{"id":9677,"date":"2022-11-14T19:03:22","date_gmt":"2022-11-14T17:03:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/?p=9677"},"modified":"2022-11-14T19:03:22","modified_gmt":"2022-11-14T17:03:22","slug":"buch-europa-wo-bist-du-alex-ruehle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/2022\/11\/14\/buch-europa-wo-bist-du-alex-ruehle\/","title":{"rendered":"Buch: \u201eEuropa &#8211; Wo bist du?\u201c \u2013 Alex R\u00fchle"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-9675\" src=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/EuropaWoBistDuCover-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/EuropaWoBistDuCover-184x300.jpg 184w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/EuropaWoBistDuCover-627x1024.jpg 627w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/EuropaWoBistDuCover-768x1254.jpg 768w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/EuropaWoBistDuCover-941x1536.jpg 941w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/EuropaWoBistDuCover-1254x2048.jpg 1254w, https:\/\/dennisschuetze.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/EuropaWoBistDuCover.jpg 1511w\" sizes=\"(max-width: 184px) 100vw, 184px\" \/>Alex R\u00fchle ist Journalist (Artikel u.a. f\u00fcr SZ) und Autor (Sach- &amp; Kinderb\u00fccher). Aufmerksamkeit erregte er mit dem Buch \u201eOhne Netz \u2013 Mein halbes Jahr offline\u201c (2010) und dem Selbsterfahrungsbericht \u201eWird schon gehen \u2013 zu Fu\u00df von M\u00fcnchen nach Berlin\u201c (2012). Nun hat er im Fr\u00fchjahr 2022 in 14 Wochen die meisten L\u00e4nder Europas bereist, politische Aktivisten getroffen und berichtet in \u00fcber 30 Kapiteln von seinen Begegnungen und Erlebnissen.\u00a0Ausgehend von dem Satz \u201eEuropa ist kein Ort, sondern eine Idee\u201c (L\u00e9vy) stellt sich R\u00fchle die Fragen: Welche Idee ist das? Tr\u00e4gt diese Idee noch? Verstehen sich die Bewohner der einzelnen L\u00e4nder als Europ\u00e4er? u.a. Ohne es explizit zu erw\u00e4hnen meint er mit Europa ausdr\u00fccklich die Europ\u00e4ische Union, L\u00e4nder wie die Schweiz, Gro\u00dfbritannien, Belarus kommen in seinem Reiseplan gar nicht vor, interessanterweise auch nicht sein Heimatland Deutschland.<!--more--><\/p>\n<p>Die Reise beginnt in Athen, gar nicht so sehr, weil dort angeblich die Demokratie erfunden wurde, sondern um die Nachwirkungen der bedrohlichen Wirtschaftskrise (2010) zu verstehen. Hier und an jeder anderen Station seiner langen Rundreise hat R\u00fchle Verabredungen mit politischen Aktivisten, freilich mit den \u201eGuten\u201c, die f\u00fcr eine bessere Welt k\u00e4mpfen, die anderen kommen nicht zu Wort. Es wird jeweils kurz die aktuelle gesellschafts-politische Gesamtsituation vor Ort umrissen und die engagierte Arbeit der portraitierten Personen beschrieben. Zumeist sind es bewundernswerte Einzelk\u00e4mpfer, die alleine oder mit einem kleinen Team gegen \u00fcberm\u00e4chtige Vertreter unsch\u00f6ner Verh\u00e4ltnisse k\u00e4mpfen. Als deutscher Leser braucht man jedes Mal einen Augenblick um die jeweilige Problematik zu begreifen, was eigentlich los, was das Problem ist und welche Wege begangen werden k\u00f6nnen. Die Aktivisten sind meist schon seit vielen Jahren dabei, k\u00e4mpfen unverzagt gegen Windm\u00fchlen, geben nicht auf, aber oft ist ihnen die Desillusionierung deutlich anzumerken. Wegen der Dichte der Reihung ist es als Leser zunehmend schwer zu ertragen, dass quasi fast ausschlie\u00dflich Missst\u00e4nde beleuchtet werden. Neutrale oder leichte Momente entstehen, wenn \u00fcberhaupt, eher zuf\u00e4llig auf den teilweise unkonventionellen Reiserouten von einem Ort zum n\u00e4chsten. Aber auch hier immer wieder bedeutungsschwangere Auslegungen, wenig unverhoffte, gl\u00fcckliche oder witzige Momente, wie sie bei unvorhergesehenen Begegnungen an unbekannten Orten doch eigentlich immer wieder entstehen, wenn man offen und erwartungsfroh durch die (alte) Welt gondelt. Fast hat man den Eindruck, dass die Wahrnehmung des Autors durch den engen Zeitplan und die prinzipiell \u00e4hnliche Verfassung der Gespr\u00e4chspartner enorm eingeengt wurde, vielleicht w\u00e4re etwas weniger Agenda und mehr Zufallsbereitschaft da zielf\u00fchrender gewesen, ziemlich sicher aber unterhaltsamer.<\/p>\n<p>Obwohl R\u00fchle wochenlang unterwegs war und von eigenen Fotos spricht wurde kein einziges im Buch verwendet (nicht mal auf dem Titel), dabei h\u00e4tte wenigstens ein Portrait jedes Gespr\u00e4chspartners ihnen doch zumindest ein Gesicht gegeben. Und auch die ein oder andere Landschaft oder eine Alltagssituation h\u00e4tten die Schrift etwas aufgelockert. So bilderlos wie es ist, wirkt es noch trockener und trostloser als es sein m\u00fcsste und das ist wirklich ein Vers\u00e4umnis, denn das sollte man als erfahrener Journalist schon wissen, dass Fotos schwere Texte auflockern und die beschriebenen Menschen nahbarer machen.