{"id":7655,"date":"2020-05-11T08:37:39","date_gmt":"2020-05-11T08:37:39","guid":{"rendered":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/?p=7655"},"modified":"2020-05-11T08:40:56","modified_gmt":"2020-05-11T08:40:56","slug":"interview-mit-johannes-klier-teil-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2020\/05\/11\/interview-mit-johannes-klier-teil-4\/","title":{"rendered":"Interview mit Johannes Klier, Teil 4"},"content":{"rendered":"<p><strong>DS: Sie haben im Lauf der Jahrzehnte viele Noteneditionen betreut. Zuletzt erschien eine Rekonstruktion des Pr\u00e9lude \u201eSilvius Leopold Weiss\u201c, das aber eigentlich von dem mexikanischen Komponisten Manuel M. Ponce (1882-1948) stammt. Welche Bedeutung hat Ponce f\u00fcr die Gitarrenmusik des 20. Jahrhunderts und warum ist dieses eine Pr\u00e9lude so besonders?<\/strong><\/p>\n<p>Das Pr\u00e9lude \u201eSilvius Leopold Weiss\u201c hat mich sofort fasziniert, als ich es zum ersten Mal auf einer Schallplatte von Andr\u00e9s Segovia h\u00f6rte, da war ich 12 Jahre alt. Ein au\u00dfergew\u00f6hnliches Musikst\u00fcck mit einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte! Es ist einfach eine sehr gute Komposition, wie ich bei meiner detaillierten musikalischen Analyse festgestellt habe. Hier ist leider nicht der Platz, um eine ausf\u00fchrliche Analyse vorzustellen, deshalb nur kurz das Wichtigste: Ponce komponierte sein Pr\u00e9lude als Ritornell, eine musikalischen Form, die seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem in den schnellen Ecks\u00e4tzen der meisten Instrumentalkonzerte auftaucht. Er verwendete f\u00fcr sein Pr\u00e9lude die Kompositionstechnik des sog. linearen Kontrapunkts, so wie sie Johann Sebastian Bach vor allem in seinen Solosonaten und -suiten f\u00fcr Violine bzw. Violoncello verwendet hat. Diese Polyphonie der einstimmigen Linie \u2013 die Andeutung von Mehrstimmigkeit in einer einzelnen Linie, eine Art scheinpolyphoner Technik, die Andeutung von Harmonie-Bassstimmen und von Orgelpunktstimmen, das Entwickeln und Abklingen der Scheinstimmen sowie das Ineinanderwirken von Scheinstimmen und Realstimmen \u2013 all diese Techniken muss Ponce gekannt haben. Nur so erkl\u00e4rt sich, wie souver\u00e4n er in seinem St\u00fcck mit dieser Kompositionstechnik umging. Wer mehr \u00fcber das St\u00fcck wissen m\u00f6chte, dem empfehle ich auf meiner Homepage meinen Essay <a href=\"http:\/\/johannes-klier.de\/web\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Johannes-Klier_Das-Prelude-S.L.Weiss-_von-Manuel_Ponce_Internetfassung.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Das Pr\u00e9lude \u201eSilvius Leopold Weiss\u201c von Manuel Mar\u00eda Ponce \u2013 Hintergr\u00fcnde zur Entstehungsgeschichte, Rekonstruktion und Analysen<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p>Manuel Ponce geh\u00f6rt zu den Komponisten, deren Name nat\u00fcrlich untrennbar mit Andr\u00e9s Segovia verbunden ist und bleiben wird. Eines von Segovias gro\u00dfen Verdiensten war es ja, dass er Komponisten, die nicht auch gleichzeitig Gitarristen waren, \u00fcberredet und angeregt hat, f\u00fcr ihn und die Gitarre neue Werke zu komponieren. Neben Manuel Ponce sind das u. a. Mario Castelnuovo-Tedesco, Federico Moreno Torroba, Joaqu\u00ecn Turina, Alexander Tansman, Joaqu\u00edn Rodrigo, Federico Mompou und nat\u00fcrlich He\u00edtor Villa-Lobos \u2013 um nur die Wichtigsten zu nennen. Sie alle geh\u00f6ren zur Geschichte der Gitarre im 20. Jahrhundert. Segovia hat aber gerade Ponces Werke besonders gesch\u00e4tzt und sie den meisten Werken anderer Komponisten vorgezogen. So wurden diese Gitarrenwerke fester Bestandteil des Gitarrenrepertoires im 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Ich habe aber den Eindruck, dass nicht alle Werke Ponces im Standardrepertoire der heutigen Gitarrengeneration verbleiben werden, denn nicht alle Werke sind von h\u00f6chster musikalischer Qualit\u00e4t. Gerade in den mehrs\u00e4tzigen Sonaten oder Suiten finden sich neben gro\u00dfartigen S\u00e4tzen wiederum andere, die diese Qualit\u00e4t nicht erreichen. Ich denke da z. B. an seine Suite Antigua, die Ponce und Segovia als Werk von Alessandro Scarlatti \u201ezur Welt brachten\u201c. In dieser Suite gibt es das St\u00fcck Gavotte I und II, das eine wirklich gro\u00dfartige musikalische Erfindung ist und das alle anderen S\u00e4tze in ihrer Qualit\u00e4t \u00fcberragt. Auch sein Gitarrenkonzert tut sich schwer, gegen die Konkurrenten zu bestehen: Rodrigos zwei popul\u00e4re Konzerte (Aranjuez und Fantas\u00eda) oder Villa-Lobos\u2019 Concerto, auch das 1. Gitarrenkonzert von Castelnuovo-Tedesco werden h\u00e4ufiger aufgef\u00fchrt als das Konzert von Ponce.