{"id":6812,"date":"2019-06-03T17:08:08","date_gmt":"2019-06-03T15:08:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=6812"},"modified":"2019-06-03T17:08:08","modified_gmt":"2019-06-03T15:08:08","slug":"buch-vom-imperiengeschaeft-von-berthold-seliger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2019\/06\/03\/buch-vom-imperiengeschaeft-von-berthold-seliger\/","title":{"rendered":"Buch: &#8222;Vom Imperiengesch\u00e4ft&#8220; von Berthold Seliger"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Imperiengesch\u00e4ftCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6811\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Imperiengesch\u00e4ftCover-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Imperiengesch\u00e4ftCover-179x300.jpg 179w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/Imperiengesch\u00e4ftCover.jpg 298w\" sizes=\"(max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a>Berthold Seliger ist freier Autor und betreibt seit Jahrzehnten eine eigene Konzertagentur. Im Fr\u00fchjahr 2013 legte er mit dem Buch &#8222;Das Gesch\u00e4ft mit der Musik: Ein Insiderbericht&#8220; einen bestens informierten, aufkl\u00e4renden und meinungsstarken Text vor, der ungewohnte Einblicke in die Mechanismen der modernen Musikwirtschaft gew\u00e4hrte. Zwei Jahre sp\u00e4ter folgte &#8222;I have a stream&#8220; (2015) ein umfangreiches und wohlbegr\u00fcndetes Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Abschaffung des \u00f6ffentlich-rechtlichen, &#8222;geb\u00fchrenfinanzierten Staatsfernsehens&#8220; in ausladender Form.\u00a0Mit seinem aktuellen dritten Buch fasst Seliger wiederum ein hei\u00dfes Eisen an und pers\u00f6nlicher kann es f\u00fcr einen passionierten Konzertagenten wohl kaum mehr werden. In &#8222;Vom Imperiengesch\u00e4ft&#8220; (2019) geht es um das Gesch\u00e4ft mit (Popmusik-)Konzerten, Festivals und Soziales. Seliger berichtet dar\u00fcber &#8222;wie Gro\u00dfkonzerne die kulturelle Vielfalt zerst\u00f6ren&#8220;. Wie immer sind seine Ausf\u00fchrungen weitreichend, nachvollziehbar belegt und zutiefst aufschlussreich, allerdings auch im besten Sinne parteiisch und tendenzi\u00f6s.<!--more--><\/p>\n<p>Diesmal geht es um mehr als Musikvertrieb und TV: Seliger spannt in dem 316-Seiten langen Buch einen weiten, inhaltlichen Bogen und bietet einen nie dagewesenen Einblick. Der Text beginnt mit einer Bestandsaufnahme und erkl\u00e4rt wie sich Konzerte aus Sicht von Ticketverk\u00e4ufern, Konzertveranstaltern und K\u00fcnstlern darstellen. Schnell wird klar, dass Festivals und Einzelkonzerte nationaler und internationaler Musiker und Bands l\u00e4ngst zur Verhandlungsmasse global operierender Gro\u00dfkonzerne geworden sind. Da Tontr\u00e4ger, Downloads und Streams keine nennenswerten Ertr\u00e4ge mehr abwerfen sind Konzerte und Merchandise, inkl. sog. 360\u00b0-Deals in den Mittelpunkt des Musikgesch\u00e4fts ger\u00fcckt. Hauptverdiener sind dabei gro\u00dfe Konzerne, die jedoch nie Aufbauarbeit geleistet haben oder irgendwelche Risiken eingehen. Ticketpreise unterliegen l\u00e4ngst den Gesetzen der neo-liberalen Marktwirtschaft. Das w\u00e4re nicht weiter schlimm, g\u00e4be es auf der anderen Seite nicht gravierende, negative Auswirkungen, denn Konzerte, deren Veranstaltungsorte und das sozio-kulturelle Umfeld verkommen auf diese Weise. Waren sie ehemals noch Kulturorte und Begegnungsst\u00e4tten und regten an zu kulturellem und gesellschaftlichem Austausch, so sind es heute eiskalte, nach rein kommerziellen Vorgaben konstruierte Mehrzweckhallen ohne jeden sozialen Anspruch oder gesellschaftliche Bedeutung.