Highway Butterfly: The Songs of Neal Casal

Irgendwann Mitte der 90er, es könnte ’94 gewesen sein, hörte ich durch einen Zufall ein Solo-Konzert des US-amerikanischen Singer/Songwriters Terry Lee Hale. Es war im Freien auf einer klitzekleinen Bühne vor dem Gebäude der Neuen Welt, einem kleinen, aber traditionsreichen Folkklub in Ingolstadt und ich war ein junger, total abgerannter Student mit ziemlich ungewisser Zukunft. Eigentlich war ich gar nicht wegen ihm gekommen, aber seine knochigen Songs, seine reduzierte Performance und nicht zuletzt sein Outfit (Anzug, dazu Cowboystiefel & Deckhaar nach hinten zum Zopf gebunden) beeindruckten mich zutiefst und ich konnte einfach nicht weitergehen, hörte mir als einer von sehr wenigen Zuschauern das Konzert bis zum Schluss an. Als er sein Set beendet hatte, ging ich zu ihm, unterhielt mich mit ihm und wollte eine CD kaufen, hatte aber nicht genug Geld in der Tasche. Hale erkannte die Situation, nahm, was ich hatte und erließ mir den Rest. Sein Album „Tornado Alley“ wurde dann zu einem entscheidenden Wendpunkt für mein musikalisches Leben. Ich liebte das Album, hörte es wochenlang, Tag und Nacht, rauf und runter, spielte und sang die Songs nach, lernte die Texte, schrieb letztlich meine Diplomarbeit über seinen Spielstil und verfolge seine weitere Karriere bis heute. Was aber mindestens genauso entscheidend war: „Tornado Alley“ (und weitere Alben) erschienen auf einem deutschen (!) Label und wurde durch einen deutschen (!) Albumversand vertrieben. Ich wurde sofort Kunde bei Glitterhouse, bekam monatlich das pergamentdünne Heftchen geschickt und bestellte viele, viele weitere Alben. Anfangs gerne diverse Labelkompilationen „Out of the Blue 1-12“ oder „Luxury Liner 1-4“. Hier kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit Musikern und Bands wie Hazeldine, The Walkabouts, Chris & Carla, Richard Buckner, Whiskeytown, Chris Burroughs, Lambchop u.v.a. mehr. Allerdings stach ein Musiker von allen für mich heraus: Auf „Luxury Liner 1“ war der allerletzte Track von einem Neal Casal und allein dieser eine Song haute mich echt um. Ich bestellte mir sein Debutalbum „Fade Away Diamond Time“, das erst bei Zoo, später dann bei Glitterhouse direkt erschien und dieses eine Album wurde zu Vorbild, Maßstab und Blaupause für alles, was ich unter eigenem Namen veröffentlichte, insbesondere für mein Debutalbum „2174“ (2004).

Damals war Casal aufgrund unglücklicher Umstände längst vom ursprünglichen US-Label fallen lassen geworden, musste sich als Independent Artist, zum Teil ohne feste Band durchschlagen. Mit seinem sensationellen Debut hatte er bewiesen, wozu er fähig war, wurde aber trotzdem um eine entsprechende Karriere und Anerkennung betrogen. Trotz dieses ungeheuerlichen Tiefschlags machte er weiter und weiter, schrieb Songs, machte Demos, produzierte Alben mit niedrigsten oder gar keinen Budgets, erspielte sich Publikum und Fans in Mittel und Nordeuropa, fernab seiner Heimat. Neben seinen Solo- und Ensembleprojekten (Hazy Malaze) spielte er in kommenden Jahren bei Lucinda Williams, Ryan Adams, Chris Robinson Brotherhood (CBR) und Circles Around the Sun, war quasi dauerhaft auf Tournee, wirkte mit bei unzähligen Aufnahmen, produzierte Alben anderer Künstler, nicht zuletzt überzeugte er als geschmackvoller Analogfotograf (s/w). Insgesamt veröffentlichte Neal Casal 12 Alben unter eigenem Namen, drei unter Hazy Malaze, vier unter Hard Working Americans, drei unter Circles around the sun u.v.a. mehr. Ich besitze und kenne sie alle.