<\/p>\n<p>Wenn ich eine Liste erstellen m\u00fcsste von den Werken, die m. E. \u201e\u00fcberleben\u201c werden, w\u00fcrde ich folgende Kompositionen ausw\u00e4hlen: Th\u00e8me vari\u00e9 et Finale, Variationen \u00fcber ein Thema von Cabez\u00f3n, Sonata I (Sonata mexicana), Sonata III, die Fol\u00eda-Variationen (allerdings in einer strikten Auswahl) und von den \u201eWeiss\u201c-Kompositionen nat\u00fcrlich das Pr\u00e9lude, das kleine feine Ballet und die Suite in a-moll. Und nat\u00fcrlich nicht zu vergessen Ponces gro\u00dfartige Instrumentals\u00e4tze von mexikanischen Volksliedern: Valentina, Estrellita, Cuiden su vida, Pajarera, Por ti mi coraz\u00f3n. Das sind wundersch\u00f6ne Gitarrest\u00fccke, die die klanglichen M\u00f6glichkeiten unseres Instruments gro\u00dfartig ausloten.<\/p>\n<p><strong>DS: Welche Quellen haben sie f\u00fcr die Rekonstruktion des \u201ePr\u00e9ludes\u201c verwendet? Wie haben sie sich Einblick in das Autograph der Duo-Fassung verschafft? Wie kann man sich den Prozess einer solchen Rekonstruktion vorstellen und wie lange haben sie daf\u00fcr gebraucht?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stand die Schallplattenaufnahme des St\u00fccks am Anfang, es gelang mir, Teile des St\u00fccks zu transkribieren, obwohl Segovia das St\u00fcck in einem rasend schnellen Tempo spielt. Wichtigste Quelle aber war nat\u00fcrlich die Duo-Fassung f\u00fcr Gitarre und Cembalo. 1985 hatte die mexikanische Gitarristin Coraz\u00f3n Otero \u2013 die Urheberrechte aller Gitarrenkompositionen Ponces lagen bis 2019 bei ihr (auch wenn sie bereits 2013 gestorben war) \u2013 in ihrem Eigenverlag Ediciones Musicales Yolotl die Duo-Fassung in einer kleinen Auflage herausgebracht. Es war mir gelungen, ein Exemplar dieser Notenausgabe zu bekommen. Und ich war etwas entt\u00e4uscht, denn die Gitarrestimme war in vielen Stellen \u00fcberhaupt nicht identisch mit der von Segovia gespielten Version. So konnte ich gar nicht glauben, dass das der Urtext der Duo-Fassung sein sollte. 2009 habe ich dann ein Facsimile des Autographs bekommen und musste feststellen, dass die Otero-Ausgabe genau dem Autograph entspricht.<\/p>\n<p>Die Rekonstruktion zog sich \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hin \u2013 sicherlich 3 \u2013 4 Jahre. Ich erstellte sicherlich 8\u20139 verschiedene Fassungen, lie\u00df sie liegen, um sie mir nach einiger Zeit erneut, mit frischem Blick, vorzunehmen. Dabei waren mir auch Bachs eigene Bearbeitungen seiner Solosuiten und -sonaten f\u00fcr Violine bzw. Violoncello richtungsweisend. Der Blick darauf erschien mir sinnvoll, denn Ponce verwendete, wie bereits gesagt, die Kompositionstechnik des sog. linearen Kontrapunkts, so wie sie Johann Sebastian Bach und auch Silvius Leopold Weiss in ihren Suiten und Sonaten verwendet hatte. Ponce legte allerdings die musikalische Struktur seines St\u00fccks wesentlich einfacher an als Bach. Von daher kommt sein neo-barocker Kompositionsstil sehr nahe an die Weiss\u2019sche Werke und deren musikalische Schreibweise heran, was vermutlich auch das Ergebnis sorgf\u00e4ltiger Studien von Weiss-St\u00fccken sein d\u00fcrfte, die Segovia dem Freund zum Studium \u00fcbergeben hatte.<\/p>\n<p>Da die rhythmisch-melodische Struktur des Pr\u00e9ludes durch Ponces einstimmige Notation in seinem Autograph der Duo-Fassung nicht deutlich wird, erschien es mir \u00acratsam, das St\u00fcck in einigen Takten exemplarisch dreistimmig zu notieren, obwohl mir bewusst ist, dass eine derartige Festlegung des Stimmverlaufs problematisch sein kann. Dennoch kann nur so die komplexe rhythmisch-melodische Struktur, z. B. die Gleichzeitigkeit von 3\/4 Takt und 6\/8 Takt (Konfliktrhythmus) verdeutlicht werden.