{"id":7598,"date":"2020-05-08T16:11:25","date_gmt":"2020-05-08T16:11:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dennisschuetze.de\/blog\/?p=7598"},"modified":"2020-05-29T16:40:32","modified_gmt":"2020-05-29T14:40:32","slug":"interview-mit-johannes-klier-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2020\/05\/08\/interview-mit-johannes-klier-teil-1\/","title":{"rendered":"Interview mit Johannes Klier, Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-7595\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/JohannesKlier-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/JohannesKlier-248x300.jpg 248w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/JohannesKlier-848x1024.jpg 848w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/JohannesKlier-768x928.jpg 768w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/JohannesKlier.jpg 961w\" sizes=\"(max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><a href=\"http:\/\/www.johannes-klier.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Johannes Klier<\/a> ist klassischer Gitarrist, Instrumentalp\u00e4dagoge, Autor von Aufs\u00e4tzen und B\u00fcchern, sowie Herausgeber von Noteneditionen. Seit den 1980er Jahren leistet er mit diversen Ver\u00f6ffentlichungen wertvolle Beitr\u00e4ge zur Geschichte der Gitarre und zu Werkanalyse und Interpretation. 1980-1996 war Klier Lehrbeauftragter f\u00fcr Gitarre an der Hochschule f\u00fcr Musik M\u00fcnchen. Das Interview fand in schriftlicher Form im Mai 2020 statt und wurde gef\u00fchrt von Dr. Dennis Sch\u00fctze.<\/p>\n<p><strong>DS: Herr Klier, was hat sie als junger Mensch zum Instrument Gitarre hingezogen? Und wie haben sie das Instrument zuerst erlernt? Gab es damals etwas wie eine etablierte Lehrmethode f\u00fcr klassische Gitarre?<\/strong><\/p>\n<p>JK: Es war der Klang der Gitarre, der mich von Anbeginn an ber\u00fchrte, ihr intimer, leicht melancholischer Klang. Ich war gerade einmal 5 Jahre alt, als ich im Radio zum ersten Mal Gitarrenmusik h\u00f6rte und war sofort gefangen genommen. Erst viele Jahre sp\u00e4ter erfuhr ich, dass es sich bei diesem St\u00fcck um Francisco T\u00e1rregas Minuetto handelte, gespielt von Andr\u00e9s Segovia \u2013 ich denke, es ist eine seiner sch\u00f6nsten Aufnahmen. Nach diesem \u201eErweckungserlebnis\u201c h\u00f6rte ich so oft es ging Radio, und gl\u00fccklicherweise gab es auch immer wieder einzelne Gitarrenst\u00fccke zu h\u00f6ren. Merkw\u00fcrdigerweise sendete der BR alle paar Monate jenes Gitarrenst\u00fcck \u2013 T\u00e1rregas Minuetto. Im Alter von 8 Jahren bekam ich dann endlich von meinen Eltern zu Weihnachten eine Gitarre.<!--more--><\/p>\n<p>Ich bin in einem kleinen b\u00e4uerlichen Marktflecken im tiefsten Niederbayern aufgewachsen, direkt in der Nachkriegszeit, da gab es nat\u00fcrlich keine Musikschule, keine ausgebildeten Gitarrenlehrer, klassische Musik spielte kaum eine Rolle und klassische Gitarrenmusik war praktisch unbekannt. Als Gitarrenlehrer hatte mein Vater einen Kollegen aus dem Nachbarort gewinnen k\u00f6nnen. Er war Volkschullehrer und konnte ganz gut Gitarre spielen, in erster Linie nat\u00fcrlich Liedbegleitung, er spielte so, wie man als Laie Gitarre spielte. Eine etablierte Lehrmethode f\u00fcr klassische Gitarre gab es damals nat\u00fcrlich auch nicht. Allerdings war der Huber Martin ein begnadeter Harmoniker, er beherrschte die Harmonielehre wie kaum ein Zweiter, und so lernte ich von ihm nicht nur alle m\u00f6glichen Griffe auf der Gitarre, sondern vor allem auch, was harmonisch bei einer Liedbegleitung auf der Gitarre m\u00f6glich ist. Nach etwa 2 Jahren meinte Herr Huber, er k\u00f6nne mir nun nichts mehr beibringen und beendete den Unterricht.