{"id":6151,"date":"2018-08-07T11:59:56","date_gmt":"2018-08-07T09:59:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=6151"},"modified":"2018-08-07T11:59:56","modified_gmt":"2018-08-07T09:59:56","slug":"buch-der-reisende-von-ulrich-alexander-boschwitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2018\/08\/07\/buch-der-reisende-von-ulrich-alexander-boschwitz\/","title":{"rendered":"Buch: &#8222;Der Reisende&#8220; von Ulrich Alexander Boschwitz"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DerReisendeCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6150\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DerReisendeCover-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DerReisendeCover-181x300.jpg 181w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/DerReisendeCover.jpg 302w\" sizes=\"(max-width: 181px) 100vw, 181px\" \/><\/a>Ulrich Alexander Boschwitz wurde 1915 als Sohn eines j\u00fcdischen Kaufmanns und einer L\u00fcbecker Senatorentochter geboren und erhielt eine streng protestantische Erziehung. Nach seinem Musterungsbefehl emigrierte er 1935 zuerst nach Schweden, weiter nach Norwegen, 1936 nach Frankreich, Luxemburg, Belgien und 1939 nach England. Sein erster Roman &#8222;Menschen neben dem Leben&#8220; (1937) erschien unter dem Pseudonym John Grane in schwedischer Sprache, sein zweiter Roman &#8222;The man who took trains&#8220; erschien 1939 in englischer Sprache in England, ein Jahr sp\u00e4ter unter dem Titel &#8222;The Fugitive&#8220; in den USA. Boschwitz wurde nach Kriegsausbruch in England als &#8222;feindlicher Ausl\u00e4nder&#8220; interniert und 1940 nach Australien verschifft. Dort verfasste er seinen dritten Roman. 1942 wurde das Schiff, auf dem er sich auf der R\u00fcckreise nach England befand, von einem deutschen U-Boot torpediert und ging unter. Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren, sein letztes Manuskript sank wohl mit ihm.<!--more--><\/p>\n<p>Allein diese bewegte und bewegende Lebensgeschichte k\u00f6nnte Stoff f\u00fcr einen Roman oder Film liefern. Umso erstaunlicher ist es, dass bis 2018 keiner seiner beiden Romane jemals in deutscher Sprache erschienen ist. Der deutsche Herausgeber Peter Graf hat sich der Sache angenommen, das deutschsprachige Originaltyposkript im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt ausfindig gemacht und sorgf\u00e4ltig \u00fcberarbeitet. Bereits bei der ersten Inaugenscheinnahme hatte er sich von der hervorragenden literarischen Qualit\u00e4t des Manuskripts \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Hinzu kommt noch die au\u00dfergew\u00f6hnliche literaturhistorische Bedeutung dieser eigentlich viel zu sp\u00e4t erfolgten Archiventdeckung.<\/p>\n<p>Hauptfigur des Romans ist der j\u00fcdische Kaufmann Otto Silbermann aus Berlin, Soldat des ersten Weltkriegs und angesehenes Mitglied der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, der im Zuge der Novemberpogrome des Jahres 1938 aus seiner Wohnung vertrieben und von seiner nicht-j\u00fcdischen Ehefrau getrennt wird. Von seinem nicht-j\u00fcdischen Gesch\u00e4ftspartner wird er finanziell \u00fcbervorteilt und reist fortan mit einer Aktentasche voller Bargeld mit dem Zug innerhalb Norddeutschlands von Stadt zu Stadt. Zuerst um Gesch\u00e4fte abzuschlie\u00dfen, Dinge zu regeln, nach dem Rechten zu sehen, im Verlauf wird das Zugfahren aber immer mehr zum Selbstzweck, weil er nirgends bleiben kann oder gewollt ist. Silbermann befindet sich auf der Flucht, verliert zuerst sein Hab und Gut, dann seine W\u00fcrde und schlie\u00dflich seinen Verstand. Die Zugfahrten sind hier eine Metapher f\u00fcr sinnlose Fortbewegung ohne wirklich von der Stelle zu kommen oder irgendetwas an der Situation \u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Silbermann macht unerm\u00fcdlich weiter, kann aber keinem mehr vertrauen und ger\u00e4t immer wieder in Gefahr als Jude erkannt und verhaftet zu werden.<\/p>\n<p>Es ist schon erstaunlich mit welcher Pr\u00e4zision der damals noch relativ junge Boschwitz die gesellschaftspolitische Situation in Deutschland aus der Ferne erfasst und literarisch verarbeitet hat. Mit &#8222;Der Reisende&#8220; befindet er sich auf einem literarischen Niveau mit Jakob Wassermann, Franz Kafka oder Thomas Mann. Es hat eine ganz besonders furchtbare Tragik, dass bei seinem Tod durch deutschen Beschuss auch gleich das einzige Manuskript seines dritten, bereits vollendeten Romans vernichtet wurde, der ihm &#8211; wie wir aus privater Korrespondenz wissen &#8211; sehr viel bedeutete.<\/p>\n<p>Nun bleibt wenigsten die Hoffnung, dass der vorliegende Roman, wenn auch versp\u00e4tet, seine volle Wirkung entfaltet und damit das gelingt, hat Peter Graf und der Verlag Klett-Cotta gverdeinstvolle Arbeitet geleistet. Vielleicht erscheint beim entsprechende Erfolg auch sein Debutroman erstmals in deutscher \u00dcbersetzung. Das w\u00e4re eine erfreuliche Folge dieser kleinen Sensation.<\/p>\n<p>Fazit: Eine spektakul\u00e4re Entdeckung in deutschsprachiger Erstver\u00f6ffentlichung und ein gewichtiges St\u00fcck deutscher Literaturgeschichte. Hat das Zeug zum modernen Klassiker und geh\u00f6rt auf die Lekt\u00fcrelisten von Gymnasien, Hochschulen und Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Das Buch erscheint bei Klett-Cotta, hat 304 Seiten und kostet gebunden 20 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrich Alexander Boschwitz wurde 1915 als Sohn eines j\u00fcdischen Kaufmanns und einer L\u00fcbecker Senatorentochter geboren und erhielt eine streng protestantische Erziehung. 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