{"id":8568,"date":"2021-06-28T09:57:07","date_gmt":"2021-06-28T07:57:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/?p=8568"},"modified":"2021-06-28T16:03:36","modified_gmt":"2021-06-28T14:03:36","slug":"die-geschichte-der-schroeder-lampe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2021\/06\/28\/die-geschichte-der-schroeder-lampe\/","title":{"rendered":"Die Geschichte der Schr\u00f6der-Lampe"},"content":{"rendered":"<p>von Marlene H\u00fcbler geb. Schumacher (Tochter von Max Schumacher)<\/p>\n<p>Sie haben meine Nichte nach dem Erfinder der Schr\u00f6der-Lampe gefragt. Ich nehme dies gern zum Anlass aufzuschreiben, was mir als Tochter noch in Erinnerung ist. Doch zuerst mal die Daten meines Vaters: Max Schumacher, geboren am 11.11.1885 in Lotha, Chile. Er studierte in Deutschland Bildhauerei, bet\u00e4tigte sich aber auch als Architekt, besch\u00e4ftigte sich sehr viel mit Formgebung (die Firma Wehag fabrizierte die von ihm entworfenen T\u00fcrklinken) und er war Er-finder vieler Patente. Seine umfangreichste Erfindung ist die heute bekannte Stromschiene. Er war deren Urheber, leider nicht ihr Nutznie\u00dfer. Er hat an dieser Erfindung viele Jahre gearbeitet. Doch zur\u00fcck zur Lampe: Sie kam so zustande:<\/p>\n<p>In der Vorkriegszeit war mein Vater in Gesch\u00e4ften unterwegs und sah in der Innenstadt Berlins einen Lampenladen, der ihn interessierte. Dem Inhaber, einem Herrn Schr\u00f6der, sagte er unverbl\u00fcmt etwa Folgendes: \u201eIhr Laden sieht so aus, als wollten Sie gern, k\u00f6nnten aber nicht so recht.\u201c Dieser Helmut Schr\u00f6der nahm die \u00c4u\u00dferung humorvoll hin und erkl\u00e4rte, dass er den Laden erst k\u00fcrzlich er\u00f6ffnet habe. Die beiden kamen so ins Gespr\u00e4ch und dabei stellte sich heraus, dass Helmut Schr\u00f6der noch zwei Br\u00fcder hatte. Beide sa\u00dfen in Lobenstein, Th\u00fcringen. Einer von ihnen, Werner Schr\u00f6der, besa\u00df dort eine Metallwarenfabrik. Dies nahm mein Vater zum Anlass dem Ladenbesitzer einen Vorschlag zu machen, der etwa so aussah: Ich werde Ihnen eine Lampe entwerfen, die ganz und gar aus Metall herstellbar ist, sodass sie in der Firma ihres Bruders fabriziert werden kann. Sie wird au\u00dferdem so konstruiert sein, dass sie sich auseinandernehmen und, stapelbar, in gro\u00dfen Kartons verpackt leicht verschicken l\u00e4sst. Etwa 20 St\u00fcck pro Karton. Und so, von sich selbst angespornt machte mein Vater sich an die Arbeit und entwarf jene Schreibtischleuchte, die unter dem Namen Schr\u00f6der-Lampe damals den Markt erobert hat. Au\u00dferdem bestimmte mein Vater die Farben. So erschien die Lampe in wei\u00df, gr\u00fcn, dunkelrot, beige, gold und silbern.<!--more--><\/p>\n<p>Mein Vater schloss mit den Br\u00fcdern einen Lizenzvertrag ab, d.h. er war am Umsatz beteiligt und bekam eine gewisse Summe pro verkauftes St\u00fcck. Obwohl man die Lampe bald in jedem besseren B\u00fcro sehen konnte, erhielt mein Vater kaum je eine Abrechnung, nur ab und zu eine geringe Summe Geld. Deshalb begab er sich eines Tages nach Lobenstein wo er einerseits gegen den Fabrikanten prozessierte andererseits von ihm mit dem Entwurf zum Bau seines Wohnhauses neben seiner Fabrik beauftragt wurde. Und obwohl sie viel \u00c4rger miteinander hatten, entwickelte sich zwischen dem Ladenbesitzer Helmut Schr\u00f6der und meinem Vater ein fast freundschaftliches Verh\u00e4ltnis. Zu meiner Schwester sagte Helmut Schr\u00f6der in dieser Zeit einmal: Obwohl wir dauernd gegeneinander Prozesse f\u00fchren, dein Vater ist mein bester Freund, ich hab ihn richtig gern. Ich erinnere mich noch, dass, als mein Vater einen Herzinfarkt hatte, sich Helmut Schr\u00f6der sehr um ihn k\u00fcmmerte und ihm alle m\u00f6glichen Geschenke brachte u.a. ein ganz kleines neuartiges Radio. Vermutlich versuchte er sein schlechtes Gewissen meinem Vater gegen\u00fcber zu mildern.