{"id":5793,"date":"2018-03-12T14:14:56","date_gmt":"2018-03-12T13:14:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=5793"},"modified":"2018-03-12T14:14:56","modified_gmt":"2018-03-12T13:14:56","slug":"den-beruf-zum-hobby-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2018\/03\/12\/den-beruf-zum-hobby-gemacht\/","title":{"rendered":"Den Beruf zum Hobby gemacht"},"content":{"rendered":"<p>Wenn andere Menschen aus irgendeinem Grund erfahren was ich so beruflich mache, h\u00f6re ich immer wieder, ich k\u00f6nne mich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, denn ich h\u00e4tte mein Hobby zum Beruf gemacht und was gibt es sch\u00f6neres etc. Aber das stimmt nicht, jedenfalls nicht so wie Leute, die so etwas \u00e4u\u00dfern, es wahrscheinlich meinen. Die Wahrheit ist, ich habe nicht mein Hobby zum Beruf gemacht, ich habe meinen Beruf zum Hobby gemacht und zwar noch bevor ich ihn jemals aus\u00fcben konnte.<!--more--><\/p>\n<p>Ich wurde an einer Berufsfachschule f\u00fcr Musik zum Chorleiter ausgebildet, habe an einem Konservatorium klassische Gitarre studiert und danach ein Studium im Fach Musik- und Kulturwissenschaft absolviert und mit einer Promotion beendet. Wenn man es genau nimmt, war ich in keinem dieser Berufsfelder jemals ernsthaft t\u00e4tigt. Stattdessen arbeitete ich als S\u00e4nger &amp; Rhythmusgitarrist in Tanz- und Unterhaltungsbands, als Booker, Songwriter, Arrangeur, Musikproduzent, Universit\u00e4ts- und Hochschuldozent, Moderator, Redner, Rezensent, Berichterstatter, Reise- &amp; Fahrradblogger. Manche k\u00f6nnen jetzt einwenden, aber er unterrichtet doch auch. Ja, aber vor allem in musikalischen Fachbereichen, die eben gerade nicht studiert habe. Die Instrumente: Stahlsaitengitarre, E-Gitarre- E-Bass, Ukulele, Banjo, Mandoline. Dabei gerne: Tabulaturlesen, Akkordspiel und Improvisation in Pop, Rock, Blues, Jazz, Folklore und nur in sehr seltenen F\u00e4llen Musik der klassisch-romantischen Tradition.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, dass ich meine erworbenen Qualifikationen in meinem Berufsleben nicht gerne eingebracht h\u00e4tte, ganz im Gegenteil, Chor- und Ensemblearbeit haben mir immer Freude bereitet, ich habe jahrelang ausschlie\u00dflich klassische Gitarre gespielt und nicht mal eine E-Gitarre besessen. Ich habe als Musikforscher viel Zeit in Bibliotheken, Archiven und Antiquariaten verbracht, habe Forschungsreisen unternommen, schon immer viel gelesen, diskutiert und geschrieben. Es gab in meinem sp\u00e4teren Berufsleben nur fast \u00fcberhaupt keine Nachfrage zu diesen T\u00e4tigkeiten. Daf\u00fcr bestand umso mehr Interesse an den anderen und dazu kam: Es fiel mir auch sehr leicht. Ich war durch die Plattensammlung und H\u00f6rgewohnheiten meiner Eltern gut mit internationaler Unterhaltungsmusik vertraut. F\u00fcr mich war es relativ unaufw\u00e4ndig als S\u00e4nger und Instrumentalist in k\u00fcrzester Zeit ein umfangreiches Repertoire aufzubauen und immer wieder mit aktuellen Titeln zu erweitern. Die Grundidee von Ukelele, Banjo und Mandoline hat man als klassisch trainierter Gitarrist schnell begriffen. Wenn man Konzerte besucht, sich mit Kollegen austauscht, Blogs liest und Youtubetutorials ansieht, kann man in kurzer Zeit viel erfahren und lernen. Und so habe ich mich ohne es zu merken graduell immer weiter von meiner eigentlichen Ausbildung entfernt, solange bis meine berufliche T\u00e4tigkeit fast nichts mehr mit ihren Urspr\u00fcngen zu tun hatte. Ich verbringe inzwischen mehr Zeit am Rechner als an Instrumenten, produziere f\u00fcr mich und andere aber mehr Musik als jemals zuvor in meinem Leben. Durch meine T\u00e4tigkeit als Lehrer, Blogger und Fachbuchrezensent bin ich bei vielen popul\u00e4rkulturellen, musikp\u00e4dagogischen und musikwissenschaftlichen Themen auf dem aktuellen Stand, wovon direkt nach meinem Studium nun wirklich keine Rede sein konnte.<\/p>\n<p>Mit einigen wenigen Sch\u00fclern und zum Privatvergn\u00fcgen spiele ich hin und wieder klassische Gitarre, gehe zu Chorkonzerten oder h\u00f6re KlassikRadio. Passiert leider viel zu selten, habe leider auch nicht mehr das kulturelle Umfeld, in dem das normal w\u00e4re. Alle dr\u00fccken nur noch auf ihren Smartphones rum, glotzen Serien oder m\u00fcssen sich von irgendwas erholen. Kein Mensch ist wirklich interessiert an bildungsb\u00fcrgerlicher Kultur und zu einem gewissen Teil kann ich das sogar nachvollziehen. Ist meist teuer, langwierig, anstrengend und so verdammt selten lustig oder unterhaltsam.<\/p>\n<p>Woran liegt nun aber diese ungeplante berufliche Entwicklung? Woran liegt es, dass meine Ausbildungsprofile zum blo\u00dfen Hobby degradierten und lapidare Nebent\u00e4tigkeiten zu meinem zentralen Berufsbild geworden sind?