<\/p>\n<p>Einzelne Basst\u00f6ne habe ich dort erg\u00e4nzt, wo Ponce sie in seiner Duofassung in der Cembalostimme notiert hat und wo sie mir wichtig und n\u00f6tig erschienen. Die Tondauerwerte der Basst\u00f6ne sind ebenfalls teilweise an die von Ponce in seiner Duo-Fassung angegebenen angeglichen worden. Durch diese zus\u00e4tzlichen Basst\u00f6ne wird die interessante harmonische Entwicklung des St\u00fccks verdeutlicht und dar\u00fcber hinaus diesem das notwendige klangliche harmonische Fundament gegeben.<br \/>\nDen letzten Ausschlag f\u00fcr die endg\u00fcltige Fassung war am Ende aber die Spielbarkeit auf der Gitarre und wie und ob das St\u00fcck gut klingt, ob es ein richtiges Gitarrenst\u00fcck wurde. Ich wei\u00df nicht, ich glaube ich habe das St\u00fcck in dieser Zeit gut tausendmal gespielt.<\/p>\n<p><strong>DS: Gibt es noch weitere Kompositionen die Ponce nachtr\u00e4glich zugeordnet werden k\u00f6nnen? Sind weitere Rekonstruktionen geplant? Was f\u00fcr Ver\u00f6ffentlichungen stehen als n\u00e4chstes an?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich. Es gibt einige sehr gute Kompositionen, die Silvius Leopold Weiss und Alessandro Scarlatti zugeschrieben wurden, aber von Manuel Ponce komponiert wurden. Das Pr\u00e9lude war ja nicht das einzige Werk, das unter dem Namen Silvius Leopold Weiss bekannt und als solches von Segovia gespielt wurde: Das kleine, \u00fcberaus reizvolle St\u00fcck Ballet stand ebenfalls als Werk von S. L. Weiss auf Segovias Konzertprogrammen, h\u00e4ufig in Kombination mit dem Pr\u00e9lude. Zu den bekanntesten und erfolgreichsten Werken Ponces \u00fcberhaupt z\u00e4hlen wir die \u201eSuite in a-moll\u201c (1929) mit den S\u00e4tzen Preludio, Allemande, Sarabande, Gavotte und Gigue, die ebenfalls als Werk von S. L. Weiss bekannt wurde. Und die sehr bekannte und erfolgreiche \u201eSuite Antigua in D\u201c (Preambule, Courante, Sarabande, Gavotte I und II, Gigue) wurde Alessandro Scarlatti zugeschrieben.<\/p>\n<p>Ballet (Balletto) wurde von Coraz\u00f3n Otero 1987 in ihrem kleinen Eigenverlag Ediciones Musicales Yolotl verlegt \u2013 als Werk von Manuel Ponce. Da das Autograph seit dem Spanischen B\u00fcrgerkrieg verschollen ist, hat sie vermutlich eine Transkription von der Schallplatte gemacht. 1983 ver\u00f6ffentlichte sie im franz\u00f6sischen Verlag \u00c9ditions Musicales Transatlantiques die sehr bekannte \u201eWeiss\u201c-Suite in a-moll, als Komposition von Manuel Ponce. Im Vorwort schreibt sie, dass der spanische Gitarrist Jos\u00e9 Luis Gonzalez den Fingersatz direkt von der Originalkopie \u00fcbernommen habe, die ihm Segovia \u00fcberlassen hatte. Und die Suite Antigua in D, die wie erw\u00e4hnt, als Werk von Alessandro Scarlatti bekannt wurde, erschien bereits 1967 bei Peer International Corporation in New York und Ponce firmiert hier als Komponist. Pikanterweise existierten gleichzeitig Editionen mit den beiden S\u00e4tzen Gavotte I und II aus dieser Suite unter dem Namen S. L. Weiss. Ich denke nicht, dass noch weitere Rekonstruktionen notwendig sind, auch wenn mir in den genannten Notenausgaben die eine oder andere Stelle oder der eine oder andere Takt fragw\u00fcrdig erscheinen.<\/p>\n<p>Ob es weitere Ver\u00f6ffentlichungen von mir geben wird, kann ich Ihnen noch nicht sagen. Nat\u00fcrlich habe ich 2\u20133 Ideen, die ich noch gerne verwirklichen w\u00fcrde. Aber Sie wissen ja, dass das Leben einem sehr oft einen Strich durch die Rechnung machen kann. Denn wie hei\u00dft es in einem j\u00fcdischen Sprichwort: \u201eDu willst Gott zum Lachen bringen? \u2013 Mach\u2019 einen Plan\u201c.<\/p>\n<p><strong>DS: Herr Klier, herzlichen Dank f\u00fcr dieses Interview.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DS: Sie haben im Lauf der Jahrzehnte viele Noteneditionen betreut. Zuletzt erschien eine Rekonstruktion des Pr\u00e9lude \u201eSilvius Leopold Weiss\u201c, das aber eigentlich von dem mexikanischen Komponisten Manuel M. Ponce (1882-1948) stammt. 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