<\/p>\n<p>Auch w\u00e4hrend des Krieges wurde die Lampe in Lobenstein weiter fabriziert, wenn auch zu der Zeit in minderer Qualit\u00e4t. Die Firma schuldete meinem Vater inzwischen ziemliche Summen, die Verhandlungen zogen sich hin, sp\u00e4ter zahlte man zum Teil meinen Vater in Naturalien aus, d.h. man \u00fcberlie\u00df ihm eine gro\u00dfe Anzahl Lampen.<\/p>\n<p>Nachdem Atelier und Werkstatt meines Vaters und danach auch noch die Wohnung meiner Eltern in Berlin ausgebombt waren, reiste mein Vater in die Elmau, wo er vermutlich Auftr\u00e4ge hatte und dirigierte meine Mutter und mich nach Lobenstein, wo er dann mit dem Fabrikanten endg\u00fcltig abrechnen wollte. Wir wohnten dann Ende des Krieges dort in zwei gemieteten Dach-zimmern und mein Vater war mit neuen Erfindungen besch\u00e4ftigt. Aus dieser Zeit habe ich vor allem zwei Episoden in lebhafter Erinnerung: In unserer K\u00fcche, die zugleich Wohn- und Arbeitszimmer war begann mein Vater w\u00e4hrend ich ein halbes Jahr Latein nachzub\u00fcffeln hatte und meine Mutter am Herd wirkte, sich einen neuen Angestellten zuzulegen, einen Heimkehrer, von Beruf technischer Zeichner, den er auf der Strasse aufgelesen hatte. Nun sa\u00dfen wir also zu viert mit grundverschiedenen Interessen in der Wohnk\u00fcche und es kam zu erheblichen Szenen zwischen meinen Eltern. Die beiden Herren unterhielten sich begeistert und lautstark \u00fcber die Ent-w\u00fcrfe meines Vaters w\u00e4hrend ich mich vergeblich bem\u00fchte mich auf das Latein zu konzentrie-ren. Dabei geriet meine Mutter zwecks meiner Verteidigung derart aus den Fugen, dass sie mei-nem Vater einen Latschen an den Kopf warf, mich an die Hand nahm und das Haus verlie\u00df. Ich wei\u00df noch, dass ich staunend zur Kenntnis nahm, wie wenig tragische Nachwirkung dieser Vor-fall bei meiner sanften Mutter hinterlie\u00df, w\u00e4hrend ich dachte, dass nachdem meine Mutter so handgreiflich geworden war, meine Eltern sich trennen werden, mein Vater niemals verzeihen wird und ich eine Halbwaise werde. Und mein Vater von sich selbst immer vorwurfsvoll als Er-n\u00e4hrer der Familie bezeichnet, w\u00fcrde gewiss nicht f\u00fcr uns beide sorgen. Aber zu meinem Erstau-nen nahm das beschwerliche Leben seinen gewohnten Fortgang.<\/p>\n<p>Eines Abends, als mein Vater mal wieder in Gesch\u00e4ften unterwegs war, gingen meine Mutter und ich ins Kino. Pl\u00f6tzlich wurde die Vorstellung unterbrochen, um der Mitteilung Platz zu machen, dass wir nach Hause gehen sollten, um alle Fenster zu schlie\u00dfen, es sei ein Orkan mit Windst\u00e4rke 12 im Anmarsch, der B\u00e4ume entwurzelt und D\u00e4cher abdecken kann. Meine Mutter und ich eilten in unsere Dachzimmer und brachten unsere bescheidene Habe in Sicherheit, d.h. wir stellten unseren Hausrat auf den Fu\u00dfboden. Nichts geschah. Wir aber wurden derartig m\u00fcde, dass wir beschlossen, alles stehen und liegen zu lassen und ins Bett zu gehen. Am n\u00e4chsten Morgen klopfte es energisch an der T\u00fcr und herein kam ein gr\u00e4mlich aussehender Mann in dunkelgr\u00fcnem Lodencape. Er kam vom Finanzamt und wollte, da mein Vater wieder einmal keinerlei Steuer be-zahlt hatte, pf\u00e4nden. Meine Mutter wies gelassen auf den gesamten auf dem Boden stehenden Hausrat hin und sagte geistesgegenw\u00e4rtig: \u201eNa, dann fangen Sie mal an, ich habe schon alles zurechtgestellt\u201c. Der Mann war darauf hin so schockiert, dass er ganz schnell das Weite suchte. Unser Lampenlager hatten wir verschwiegen.<\/p>\n<p>Mein Vater zahlte grunds\u00e4tzlich keine Steuern, nicht weil er ein Betr\u00fcger war, sondern weil er der festen Ansicht war, dass das Leben eines K\u00fcnstlers, zumal mit Familie, ohnehin ganz unzumutbar schwer ist und der Staat froh sein m\u00fcsse, dass er immerhin verhindere, dass seine Familie der \u201eWohlfahrt\u201c anheimfalle.