Krise? Welche Krise? (KW28/2020)

Über zu wenig Arbeit oder Aufgaben kann ich mich in den letzten Monaten wirklich nicht beschweren, ganz im Gegenteil. Instrumentalunterricht habe ich nach den Osterferien auf Videoübertragung umgestellt, war deutlich einfacher als vorab befürchtet und lief gut bis sehr gut, weil fast alle Schüler anstandslos mitgemacht haben. Mittlerweile habe ich größtenteils wieder auf Präsenzunterricht umgestellt, einige Schüler habe ich verloren, dafür sind andere dazu gekommen. Die Absage aller Konzerte bis in den Herbst 2020 war dann auch weniger gravierend als gedacht. Zum großen Teil gab es anteilige Ausfallgagen oder private oder öffentliche Veranstaltungen wurden in beiderseitigem Einverständnis terminlich verlegt. Bis auf wenige Ausnahmen haben sich alle Beteiligten ehrenwert und anständig verhalten und eine faire Lösung gesucht. Weiterlesen

Seltsame Zeiten (KW15/2020)

Das sind schon seltsame Zeiten gerade. Erst wurde das öffentliche Leben zurückgefahren, kurz danach fast auf Null gesetzt. Zum Zeitpunkt des Lockdown wurden mir alle vereinbarten Konzerte bis in den Sommer innerhalb weniger Tage ersatzlos storniert. Auch der Instrumentalunterricht wurde unter Androhung hoher Bußgelder von heute auf morgen offiziell untersagt. Dadurch bin ich de facto mit einem vollumfänglichen Berufsverbot belegt und erziele derzeit keinerlei aktive Einnahmen mehr.

Auf der anderen Seite dürfen auch meine vier schulpflichtigen Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Stattdessen wurde die Familie täglich, insbesondere die Eltern von einer vollkommen unkoordinierten Email, SMS- und Whatsapp-Nachrichten-Lawine zugeschüttet. In der ersten Woche mehr als 50 Einzelmails, zum großen Teil mit Anhängen zum Ausdrucken, Links zum Ansehen, Aufgaben zum Ausfüllen wieder einscannen und zurückmailen, der Mebis-Server regelmäßig überlastet, dazu Instrumentallehrer, die wahlweise per Festnetz, Smartphone, Videoschalten etc. unterrichten wollen, bei minutengenauem Beginn der Einheit, aber anrufen tun sie freilich nicht. Tag und Nachtzeiten gelten nicht mehr, Wochenende ist anscheinend gleich mitabgeschafft worden, es trudeln Mails an jedem Wochentag, rund um die Uhr, Tag und Nacht ein. Die Lehrer drohen ganz nebenbei aber erstaunlich offen damit, dass der verordnete Stoff, den sie den Kindern nicht beigebracht haben, nach den Ferien als erarbeitetes und überprüfbares Grundwissen gilt. Während alles um uns herum in Frage steht und zusammenbricht, ist die größte Sorge der bayerischen Lehrer, dass sie nach der Krise vielleicht etwas vom Lernstoff aufgeben müssten, dass ein paar Lateinvokabeln nicht ganz so gut sitzen oder dass ein Arbeitsblatt über das endoplasmatische Retikulum nicht sorgfältig genug ausgefüllt wurde.

Aufnahmen in den eigenen vier Wänden zu machen ist mir bis jetzt immerhin nicht verboten worden und so konnte ich gut an Produktionen anschließen, die noch vor dem Lockdown gestartet worden waren. Hinzu kam die Veröffentlichung von Videos, die bereits in der Pipeline waren, wie der Bondsong „No Time to Die“, sogar in zwei Versionen, die dann aber mächtig versandeten, weil erstens der Bondfilm nicht wie geplant Anfang April in den Kinos anlief, sondern kurzerhand um ein halbes Jahr verschoben wurde und weil zweitens gerade jeder Musiker der ein Mikro bzw. ein Smartphone halten kann, irgendwelche zweit- und drittklassigen Quarantänevideos ins Netz stellt, natürlich alles kostenlos und im Auftrag der Kultur und für die Kulturinteressierten, die gerade ganz andere Probleme haben oder einfach nur in Ruhe netflixen wollen. Man sieht auf einmal wie weltfremd Mittelklassekultur erscheinen kann, wenn mal wirkliche Probleme vor der Tür stehen und Existenzen massiv bedroht sind.