Während meiner Afrika-Film-Reise im August 2019 erreichte mich die Kunde von einem Freund, dass Neal Casal Suizid begangen hat. Die Nachricht haute mich komplett aus den Latschen. Ich saß alleine mit einem Gecko in einem deprimierenden Resort irgendwo in Tansania in einer Rundhütte, war erschüttert und konnte nicht glauben, dass er einfach gegangen war. Zum Trost hörte ich in der folgenden Nacht mehrmals das komplette Album „Fade Away Diamond Time“ durch und es entschlüsselten sich mir etliche Textpassagen, die für mich zuvor keinen rechten Sinn ergeben wollten. Z.B. aus „Free to go“: „It must have something to do with letting go”, aus: „Maybe California”: “He spent his time like a dollar, lived is fast and lived free”, “Maybe Someday I‘ll see you“, “So may these pages bring your words to life”, aus “One Last Time”: “Let me kiss you one last time”, aus “These Days”: “Long may you run,… may you never go before your time has come”. Es klingt als hätte er diese Zeilen zu sich selbst gesungen. Über die näheren Umstände seines Todes wurde nichts bekannt. Es hatte zu dem Zeitpunkt aber den Anschein, als sei sein Energiereservoir für den unfassbar anstrengenden Lebenswandel verbraucht gewesen, als hätte er alle Hoffnungen aufgegeben. Für mich blieb der Eindruck als sei mit seinem freiwilligen Tod auch seine inspirierende Musik in irgendeinem tiefen Canyon verklungen.

Dann geschahen ein paar wunderschöne Dinge:

Am 12.10.2020 fand unter dem Titel „There’s a Reward: A Celebration of the Life & Music of Neal Casal” im Capitol Theatre, Port Chester, New York ein fast 6-stündiges Tribut- und Gedenkkonzert statt, initiiert und moderiert von Gary Waldman, mit musikalischen Gästen wie Chris Robinson, Steve Earle, Hazeldine und sehr vielen anderen.

Ab Mitte September 2021 erschien in wöchentlichem Abstand jeweils eine Episode des umfangreichen Podcast: „Highway Butterfly: The Stories of Neal Casal“, in den bisher 13 ca. ein-stündigen Episoden kommen musikalische Weggefährten wie der Organist John Ginty, der Musikmanager Gary Waldman, die Bluesgitarrenlegende Warren Haynes und der Studioingenieur Jim Scott zu Wort und erzählen ausführlich, unterhaltend und pointenreich von gemeinsam Erlebnissen um und mit Neal Casal.

Mitte November erschien die 41-Tracks umfassende Tribut-Kompilation „Butterfly Highway: The Songs of Neal Casal“ mit Musikern und Bands wie: Marcus King, Billy Strings, Susan Tedeschi, Kenny Roby, Warren Haynes, Puss N Boots, The Allman Betts Band, und vielen anderen mehr. Sehr, sehr hörenswert.

Zusätzlich wurde die Neal Casal Music Foundation gegründet: “A Foundation created to inspire future musicians und bring mental health support to musicians already on the path.” Man kann das Projekt mit Spenden und Käufen unterstützen. Im Onlineshop ist das Kompilationsalbum „Butterfly Highway“ in hochwertiger Pressung als 5-LP-Edition mit Zusatzmaterialien erhältlich, dazu Mützen, T-Shirts etc.

Trotz der unermesslichen Tragik seines Ablebens ist es durch dieses ungewöhnliche, kollektive Engagement gelungen die Musik und das Leben des großen Songschreibers, Sängers und Gitarristen Neal Casal gemeinsam und für andere zu würdigen, zu feiern und zu zelebrieren. Es kommt spät, aber es findet statt, seine Musik wird gehört, interpretiert, seine Lieder gespielt und gesungen. Seine wunderschönen Songs leben auf diese Weise weiter, in Setlisten, Konzerten, Aufnahmen, Videos, Produktionen, Podcasts, LPs, Texten, Webseiten, Blogs und den Herzen seiner Bewunderer. Ich denke, das hätte ihm gefallen. Danke, Neal Casal.

Buch: „75 Jahre Fender“ von Dave Hunter

Im Jahr 1946 gründete der US-amerikanische Buchhalter und Freizeit-Bastler Leo Fender in Kalifornien die Firma Fender Electric Instruments. In den folgenden Jahren fanden dort unter seiner Leitung maßgebliche technische Entwicklungen statt, die zu legendären Instrumenten wie diversen klassischen Röhrenverstärkern, zu Telecaster und Stratocaster-Gitarren, dem Precision und Jazz-Bass, aber auch zum Fender Rhodes führten. Anlässlich des Jubiläums und passend zum Vorweihnachtsgeschäft wurde nun ein Buch veröffentlicht, das die innovative und wechselhafte Firmengeschichte darlegt. Verfasst wurde der historische Rückblick von Dave Hunter, einem anerkannten, englischsprachigen Fachautoren, der u.a. aufschlussreiche Publikationen wie „The Guitar Amp Book“, „Fender Telecaster“, „Amped“, „The Guitar Pickup Book“ und „Guitar Effect Pedals“ verfasst hat. Weiterlesen

