{"id":8423,"date":"2021-04-06T10:47:58","date_gmt":"2021-04-06T08:47:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/?p=8423"},"modified":"2021-10-01T08:56:25","modified_gmt":"2021-10-01T06:56:25","slug":"buch-vielleicht-hunsrueck-von-juergen-roth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2021\/04\/06\/buch-vielleicht-hunsrueck-von-juergen-roth\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eVielleicht Hunsr\u00fcck\u201c von J\u00fcrgen Roth"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/VielleichtHunsrueckCover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-8422\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/VielleichtHunsrueckCover-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/VielleichtHunsrueckCover-200x300.jpg 200w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/VielleichtHunsrueckCover.jpg 333w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Auf J\u00fcrgen Roth wurde ich aufmerksam durch das \u00e4u\u00dferst empfehlenswerte Buch \u201eDie Reise durch Franken\u201c (2014), das er zusammen mit dem mittelfr\u00e4nkischen Extrem-Kabarettisten Matthias Egersd\u00f6rfer in Briefromanform verfasste. Da pr\u00e4sentierte er sich als sorgf\u00e4ltiger Rechercheur, aufmerksamer Beobachter und geistreicher Chronist der gemeinsamen Erlebnisse. \u201eDie Reise\u201c war f\u00fcr Egersd\u00f6rfer sein Debut als Buchautor, Roth dagegen schreibt und ver\u00f6ffentlicht bereits seit den sp\u00e4ten 1990er Jahren in einer beachtlichen thematischen Breite. Als Abk\u00f6mmling der Neuen Frankfurter Schule um Eckhard Henscheid (\u201eTrilogie des laufenden Schwachsinns\u201c (1973\/77\/78) sind immer wieder behandelte Themen seiner Betrachtungen: Fu\u00dfball, Bier, Wurst, Wirtshauskultur, sowie Naturbetrachtungen und Vogelkunde. Er ver\u00f6ffentlicht regelm\u00e4\u00dfig kulturkritische und politische Beitr\u00e4ge in z.B. konkret, in der jungen neuen Welt, taz, Titanic und anderen Publikationen. Mit \u201eVielleicht Hunsr\u00fcck\u201c (2020) hat J\u00fcrgen Roth ein Buch ver\u00f6ffentlicht, das er selbst in der Gattung Jahresroman verortet. \u201eMan k\u00f6nnte sagen: ein Gegenwartsentwicklungsroman, ein Protokollroman, eine Fetzenroman, ein Lumpensammlungsroman. Oder: ein Journal.\u201c<!--more--><\/p>\n<p>\u201eVielleicht Hunsr\u00fcck\u201c ist genaugenommen allerdings alles andere als ein Roman. Entstanden ist die Textsammlung von Ende August 2016 bis Ende August 2017, umfasst also genau ein Jahr von einem Sp\u00e4tsommer zum n\u00e4chsten. Darin enthalten sind Gedanken, Zitate, Kurztexte, Aphorismen, Gedichte, Provokationen, satirische, sarkastische, glossenhafte, dadaistische Fetzen. Eine Sammlung von tagesaktuellem Stream-of-Consciousness, der unter Normalbedingungen wohl dauerhaft bei vielen Autoren\/Menschen stattfindet, aber selten bis nie so akribisch festgehalten und betrachtet werden kann. Die Kurztexte speisen sich aus der Lekt\u00fcre von Tagespresse und Onlinemedien, TV-Sendungen, B\u00fcchern, privater Korrespondenz, fl\u00fcchtigen Gespr\u00e4chen, Alltagsbeobachtungen z.B. bei (Wald-)Spazierg\u00e4ngen oder Kneipenbesuchen. Anscheinend hatte Roth in diesen 12 Monaten immer und \u00fcberall ein Notizbuch oder ein Diktierger\u00e4t dabei, ansonsten w\u00fcrden die meisten dieser Zitate und Beobachtungen verloren gehen, bevor sie irgendjemand zu Papier bringen k\u00f6nnte. In den zum Teil zuf\u00e4lligen, willk\u00fcrlichen, von au\u00dfen eingetragenen Gedankenspielen tauchen auch Themen auf, die sich im Verlauf des Textes immer mehr zu Dauerbrennern entwickeln, die Roth anscheinend dauerhaft besch\u00e4ftigen und die er, je nach Tagesform, aus verschieden Perspektiven betrachtet. Dazu geh\u00f6ren z.B. neo-liberale gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland und Europa, Auswirkungen von Turbokapitalismus auf Menschen und Umwelt, gesellschaftspolitische Entwicklungen in der T\u00fcrkei, Bildungspolitik und Verdummung der Menschen durch \u201eSoziale Medien\u201c. Einen ganz besonderen Stellenwert r\u00e4umt er dem Verschwinden nat\u00fcrlicher Habitate, dem Insekten-, V\u00f6gel- und Artensterben ein, auf das er immer wieder zur\u00fcckkommt. W\u00fctend, ohnm\u00e4chtig, ratlos, resignierend, man leidet als Leser mit ihm, es sind dramatische Passagen, die man ungerne liest, die man aber unbedingt lesen sollte.