Trotz Krise war es bis jetzt so, dass ein Auftritts- und Unterrichtsverbot natürlich auch Freiräume schafft und die nutze ich so gut es geht. Dazu gehört alles, was man alleine oder auf Distanz tun kann, z.B. die Fertigstellung von Produktionen, Artwork, Vorbereitung der Veröffentlichung etc. Schade nur, dass lokale und regionale Medien wegen der monothematischen Berichterstattung quasi nicht mehr ansprechbar sind. Ich habe derweil Pläne erstellt und Konzepte für zukünftige Projekte erarbeitet. Unterwegs ist bereits das Minialbum „Vom Ursprünglichen“ mit einer fünf-sätzigen interdisziplinären Komposition der jungen Cellistin Nina Clarissa Frenzel, seit dieser Woche in der heißen Phase außerdem das Kompilationsalbum „So klingt Würzburg 2020!“ mit einer Auswahl eigener Produktionen der letzten beiden Jahre. Soundtechnisch fertiggestellt werden gerade dazu noch die zwei Hörspiele „Pico“ (Martina Schütze) und „Living in the Shadows“ (Dennis Schütze) und ein eigenes Minialbum in kleiner, akustischer Besetzung inkl. zwei Videos. Die Arbeit geht mir nicht aus, das Geld vielleicht schon, mal sehen, aber man gibt ja auch deutlich weniger aus, wenn die Läden weitgehend zu sind und der Konsumrausch mal für eine Weile Pause hat.

In dieser Woche werde ich mich auch etwas intensiver meinem Blog widmen, der seit Ende letzten Jahres etwas gelitten hat, weil einfach zu viel los war und ich noch dazu kein so großes Mitteilungsbedürfnis hatte. Jetzt zwar auch nicht so wirklich, aber es haben sich viele Notenausgaben angesammelt, die besprochen werden müssen, sonst machen die Verlage zurecht Ärger.

Und sonst so? Habe nach einem Eigengewichtsmaximum Anfang Januar beschlossen die Ernährung umzustellen und abzunehmen. Seit mittlerweile drei Monaten (fast) kein Alkohol, keine Süßigkeiten und kein Abendbrot, dazu regelmäßige Bewegung und seit einigen Wochen wieder Ausdauersport. 8kg sind bereits runter, weitere 8kg sollen bis zu meinem Geburtstag im Juli folgen. Rocket 88, und das gilt es dann zu halten, was vermutlich schwerer wird als die Abnahme, das geht eigentlich sogar.

Ich hoffe nur, die Schulen machen bald wieder auf. Sonst sterben wir in unserer Wohnung nicht an Corona, sondern bringen uns demnächst gegenseitig um und das wäre doch auch irgendwie schade, oder nicht?

OP: Zwölf Monate später (KW48/2019)

Old man, take a look at your life.
(Neil Young, 1972)

Nahezu auf den Tag genau vor zwölf Monaten wurde im Zuge einer OP mein gerissenes Kreuzband im rechten Knie mit einer körpereigenen Sehne ersetzt. Gemäß meines physiotherapeutischen Nachbehandlungsplans habe ich die ersten Wochen tagsüber eine post-operative 4-Punkt Orthese getragen, nachts eine Mecronschiene, zur Fortbewegung habe ich immer Krücken verwendet und das operierte Bein nur mit 20% belastet. Nach sechs Wochen begann das Aufbautraining, das von physiologischer Betreuung begleitet wurde: Zweimal die Woche Physiotherapie und zweimal die Woche Lymphdrainage. Es war atemberaubend wie sehr sich meine Muskulatur ums Knie in den sechs nahezu bewegungslosen Wochen zurückgebildet hatte. Weiterlesen

Spotify Millionär

Seit diesem Wochenende bin ich Spotify Millionär. Im Frühjahr hatte ich darüber berichtet, dass der von mir produzierte Titel „Jolene“ mit Sunny Sweeney vom Album „Sideburner“ (2006) stramm auf die 500.000-Marke zusteuert. Seitdem kamen jeden Tag 2-3000 Zugriffe dazu. Ein knappes Halbjahr später wurde nun die erste Million geknackt und es sind schon wieder 5K dazu gekommen. Die Reise scheint also weiter zu gehen und ich beobachte das ungläubig. Die kuriose Vorgeschichte und die unwahrscheinliche Wendung hatte ich bereits im erwähnten Artikel beschrieben.

Schade nur, dass der Song nicht von mir stammt und ich nicht gesungen habe. Lediglich Gitarre und Produktion stammen aus meiner Hand. Schade auch, dass sich die hohen Zugriffszahlen nicht erkennbar auf andere meiner Titel auswirken. Nicht einmal die andere Produktion mit Sunny Sweeney („Jackson“, selbes Album), bei der ich als Duettpartner auch singe, kann außergewöhnliche Zugriffe verzeichnen.