<\/p>\n<p>Eine Antwort ist, dass die Berufe Chorleiter, Klassischer Gitarrist und Musikwissenschaftler im wirklichen Leben au\u00dferhalb von Musikschulen, Hochschulen und Universit\u00e4ten gar nicht existieren. Ch\u00f6re werden nebenbei von Kirchenmusikern, Schulmusiklehrern und (auf dem Land) von musikalischen Laien geleitet. Klassische Gitarristen gibt es in nahezu keiner Konstellation. Es gibt sie weder in Orchestern noch in Ensemblesetzung, vielleicht mal als Pseudo-Flamencos an einem spanischen Abend im Altersheim. Einige wenige international agierende Profis touren durch die L\u00e4nder, sind aber au\u00dferhalb der kleinen Szenen nahezu vollkommen unbekannt. Das Fach Musikwissenschaft ist eine speziell deutsche Erfindung, schon alleine die Kombination der Worte Musik und Wissenschaft macht stutzig und l\u00e4sst Naturwissenschaftler in schallendes Gel\u00e4chter ausbrechen. Es wird dort vorzugsweise historische Musik in Notation (gerne in mittelalterlichen Neumen) behandelt (Latinum daher unbedingt erforderlich, kein Witz) somit fallen Pop, Rock, Jazz, Folklore und andere nicht notierte Musik von Anfang an raus. Im Rahmen eines Studiums lernt man u.a. lateinische Quelltexte zu lesen und ordentlich zu zitieren. Man lernt aber nicht wie man ein Interview f\u00fchrt, eine Konzertkritik schreibt oder einen Artikel zur Ver\u00f6ffentlichung bringt. Am besten bleibt man als Musikwissenschaftler im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Uni. Im wirklichen Leben sollte man sich schnellstens einen real existierenden Beruf suchen, wenn man nicht dauerhaft den eigenen Eltern auf der Tasche liegen oder verhungern will. Substantielle musikhistorische Forschung wird \u00fcbrigens nicht zuf\u00e4llig in allererster Linie von akademischen Laien betrieben. Substanzielle Erkenntnisse von deutschen Musikwissenschaftler sind mir zumindest in meinem Fachgebiet nicht bekannt.<\/p>\n<p>Die zweite Antwort ist, dass in den von mir als Alternative erschlossenen Arbeitsfeldern kein ausgebildetes Fachpersonal existiert. Es gibt keine Ukulelen-, Banjo- oder Bluesgrassmandolinenspieler mit deutschem Hochschulabschluss. Es gibt auch keine Ausbildung zum Unterhaltungsmusiker, Songwriter oder Fahrradblogger. Obwohl diese T\u00e4tigkeiten bei weitem verbreiteter sind als die Berufsabschl\u00fcsse, die ich erworben habe, gibt es dazu keine beruflichen Voraussetzungen oder Anforderungen. Crossing the boundaries. Learning by doing. Move your ass and your mind will follow. Da braucht es Neugier und Pioniergeist um im Gesch\u00e4ft zu bleiben. Was Kultur ist bestimmen im Bereich Pop und Unterhaltung n\u00e4mlich nicht die Akademiker, sondern jeder Einzelne f\u00fcr sich und da sollte man sich drauf einstellen k\u00f6nnen. Als popkultureller Dienstleister, wie ich es nun mal bin, muss man da sch\u00f6n im Flow bleiben und die Zeichen der Zeit erkennen und deuten lernen. Man lebt und arbeitet im st\u00e4ndigen Transit. Muss altes aufgeben und sich neues aneignen. Da ist ehrliches Halbwissen und ein gesundes Selbstvertrauen gefragt. Man kann sich nicht dauerhaft bis an den Grund aller Dinge heranarbeiten. Die Karawane zieht sonst ohne einen weiter, der Zug ist abgefahren. Gesellschaft im Wandel, Kultur im Fluss. When the going gets tough the tough gets going.<\/p>\n<p>Mit einem haben die Menschen aber letztlich doch recht. Ich kann mich, was meinen Beruf angeht, gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, was auch immer mein Beruf nun auch genau ist (das kann ich ja selbst gar nicht richtig sagen). Es ist und bleibt interessant und aufregend und egal ob als Musiker, als Lehrer, als Performer oder Produzent, fast immer habe ich mit hellh\u00f6rigen und anspruchsvollen Kollegen, Sch\u00fclern und Zuh\u00f6rern zu tun, die an meinen \u00c4u\u00dferungen, Ausf\u00fchrungen und Erkl\u00e4rungen ernsthaft interessiert sind. Egal ob man das nun Hobby oder Beruf nennen will, ich kann arbeiten und davon leben und mir ist in jedem Moment bewusst welch besonderer Luxus das ist. Mit dieser Erkenntnis kann man auch damit leben, dass einem das Studium einige wichtige Lebensjahre mit der Aneignung von unn\u00fctzem Wissen verbaut hat. F\u00fcr mich bleibt lediglich die Frage, was w\u00e4re geschehen, wenn ich von Anfang an die Augen und Ohren ge\u00f6ffnet h\u00e4tte, jede Art von Ausbildung verweigert und ohne Umwege den eigenen Interessen gefolgt w\u00e4re.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn andere Menschen aus irgendeinem Grund erfahren was ich so beruflich mache, h\u00f6re ich immer wieder, ich k\u00f6nne mich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, denn ich h\u00e4tte mein Hobby zum Beruf gemacht und was gibt es sch\u00f6neres etc. Aber das stimmt nicht, jedenfalls &hellip; <a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2018\/03\/12\/den-beruf-zum-hobby-gemacht\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,8,24,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5793"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5793"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5793\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5793"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5793"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5793"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}