<\/p>\n<p>Nun war ich in den kommenden Jahren bis zum Abitur ganz auf mich allein gestellt, denn es gab niemanden in weitem Umkreis, der mir Gitarrenunterricht h\u00e4tte geben k\u00f6nnen. So begann ich von mir aus neben eigenen Liedbegleitungen, Solos\u00e4tze von deutschen und europ\u00e4ischen Volksliedern zu schreiben, an Weihnachten kamen Solo-Lieds\u00e4tze von Weihnachtsliedern dazu, die ich dann ab ca. meinem 11. Lebensjahr auch \u00f6ffentlich in Weihnachtskonzerten, Liedveranstaltungen etc. mit Erfolg vortrug.<\/p>\n<p>Mit 12 Jahren bekam ich dann zu Weihnachten meine erste Langspielplatte mit Gitarrenmusik: \u201eAndr\u00e9s Segovia spielt\u201c. Als ich all die St\u00fccke auf der LP h\u00f6rte (Mudarra: Romanesca, Mil\u00e1n: Fantas\u00eda und Pavane, de Vis\u00e9e: d-moll-Suite, Sor: Mozartvariationen op. 9, Moreno Torroba: Sonatine, Villa-Lobos: \u00c9tude Nr. 7 und \u2013 Silvius Leopold Weiss: Pr\u00e9lude, Ballet und Gigue \u2013 die aber alle drei, wie wir heute wissen, von Manuel Ponce stammen), wusste ich, was ich in meinem Leben machen will. Ich verwendete mein bescheidenes Taschengeld f\u00fcr das Bestellen von Gitarrennoten und versuchte, all die St\u00fccke zu spielen, die ich auf den verschiedenen Segovia-LPs h\u00f6rte. Bis zum Abitur hatte ich dann ein ganz nettes Repertoire beisammen, das ich \u00f6fters in Schulkonzerten, Kirchenkonzerten und bei allen m\u00f6glichen Anl\u00e4ssen spielen konnte. Meine \u201eHits\u201c waren die 6 Lautenst\u00fccke aus der Renaissance (Chilesotti), Mil\u00e1ns Pavanen I und III, Mudarras Romanesca, Espagnoleta von Gaspar Sanz, die d-moll-Suite von de Vis\u00e9e, Bachs Praeludium und Presto aus der 1. Lautensuite, Tansmans Trois pi\u00e8ces pour la guitare, Villa-Lobos (Pr\u00e9ludes No. 1 und 3). F\u00fcr Sors Mozartvariationen oder Granados\u2019 La Maja de Goya reichten allerdings meine Spielk\u00fcnste damals nicht aus. Denn obwohl ich sch\u00f6ne Erfolge mit meinem Spiel verzeichnen konnte, wusste ich doch, das ich eigentlich \u00fcber keine Spieltechnik verf\u00fcgte \u2013 trotzdem ich im Laufe der Jahre alle m\u00f6glichen Gitarrenschulen f\u00fcr mich selbst durchgearbeitet hatte (Carulli, Carcassi etc.). Aber ohne Lehrer war das verlorene Liebesm\u00fch.<\/p>\n<p>Durch einen Zufall Ende der 1960er Jahre erlebte ich einen Freund aus dem Nachbarort beim Gitarrenspiel. Und sofort h\u00f6rte ich den Unterschied, ich wusste: SO muss Gitarre klingen. Siegbert erz\u00e4hlte mir, dass er w\u00e4hrend seines Studiums an der M\u00fcnchner Kunstakademie bei einem Spanier namens Santiago Navascu\u00e9s Gitarrenunterricht gehabt hatte, nicht lange, nur ein paar Monate. Wie ich sehr viel sp\u00e4ter erfuhr, war Santiago Navascu\u00e9s Sch\u00fcler von Quintin Esquembre gewesen, einem Sch\u00fcler von Francisco T\u00e1rrega, hatte aber dessen Spielweise und Spieltechnik weiterentwickelt und systematisiert. Siegbert zeigte mir einige wenige spieltechnische Grundlagen und ich versuchte, sie zu realisieren, so gut es eben ging in der kurzen Zeit, denn tragischerweise verstarb er kurz darauf in jungen Jahren.