Als frisch gebackener Spotify Millionär freue ich mich und bin enttäuscht gleichzeitig. Mehr als eine Million Menschen weltweit haben eine Produktion von mir gehört und doch wirkt die Information nicht wahr und wirklich, sondern wie ein riesiger Fake, denn ich spüre in meinem kleinen Leben überhaupt keine Auswirkungen. Na gut, der Quartalsscheck des Labels ist etwas höher als in den Jahren zuvor, aber gemessen an den Zugriffzahlen immer noch mickrig. Die Kosten der Produktion sind auch gut zehn Jahre später längst nicht gedeckt. Es gibt aufgrund dieses Erfolgs auch nicht mehr Interesse an meiner Arbeit als zuvor. Keinerlei Zuwachs bei Produktions- oder Konzertanfragen. Was soll’s, ich mach einfach weiter und arbeite an der nächsten Million, würde demnächst gerne noch Spotify Multimillionär werden. Das sollte zu schaffen sein, wenn die Zugriffe nicht so plötzlich zurückgehen, wie sie gekommen sind. „I can not compete with you, Jolene!“

PS: Kann mir mal jemand sagen, was ich machen soll, wenn meine Auftrags- und Einkommenssituation sich nur aus irgendwelchen Zufällen zusammensetzt? Irgendwas halt, im Zweifel das, was Freude bereitet und erfüllt, würde ich mal behaupten. Verstehe ich zwar nicht, aber ich fahre bisher ganz gut damit.

Again: All the best to Sunny Sweeney, wherever you may roam.

Shirati: Hausbesuch, Mara Region

Am Montagmorgen brachen wir auf zu unserem zweiten Besuch an die Kogaja Primary School, Rorya in der Mara Region. Wir wollten noch weitere Aufnahmen mit der Sing- und Tanzgruppe machen und einem Kind mit Beeinträchtigung einen Hausbesuch abstatten um individuelle Lebensbedingungen kennen zu lernen.

Als wir bei der Schule ankamen wurde uns mitgeteilt, dass Examenstag der Abschlussklasse sei und alle anderen Schüler deswegen schulfrei hätten. Es waren trotzdem etliche andere Schüler da, aber sie hatten offensichtlich keinen Unterricht, drückten sich auf dem staubigen Schulhof herum. Unser Kind war leider nicht dabei. Kurzentschlossen improvisierten wir: Christof würde mit den anderen zur Schülerin nach hause fahren um sie zu finden und abzuholen, ich würde solange in der Schule bleiben und die Technik aufbauen, damit es dann gleich losgehen könnte. Mein Part war schnell erledigt, dann saß ich auf der Schwelle des Klassenzimmers und beobachtete das Geschehen im Schulhof. Weiterlesen

Shirati: Kogaja Primaryschool, Rorya – Mara Region

Während ich am Donnerstagvormittag den ersten Blogbericht verfasste, wurde Christof zur Kogaja Primaryschool gefahren um sich ein Bild für unseren ersten Dreh am folgenden Tag zu machen. Die Schule liegt mit dem Geländewagen ca. 1h über unasphaltierte Piste entfernt. Christof besichtigte an diesem Tag die Grundschule und das Gelände außenherum, sprach mit dem Direktor und Lehrern und schaute in einige Klassenzimmer.Blick aus dem Ort Shirati

Unsere Unterkunft: Hotel Owen

Blick in den Ort Shirati Weiterlesen

Anreise: Würzburg – Frankfurt – Dubai – Dar es Salaam – Mwanza – Shirati

Am Montagabend, den 19.08.2019 ging unsere große Reise nach Tansania, Ostafrika los. Christof Balling und Dennis Schütze (ich), also wir, nahmen einen ICE von Würzburg zum Frankfurter Flughafen und checkten ein in einen Nachtflug nach Dubai. Der riesige Airbus 380 der Airline Emirates startete kurz nach 22.00, um 6.00 Ortszeit (Deutschland 4.00) landeten wir auf dem riesigen Flughafen mitten in der Wüste der arabischen Halbinsel. Dort hatten wir 3h Aufenthalt und bekamen trotz Übermüdung schon einmal einen ersten Eindruck. Während wir am Gate saßen und auf unseren Anschlussflug warteten, zogen Reisende aus aller Herren Länder an uns vorbei: Araber, Inder, Afrikaner, you name it. Gegen 10.00 ging es weiter mit dem Flug über die arabische Wüste und den indischen Ozean.
Weiterlesen