{"id":9651,"date":"2022-11-05T14:36:14","date_gmt":"2022-11-05T12:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/?p=9651"},"modified":"2022-11-05T14:43:09","modified_gmt":"2022-11-05T12:43:09","slug":"interview-mit-michael-langer-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2022\/11\/05\/interview-mit-michael-langer-teil-1\/","title":{"rendered":"Interview mit Michael Langer, Teil 1"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-9655 size-medium\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MichaelLanger-247x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"247\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MichaelLanger-247x300.jpeg 247w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/MichaelLanger.jpeg 480w\" sizes=\"(max-width: 247px) 100vw, 247px\" \/><a href=\"https:\/\/michaellanger.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Michael Langer<\/a> (*1959, Wien) ist Gitarrist, Komponist, Bearbeiter und Instrumentalp\u00e4dagoge, sowie Herausgeber von Noteneditionen in den Bereichen klassische Gitarre, Fingerstyle und Pop. Er unterrichtet als Professor an der Anton Bruckner Privatuniversit\u00e4t in Linz und an der Musik und Kunst Universit\u00e4t in Wien. Das Interview fand in schriftlicher Form im November 2022 statt und wurde gef\u00fchrt von Dr. Dennis Sch\u00fctze (Foto: M. Pollert).<\/p>\n<p><strong>F: Herr Prof. Langer, was hat sie als jungen Menschen zum Instrument Gitarre hingezogen? Wie haben sie sich das Instrument zu Beginn angeeignet? Mit welchem Lehrwerk, welcher Gitarrenschule und welchen Lehrern haben sie sp\u00e4ter das klassische Gitarrenspiel erlernt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe mit der E-Gitarre begonnen, meine Vorbilder waren die beiden Gitarristen der Allman Brothers Band, einer S\u00fcdstaaten-Rockband, in Originalformation aktiv in den 1970er-Jahren. Gelernt habe ich autodidaktisch, was bedeutet hat, sich von jedem Gitarristen, den ich traf und der als Vorbild herhalten konnte, was abzuschauen und die alten Platten im halben Tempo (damals eine Oktav tiefer!) abzuqu\u00e4len, um hinter die \u201egro\u00dfen Geheimnisse\u201c zu kommen. Mitten in meiner Schulband-Karriere meinten dann Freunde, ich solle doch am Konservatorium lernen. Da man sich damals dort \u201enur\u201c klassisch bewerben konnte, besorgte ich mir die entsprechende Gitarre und lernte mir drei St\u00fccke ein (darunter eine Eigenkomposition). Dass ich dann aufgenommen wurde, erscheint heute unm\u00f6glich, aber auch damals war es unglaublich. Als mein Professor dann schnell dahinter kam, was mir alles an Unterbau fehlte, begann eine harte Zeit, wie man sich gut vorstellen kann. Aber \u00fcber all dem stand f\u00fcr mich, der nie mit Musikschul- oder Privatunterricht in Ber\u00fchrung gekommen war, die begl\u00fcckende Tatsache, dass da einer eine Stunde lang bereit war, mir etwas \u00fcber mein geliebtes Instrument zu lernen.<br \/>\nAlso zur\u00fcck zu ihrer Frage: Kein Lehrwerk, keine Gitarrenschule, meine klassischen Lehrer waren Robert Brojer am Konservatorium Wien, Heinz Irmler an der Musikhochschule Graz, Robert Wolff und Konrad Ragossnig an der Musikhochschule Wien.<\/p>\n<p><strong>F: Sie haben klassische Gitarre am Konservatorium der Stadt Wien studiert. Wie war das Studium zu diesem Zeitpunkt angelegt? Was waren g\u00e4ngige Repertoire- und Pr\u00fcfungsst\u00fccke?