meine ich, dass gerade musische F\u00e4cher pers\u00f6nliche Erfahrungen erm\u00f6glichen sollten, davon ist man hier leider weit, weit entfernt. Meine Kinder m\u00fcssen Lebensdaten von Komponisten auswendig lernen, deren Kompositionen sie niemals freiwillig anh\u00f6ren w\u00fcrden, es geht um musiktheoretische Zusammenh\u00e4nge, die sie vollkommen \u00fcberfordern, gesungen und Musik gemacht wird haupts\u00e4chlich unter Pr\u00fcfungsbedingungen, wenn sie ihre \u00dcbungsst\u00fccke unter Neonlichtbeleuchtung vor der gesamten Klasse vorspielen m\u00fcssen und daf\u00fcr in einem System von 1 bis 6 unmittelbar benotet werden.<\/p>\n<p>Mein Sohn muss in der sechsten Klasse die Biographie Ludwig van Beethovens auswendig lernen von der \u00e4rmlichen Kindheit in Bonn (er kann nicht wissen, wo das liegt) \u00fcber das Heiligenst\u00e4dter Testament bis zum vereinsamten Tod bei v\u00f6lliger Ertaubung. Dabei wird das Leben des Musikgenies in typisch klassisch-romantischer Tradition v\u00f6llig verkl\u00e4rt. Kein Wort davon, dass Beethoven ein ziemlich nerviger, aufbrausender und schmuddeliger Typ gewesen sein muss. Mehr als 20 Umz\u00fcge allein in Wien belegen das eindr\u00fccklich. Seine ausufernden Werke werden dabei nur ganz am Rande gestreift, wozu auch, die Kinder wollen das eigentlich gar nicht h\u00f6ren, es ist nicht ihre Welt, sie sind bei Musikbeispielen nur froh, dass mal eine Weile nicht noch mehr musikhistorische und -theoretische Informationen auf sie niedergehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die anstehende Schulaufgabe im Fach Musik musste mein Sohn jetzt die Themen Intervalle, Tonleitern und Akkordumkehrungen vorbereiten. Bei Intervallen wird zwischen gro\u00df, klein, rein, \u00fcberm\u00e4\u00dfig und vermindert unterschieden, sieht aber auf dem Papier alles ziemlich \u00e4hnlich aus. Bei den Tonleitern gibt es 12x Dur, 12x Moll, zus\u00e4tzlich noch 12x Harmonisches Moll, bei Akkorden Grundstellung, Sextakkord und Quartsextakkord. Erkl\u00e4ren sie das mal einem normalen 12-j\u00e4hrigen, der gerne Fu\u00dfballspielen gehen w\u00fcrde. Ich kenne erfolgreiche Musiker und Songschreiber, die diese Zusammenh\u00e4nge in Notation nicht erkennen w\u00fcrden. Ein etwaiges musisches Interesse oder Talent wird bei dieser theoretischen Herangehensweise selbstverst\u00e4ndlich im Keim erstickt. Musische Menschen m\u00fcssen sich hier angeekelt abwenden, das geht gar nicht anders und das sollte auch jedem halbwegs musikp\u00e4dagogisch interessierten Menschen klar sein, insbesondere nat\u00fcrlich Lehrern und anderen f\u00fcr die Inhalte Verantwortlichen.<\/p>\n<p>Am Wochenende sa\u00df ich also mit ihm zusammen und half ihm bei dieser elenden Lernerei von Dingen, deren Sinn sich ihm nicht erschlie\u00dft und die er bis auf weiteres nicht anwenden k\u00f6nnen wird. Ich bin \u00fcberzeugt, dass Musiktheorie der Musikpraxis gezwungenerweise immer nachfolgen muss. Es war also fast ein buddhistische Pr\u00fcfung f\u00fcr mich meinem Sohn dieses f\u00fcr ihn unn\u00fctze Zeug zu erkl\u00e4ren und einzu\u00fcben.<\/p>\n<p>Wir waren schon ein Weile dran. Es ging um Intervalle, gro\u00dfe und kleine Terzen, und die Anordnung der Halbtonschritte in harmonischen Molltonleitern. Es war schon etwas sp\u00e4t geworden, ich hatte ihm den Unterschied zwischen As und Ais erkl\u00e4rt. Ich sp\u00fcrte, dass er langsam nicht mehr konnte, wollte das Thema aber noch zu Ende bringen. Da kam die Frage auf: Wie hei\u00dft der Ton unter H? Das ist die Stelle, an der die deutschsprachige Musiktheorie einen unlogischen Sprung macht A-H-C, statt \u2013 wie international &#8211; A-B-C. Mein Sohn starrte genervt vor sich hin. Ich wiederholte die Frage ein zweites Mal: Wie hei\u00dft der Ton unter H? Mein Sohn \u00f6ffnete langsam seinen Mund, wendete den Kopf zu mir, blickte direkt in meine Augen und sagte \u201eHass.\u201c<\/p>\n<p>Ich hatte den Eindruck, in dieser Antwort liegt vielleicht mehr Wahrheit, als ihm in diesem Augenblick bewusst war. Wir brachen an diesem Punkt die Lernerei ab und legten eine Pause ein.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wikipedia: Hass ist ein intensives Gef\u00fchl der Abneigung gegen eine Person oder eine Gruppe von Personen und kann zu aggressiven Handlungen gegen\u00fcber den Hassobjekten f\u00fchren. Ursache ist meist die Bedrohung oder Kr\u00e4nkung des eigenen Selbstwertgef\u00fchls. Hass wird h\u00e4ufig als Gegenteil von Liebe oder als eine Folge entt\u00e4uschter Liebe interpretiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Kinder besuchen ein musisches Gymnasium in Bayern. Das klingt erstmal ganz toll. 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