{"id":7653,"date":"2020-05-10T09:05:43","date_gmt":"2020-05-10T09:05:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/?p=7653"},"modified":"2020-05-14T11:00:39","modified_gmt":"2020-05-14T09:00:39","slug":"interview-mit-johannes-klier-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2020\/05\/10\/interview-mit-johannes-klier-teil-3\/","title":{"rendered":"Interview mit Johannes Klier, Teil 3"},"content":{"rendered":"<p><strong>DS: Von 1980 bis 1996 unterrichteten Sie an der Hochschule f\u00fcr Musik in M\u00fcnchen. Erst 1987 wurde dort ein Diplomstudiengang mit dem k\u00fcnstlerischen Hauptfach Gitarre geschaffen. Warum hat das in der bayerischen Landeshauptstadt solange gedauert? Warum wurden Sie nicht konsequenterweise zum Professor berufen?<\/strong><\/p>\n<p>Auf Ihre letzte Frage kann ich Ihnen keine Antwort geben, das wei\u00df ich nicht. Nat\u00fcrlich gab es 1988, zu Beginn des Studiengangs, noch gar nicht gen\u00fcgend Studenten, die eine hauptamtliche Professur gerechtfertigt h\u00e4tten, hatte ich doch im 1. Studienjahr lediglich drei Studenten. Erfahrungsgem\u00e4\u00df dauert der Aufbau einer Instrumentalklasse so um die 7 \u2013 8 Jahre. Und in dieser Zeit hat das Pr\u00e4sidium der Musikhochschule mehrfach gewechselt. Zu meinem gro\u00dfen Bedauern hatten die Pr\u00e4sidenten, die nach der Einf\u00fchrung des Gitarrestudiengangs die Leitung der Hochschule \u00fcbernommen haben, \u00fcberwiegend keinerlei bzw. kein gro\u00dfes Interesse an der Gitarre. Das war aber auch die Zeit der Wiedervereinigung 1989\/90, die ihre Spuren hinterlie\u00df. Bereits bewilligte Planstellen wurden wieder zur\u00fcckgenommen, das Geld wurde beim Aufbau Ost gebraucht, hie\u00df es. Und dann stand ja auch noch die Fusion mit der Fachakademie im Raum. Also alles Gr\u00fcnde, die augenscheinlich gegen eine Professur zu diesem Zeitpunkt sprachen. Ob ich aber die wirklichen Gr\u00fcnde genannt habe, kann ich nicht sagen.<!--more--><\/p>\n<p>Dass M\u00fcnchen die letzte deutsche Hochschule war, die so lange keinen Hauptfachstudiengang Klassische Gitarre anbot, lag sicher am Ansehen der Gitarre. Man kann sagen, dass die M\u00fcnchner Musikhochschule eine recht konservative Hochschule war \u2013 in jeder Beziehung. Lehr-Schwerpunkte waren seit jeher der Operngesang, Klavier und die Streichinstrumente. Als ich 1980 an die Hochschule kam, gab es das Instrument Gitarre nur im Fachbereich Schulmusik als Zweitinstrument. Generell galt sie bei vielen \u00e4lteren Kollegen als Exoteninstrument. Und so arbeitete ich in den Jahren bis 1987 stetig am Image der Gitarre. Gott sei Dank hatte ich einige sehr gute Studenten, mit denen ich ein paar wirklich gute Konzerte veranstaltet habe. Meine jahrelangen Bem\u00fchungen um die Einf\u00fchrung des Hauptfachs Gitarre haben so einen realen musikalischen Hintergrund bekommen, dem sich das Pr\u00e4sidium nicht mehr verweigern wollte. Mein Gl\u00fcck war es, dass die drei Pr\u00e4sidenten meinem Wunsch nach einem Hauptfachstudiengang \u00e4u\u00dferst positiv gegen\u00fcberstanden, allen voran Prof. Gerd Starke. So wurde der Studiengang vom Senat der Hochschule bewilligt, ich erstellte daraufhin zusammen mit Prof. Enjott Schneider einen Studienplan und eine Pr\u00fcfungsordnung, die dann von Prof. Roland Mackamul anstandslos genehmigt wurde. Und das Kunstministerium genehmigt den Studiengang innerhalb von zwei Wochen.