{"id":5774,"date":"2018-02-26T11:06:01","date_gmt":"2018-02-26T10:06:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=5774"},"modified":"2018-02-26T11:06:01","modified_gmt":"2018-02-26T10:06:01","slug":"buch-kultsounds-von-immanuel-brockhaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2018\/02\/26\/buch-kultsounds-von-immanuel-brockhaus\/","title":{"rendered":"Buch: &#8222;Kultsounds&#8220; von Immanuel Brockhaus"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/KultsoundsCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5773\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/KultsoundsCover-194x300.jpg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/KultsoundsCover-194x300.jpg 194w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/KultsoundsCover.jpg 323w\" sizes=\"(max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a>Immanuel Brockhaus ist Keyboarder und Dozent an der Hochschule der K\u00fcnste in Bern. 2001 baute er dort den Studiengang &#8222;Musik &amp; Medienkunst&#8220; auf, seit 2003 ist er Leiter des Masters &#8222;Pop &amp; Rock&#8220;. Als Sp\u00e4tberufener legte er erst zehn Jahre sp\u00e4ter (2013) im Alter von \u00fcber 50 Jahren seinen eigenen Master ab und wurde 2016 promoviert. Mit der umfangreichen Schrift &#8222;Kultsounds&#8220; kommt er nun der Ver\u00f6ffentlichungspflicht als letztem Schritt seines Promotionsstudiums nach. Zuvor waren das Arbeits- und Lernbuch &#8222;Der Piano- und Keyboardprofi&#8220; (Leupelt, 2008) und dessen \u00dcberarbeitung &#8222;Der Keyboardprofi&#8220; (Transcript, 2016) erschienen.<!--more--><\/p>\n<p>Brockhaus hat sich f\u00fcr die Forschung im Rahmen seines Promotionsstudiums ein gigantisches, schier unermessliches Feld im Bereich der sog. Sound Studies vorgenommen. In &#8222;Kultsounds&#8220; sollen die pr\u00e4gendsten Kl\u00e4nge der Popmusik von 1960-2014 bestimmt und n\u00e4her betrachtet werden. Diesem gro\u00dfen Unterfangen werden knapp 500 Buchseiten mit viel Text, Tabellen und Graphiken in insgesamt drei gro\u00dfen Kapitel plus umfangreichem Anhang einger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel werden &#8211; wie in der Wissenschaft \u00fcblich &#8211; der aktuelle Forschungsstand zusammengefasst und Fachausdr\u00fccke definiert. Unterschieden wird z.B. unter Schall, Ton, Klang, Klangfarbe und Ger\u00e4usch, davon unabh\u00e4ngig werden die englische Begriffe Clangor, Tone, Timbre, Sound und Noise definiert und ihr von der eigentlichen Bedeutung abweichender Sprachgebrauch im Deutschen erkl\u00e4rt. Als Kapitelabschluss werden Sounds popul\u00e4rer Musik &#8222;neusortiert&#8220; und poptypische Sounds wie Drums, E-Gitarre, E-Bass, Keyboards, Studioeffekte und Samples katalogisiert. Und damit sind wir auch schon mitten im Dilemma: Es wird abwechselnd spezifiziert und verallgemeinert, diversifiziert und zusammengefasst, verkleinert und vergr\u00f6\u00dfert, vom amerikanischen in den deutschen Sprachgebrauch gewechselt. Zentrales Problem ist, dass das Forschungsgebiet zu weit bzw. in den Randbereichen gar nicht gefasst ist. Freilich ist es schwer Popmusik stilistisch einzugrenzen, aber wenigsten in den Kategorien geographische Verortung, popmusikalisches Genre, Instrumentengruppe, zeitlicher Rahmen, mediale Verbreitung oder sonst irgendwas h\u00e4tte eine Form der Pr\u00e4zisierung erfolgen m\u00fcssen. Bereits in den ersten beiden Kapitel ahnt man als Leser, dass dieser unlimitierte Forschungsansatz ins Unermessliche f\u00fchren wird und das best\u00e4tigt die weitere Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Ein sehr grober Rahmen wird ab dem dritten Kapitel, dem eigentlichen Hauptteil, vorgestellt: Untersucht werden im weiteren Verlauf die 40 kommerziell erfolgreichsten Singles der US-amerikanischen Billboard Pop Charts der Jahrg\u00e4nge 1960-2014. Warum genau diese willk\u00fcrlich anmutenden Jahrg\u00e4nge zur Grundlage der Untersuchung werden, bleibt unbeantwortet. Es entsteht der Verdacht, dass der Autor damit die popmusikalische Pr\u00e4gung seiner eigenen Biographie nachzeichnet (*1960). Warum ausgerechnet die USA das Epizentrum der Entwicklung von Kultsounds sein sollen? Warum nicht