{"id":5771,"date":"2018-02-24T14:43:21","date_gmt":"2018-02-24T13:43:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=5771"},"modified":"2018-02-24T14:43:21","modified_gmt":"2018-02-24T13:43:21","slug":"usa-burgers-beer-barrells","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2018\/02\/24\/usa-burgers-beer-barrells\/","title":{"rendered":"USA: Burgers, Beer &#038; Barrells"},"content":{"rendered":"<p>Das Schuljahr 1988\/89 verbrachte ich als Austauschstudent in den USA. Im Laufe der 10. Klasse hatte ich mich an verschiedene Organisatoren gewandt und eine Art Auswahlverfahren durchlaufen. Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass sie so gut wie jeden genommen haben, immerhin zahlte man f\u00fcr die Organisation des Aufenthalts gutes Geld. Es war dann irgendwann klar, dass es in den Sommerferien nach Ende des laufenden Schuljahrs losgehen sollte. Wir hatten Fotos von mir und meiner Familie gemacht und einen Fragebogen mit Angaben zu meinen Vorlieben und Hobbys ausgef\u00fcllt und waren gespannt welche US-amerikanische Familie sich f\u00fcr mich entscheiden w\u00fcrde. Ausgerechnet zu der Zeit gab es aber wohl mehr Bewerber als Gastfamilien und so dauerte und dauerte es. Das Schuljahr war zu Ende gegangen und immer noch hatte ich keine Ahnung, wo es in wenigen Wochen hingehen w\u00fcrde. Irgendwann kam dann doch die Nachricht. Ein junges, frisch verheiratetes Paar in der Kleinstadt South Point am s\u00fcdlichsten Ende des Bundesstaates Ohio w\u00fcrde mich aufnehmen. Er war Recruiting Sergeant der US Army, seine Gattin war Hausfrau. Zu einem Telefonat oder einer anderen Kontaktaufnahme kam es im Vorfeld nicht mehr. Ich packte meine Sachen, verabschiedete mich von Freunden und Familie und stieg in M\u00fcnchen Riem in den Flieger.<!--more--><\/p>\n<p>Am Abflughafen starteten etliche andere Austauschstudenten ebenfalls ihren Tripp. In New York angekommen verteilten sich alle in verschiedene Himmelsrichtungen. F\u00fcr mich ging es, wenn mich meine Erinnerung nicht t\u00e4uscht, weiter nach Philadelphia und von da aus nach Huntington, West Virginia. Nach fast 30h unterwegs, wurde ich dort von irgendjemandem abgeholt. Ich war todm\u00fcde und kann heute nicht mal mehr sagen, wer mich an dem kleinen Provinzflughafen in Empfang nahm. Die Gasteltern? Ein Verantwortlicher der Organisation? Keine Ahnung. Aber ich erinnere mich sehr gut an den darauffolgenden Tag, meinem ersten Tag in dem Land, das f\u00fcr ein knappes Jahr mein vor\u00fcbergehendes Zuhause sein sollte.<\/p>\n<p>Meine Gasteltern weckten mich gegen 8:00 oder 9:00 am n\u00e4chsten Tag, durch die \u00dcberm\u00fcdung und den Jetlag kam es mir allerdings vor als w\u00e4re es 3:00 nachts. Es muss an ein Wochenendtag, entweder Samstag oder Sonntag gewesen sein. Ich sollte mich schnell anziehen und ohne Fr\u00fchst\u00fcck ging es los ins Auto und rauf auf den Freeway. Am n\u00e4chstbesten McDonald&#8217;s ging&#8217;s in den Drive Through, etwas, was man damals in Deutschland noch nicht kannte. Ich durfte mir ein Fr\u00fchst\u00fcck als Take Away zusammenstellen Pancakes, McMuffin, Hash Browns und habe dieses w\u00fcrdige Festmahl auf dem weiteren Weg auf dem R\u00fccksitz im Auto zu mir genommen. F\u00fcr einen Teenager der 1980er Jahre war das selbstredend ein vielversprechender, kulinarischer Start in den neuen Lebensabschnitt.<\/p>\n<p>Wir waren auf dem Weg nach Fort Knox, Kentucky, ja genau, das ist der legend\u00e4re Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt, wo die US-amerikanische Goldreserve gebunkert wird. Ob mein Gastvater da beruflich zu tun hatte oder irgendetwas anderes zu erledigen war, kann ich gar nicht mehr sicher sagen. Am sp\u00e4ten Nachmittag waren er und seine Frau zu einem privaten Barbecue irgendwo auf dem Land eingeladen und da war ich nat\u00fcrlich auch dabei. Die Leute dort waren sympathisch und sehr gastfreundlich. Im Garten nach hinten raus war ein riesiger Gasgrill aufgebaut, daneben standen Berge von marinierten Spare Ribs, vorgeformten Burgerpattys, gebratenem Bacon, Br\u00f6tchen, K\u00e4se, Salat, Saucen, es war ein klassisches, amerikanisches