<\/p>\n<p>Weil aber die Gitarre als Kunstinstrument nicht bei allen Kollegen in der Hochschule bekannt war, bat mich der Schriftleiter der damaligen Hochschulzeitung a tempo, Prof. Horst Leuchtmann, ich solle doch anl\u00e4sslich der Einf\u00fchrung des Studiengangs \u201ewas \u00fcber die Gitarre zu schreiben\u201c. Und so entstand mein Beitrag <a href=\"http:\/\/johannes-klier.de\/web\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Johannes-Klier_Im_Klang_liegt_die_Poesie_des_Instruments_a-tempo-88-1.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u201eIm Klang liegt die Poesie des Instruments\u201c<\/a> \u2013 ein Zitat von Andr\u00e9s Segovia.<\/p>\n<p><strong>DS: M\u00fcnchen gilt bis zum heutigen Tag nicht eben als Hochburg f\u00fcr klassische Gitarristen. Weder die staatliche Hochschule, noch das st\u00e4dtische Konservatorium hatten prominente Professoren oder Absolventen. Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es mehrere triftige Gr\u00fcnde. Zum einen sollten wir nicht vergessen, dass die Situation schon einmal ganz anders war. Vor etwa 100 Jahren war M\u00fcnchen ein Zentrum f\u00fcr Gitarre und Gitarristen aus aller Welt. Die beiden Weltkriege haben dann nat\u00fcrlich alles zerst\u00f6rt und nach WK2 hatten die Menschen in M\u00fcnchen andere Sorgen als Gitarre zu spielen. Und wie ich auch schon sagte, M\u00fcnchen und seine Musikhochschule waren ein sehr konservatives Publikum, die Oper spielte und spielt eine sehr gro\u00dfe Rolle, die musikalischen G\u00f6tter waren und sind Richard Wagner, Richard Strauss und Wolfgang Amad\u00e9 Mozart. Da hatte es die Gitarre schwer, ihr Image als Klampfe abzulegen, obwohl es ab den 1960er Jahren mehr Gitarrenkonzert gab als heute. So hatte M\u00fcnchen ganz sicher keine gro\u00dfe Anziehungskraft f\u00fcr prominente Professoren \u2013 wobei man nicht vergessen sollte, dass ein prominenter Professor zu sein nicht gleichbedeutend damit ist, ein hervorragender Lehrer zu sein. Da sind Professoren und Dozenten aus der zweiten Reihe \u2013 das ist in keinster Weise despektierlich gemeint \u2013 sehr oft die wesentlich besseren Lehrer und P\u00e4dagogen.<\/p>\n<p>Das Thema prominenter Absolventen l\u00e4sst sich auch nicht so einfach beantworten. Auch diese Frage muss man einbetten in die allgemeine Situation an deutschen Musikhochschulen. Da m\u00f6chte ich in diesem Zusammenhang eine Gegenfrage stellen: Wie viele prominente Absolventen einer deutschen Musikhochschule gibt es, die eine internationale Karriere gemacht haben? Bei den Geigern fallen mir nur ein paar Namen ein: Anne-Sophie Mutter nat\u00fcrlich, Frank Peter Zimmermann, Christian Tetzlaff, Ingolf Turban und Carolin Widmann \u2013 aber das sind bereits \u201e\u00e4ltere Semester\u201c. Von den jungen international bekannten GeigernInnen kann ich nur Julia Fischer und Arabella Steinbacher nennen. Von den Violoncello-Spielern f\u00e4llt mir nur Daniel M\u00fcller-Schott ein. Und von den Pianisten? Zwei Namen: Martin Stadtfeld und Alice Sara Ott. Man m\u00f6ge mir vergeben, wenn ich den einen oder die andere ber\u00fchmte MusikerIn vergessen haben sollte, das ist nicht mit Absicht geschehen.<\/p>\n<p>Und prominente Absolventen unter den Gitarristen, die an deutschen Musikhochschulen ausgebildet wurden? Da ergibt sich f\u00fcr mich jedenfalls das gleiche Bild. Wie viele GitarristenInnen, die an einer deutschen Musikhochschule vom 1. Semester an ausgebildet wurden, haben eine internationale Karriere absolviert?<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen auch nicht vergessen, dass es an jeder Hochschule meist nur einen einzigen Gitarrenprofessor gibt (und vielleicht 2\u20133 AssistentenInnen) und damit logischerweise eine begrenze Anzahl von Gitarrestudenten, dass es aber f\u00fcr die \u201eetablierten\u201c Instrumente wie z. B. Klavier, Violine, Operngesang, an jeder Hochschule mindestens 3 oder 4 Professoren gibt und damit auch wesentlich mehr Studenten.