<\/p>\n<p>Doch habe ich mein Ziel, nach dem Abitur in M\u00fcnchen Musik (Gitarre) zu studieren, nie aus den Augen verloren. Auf Druck der Eltern begann ich zwar ein Romanistik\/Anglistik-Studium an der LMU \u2013 ein Musikstudium stand in meinem Elternhaus nicht zur Debatte \u2013 ich wusste aber sehr bald, dass das nicht mein Weg war. So besorgte ich mir die Adresse von Santiago Navascu\u00e9s und stand dann eines Samstagnachmittags vor seiner T\u00fcr und bat ihn, ihm vorspielen zu d\u00fcrfen (Villa-Lobos: Pr\u00e9lude Nr. 1). Wie erwartet, sagte er mir, dass ich keine Spieltechnik h\u00e4tte. Ich gab ihm nat\u00fcrlich recht und fragte, ob er mir Unterricht geben w\u00fcrde. Seine Zusage war f\u00fcr mich gro\u00dfe Freude. Dann hie\u00df es, ganz von vorn neu zu beginnen: Anschlags\u00fcbungen auf leeren Saiten, Tonleitern und nach ein paar Wochen kleine \u00c9tuden von Aguado.<\/p>\n<p>Daneben ging ich immer noch in die Uni, meine Eltern erfuhren nichts von meinen gitarristischen Aktivit\u00e4ten. Trotzdem waren diese Uni-Semester keine verlorene Zeit \u2013 im Gegenteil: Zu meinem gro\u00dfen Gl\u00fcck lernte ich dort meine sp\u00e4tere Frau <a href=\"https:\/\/ingrid-hacker-klier.com\/web\/home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ingrid<\/a> kennen, die mich, als ich ihr von meinem Wunsch eines Musikstudium erz\u00e4hlte, ermunterte, bei diesem Plan zu bleiben. Ihrem R\u00fcckhalt und Ihrer Unterst\u00fctzung habe ich es zu verdanken, dass ich mich allen elterlichen Widerst\u00e4nden widersetzt und ein Gitarrenstudium am Richard-Strauss-Konservatorium (Fachakademie f\u00fcr Musik) begonnen habe.<\/p>\n<p><strong>DS: Sie haben klassische Gitarre bei Santiago Navascu\u00e9s in M\u00fcnchen und Patrick Bashford in London studiert. Wie war eine solche Ausbildung zu diesem Zeitpunkt angelegt? Was waren g\u00e4ngige \u00dcbe- und Repertoirest\u00fccke?<\/strong><\/p>\n<p>Neben den \u00fcblichen Theorief\u00e4chern \u2013 also Geh\u00f6rbildung, Tonsatz (Harmonielehre und Kontrapunkt), Akustik und Instrumentenkunde, Musikgeschichte etc. \u00ac\u2013 und den praktischen F\u00e4chern wie Chorleitung, Ensembleleitung etc., gab es w\u00f6chentlich eine Stunde Hauptfachunterricht, ab dem 2. Studienjahr kamen das Gitarrenseminar und Gitarre-Kammermusik hinzu.<\/p>\n<p>Santiago Navascu\u00e9s war ein strenger Lehrer, meist unerbittlich und kompromisslos, aber seine fachliche Kompetenz war \u00fcber jeden Zweifel erhaben. Jeder Studienanf\u00e4nger musste quasi von vorne anfangen \u2013 tabula rasa stand am Beginn des 1. Studienjahres. Also: Anschlags\u00fcbungen auf leeren Saiten, Tonleitern, kleine \u00c9tuden von Dionisio Aguado. Und wenn man dann mit den spieltechnischen Grundlagen etwas vertraut war, durfte man ein Vortragsst\u00fcck einstudieren. Das war meistens ein Pavane von Mil\u00e1n, ein Menuett von Sor, Bachs d-moll-Pr\u00e4ludium BWV 999 o. \u00e4. Am Ende jedes Studienjahres stand f\u00fcr jeden von uns die Jahrespr\u00fcfung, man gab eine Liste der im Laufe des Studienjahres erarbeiteten Musikst\u00fccke ab und musste dann 2 oder 3 davon einer Pr\u00fcfungskommission vorspielen, die diese Leistung mit einer Jahresnote bewertete.<\/p>\n<p>Zu den \u00fcblichen \u00c9tuden geh\u00f6rten einzelne Carcassi-\u00c9tuden op. 60, verschiedene \u00c9tuden aus Sors op. 6, 30 und 31. Und dann nat\u00fcrlich die \u00c9tuden von Villa-Lobos.