BBQ, dazu gab&#8217;s kalte Softdrinks und Bier aus der Dose. Als alle gegessen hatten, gingen die M\u00e4nner mit ihren Bierdosen in der Hand auf ein Feld hinters Haus und mein Gastvater meinte ich solle mal mitkommen, jetzt w\u00fcrde der spa\u00dfige Teil beginnen und der sah so aus:<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner stellte die leeren Dosen und Flaschen auf Felsen und umgedrehte Eimer, dann stellte sie sich auf, holten schwere, scharfe, gro\u00dfkalibrige Pistolen und Gewehre aus irgendwelchen Halftern und Taschen und fingen an damit auf die Dosen zu schie\u00dfen, zwischendurch ein Schluck Bier oder Tennessee Whiskey, nachladen und wieder drauf gehalten. Es war laut, gef\u00e4hrlich, die R\u00fcckschl\u00e4ge der 45er waren enorm. Ich war in einer Art Schockstarre und sah den M\u00e4nnern gleichzeitig fasziniert und angeekelt bei der Aus\u00fcbung ihres verbrieften Rechts (2. Zusatzartikel der Verfassung) zu. Mein Gastvater hatte meine Reaktion bemerkt, kam grinsend auf mich zu und fragte mich, ob ich auch mal schie\u00dfen wolle. Gejohle unter den Waffenbr\u00fcdern. &#8222;Yeah, give him a gun and let him shoot!&#8220;<\/p>\n<p>Ich war \u00fcberrumpelt, f\u00fcr einen kurzen Augenblick erwog ich das Spiel mitzumachen, um das Verh\u00e4ltnis nicht gleich zu Beginn zu belasten. Aber es ging in diesem Augenblick mehr als um einen guten Eindruck bei einem fast fremden Mann. Sicherlich meinte er das Angebot nicht b\u00f6se, der Umgang war f\u00fcr ihn als Amerikaner im Allgemeinen und als Mitglied der US-Army im Besonderen nichts ungew\u00f6hnliches. Ich entstamme jedoch einer dezidiert pazifistischen Familie: Mein Urgro\u00dfvater Ludwig Hermann Sch\u00fctze war Ende des 19. Jahrhunderts fr\u00fchzeitig aus dem zweij\u00e4hrigen Dienst im preu\u00dfischen Milit\u00e4r entlassen worden, weil er sich beim Dienst an der Waffe (absichtlich) so unbeholfen anstellte, dass man ihn aussortierte. \u00dcbrigens mit dem schriftlich \u00fcberlieferten Hinweis, dass es eine Schande w\u00e4re, Sch\u00fctze zu hei\u00dfen und dann so schlecht zu schie\u00dfen, dass man eine Gefahr f\u00fcr die eigene Truppe darstellte. Er hat aufgrund dieser Entscheidung an keinem der beiden Weltkriege teilnehmen m\u00fcssen. Seine zwei S\u00f6hne haben nie eine Waffe abgefeuert. Als ausgebildeter Pianist war der eine Funker in Berlin, der andere kriegswichtiger, ziviler Mitarbeiter in der Berliner Werksniederlassung von BMW, Abteilung Flugzeugmotoren. Auch mein Vater war aufgrund einer Spezialregelung als geb\u00fcrtiger Berliner von der Bundeswehr befreit und hat in seinem ganzen Leben keine Waffe angefasst. Er war mir mit dieser Familiengeschichte daher unm\u00f6glich f\u00fcr einer Horde angetrunkener M\u00e4nner eine Waffe in die Hand zu nehmen und wild in der Gegend herum zu ballern. Daf\u00fcr w\u00fcrfde ich meine Familienehre nicht opfern, das war mal sicher. Ich artikulierte mein Nein freundlich und leise und ohne jede weitere Begr\u00fcndung. Es wurde murrend zu Kenntnis genommen, aber man lie\u00df mich in Ruhe. Weil ich nicht dumm im Weg rumstehen wollte, w\u00e4hrend sich die Leute \u00fcber gute Sch\u00fcsse und unerwartete Irrl\u00e4ufer am\u00fcsierten, ging ich zur\u00fcck zu den Frauen und half beim Abwasch.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr genau, wie wir wieder nach South Point zur\u00fcckgekommen sind. Die Schie\u00dferei beim BBQ war auf jeden Fall kein Gespr\u00e4chsthema mehr. Zwei Wochen sp\u00e4ter war die Frau des Sergeants schwanger, sie wollten umziehen und gaben mich deswegen zur Adoption frei. Es fand sich rasch eine andere Familie in der Gegend, die mich stattdessen aufnahm und betreute. Dort gab es zwar keine Waffen, aber leider auch kein anst\u00e4ndiges Barbecue. Vom Sergeant und seiner Frau habe ich nie wieder etwas geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schuljahr 1988\/89 verbrachte ich als Austauschstudent in den USA. Im Laufe der 10. Klasse hatte ich mich an verschiedene Organisatoren gewandt und eine Art Auswahlverfahren durchlaufen. 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