<\/strong><\/p>\n<p>Es war ein Gitarrenstudium, das ganz von der Person meines Lehrers gepr\u00e4gt war: In Robert Brojers Buch \u201eDer Weg zur Gitarre\u201c kann man seinen exakt gereihten Lehrplan nachlesen und ich habe alle diese St\u00fccke gespielt, in genau dieser Reihenfolge\u2026 Brojer sang jedes St\u00fcck mit, sehr intensiv und musikantisch, jede geringste Abweichung wurde unmittelbar kritisiert. So lernte ich in den folgenden vier Jahren ein gro\u00dfes Repertoire in einer (seiner) lebendigen Version zu spielen. Sp\u00e4ter bei meinen folgenden Lehrern und vielen Meisterkursen lernte ich, dass man \u00fcber das was man da so tut auch trefflich nachdenken kann und wie grundlegende Prinzipien, musikalisch wie technisch, individuelles Musizieren erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Cheek to cheek - Chattanooga Choo Choo\" width=\"584\" height=\"438\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/oxEPMoO7r8w?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p><strong>F: Sie befassten sich umfassend mit dem sog. Fingerstyle-Spiel, das von US-amerikanischen Fingerpickern wie Merle Travis, Chet Atkins und Jerry Reed gepr\u00e4gt wurde. Wie sind sie dazu gekommen, was waren ihre Quellen und wie lie\u00df sich das mit der klassischen Spieltradition vereinbaren \/ kombinieren?<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesen drei genannten Fingerpickern konnte ich \u2013 das muss ich gestehen \u2013 eigentlich nie besonders viel anfangen. Obwohl es der Chet Atkins-Epigone Guy Van Duser war, der mich mit seiner Nylonsaiten-Gitarrenversion von \u201eChattanooga Choo Choo\u201c, die ich im Radio h\u00f6rte, aus meinen klassischen Tr\u00e4umen zur\u00fcck zu meinen Pop-Wurzeln riss. Ich habe mich viel mehr bei den Jazz- und Funkgrooves von Tuck Andress, der Einzigartigkeit von Pierre Bensusan oder Michael Hedges, sp\u00e4ter bei Tommy Emmanuel wiedergefunden. Alles das was ich da h\u00f6rte, war irgendwie durch meine Pop\/Rock-Vergangenheit schon angelegt, das n\u00f6tige theoretische R\u00fcstzeug hatte ich mir durch mein vierj\u00e4hriges Jazz-Arrangementstudium verschafft, Groove-Erfahrung im Zusammenspiel in Latinbands gesammelt \u2013 ich musste nur noch versuchen es auf der klassischen Gitarre authentisch r\u00fcberzubringen und einen eigenen Stil in meinen Kompositionen und Arrangements zu finden.<\/p>\n<p><strong>F: Sie gewannen den ersten Preis beim \u201eAmerican Fingerstyle Guitar Festival\u201c in den USA. Wann war das, wie kam es dazu und was bewirkte diese Auszeichnung f\u00fcr ihren weiteren Werdegang?<\/strong><\/p>\n<p>Das war 1989, der Wettbewerb fand alle zwei Jahre statt und ich bin \u00fcber einen Bericht \u00fcber das 1987er-Festival, war es im \u201eGuitar Player\u201c oder in \u201eFrets\u201c wei\u00df ich nicht mehr, darauf gekommen. Man konnte sich per Musikkassette, die man per Post schicken musste, f\u00fcr die Finalrunde bewerben. Irgendwann kam dann der Anruf und drei Wochen sp\u00e4ter flog ich zum ersten Mal in die USA. Das Finale fand in einem Theater in Milwaukee statt, die Jury voll mit meinen Fingerstyle Idolen: Guy van Duser, Pierre Bensusan, aber auch John Renbourn und Benjamin Verdery. Die Preisverleihung (\u201eand the winner is\u2026\u201c) fand unmittelbar vor einem Tuck &amp; Pattie Konzert statt, wo ich dann noch mit Tuck Andress den gr\u00f6\u00dften meiner damaligen Heros traf. Das war Gl\u00fcck pur\u2026<br \/>\n\u00d6sterreich ist ein Land, in dem viele tolle Musiker gro\u00df wurden und werden, aber so richtig gilt man auch hier erst was, wenn man es im Ausland \u201egeschafft hat\u201c \u2013 so war dieser Wettbewerb und der Preis des \u201eGuitar Player\u201c f\u00fcr mich der T\u00fcr\u00f6ffner zu einem Plattenvertrag, vielen Konzerten, Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p><strong>F: Sie ver\u00f6ffentlichten ab Anfang der 1990er einige Alben mit Fremd- und Eigenkompositionen und bewegten sich dabei flie\u00dfend zwischen Klassik, Folklore und Pop. War es schwierig bei diesem vielf\u00e4ltigen Interesse den einzelnen Stilen gerecht zu werden?