Radtour: Kaiserslautern – Würzburg, Rückfahrt (2021)

Die vierte Etappe startete mit einer Regionalzugfahrt zurück Richtung Osten über den regenverhangenen Pfälzer Wald. Wollte ich nicht noch mal im Regen durchqueren. Ausstieg in Neustadt an der Weinstraße, Power Ride entlang der Bundesstraße nach Speyer, Überquerung des Rheins auf der autofreien, noch im Umbau befindlichen Brücke. Hockenheim, Reilingen, St. Leon-Rot, von da südliche Richtung nach Bruchsaal, Abkürzung über Ubstadt, Kraichtal, Oberacker nach Bretten. Dort freundlicher Empfang bei Jan Hees, Drummer und Mixer, der allermeisten DS-Produktionen. Etwas Arbeit an einer aktuellen Produktion im Studiokeller, ansonsten Essen und viele Gespräche und Geschichten mit Frau / Familie.

Die fünfte Etappe startete mit einer Zugfahrt über Eppingen und Heilbronn. Tagesstart in Waldenburg, von da durch die nördliche Hohenlohe über Künzelsau (Kochertal) und Mulfingen (Jagsttal) nach Niederstetten und Endspurt bergauf nach Wermutshausen. Hier Treffen mir der eigenen Frau und Abendessen, Likörprobe und Übernachtung in unserem Keltenhof.

Die sechste Etappe startete ebendort, Abfahrt über Laudenbach nach Weikersheim, von dort Tauber aufwärts über Röttingen nach Bieberehren, Aufstieg in den Ochsenfurter Gau, Durchfahrt und Abfahrt ins Maintal, von dort über Winterhausen zurück in sonnige Würzburg.

War meine dritte längere Tour innerhalb von gerade mal vier Wochen, diesmal ca. 450 km. Keine Pannen, keine Unfälle, nicht groß verfahren, größtenteils schöne Strecke, aber ziemlich anspruchsvoll.

Radtour: Würzburg – Kaiserslautern, Hinfahrt (2021)

Anfang September 2021 bin ich mit dem Rad in sechs Tagen eine Rundtour von Würzburg am Main nach Kaiserslautern und wieder zurückgefahren. Anlass für die Unternehmung war ein Besuch bei einer alten Freundin in der Pfalz, dazu kamen noch weitere Stationen mit schönen Begegnungen.

Hinfahrt:
Los ging’s am ersten Tag nachmittags die mir vertraute Radwegstrecke von Würzburg über Höchberg, Uettingen, Holzkirchen nach Bettingen an den Main, von da entlang des geschwungenen Flusses nach Wertheim und weiter nach Miltenberg, dort Übernachtung im Anker (Kult!).

Die zweite Etappe führte zuerst nach Amorbach, von da immer weiter hinauf in den südlichen Odenwald, rauf und vorbei am Dreiländereck (Bayern, BW, Hessen) nah an den ehemaligen Limes, von da abwärts nach Eberbach an den Neckar, flussabwärts vorbei an Neckarsteinach und Neckargemünd bis zum schönen Heidelberg. Dort Besuch, Abendessen und inspirierendes Kulturprogramm bei einem musikbegeisterten Freund aus alten Zeiten.

Die dritte Etappe startete mit einer kurzen Zugfahrt von Heidelberg nach Ludwigshafen. Start am dortigen HBF, dem traurigsten Ort westlich des Rheins, schnell raus Richtung Westen nach Maxdorf und weiter durch flache (!) Weinfelder nach Bad Dürkheim. Von dort harter und gnadenloser Anstieg in der Pfälzer Wald nach Frankenstein und Hochspeyer, dann Abfahrt nach Kaiserslautern, einer Stadt, die gar nicht royal, sondern post-industriell vernachlässigt anmutet, Einfahrt entlang von Kasernengebäuden und Friedhof, passt ja gut zusammen. Herzlicher Empfang bei der alten Freundin in der Stadt, dem eigentlichen Ziel dieser Tour, gesprächsreicher Nachmittag und Abend.