Europa oder in den 1960er insbesondere Gro\u00dfbritannien? Gibt es wenigstens ein paar Einfl\u00fcsse aus S\u00fcdamerika, Asien, Afrika? Warum werden Kultsounds in kommerziell erfolgreichen Jahresbestseller-Singles vermutet, nicht aber in k\u00fcnstlerisch erfolgreichen Albumtracks? Etwaige Kultsounds k\u00f6nnten ja auch aus Folk, Jazz, Klassik oder Experimenteller Musik in den Popmainstream her\u00fcberschwappen? Diese und weitere naheliegende Fragen k\u00f6nnte man stellen. Eine vermutlich unbeabsichtigte Einschr\u00e4nkung gibt es, wie bei so vielen musik- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten, letztlich doch: Die pers\u00f6nlichen Vorlieben des Forschers. Der studierte Keyboarder Brockhaus betrachtet vorzugsweise elektronische und fr\u00fch-digitale Klangerzeuger. Gerne analoge Synthesizer und digitale Plug-Ins, Kernthema ist f\u00fcr ihn als Kind der 1980er durchaus erwartbar und mit weitem Abstand das E-Piano des Yamaha DX7, auf das sich die Arbeit h\u00e4tten beschr\u00e4nken k\u00f6nnen. Dazu gesellt sich im weiteren Verlauf die Rhythmusmaschine Roland TR-808 und als Kultsoundeffekt der Nuller-Jahren der sog. Auto-Tune-Effekt. Andere Instrumentengruppen wie E-Gitarren (!), E-Bass, Schlagzeug spielen eine deutlich untergeordnete Rolle. Wesentliche musikalische Kategorien wie Arrangement, Harmonisierung, Rhythmus, Instrumentierung, Orchestrierung, Aufnahmetechnik, Mastering, Tr\u00e4germedium, Pr\u00e4sentationsform, Abh\u00f6rtechnik etc., aber auch Vermarktung, Werbung, Darreichungsform, die selbstverst\u00e4ndlich massiven Einfluss auf Klangformung und Wahrnehmung und somit Pr\u00e4gung haben, werden fast nicht mehr in Betracht gezogen. Offen bleibt im \u00dcbrigen auch die Frage wer von den angeblichen Kultsounds gepr\u00e4gt wird, denn da gilt ja nicht f\u00fcr alle Gepr\u00e4gten dasselbe. Auch hier dr\u00e4ngt sich der Eindruck auf, dass Brockhaus in erster Linie von seiner eigenen, pers\u00f6nlichen Pr\u00e4gung spricht ohne dies jedoch explizit zu benennen (oder auszuschlie\u00dfen).<\/p>\n<p>Trotz dieser methodischen Einschr\u00e4nkung bzw. inhaltlichen Nicht-Einschr\u00e4nkung und erkennbarer pers\u00f6nlicher Tendenzen bleibt &#8222;Kultsounds&#8220; f\u00fcr am Thema interessierte eine lesenswerte Lekt\u00fcre. L\u00e4sst man die aufgeblasene Heranf\u00fchrung und die mangelnde Forscherneutralit\u00e4t mal beiseite, so zeugt insbesondere der dritte, zentrale Teil der vermeintlichen Analyse von einem beeindruckendem popmusikalischem Erfahrungswissen. Da kommt dem Autor ziemlich sicher sein Instrumentalstudium, praktische Erfahrung und ein jahrzehntelanger, leidenschaftlicher Bezug zum Thema zu Gute. Immer wenn markante Beispiele genannt oder Bez\u00fcge zur musikalischen Praxis hergestellt werden, erkennt man, dass der Autor nicht aus dem Lehrbuch, sondern aus dem echten (Er-)Leben erz\u00e4hlt. Wenn man als Leser dann nicht an tadelloser, wissenschaftlicher Arbeit, sondern an verwertbarem Erkenntnisgewinn interessiert ist, so wird das Buch letztlich doch noch zu einem lohnenswerten Schm\u00f6cker. Dabei kann man sich gut und gerne vorstellen, dass Brockhaus ein inspirierender Dozent, evtl. auch kreativer Musikproduzent ist.<\/p>\n<p>Die Frage ist und bleibt: Kann man (Pop-)Musik mit musikwissenschaftlichen Instrumentarium n\u00e4her kommen? Jede Einzelperson f\u00fcr sich gesehen ja, abschlie\u00dfende allgemeing\u00fcltige Antworten wird man durch autobiographische motivierte Ausrichtung und unspezifische Fragestellungen wohl nicht erhalten. Dieses Buch ist jedoch auch ein sch\u00f6ner Beweis f\u00fcr einen wunderbaren Nebeneffekt: Fragw\u00fcrdige Methodik f\u00fchrt zu interessanten Antworten. Eine irrwitzige und gleichzeitig inspirierende Flei\u00dfarbeit!<\/p>\n<p>Das Buch hat 450 Seiten, erscheint bei transcript und kostet krumme 44,99\u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immanuel Brockhaus ist Keyboarder und Dozent an der Hochschule der K\u00fcnste in Bern. 2001 baute er dort den Studiengang &#8222;Musik &amp; Medienkunst&#8220; auf, seit 2003 ist er Leiter des Masters &#8222;Pop &amp; Rock&#8220;. 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