{"id":7323,"date":"2019-12-20T09:00:05","date_gmt":"2019-12-20T08:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=7323"},"modified":"2019-12-20T09:00:05","modified_gmt":"2019-12-20T08:00:05","slug":"buch-trotz-alledem-von-hannes-wader","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2019\/12\/20\/buch-trotz-alledem-von-hannes-wader\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eTrotz alledem\u201c von Hannes Wader"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-7324\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover-198x300.jpg 198w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover-675x1024.jpg 675w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover-768x1165.jpg 768w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover-1013x1536.jpg 1013w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover-1350x2048.jpg 1350w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover-1200x1820.jpg 1200w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/TrotzAlledemCover.jpg 1688w\" sizes=\"(max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a>Der deutsche Liedermacher Hannes Wader startete seine Karriere Ende der 60er Jahre und wurde mit \u201eHeute hier, morgen dort\u201c (1972) einem breiten Publikum bekannt. In den folgenden Jahrzehnten spielte er unz\u00e4hliger Konzerte und ver\u00f6ffentlichte 35 Studio- und Live-Alben. 2018 beendetet er seine Musikerkarriere mit einer Abschlusstournee und dem Album \u201eMacht\u2019s gut\u201c (2018). Mit \u201eTrotz alledem\u201c legt er nun eine umfangreiche Autobiographie vor, schaut auf sein Leben zur\u00fcck.<!--more--><\/p>\n<p>Wie der Titel bereits andeutet, scheint Trotz die wesentliche Triebfeder des Liedermachers gewesen zu sein. Seine Kindheit in der Nachkriegszeit verbrachte er in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen. Als Kind sang und dichtete er bereits, lernt Klarinette zu spielen und sp\u00e4ter das Mandolinen- und Gitarrenspiel. Er macht eine Lehre zum Dekorateur, spielt in Jazzkapellen, ger\u00e4t in studentische Kreise, bewirbt sich an der Werkkunstschule in Bielefeld, wird angenommen und wechselt drei Semester sp\u00e4ter zur Akademie f\u00fcr Graphik in West-Berlin. Hier beginnt er ernsthaft Lieder zu schreiben und wird beim Festival Chanson Folklore International auf der legend\u00e4ren Burg Waldeck entdeckt. 1969 erscheint sein erstes Album, danach fast jedes Jahr ein weiteres.<\/p>\n<p>Wader berichtet offen, teils sehr ausf\u00fchrlich aus seinem Leben. Er ist ein Einzelg\u00e4nger, Au\u00dfenseiter und Streuner. Viele seiner Begegnungen und Beziehung enden im Streit (Lehre, Studium, Musikproduzenten, Konzertveranstalter). Er ist starker Raucher, Trinker, hat \u00fcber lange Zeit keinen festen Wohnsitz, kann nicht mit Geld umgehen, hat trotz immenser Einnahmen, hohe Schulden. Wader schwankt zwischen Nichtstun und manischen Arbeitsphasen. Ist st\u00e4ndig, teils vollkommen lustlos auf Konzerttour, lebt dann wieder wochen- und monatelang alleine und eigenbr\u00f6dlerisch in seiner fast unm\u00f6bilierte M\u00fchle in Norddeutschland. Anders als vielleicht zu erwarten ist er unpolitisch und an gesellschaftlichen Entwicklungen nicht sonderlich interessiert. Auch im R\u00fcckblick spielen Studentenunruhen, RAF, Ostpolitik, etc. kaum eine Rolle, obwohl er unfreiwillig sogar involviert war: 1971 \u00fcberl\u00e4sst er seine Wohnung einer fl\u00fcchtigen Bekannten, bei der es sich um die RAF-Aktivistin Gudrun Ensslin handelt. Wader wird danach nach eigenen Angaben f\u00fcr viele Jahre \u00fcberwacht, aus f\u00fcr ihn unverst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden. 1977 tritt er in die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ein, spielt bei politischen Kundgebungen, hat aber selbst keine politische Botschaft. Man gewinnt den Eindruck: Hauptsache gegen irgendwas, aber f\u00fcr was? Man erf\u00e4hrt es nicht.