<\/p>\n<p>In Laufe der 4 Studienjahre steigerte sich der Schwierigkeitsgrad der Vortragsst\u00fccke. Im Laufe der Jahre durfte man auch selbst Gitarrenliteratur vorschlagen, die man spielen wollte und Herr Navascu\u00e9s entschied, ob man schon daf\u00fcr bereit war. Mein Repertoire, das ich mir erarbeitet hatte, beinhaltete u. a. alle 6 Pavanen von Mil\u00e1n, die sog. Harfenfantas\u00eda von Mudarra, die Gu\u00e1rdame las Vacas-Variationen von Narv\u00e1ez, Bach: Adagio (eine eigene Bearbeitung) und Fuge BWV 1001, Robert de Vis\u00e9e: d-moll-Suite, Giuliani: C-Dur Sonate op. 15, Sor: Gran Solo op. 14, Granados: Spanischer Tanz Nr. 10, Castelnuovo-Tedesco: Tarantella, Villa-Lobos: \u00c9tuden Nr. 1, 11 und 12, Die Pr\u00e9ludes Nr. 1 \u2013 5, Peter Jona Korn: Arabesque op. 61.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Diplompr\u00fcfung hatte ich mir als obligatorisches Kammermusikwerk das Sexteto m\u00edstico f\u00fcr Fl\u00f6te, Oboe, Saxophon, Gitarre Celesta und Harfe von He\u00edtor Villa-Lobos ausgesucht. Als Gitarrenkonzert spielte ich Mauro Giulianis Gitarrenkonzert Nr. 1 in A-Dur op. 30.<\/p>\n<p>Meine Studienkollegen spielten ein \u00e4hnliches Repertoire, hinzu kamen aber auch noch St\u00fccke von Leo Brouwer (Elogio de la Danza, Canticum), Joaqu\u00edn Turina (Fandanguillo) und Joaqu\u00edn Rodrigo (En los trigales und nat\u00fcrlich sein Aranjuez-Konzert), Castelnuovo-Tedesco (Gitarrenkonzert Nr. 1), He\u00edtor Villa-Lobos (Gitarrenkonzert), St\u00fccke von Silvius Leopold Weiss, Domenico Scarlatti und Gaspar Sanz. Es fehlten auch nicht die \u201eHits\u201c von Alb\u00e9niz (Asturias z. B.) und Granados (Spanischer Tanz Nr. 5).<\/p>\n<p>Nach meiner Diplompr\u00fcfung erhielt ich die Zulassung f\u00fcr zwei weitere Jahre Fortbildungsstudium, die ich dann mit der Konzertreifepr\u00fcfung abschloss.<\/p>\n<p>Santiago Navascu\u00e9s war ein sehr guter Lehrer, f\u00fcr mich zu diesem Zeitpunkt jedenfalls der Richtige. Mit seinem kompromisslosen Unterricht kamen aber nicht alle seine Studenten klar. Manche Egos waren zu gro\u00df, um zu Beginn des Studiums noch einmal \u201evon vorne\u201c anzufangen. Ich aber wusste, dass ich mir eine solide spieltechnische Grundlage erarbeiten musste \u2013 und die Spieltechnik von Santiago Navascu\u00e9s war \u00fcber jeden Zweifel erhaben, vor allem das klangliche Ergebnis \u00fcberzeugte von Woche zu Woche. Also hie\u00df es durchhalten. Lob hatte Seltenheitswert \u2013 wenn man ein \u201eNicht so schlecht\u201c zu h\u00f6ren bekam, konnte man schon stolz sein.<\/p>\n<p>Navascu\u00e9s\u2019 Lehre bestand vor allem darin, ohne Druck, nur mit einer schnellen Bewegung, einem Impuls, aus dem Mittelhandknochen die Saite(n) anzuschlagen. Dadurch wird die Schwingungsf\u00e4higkeit der Saiten entscheidend vergr\u00f6\u00dfert. Solch ein Impuls kann nat\u00fcrlich nur dann das gew\u00fcnschte Resultat erzielen, wenn man ihn vollkommen locker und unverkrampft ausf\u00fchrt. Und so ermahnte uns Herr Navascu\u00e9s immer wieder, locker zu sein, nicht verkrampft zu spielen und zu greifen. Und er forderte, dass dieser Impuls mit Nachdruck, ja nahezu aggressiv geschehen solle, denn je schneller und vehementer diese Anschlagsbewegung ausgef\u00fchrt wird, umso lauter und tragf\u00e4higer wird der Ton. Den akustischen Beweis f\u00fcr diese Aussage haben wir seinerzeit im Gitarrenseminar mit Hilfe eines Oszillographen erbracht.