<\/p>\n<p>Auch R\u00fchle selbst scheint die Reise vor allem als anstrengende, kraftraubende Bet\u00e4tigung zu empfinden, hin und wieder schweift er etwas poetisch aus, im Grunde bleibt er aber bei seinem Narrativ, dass die EU eine tolle Idee ist, aber einige Regionen und manche L\u00e4nder das einfach nicht kapieren. Und nat\u00fcrlich wird dann auch gleich wieder auf Polen und Ungarn gezeigt, die alles M\u00f6gliche boykottieren, korrumpieren oder gleich komplett falsch machen. Leider kommt an diesen Stellen deutlich der linientreue SZ-Journalist zum Vorschein. Was die Beweggr\u00fcnde dieser \u201eanderen\u201c Europ\u00e4er sein k\u00f6nnten, wird einfach nicht erw\u00e4hnt und die EU, der man ja nun wirklich auch ohne besonders weit greifen zu m\u00fcssen, anti-demokratische, korrupte, menschenverachtende und kriegshetzerische Tendenzen vorwerfen kann, diese EU wird an keiner Stelle mal ernsthaft kritisiert.<\/p>\n<p>Klar auch, dass die willk\u00fcrliche, europ\u00e4ische Fl\u00fcchtlingspolitik nur eine Nebenrolle spielt, dass die vasallenartige Abh\u00e4ngigkeit Westeuropas zu den USA nicht thematisiert wird, auch nicht der verbrecherische Umgang mit Subventionen oder der verschwenderische Umgang mit Finanzen \u00fcberhaupt, der \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine hatte anscheinend auch keine Vorgeschichte, sondern fiel einfach so vom Himmel und die menschenrechtswidrigen, europaweiten Corona-Ma\u00dfnahmen waren alle hilfreich und richtig, ja er versteigt sich am Ende sogar zu der wirren Aussage der Impfstoff sei wom\u00f6glich ein \u201eWundercocktail\u201c, weil er w\u00e4hrend seiner Reise nicht krank wurde. Anscheinend ist dem Autor w\u00e4hrend seiner Abwesenheit entgangen, dass der \u201eImpfstoff\u201c nie ein Impfstoff war, weil er Ansteckungen gar nicht verhindert hat (siehe Befragung von Janine Small in einem Sonderausschuss der EU). All das wirkt (f\u00fcr einen angeblichen Qualit\u00e4tsjournalisten) geradezu irrsinnig uninformiert und stellt damit auch alle vorangegangenen seiner Aussagen ungewollt in ein fragliches, weil tendenzi\u00f6ses Licht.<\/p>\n<p>Fazit: Man muss schon hart gesotten sein um diese Recherchereise durch die EU von Anfang bis Ende durchzulesen. R\u00fchle ist ein ungew\u00f6hnliches, leider auch arg einseitiges Portrait einiger europ\u00e4ischer Regionen gelungen. Das war mit viel Arbeit und pers\u00f6nlichem Einsatz verbunden, das ist aller Ehren wert. Oft sind die von ihm beschriebenen Personen, allerdings in einer schwierigen Sackgasse ohne erkennbaren Ausweg. Kein Vorwurf, aber R\u00fchle f\u00e4llt dazu meist auch kein gangbarer Weg ein. Das bringt ihn jedoch nicht zum Zweifeln, ob die EU tats\u00e4chlich so gut funktioniert. Und das ist die gro\u00dfe Unwucht seiner ausschweifenden, kleinteiligen Erz\u00e4hlung: Wenn so viele EU-B\u00fcrger sich f\u00fcr das Gute und Richtige einsetzen und die EU angeblich eine gute und richtige Idee ist, warum sind dann so viele Menschen unzufrieden? Was l\u00e4uft da eigentlich schief? Das w\u00e4re die eigentliche Frage gewesen, der er h\u00e4tte nachgehen sollen. Daf\u00fcr h\u00e4tte er vielleicht nicht Aktivisten, sondern ganz normale Menschen befragen sollen, Menschen au\u00dferhalb seines speziellen Meinungshorizonts und daf\u00fcr h\u00e4tte er gar nicht so weit und lange rumreisen m\u00fcssen. Wom\u00f6glich w\u00e4ren einige Antworten bei Mitb\u00fcrgern in der eigenen Stadt, im eigenen Viertel, im eigenen Haus zu finden gewesen.<\/p>\n<p>Fazit: Au\u00dfer Spesen nicht sonderlich viel gewesen. Liebe Journalisten, redet doch mal weniger mit denen, die ihr sowieso versteht und deren Meinung ihr auch pers\u00f6nlich teilt und stattdessen etwas mehr mit denen, die ihr nicht versteht, die es anders sehen. Das w\u00fcrde zu etwas f\u00fchren was mal ein journalistischer Grundsatz war, heutzutage aber fast schon altmodisch klingt: Eine differenzierte Sicht aus verschiedenen Perspektiven. Das w\u00e4re mal ein Anfang und erster Schritt zur L\u00f6sung von Problemen.<\/p>\n<p>Das gebundene Buch erscheint im dtv Verlag, hat 416 Seiten und kostet 25 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex R\u00fchle ist Journalist (Artikel u.a. f\u00fcr SZ) und Autor (Sach- &amp; Kinderb\u00fccher). 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