<\/p>\n<p>Seliger zeichnet im Folgenden eine historische Entwicklung des (Musik-)Festivals von Monterey Pop \u00fcber Woodstock und viele weitere (auch europ\u00e4ische) bis zu Burning Man. Auff\u00e4llig daran ist, dass sich die aufgeschlossene, multikulturelle Aufbruchsstimmung der Hippies alsbald wandelte. Die Professionalisierung von Organisation, Technik und nicht zuletzt Finanzierung setzte gesellschaftliche und kulturelle Impulse. Konzerte wurden zu Gro\u00dfveranstaltungen bei (im R\u00fcckblick) relativ moderaten Preisen. Kulturelle Teilhabe war erw\u00fcnscht und m\u00f6glich. Sp\u00e4testens seit dem Niedergang der Tontr\u00e4gerindustrie wurde das Konzert jedoch zentral in Hinblick auf die kommerzielle Verwertung von Musik und Musikern. Ticketpreise und Geb\u00fchren wurden exklusiver und teurer. Heutzutage werden f\u00fcr renommierte internationale Bands und Musiker Ticketpreise von 150 bis zu 1000 Euro aufgerufen (z.B. Soloperformance &#8222;Springsteen on Broadway&#8220; ab 500 Dollar). Es handelt sich dabei um rein kommerzielle Veranstaltungen ohne jede kultur- oder gesellschaftspolitische Vision. Wer am meisten Geld hat, bekommt die besten Pl\u00e4tze, lebendige Nachbarschaften werden durch gesichtslose Nicht-Orte ersetzt, ganze Stadtviertel werden dieser Form der kommerziellen Ausbeutung geopfert. Der Prozess hat viel mit Gentrifizierung zu tun und wird von der Politik absurderweise oftmals aktiv gef\u00f6rdert. In Kalifornien sind diese Entwicklungen schon einige entscheidende Schritte weiter. Nachdem die normale Bev\u00f6lkerung bereits nahezu aus der Stadt vertrieben wurde, werden um San Francisco von Apple, Google, Facebook &amp; Co. aktuell neue B\u00fcroareale und digitalisierte St\u00e4dtchen geplant und gebaut. Diese sind noch etwas mehr als die ber\u00fcchtigten Gated Communities, sie sind komplett kontrollierte, totalit\u00e4re Minigesellschaften, ganz im Sinne einer neo-liberalen bzw. libert\u00e4ren Ideologie. Erste derartige Tendenzen sind inzwischen auch in deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten zu beobachten.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Frage, bzw. die ganz einfache Antwort gibt Seliger leider nicht: Warum sind Menschen bereit 200, 400 oder gar 1000 Euro f\u00fcr eine einfache Eintrittskarte zu einem Konzert zu bezahlen. Liegt es nicht einfach in der Hand derer, die solche Entwicklungen direkt und indirekt finanzieren? Sie k\u00f6nnten doch auch f\u00fcr viel weniger Geld zu den Konzerten kleiner, lokaler Bands und Veranstalter in der Nachbarschaft gehen. Und daran schlie\u00dfen sich dann Fragen an wie: Warum h\u00f6ren die Menschen Formatradio? Warum sehen sie Privatfernsehen mit schlechtem Programm und nerviger Werbung? Warum kaufen und fahren die Leute so gerne SUV? Warum fliegen sie auf die andere Seite der Erde in den Urlaub um \u201aall inklusive&#8216; an einem Strand zu liegen? Warum essen sie soviel Fleisch und so wenig, viel billigeres Gem\u00fcse? Es ist wirklich verflucht schwer darauf vern\u00fcnftige Antworten zu finden. Jedenfalls sind es nicht nur die b\u00f6sen Konzerne und die unf\u00e4higen Politiker, die alles falsch machen. Wir m\u00fcssen uns als Konsumenten (und das ist jeder einzelne von uns) schon auch an die eigene Nase greifen. Diese naheliegende Erkenntnis kommt bei Seliger leider etwas zu kurz. Jede Gesellschaft kriegt am Ende eben die Kultur, die sie verdient.<\/p>\n<p>Fazit: Seliger spannt in seinem neuesten Buch einen riesigen Bogen von den Bedingungen einer Konzertveranstaltung, \u00fcber Komplettkommerzialisierung von Kunst und (Musik-) Kultur durch global operierende Gro\u00dfkonzerne mit rein pekuni\u00e4rem Interesse, die jedweder kulturellen Idee zuwider laufen, bis zu neuesten st\u00e4dteplanerischen Entwicklungen, die sich nicht zuletzt in neuesten gesellschaftlichen und politischen Ph\u00e4nomenen wiederspiegeln. Mit seinen Beobachtungen und Warnungen ist der Autor sicherlich ein sturer K\u00e4mpfer f\u00fcr eine gute, gerechte Sache, aber was dieser Allmacht entgegenzustellen ist, bleibt unkonkret. Trotzdem f\u00fcr alle (musik-)kulturellen Dystopisten: Dicke Empfehlung, unbedingt lesen!<\/p>\n<p>Die Aussage des Buches wird von einem lesenswerten <a href=\"http:\/\/bseliger.de\/blog\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Blog<\/a> mit monatlichen Eintragungen flankiert, leider ist die Kommentarfunktion dauerhaft deaktiviert. Das Taschenbuch erscheint bei Tiamat und kostet 20 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berthold Seliger ist freier Autor und betreibt seit Jahrzehnten eine eigene Konzertagentur. 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