<\/p>\n<p>Diese vehemente Art des Anschlags bereitete mir immer wieder gewisse Schwierigkeiten, sie fiel mir nicht leicht, entsprach meinem Temperament nicht wirklich. Und so begann ich nun nach Beendigung des Studiums, ohne Leistungs- und Zeitdruck, meine gesamte Spieltechnik noch einmal zu hinterfragen. Ich versuchte, alles noch einmal logisch zu durchdenken. Denn wenn ein Lehrer einem Sch\u00fcler sagt: \u201eDu bist verkrampft, Du bist nicht locker, Du musst locker sein\u201c so ist das nur ein erster Schritt f\u00fcr den Lernenden. Er braucht fassbare Koordinaten, mittels denen er sich selbst \u00fcberpr\u00fcfen kann. Und so habe ich verschiedene B\u00fccher gelesen: Werke \u00fcber optimales Bewegungslernen und medizinische Fachliteratur, um den Bewegungsapparat, die Muskulatur und ihre Wirkung zu verstehen. Auch ein Feldenkrais-Kurs hat mich weitergebracht, ich habe quasi physisch gelernt, dass Lockerheit zuerst im Bewusstsein jedes Einzelnen entsteht.<\/p>\n<p>Meine Spieltechnik schien sich durch diese Erkenntnisse zwar auf den ersten Blick kaum zu \u00e4ndern \u2013 und doch geschah etwas Grunds\u00e4tzliches. Ich denke, dass ich die bei Navascu\u00e9s gelernte Spieltechnik f\u00fcr mich und meine Klangvorstellung weiterentwickelt habe. Nat\u00fcrlich spielte ich weiterhin ohne Druck \u2013 das gilt sowohl f\u00fcr die linke als auch die rechte Hand \u2013 aber es gab doch einen gro\u00dfen Unterschied: mein optimierter Anschlagsimpuls kam zwar schnell, aber ohne die fr\u00fchere Vehemenz und Aggression. So konnte ich das Anschlagsger\u00e4usch praktisch eliminieren, die Saite bot keinen wirklichen Widerstand und ich hatte die v\u00f6llige Kontrolle \u00fcber den Ton, seine zeitliche Entstehung, seine Klangqualit\u00e4t und Klangfarbe, seine Lautst\u00e4rke. So war es auch m\u00f6glich, eines der zentralen Probleme beim Musizieren \u2013 die wichtige Beziehung von vertikalem Druck und horizontalen Fluss \u2013 zu realisieren. Es gelang mir immer \u00f6fter, meine innere Vorstellung vom gew\u00fcnschten Klang umzusetzen und dann im besten Fall Musik entstehen zu lassen. Erstaunlicherweise stellte ich fest \u2013 was mir auch Zuh\u00f6rer meiner Konzerte best\u00e4tigten \u2013, dass ich keineswegs zu leise war mit meinem Gitarrenspiel, sondern dass der Ton der Gitarre laut klang und weit trug. 1986 best\u00e4tigte mir der Gitarrenbauer Gabriel Fleta, als ich ihm vorspielte, dass seine Instrumente daraufhin ausgelegt sind und ich genau so spiele, wie sich er und sein Bruder Francisco sich das vorstellten.<\/p>\n<p>Ein paar Jahre sp\u00e4ter habe ich dann all meine Erkenntnisse in meinem Artikel <a href=\"http:\/\/johannes-klier.de\/web\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Johannes-Klier_%C3%9Cben-beginnt-im-Kopf.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201e\u00dcben beginnt im Kopf\u201c<\/a> zusammengefasst, den ich f\u00fcr die Zeitschrift \u00dcben &amp; Musizieren verfasst hatte. Er hatte gro\u00dfen Erfolg und wurde mehrfach nachgedruckt. Es kontaktierten mich Musikstudenten aus ganz Deutschland \u2013 Geiger, Pianisten \u2013, die Unterricht bei mir haben wollten. Dies bewies mir, dass im g\u00e4ngigen Instrumentalunterricht dieses Thema \u2013 wie \u00fcbe ich richtig \u2013 keine Rolle spielte und von den Professoren und Dozenten sehr oft str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt wurde. Dabei entscheide ich beim \u00dcben, beim ersten Ton, ob ich mir der Qualit\u00e4t aller Bewegungen beim Gitarrespielen stets bewusst bin, nur hier beim \u00dcben kann ich Fehler durch mentales Training von vornherein vermeiden. Durch derart konzentriertes \u00dcben, das nichts mit Musik zu tun hat, entscheide ich allein, ob ich das betreffende St\u00fcck sp\u00e4ter erfolgreich auf dem Podium werde spielen k\u00f6nnen. Alles beginnt im Kopf, im Bewusstsein des Einzelnen, der Zustand des Bewusstseins beim \u00dcben ist ausschlaggebend.