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen in diesem Zusammenhang auch die Zeitqualit\u00e4t nicht vergessen. Nach der Wende 1989, als alle Grenzen aufgel\u00f6st wurden, haben Tausende von Musikstudenten vor allem aus dem gesamten Ostblock, aber auch verst\u00e4rkt aus Fernost, Nord- und S\u00fcdamerika deutsche Musikhochschulen gest\u00fcrmt. Das waren meist fertige Musiker, die bereits in ihrem Heimatland ein Musikstudium absolviert hatten und nun hier in Deutschland weiterstudieren wollten. Viele bewarben sich dreisterweise um einen Studienplatz im 1. Semester oder zumindest f\u00fcr das 3. oder 5. Semester. Wen wundert es, dass ein deutscher Abiturient, der sich um die Aufnahme ins 1. Semester beworben hat, dann in der Eignungspr\u00fcfung das Nachsehen hatte. Niemals war er in der Lage, den Vorsprung, den ein bereits fertiger Musiker mitbrachte, wett zu machen. Er bekam dann einfach keinen Studienplatz. Denn nat\u00fcrlich ist es f\u00fcr einen Professor einfacher, mit fertigen Musikern zu arbeiten, als einen jungen talentierten Anf\u00e4nger im ersten Semester zu entwickeln. Zumal sich viele Professoren weigern, Erstsemester \u00fcberhaupt zu unterrichten. Das m\u00fcssen dann ihre Assistenten \u00fcbernehmen. Das war in den 1970er und 80er Jahren noch besser geregelt. Da musste ein gewisser prozentualer Anteil an Erstsemestern aufgenommen werden. Davon ist heute nicht mehr die Rede. Die prominenten Professoren geben rund um den Erdball ihre Meisterkurse und \u00fcberreden die besten Teilnehmer dann, zu ihnen an die Hochschule zu kommen \u2013 Stipendium zugesichert. Die kommen f\u00fcr ein Studienjahr und dann hei\u00dft es: Der Professor X oder Y bringt aber gute Studenten raus \u2026<\/p>\n<p>F\u00fcr den Musikstudenten bzw. die Musikstudentin ist es deshalb nicht einfacher geworden. Wir haben zwar so viele Musikstudenten wie noch nie, trotzdem wurden die Begabten nicht mehr. Warum ist das so? Es gibt viele StudentenInnen, die Talent haben, aber nur wenige von ihnen haben den notwendigen Charakter, um aus ihrem Talent eine Begabung zu machen, die sie dann vielleicht zu einer echten K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit heranreifen l\u00e4sst. Ich meine mit \u201enotwendigen Charakter\u201c dieses innere Brennen, das unbedingte M\u00fcssen \u2013 das mag kitschig klingen, aber wahr ist es trotzdem. Ohne dieses Brennen ist eine internationale Karriere nicht denkbar. Leider ersetzen viele Studenten dieses \u201eBrennen\u201c durch ein \u00fcbergro\u00dfes Ego, aber das ist nicht das gleiche \u2013 im Gegenteil, letztendlich steht ein solch aufgeblasenes Ego der Entwicklung zu einer echten K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit im Weg. Wichtiger denn je ist heute aber auch das gute Vernetzt-sein, denn angesichts der Globalisierung ist es einfach wesentlich schwieriger geworden. Und in den letzten 10\u201315 Jahren ist es nat\u00fcrlich von unsch\u00e4tzbarem Vorteil, sehr gut und attraktiv auszusehen, am besten wie ein Model. Letztendlich ist aber eines unabdingbar: Gl\u00fcck zu haben, ganz einfach Gl\u00fcck. Es ist nun mal so: So leicht wird man nicht ber\u00fchmt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2020\/05\/11\/interview-mit-johannes-klier-teil-4\/\">Teil 4<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DS: Von 1980 bis 1996 unterrichteten Sie an der Hochschule f\u00fcr Musik in M\u00fcnchen. 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