<\/p>\n<p>Kurz vor Kriegsende beauftragten dann die Br\u00fcder Schr\u00f6der erneut meinen Vater mit dem Bau eines Zweifamilienhauses, das zu der Zeit als zun\u00e4chst die Amerikaner Lobenstein besetzten, in halbfertigen Zustand war. Zu der Zeit wurde mein Vater den Schr\u00f6ders gegen\u00fcber noch einmal massiv, was nicht ausschloss, dass er mit Helmut Schr\u00f6der, der inzwischen auch nach Lobenstein gezogen war und dort ein h\u00fcbsches Haus bewohnte, sich befreundet f\u00fchlte, so dass wir oft bei ihnen zu Gast waren und k\u00f6stlich bewirtet wurden. Dieser Schr\u00f6der, inzwischen wie alle Schr\u00f6ders von meinem Vater nur als Gangster bezeichnet, hatte w\u00e4hrend des Krieges wohl ziemliche Schiebereien gemacht. Jedenfalls gab es bei ihnen allen Luxus, den man sich w\u00fcnschen konnte. So spielte ich mit der Schr\u00f6dertochter u.a. Schuhladen. Es gab dort eine solche Unmenge Damenschuhe, dass dies Spiel nahezu vollkommen war.<\/p>\n<p>In eben dieser Zeit portraitierte mein Vater deren Tochter im Auftrag der Eltern. Die Tochter, die nicht gerade eine Sch\u00f6nheit zu nennen war, brachte sehr selbstbewusst meinem Vater einigen \u00c4rger indem sie verlangte viel sch\u00f6ner in Ton zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit war. Ich erin-nere mich wie sich mein Vater sehr heftig deshalb mit diesem G\u00f6r stritt, am Ende aber doch zu einem Kompromiss bereit war, sodass dieses Portrait dadurch k\u00fcnstlich nicht gerade gewonnen hat.<\/p>\n<p>Und wie immer, wenn die Schr\u00f6ders sich unter Druck gesetzt f\u00fchlten zahlten sie etwas. Zwar nicht in bar, sondern in Ware wie das ihre Art war. Doch diesmal war die Ware immerhin das halbfertige Haus. So wurde mein Vater zum ersten Mal in seinem Leben Hausbesitzer und wir\u00a0besa\u00dfen ein \u201eEigenheim in Lobenstein\u201c, es entstammte also der Erfindung der Lampe. Wir wohnten aber noch zu dritt in den beiden Dachzimmern, da meine Mutter sich weigerte in das Eigenheim einzuziehen, solange die Fenster nicht verglast waren. Mein Vater schimpfte uns \u201epr\u00e4tenti\u00f6se Luxusweiber\u201c und sagte vorwurfsvoll: andere Leute w\u00e4ren froh, wenn sie \u00fcberhaupt ein Dach \u00fcber dem Kopf h\u00e4tten. Deshalb gab es wieder furchtbare Kr\u00e4che zwischen meinen Eltern bis mein Vater \u00fcber den Tausch von Lampen, mit denen wir ja reichlich gesegnet waren, Glas-scheiben organisierte und das Haus soweit bezugsfertig wurde. Diese Bezugsfertigkeit war aber nicht sehr vollkommen, denn es gab z.B. T\u00fcren, ja sogar Schl\u00f6sser in diesen T\u00fcren, jedoch keine Klinken. T\u00fcrklinken waren nirgends aufzutreiben. Meine Mutter und ich bekamen zusammen eine dicke Holzt\u00fcrklinke, die wir in jedes Schloss stecken mussten, um eine T\u00fcr zu \u00f6ffnen,\u00a0w\u00e4hrend sich mein Vater eine kleine zusammenklappbare T\u00fcrklinke konstruierte, die er in der Hosentasche trug. Was sich nun in unserem Eigenheim abspielte sah folgenderma\u00dfen aus: Mein Vater wieder viel unterwegs auf der Suche nach Maschinen und Werkzeug f\u00fcr eine neue Werk-statt, meine Mutter und ich zuhause. Wir lie\u00dfen das Badewasser einlaufen und im unteren Stockwerk des Eigenheims angekommen, h\u00f6rten wir die Badezimmert\u00fcr ins Schloss fallen, w\u00e4-rend dort das Wasser lief und lief&#8230; Die T\u00fcrklinke nat\u00fcrlich im Bad. In solchen F\u00e4llen musste ich schnell meine ererbte Erfinderf\u00e4higkeit nutzen und in der Werkstatt meines Vaters nach einem geeigneten Gegenstand suchen mit dem ich im letzten Moment dann doch die T\u00fcr \u00f6ffnen konnte.<\/p>\n<p>Das Landleben in Lobenstein war bewegt, sehr spannungs- und abwechslungsreich dank der\u00a0von meinem Vater entworfenen &#8222;Schr\u00f6der-Lampe&#8220;.<br \/>\n&#8212;<br \/>\narchiviert und aufbearbeitet von Nanette Schumacher (Enkelin von Max Schumacher), 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Marlene H\u00fcbler geb. Schumacher (Tochter von Max Schumacher) Sie haben meine Nichte nach dem Erfinder der Schr\u00f6der-Lampe gefragt. Ich nehme dies gern zum Anlass aufzuschreiben, was mir als Tochter noch in Erinnerung ist. 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