<\/p>\n<p>Trotzdem hatte ich zu diesem Zeitpunkt, zu Beginn der 1980er Jahre, das Gef\u00fchl, ich sollte auch noch einmal etwas vollkommen Neues kennen lernen. Und so schrieb ich an das Royal College of Music in London und erhielt wie erwartet die Antwort, dass ich f\u00fcr ein regul\u00e4res Musik-Gitarrestudium viel zu alt w\u00e4re. Sie h\u00e4tten aber meinen Brief und meine Unterlagen an einen ihrer Gitarrenprofessoren \u2013 Patrick Bashford \u2013 weitergereicht. Prof. Bashford hatte bei dem Llobet-Sch\u00fcler Jos\u00e9 Rey de la Torre studiert, ich blieb also ganz in der spanischen Gitarrentradition, was mir wichtig war.<\/p>\n<p>Und so kam es, dass ich in den darauffolgenden drei Jahren in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden nach London flog und Prof. Bashford vorspielte, um seine Meinung und seine fachliche Kritik zu erfahren. An meiner Gitarrenspieltechnik hatte er gar nichts auszusetzen, allerdings, und das war sein Hauptkritikpunkt, war ihm mein Spiel zu einf\u00f6rmig, es hatte seiner Meinung nach zu wenig verschiedene Klangfarben, ihm fehlte das changing of colours, so wie das z. B. Julian Bream macht. Prof. Bashford forderte mehr \u201eEntertainment\u201c in meinem Spiel. Da gab es dann Diskussionen, denn ich lehnte und lehne es (heute mehr denn je) ab, unterschiedliche Klangfarben nur deshalb einzusetzen, damit \u201ees\u201c nicht langweilig wird. Meiner \u00dcberzeugung nach m\u00fcssen solche Klangfarben durch die musikalischen Strukturen eines Musikst\u00fccks begr\u00fcndet sein. Anderes kam f\u00fcr mich nicht in Frage. Trotzdem sah ich ein, was Prof. Bashford meinte und ich versuchte nat\u00fcrlich, etwas zu \u00e4ndern. So verfeinerte ich weiter meine Anschlagstechnik, mein Anschlag wurde noch differenzierter und klanglich farbiger. Meine Alternative zu Bashfords Vorstellung war es, die einzelnen Stimmen eines Werkes mittels Klangfarben h\u00f6rbar zu machen und so dem Musikst\u00fcck wesentlich mehr Transparenz und Durchsichtigkeit zu verleihen.<\/p>\n<p>So hat Prof. Bashford dann doch erreicht, was er durch seine Kritik erreichen wollte: dass sich mein Spiel ver\u00e4nderte, farbiger wurde, allerdings anders, als er sich das vorgestellt hatte. Ich war und bin mir nat\u00fcrlich bewusst, dass ich mit dieser Art des Gitarrenspiel einen g\u00e4nzlich anderen Weg eingeschlagen habe, als es die normale Gitarrengemeinde \u2013 Prof. Bashford nannte sie \u201ethe guitar-crowd\u201c \u2013 kannte und kennt. Patrick Bashford war ein feiner Mensch, nobel und elegant in seinem Wesen und in seinem Auftreten, sehr sympathisch, stets ansprechbar und als Lehrer eine starke Pers\u00f6nlichkeit. Unser Verh\u00e4ltnis war nat\u00fcrlich kein normales Lehrer-Sch\u00fcler-Verh\u00e4ltnis, so wie das mit Santiago- Navascu\u00e9s der Fall war, konnte dies auch \u2013 bedingt durch mein Alter \u2013 nicht sein. Ich betrachtete ihn stets als meinen Mentor, der mich einige Zeit auf meinem beruflichen Lebensweg begleitet hat und ich war sehr betr\u00fcbt, als ich von seinem Tode im Dezember 2011 erfuhr.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2020\/05\/09\/interview-mit-johannes-klier-teil-2\/\">Teil 2<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Klier ist klassischer Gitarrist, Instrumentalp\u00e4dagoge, Autor von Aufs\u00e4tzen und B\u00fcchern, sowie Herausgeber von Noteneditionen. 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