{"id":6041,"date":"2018-06-15T08:02:05","date_gmt":"2018-06-15T06:02:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=6041"},"modified":"2018-06-15T08:02:05","modified_gmt":"2018-06-15T06:02:05","slug":"buch-koenig-der-hobos-von-fredy-gareis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2018\/06\/15\/buch-koenig-der-hobos-von-fredy-gareis\/","title":{"rendered":"Buch: &#8222;K\u00f6nig der Hobos&#8220; von Fredy Gareis"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/K\u00f6nigDerHobosCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6039\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/K\u00f6nigDerHobosCover-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/K\u00f6nigDerHobosCover-197x300.jpg 197w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/K\u00f6nigDerHobosCover.jpg 329w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a>Nach &#8222;Tel Aviv &#8211; Berlin&#8220; (2014) und &#8222;100 Gramm Wodka&#8220; (2015) hat sich der deutsche Reiseautor Fredy Gareis mit &#8222;K\u00f6nig der Hobos&#8220; (2018) ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Thema vorgenommen. Als Nicht-Amerikaner reiste er zur j\u00e4hrlichen Wahl der King &amp; Queen of the Hobos in die Kleinstadt Britt, Iowa um Zugang und Anschluss zu finden an echte US-amerikanische Hobos, also der Gruppe von armen Vagabunden, Landstreichern und Wanderarbeitern, die seit mehr als hundert Jahren illegal als blinde Passagiere auf Frachtz\u00fcgen kreuz und quer \u00fcber den Kontinent (mit-)fahren.<!--more--><\/p>\n<p>Als erfahrener Spezialist f\u00fcr Roadtrips mit Fahrrad und Auto geht es diesmal mit der &#8222;ein\u00e4ugigen Geliebten&#8220; per G\u00fcterwagen \u00fcber das Gleisnetz Nordamerikas. Nach anf\u00e4nglicher Skepsis wird der europ\u00e4ische Schreiberling von einigen Hobos aufgenommen und in die t\u00e4gliche Routine eingef\u00fchrt. Dabei lernt er eine ganz andere Welt kennen: Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger, Krankheit, Alkohol- und Drogensucht, Misshandlung und k\u00f6rperliche Gewalt sind allgegenw\u00e4rtig. Gareis begibt sich ganz bewusst in ein Milieu abseits der b\u00fcrgerlichen Sicherheiten. Er verbringt die Tage mit abgehalfterten Obdachlosen, Pennern und Drogens\u00fcchtigen, schl\u00e4ft bei Wind und Wetter im Freien auf dem Boden, hat nur einen Rucksack und die Kleider, die er am Leib tr\u00e4gt. Alle paar Tage m\u00fcssen er und seine Begleiter sich Geld zusammenbetteln und Almosen schnorren um sich die n\u00f6tigsten Lebensmittel zu haben. Sie w\u00fchlen im Dreck, fischen im M\u00fcll, liegen im Staub. Sie warten tage- und n\u00e4chtelang in abseitigen Depots und Rangierbahnh\u00f6fen auf Anschlussz\u00fcge, verstecken sich vor den Aufsehern und Polizisten, verlieren sich, finden sich wieder. Auf Route 1 arbeitet sich Gareis zusammen mit seinem erfahrenen Reisegef\u00e4hrten Tuck einmal quer durch den Mittleren Westen entlang der kanadischen Grenze bis nach Kalifornien. Route 2 f\u00fchrt ihn und seinen Reisegef\u00e4hrten Shoestring, einem menschenscheuen Kriegsveteranen, von Miami, Florida (rechts unten) \u00fcber Kansas City (Mitte) bis nach Astoria, Oregon kurz vor dem Bundestaat Washington (oben links).<\/p>\n<p>Gareis ist ein interessierter Reisender, wirkt aber passiv, weil er nicht in das Geschehen eingreift, sich dauerhaft raush\u00e4lt, immer nur Beobachter bleibt. So treibt er tage-, wochen- evtl. gar monatelang (genau erf\u00e4hrt man es nicht) im Fahrwasser der Hobos, denen er sich anschlie\u00dft. Neben den dargestellten Erlebnissen muss es unendliche Phasen des Wartens gegeben haben. Harter Untergrund, L\u00e4rm von allen Seiten, Hitze und Regen, Hunger, keine Waschm\u00f6glichkeiten, auch an erholsamen Schlaf war vermutlich nicht zu denken. Die Geschichten wiederholen sich ziemlich bald. Gareis kommt anscheinend in den Reiseflow, hinterfragt irgendwann nichts mehr, l\u00e4sst alles nur noch geschehen. Als Leser dieser langwierigen Dokumentation ist damit leider wesentlich schneller die Luft raus als bei seinen beiden Vorg\u00e4ngerb\u00fcchern. Noch ein G\u00fcterbahnhof, nochmal Warten, nochmal Schnorren, nochmal Pennen, und dann passiert wieder nichts, es nimmt kein Ende. Man erf\u00e4hrt ansatzweise von den Biographien seiner Mitreisenden, erhascht einen Blick in diese f\u00fcr normale B\u00fcrger unsichtbare Subkultur, mehr aber auch nicht.<\/p>\n<p>Zwischendurch erz\u00e4hlt Gareis in einem Nebensatz, dass er vor dieser Unternehmung lange an seinem ersten Roman gearbeitet hat und dieser schlussendlich abgelehnt wurde. Was f\u00fcr eine herbe Entt\u00e4uschung. Danach ging es los auf diesen Tripp, anscheinend als eine Art Ersatzprojekt, irgendwie muss es ja weitergehen. Aber der erlittene Tiefschlag klingt noch sp\u00fcrbar nach. Nur zu gerne h\u00e4tte man den Roman gelesen. Falls er ver\u00f6ffentlicht worden w\u00e4re, w\u00e4re der Hoboblues wohl anders verlaufen oder h\u00e4tte vielleicht gar nicht stattgefunden. Hoffentlich muss Gareis jetzt nicht f\u00fcr den Rest seines Autorenlebens schmerzvolle Roadtripps im Halbschatten bestreiten. Ein Mann mit seinem erz\u00e4hlerischen Talent hat wei\u00df Gott etwas Besseres verdient. Als n\u00e4chstes sind mal andere Geschichten dran, bitte nicht noch so eine asketische Entsagungstour.<\/p>\n<p>Das Buch hat in der Mitte viele farbige Fotos zu den Reiseszenen. Im vorderen Umschlag ist es mit einer groben USA-Karte ausgestattet, die einen die zwei Routen auch geographisch mitverfolgen lassen. Einen Blog oder weiterf\u00fchrende Informationen im Internet gibt es anscheinend nicht.<\/p>\n<p>Das Buch erscheint bei Malik, hat 256 Seiten und kostet 16 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach &#8222;Tel Aviv &#8211; Berlin&#8220; (2014) und &#8222;100 Gramm Wodka&#8220; (2015) hat sich der deutsche Reiseautor Fredy Gareis mit &#8222;K\u00f6nig der Hobos&#8220; (2018) ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Thema vorgenommen. 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