Reise: Würzburg – Frankfurt – Helsinki

Frueh am Pfingstmontag ging es los. War am Samstag beim New Orleans Festival in Fuerth um das neue Album-/Konzertprogramm von Ron Spielman anzuhoeren (grossartig), am Pfingstsonntag habe ich dann selbst beim alljaehrlichen Weinfest in Sommerach gespielt, deswegen musste das Packen am Abend vorher ganz schnell gehen. In der Fruehe nochmal kurz alles gecheckt und ab zum Bahnhof zum Zug zum Flughafen Frankfurt. Tja, wenn das mal so einfach gewesen waere. Hatte mich noch gewundert, warum ich laut Ticket zweimal umsteigen muss und es ueber 2h braucht. Es war wegen irgendeiner Baustelle und natuerlich wurden alle Anschlusszuege verpasst und natuerlich hatte ich wieder einmal den knappen Zug gebucht, wer wird schon aus Fehlern schlau, ich nur hin und wieder.

Das schlimmst allerdings war, dass, waehrend ich also wie auf Kohlen hockte und mir immer wieder ausrechnete, ob das alles vielleicht doch noch hinhaut mit dem Abflug, zwei mittelalte Damen vor mir hockten und ohne jede Unterbrechung vor sich hinlaberten, vor allem die eine der beiden, die andere hoerte meist mit einer engelsgleichen Geduld zu und schob sich hin und wieder belegte Brote in den Mund. Die Geschichte, die ich mir unfreiwillig anhoeren musste war lang, vollkommen unverdichtet und fast pointenlos. Es ging dabei um den Umbau eines Badezimmers mit Dachschraege in einem vermutlich ererbten Haus und die Unfaehigkeit der beauftragten Innenarchitekten bei der Planung. Es gab insgesamt vier Entwuerfe, alle wurden detailiert in Wort und Bild vorgestellt und letztlich hat es der anscheinend hochbegabte Partner selbst gemacht (Er heisst Per). Sie wussten natuerlich genau was sie nicht wollten, aber anscheinend nicht was sie wollten, jedenfalls hat es die sehr eloquente Dame offensichtlich nicht fertig gebracht ihre Wuensche den wohl tatsaechlich etwas beschraenkten Planern gegenueber klar zu artikulieren. Die armen Irren hatten nicht mal einen Ortstermin gemacht, also einfach  freiweg nach wackeligen Fotos und groben Abmessungen der Besitzer losgeplant. Was auch immer. Ich ueberlegte noch kurz, ob ich mich einmischen sollte, aber es war frueh am Morgen und ich sowieso schon genervt, also was haette es uns allen gebracht? Glaube nicht, dass meine Stellungnahme irgendetwas in der Wahrnehmung der Dame veraendert haette. Also entschied ich mich es mit Humor zu nehmen und liess die einseitige Konversation wie ein Loriothoerspiel ueber mich ergehen. So war es immerhin auszuhalten.

Irgenwann war ich dann auch beim Flughafen Frankfurt, Check In im Terminal 2, also noch mal etwas Zug fahren. Ich war mal wieder buchstaeblich der letzte beim Check/In. Security ging diesmal schnell, hatte extra keine Tuben oder Fluessigduschgels dabei, auch keine gefaehrliche Waffen wie Nagelfeilen oder Kugelschreiberminen. Auf dem Weg zum Gate verlor ich noch zwei Mal meine Boarding Card, aber aufmerksame Mitreisende hatten das im Auge. Boarding, Gepaeck verstauen, hinsetzen, puh. Neben mir schon wieder zwei Frauen, andere natuerlich, noch vor dem Start holten sie ihre Smartphones raus, Flightmodus, klar, und zeigten sich Fotos von ihrer Cocker-Spanielzucht und ab da hoerten sie nicht mehr auf darueber zu reden. Passiert das nur mir? Oder habe ich die Tendenz mich immer als Zuhoerer in fremde Gespraeche einzuklinken. Vielleicht ist mein Gehoer zu gut, meine Aufmerksamtkeit zu stark (oder zu schwach). Es treibt mich noch in den Wahnsinn, mit was fuer einem Schwachsinn die Leute ihre Zeit vergeuden. Baeder umbauen, Hunde zuechten, Serien glotzen, von mir aus, aber muessen immer gleich stundenlange Berichte halboeffentlich in die Welt rausposaunt werden, kann man das auch als Privatsache behandeln und nicht am Handy besprechen, wenn 20 Fremde Leute in einem Grossraumabteil zuhoeren muessen? Ich wollte doch einfach nur in Ruhe nach Finnland reisen.

Apropos Finnland, um kurz nach 15.00 kam ich an, laut Touri-Info ist der Zug der schnellste Weg in die Stadt und bietet auch die abwechslungsreichste Aussicht (kein Witz, ich habe gefragt). Ticketautomat war am Flughafen genau einer aufgestellt mit ungefaehr 25 Leuten davor, Alte, Junge, Kinder. Ich dachte mir, da gehste mal zur Bahn, da wird schon noch ein Automat kommen, aber nee, nix da. Stattdessen am Bahnsteig leise Ambient Musik aus edlen Speakern, ich glaubte es erst nicht. Ging so in die Richtung Brian Eno meets Arvo Paerth. Eine gelungene Mischung aus Music for Aerports und Music for Railwaystations, geiler Naturhall, man konnte die Klangquelle kaum orten, alle Leute auf dem Bahnsteig vollkommen tiefenentspannt. Nicht mal die Schaffnerin hatte Bock rumzustressen und Fahrgaeste zu kontrollieren. Ich erst theatralisch vertieft in die Helsinkikarte um bei einer Kontrolle möglichst authentisch die Ahnungslosigkeit des ueberforderten Touristen zu faden, aber vollkommen unnoetig. 30 Min spaeter war ich am Hauptbahnhof, tiefe Wolken, kalter Regen, willkommen in Helsinki.