<\/p>\n<p>Nachdem sein Schaffensdrang bereits Mitte der 1970er merklich abklingt, erscheinen Alben mit Plattdeutschen Liedern, Volksliedern, Arbeiterliedern, Shanties. Gute pers\u00f6nliche Verh\u00e4ltnisse pflegt er immerhin zu Liedermacherkollegen. Es folgen gemeinsame Konzerte und Alben mit Reinhard Mey, Konstantin Wecker, Klaus Weiland und auch hin und wieder Alben mit eigenen Liedern, herausragende Lieder sind nicht darunter. Die Zeiten der egozentrischen Selbstbespiegelung ist bei der Liedermacherei anscheinend vorbei. Das inzwischen arrivierte, b\u00fcrgerliche Stadttheaterpublikum bleibt ihm allerdings treu und verschafft ihm ein angenehmes Auskommen. In Feuilleton, Radio, gesellschaftlichem Diskurs spielt Wader seit Anfang der 1980er bereits keine Rolle mehr, einem mittelalten oder jungen Publikum ist er heute l\u00e4ngst vollkommen unbekannt.<\/p>\n<p>Nach Lekt\u00fcre der Autobiographie dr\u00e4ngt sich Eindruck auf, dass Waders Karriere komplett auf einem einzigen Song (\u201eHeute hier, \u2026\u201c) basiert. Sein Widerwille bzw. Unverm\u00f6gen sich gesellschaftlichen Entwicklungen zu stellen zeigt sich auch auf verst\u00f6rende Weise in seinen Texten und Melodien. Sie sind r\u00fcckblickend aus dem Jahr 2019 besehen entweder belanglos, weil total selbstreferentiell oder kaum noch auszuhalten, weil furchtbar eindimensional und selbstgerecht (\u201eLangeweile\u201c).<\/p>\n<p>Richtig nervig wird es, wenn der Gro\u00dfverdiener und Salonkommunist von Geld und Kapital schreibt. Nach eigenen Angaben kann Wader nicht mit Geld umgehen und gibt daf\u00fcr zahllose Beispiele. Er kann sich das freilich leisten, weil er \u00fcber weite Strecken gut verdient hat. Aus dieser sehr speziellen Situation aber irgendwelche kapitalkritischen Theorien zu spinnen wirkt unangemessen und taktlos. Der Zusammenbruch des Ostblocks insbesondere der DDR bringt ihn da auch nicht unbedingt zu einer erw\u00e4hnenswerten Einsicht. Er sieht immer nur sich, sich, sich.<\/p>\n<p>Auch, dass er seine eigene Familie, Frau und Kinder fast vollst\u00e4ndig au\u00dfen vorl\u00e4sst, liegt vermutlich nicht an erz\u00e4hlerischer Zur\u00fcckhaltung. Vielmehr hat man hier ebenfalls den Eindruck, dass Geburt und Entwicklung der eigenen Kinder ihn nicht interessieren und auch nichts in ihm ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Insgesamt eine eigenwillige und abschreckende Lebensgeschichte. Der Stil ist zwar pers\u00f6nlich und wohl auch ehrlich, aber \u00fcber weite Strecken humorlos und unempathisch. Wenn mal Gef\u00fchle aufflackern, dann sind das Unverst\u00e4ndnis, Zorn, Wut und eben Trotz.<\/p>\n<p>Fazit: Waders Autobiographie h\u00e4tte ein interessanter, pers\u00f6nlich gef\u00e4rbter Bericht zu bundesdeutscher, gesellschaftlicher Entwicklung von Nachkriegszeit \u00fcber Wirtschaftswunder, deutschem Herbst, politischem Aufbruch, Mauerfall bis zur Berliner Republik werden k\u00f6nnen. Stattdessen ist es eine selbstzentrierte Ich-Erz\u00e4hlung geworden, die noch dazu ab den 1980er Jahren sp\u00fcrbar ausd\u00fcnnt. W\u00e4hrend der Kindheit fast die komplette erste H\u00e4lfte des Buches gewidmet ist, werden die letzten drei\u00dfig Lebensjahre auf wenigen Seiten zusammengefasst. Schade. \u201eTrotz alledem\u201c: Kann man mal lesen oder aber auch sein lassen.<\/p>\n<p>Das gebundene Buch erscheint bei Penguin, hat 592 Seiten und kostet 28 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der deutsche Liedermacher Hannes Wader startete seine Karriere Ende der 60er Jahre und wurde mit \u201eHeute hier, morgen dort\u201c (1972) einem breiten Publikum bekannt. 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