<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich nein, das ist genau mein Thema auf der klassischen Gitarre Spieltechniken soweit zu \u201ebiegen\u201c, dass man authentisch klingen kann. Auf der einen Seite begann ich einfache Spielhefte und sp\u00e4ter Gitarrenschulen zu ver\u00f6ffentlichen, wo ich Folk- und Popelemente verwendete um klassische Gitarre zu erlernen und die Kinder in ihren H\u00f6rgewohnheiten abzuholen, also die Grenzen niederzurei\u00dfen und Klassik und Pop auf eine Stufe zu stellen. Auf der anderen Seite wurde mir, je tiefer ich in meine eigene Musik rutschte klar, wie weit die beiden Seiten dieses Crossovers auseinanderr\u00fcckten, nicht nur vordergr\u00fcndig in der Groove, auch in Artikulation, wie man mit Dynamik B\u00f6gen spielt und trotzdem am Beat \u201epickt\u201c und vielen anderen Details. Das ist superspannend, ich habe bis heute nicht ausgelernt, aber ich erlebe es nicht als \u201eschwierig\u201c: Ich kann mir viele Details bewusst machen, das muss ich ja auch als Lehrer, aber ich kann es auch einfach nur passieren lassen.<\/p>\n<p><strong>F: Mit STS, Peter Ratzenbeck, ihnen selbst und anderen gab es in \u00d6sterreich in den 1990ern eine interessante und innovative Akustikgitarrenszene. Was ist daraus geworden und wie bewerten sie das r\u00fcckblickend?<\/strong><\/p>\n<p>STS habe ich jetzt nicht unbedingt als Akustikgitarren-Pioniere am Schirm, ich hoffe da tue ich niemandem Unrecht. Peter Ratzenbeck war der Fingerpicking-Platzhirsch in \u00d6sterreich mit einer gro\u00dfen Fangemeinde und vielen \u2013 heute w\u00fcrde man sagen \u2013 Followern, die treu seine Seminare und Konzerte besuchten. Wir haben in diesen Jahren ein Trio gegr\u00fcndet \u201eRTL3\u201c \u2013 Ratzenbeck-Theessink-Langer und als Gitarrentrio an den feinsten Pl\u00e4tzen f\u00fcr Popmusik in \u00d6sterreich gespielt, immer ca. 1000 Zuschauer im Schnitt. F\u00fcr mich als von der Klassik kommenden Gitarristen war das eine irre Zeit. Ich hatte schon auch klassische Konzerte in gro\u00dfen S\u00e4len gespielt, aber das war immer Stress, viel \u00fcben, und versuchen \u201ees zu schaffen\u201c. Und jetzt pl\u00f6tzlich bis auf ein paar virtuose Schnell-Finger-Nummern und zwei Solost\u00fccke brauchte ich nur dazu zu improvisieren, einfach nur die Begeisterung genie\u00dfen und schauen was passiert. Und verr\u00fcckt: Es hat mich nicht so erf\u00fcllt, wie die Solo- und sp\u00e4ter Duokonzerte mit ziemlich gemischtem, anspruchsvollem Programm, die ich zu spielen begann.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Michael Langer - Sabine Ramusch play Piazzolla: Milonga del Angel - La Muerte\" width=\"584\" height=\"329\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/9ut_csm1G6A?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Teil 2 des Interviews folgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Langer (*1959, Wien) ist Gitarrist, Komponist, Bearbeiter und Instrumentalp\u00e4dagoge, sowie Herausgeber von Noteneditionen in den Bereichen klassische Gitarre, Fingerstyle und Pop. 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