Ich war ausgehungert, fast 17.00 und nur gefruehstueckt. An Bord haette man sich ueberteuerte, plastikverpackte Kaesebroetchen kaufen koennen, scheiss Billigflieger, habe ich Geizkragen natuerlich nicht gemacht, dafuer 3x mal ein kostenloser Becher Wasser. Deswegen erstmal ein kleiner Burger beim grossen M, danach war die Laune schon wieder etwas besser. Hostel Diana Park war zu Fuss erreichbar, befindet sich im zweiten Stock eines schoenen Jugendstilhauses. Esrtmal war ich allein im 4er Mixed Dorm, Zeit um etwas zu entspannen, aber nur kurz, dann Lage checken, klassisches Blaeserkonzert in der Sibelius Academy nicht weit weg und eigentlich noch Zeit, aber wegen Zeitverschiebung doch nicht, also schnell los. War leicht zu finden, ein imposanter Betonprachtbau. Gerade findet eine einwoechige Blaeser Extravaganza mit Workshops tagsueber und Konzerten am Abend statt. Ich landetet im fast ausverkauften Eroeffnungskonzert, ein Sextett, alle Performer hatten ein Arrangement beigesteuert. Es wurden auch einige klassische und romantische Saetze wild, aber geschmackvoll kombiniert, zum Teil frech mit klassischen und jazzigen Improvisationen angereichert, Instrumentalisten abseits der Buehne im Raum verteilt, dazwischen Ansagen auf finnisch, englisch, deutsch, toller Raum, toller Klang, tolle Atmosphaere und nicht zu lang, nach 1,15h war Feierabend, danach noch ein Jazz/Popabend in einem anderen Konzertsaal, Eintritt frei, da schaut man doch mal rein. Auch hier alles entspannt und easy, die Kuenstler gerade mal Anfang 20 aber mit Hirn und Herz dabei, auch hier wieder auffaellig guter Sound, anscheinend eigene Songs mit Saengerin, Liedtexte und Ansagen auf finnisch, ich verstehe kein einziges Wort.

Ueberhaupt finnisch. Wer hat sich bitte diese Sprache ausgedacht, es ist total irre. Es klingt als wuerde ein betrunkener Seemann mit Sprachfehler die elbische Phantasiesprache von Tolkiens Herr der Ringe parodieren und jedes zweite Wort mit uu, aa oder  uae beenden. Wenn ich nicht alleine waere, wuerde ich die ganze Zeit laut lachen, es ist einfach dermassen unfreiwillig komisch, aber man will ja nicht unnoetig provozieren. Alles was sie sagen klingt wie eine unhoefliche Beleidigung oder zumindest wie eine gelallte Unmutsbekundung und dabei schauen sie immer ganz freundlich, das passt ueberhaupt nicht zusammen. Ansonsten alles cool hier, die Finnen sind auf den ersten Eindruck alle sehr hellhaeutig und aschblond und neigen nicht zur sinnlosen Laberei wie meine weiblichen Mitreisenden, s.o. Das ist doch schon mal sehr angenehm, also nicht schlecht und deswegen de facto irgendwie gut. Heute wird auch noch das Wetter schoen, kuehl, aber windstill und sonnig, habe erstmal nichts zu meckern. Heute Abend vielleicht nochmal Blaeser Extravganza, hat mir gut gefallen, mal sehen.

Fotos habe ich germacht, kann ich aber gerade nicht hochladen. Werde ich hoffentlich noch nachreichen. Erstmal muss der Text reichen. Freue mich ueber rege Anteilnahme in Form von Kommentaren!

3 Kommentare zu „Reise: Würzburg – Frankfurt – Helsinki

  1. Also ich weiß nicht, aber bei deinem kürzlich selbst erlebten Wasserrohrbruch hättest du bei diesem Badezimmergespräch doch was interessantes zur „Unterhaltung“ beisteuern können ;-). Kleiner Scherz. Nein, im Ernst. Auch ich „leide“ unter einem sehr guten Gehör, was mich auch oft zum unfreiwilligen Mithörer, der dämlichsten Gesprächsthemen aller Zeiten macht. Naja, wenn die Finnen nicht Spinnen (den Reim konnte ich mir jetzt natürlich nicht verkneifen..), ist ja alles im ruhigen Bereich. Freue mich auf weitere Berichte der Urlaubsgeschichte (ach, auch dass reimt sich ja so schön) Grüße

  2. Es hat meiner Erfahrung übrigens nichts mit der „Güte“ deines Gehörs zu tun, sondern schlicht mit der Fähigkeit selektiv zu hören, selbst wenn keine anderen Geräuschquellen existieren.
    Ich habe diese Fähigkeit – Gott sei Dank. Bei vier Geschwistern, dem Spielplatz vor der Haustür und 14 Jahre Busfahren in die Schule war das lebensnotwendig. Egal ob es die aufgedrehten Grundschüler sind, die mit Pokemon Karten handeln oder die anfangsdementen Rentner, die mal wieder den vollen Bus zur Mittagszeit nehmen müssen. Selektiv hören bzw. weghören ist unerlässlich.

    Ansonsten hätte ich dir das über Finnland sagen können. Da es mein absolutes Wunschreiseziel ist, habe ich viel darüber gelesen und auch schon versucht die Sprache zu lernen (unmöglich, absolut unmöglich).

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