<\/p>\n<p>Lustiger wird es, wenn er als Germanist Politiker oder Journalisten zuerst zitiert und im Anschluss inhaltlich, stilistisch und sprachwissenschaftlich auseinandernimmt. Angela Merkel wird mehrfach vorgef\u00fchrt, am schlimmsten trifft es aber Sascha Lobo (spiegel online), der wirklich mit extrem hirnverbrannten Schachtels\u00e4tzen zitiert wird und sich damit quasi selbst l\u00e4cherlich macht. Roth sieht in ihm wohl seinen Lieblingsgegner, aber es gibt noch viele andere. Immer wieder werden unaufmerksame, unvern\u00fcnftige Zitate von herausragenden Figuren des gesellschaftlichen Lebens pr\u00e4sentiert, gedreht und gewendet, dass es ein gro\u00dfer intellektueller Spa\u00df ist. Einige andere seiner Lieblingsthemen wie z.B. Fu\u00dfball, Bier, Rauchen kommen hier (vermutlich absichtlich) sehr kurz, vielleicht hat er dazu schon alles geschrieben, was zu sagen w\u00e4re und will sich nicht wiederholen. Immer wieder \u00e4u\u00dfert er sich, zumeist sehr poetisch und friedlich zu Begegnungen mit V\u00f6geln. Passend zu \u201eUnser Freund, der Kiebitz\u201c (2019), ein Buch, das er zusammen mit seinem Bruder Thomas Roth nur ein Jahr zuvor im selben Verlag ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n<p>\u201eVielleicht Hunsr\u00fcck\u201c ist aber eben genau kein Roman, sondern eine lose Gedanken-, Zitate- und Textsammlung, ein fl\u00fcchtiges Tagebuch, eine pers\u00f6nliche Chronik, ein detaillierter Lagebericht, eine distanzierte Homestory, ein ein\u00e4ugiger Gesellschaftsreport, ein selektives Untergangsprotokoll, ein schockierendes Schreckensszenario, ein poetischer Abgesang, keine Gute-Nacht-Geschichte, ein n\u00fcchterner Abschiedsbrief, also sozusagen wirklich alles, aber kein Roman.<\/p>\n<p>Weil das Buch keine durchgehende Handlung, keine Figuren, keinen Ort, nicht einmal Kapitel oder andere Z\u00e4suren hat, ist es in seiner Bruchst\u00fcckhaftigkeit zugleich schwer, aber auch leicht zu lesen (man kann z.B. jederzeit unterbrechen). Die Gedanken des Autors \u00fcber ein Jahr hinweg zu verfolgen und nachzuvollziehen ist, insbesondere wenn das beschriebene Jahr bereits etwas zur\u00fcckliegt, anstrengend und bereichernd, eben weil einem viele Betrachtungen bekannt vorkommen, aber selten in dieser gedanklichen Tiefe stattgefunden haben. Hat man sich erstmal auf die Welt des Autors eingelassen, f\u00e4llt die Lekt\u00fcre immer leichter, wirkt anregend und die besondere Perspektive f\u00e4rbt langsam auf einen ab. Man betrachtet ab einem gewissen Punkt selbst die Dinge um einen herum mit anderen Augen und anderen Schlussfolgerungen. Und das ist eine Wirkung, die nur selten von B\u00fcchern erzielt wird. Vermutlich ist die ungew\u00f6hnliche Form des \u201eRomans\u201c genau deswegen doch sehr lohnenswert. Zum Schluss stellt man sich die Frage: Wo oder was ist eigentlich dieser Hunsr\u00fcck? Ein Mittelgebirge in Rheinland-Pfalz. Vielleicht lieber doch nicht.<\/p>\n<p>Das Buch enth\u00e4lt vierzig laienhafte Bleistift-Illustrationen von Matthias Egersd\u00f6rfer. Nicht besonders k\u00fcnstlerisch, aber sie lockern den dauernden Textfluss durchaus auf erfreuliche Weise auf.<\/p>\n<p>Das Buch erscheint bei Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, hat 448 Seiten und kostet 22,90\u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf J\u00fcrgen Roth wurde ich aufmerksam durch das \u00e4u\u00dferst empfehlenswerte Buch \u201eDie Reise durch Franken\u201c (2014), das er zusammen mit dem mittelfr\u00e4nkischen Extrem-Kabarettisten Matthias Egersd\u00f6rfer in Briefromanform verfasste. 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