Seltsame Zeiten (KW15/2020)

Das sind schon seltsame Zeiten gerade. Erst wurde das öffentliche Leben zurückgefahren, kurz danach fast auf Null gesetzt. Zum Zeitpunkt des Lockdown wurden mir alle vereinbarten Konzerte bis in den Sommer innerhalb weniger Tage ersatzlos storniert. Auch der Instrumentalunterricht wurde unter Androhung hoher Bußgelder von heute auf morgen offiziell untersagt. Dadurch bin ich de facto mit einem vollumfänglichen Berufsverbot belegt und erziele derzeit keinerlei aktive Einnahmen mehr.

Auf der anderen Seite dürfen auch meine vier schulpflichtigen Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Stattdessen wurde die Familie täglich, insbesondere die Eltern von einer vollkommen unkoordinierten Email, SMS- und Whatsapp-Nachrichten-Lawine zugeschüttet. In der ersten Woche mehr als 50 Einzelmails, zum großen Teil mit Anhängen zum Ausdrucken, Links zum Ansehen, Aufgaben zum Ausfüllen wieder einscannen und zurückmailen, der Mebis-Server regelmäßig überlastet, dazu Instrumentallehrer, die wahlweise per Festnetz, Smartphone, Videoschalten etc. unterrichten wollen, bei minutengenauem Beginn der Einheit, aber anrufen tun sie freilich nicht. Tag und Nachtzeiten gelten nicht mehr, Wochenende ist anscheinend gleich mitabgeschafft worden, es trudeln Mails an jedem Wochentag, rund um die Uhr, Tag und Nacht ein. Die Lehrer drohen ganz nebenbei aber erstaunlich offen damit, dass der verordnete Stoff, den sie den Kindern nicht beigebracht haben, nach den Ferien als erarbeitetes und überprüfbares Grundwissen gilt. Während alles um uns herum in Frage steht und zusammenbricht, ist die größte Sorge der bayerischen Lehrer, dass sie nach der Krise vielleicht etwas vom Lernstoff aufgeben müssten, dass ein paar Lateinvokabeln nicht ganz so gut sitzen oder dass ein Arbeitsblatt über das endoplasmatische Retikulum nicht sorgfältig genug ausgefüllt wurde.

Aufnahmen in den eigenen vier Wänden zu machen ist mir bis jetzt immerhin nicht verboten worden und so konnte ich gut an Produktionen anschließen, die noch vor dem Lockdown gestartet worden waren. Hinzu kam die Veröffentlichung von Videos, die bereits in der Pipeline waren, wie der Bondsong „No Time to Die“, sogar in zwei Versionen, die dann aber mächtig versandeten, weil erstens der Bondfilm nicht wie geplant Anfang April in den Kinos anlief, sondern kurzerhand um ein halbes Jahr verschoben wurde und weil zweitens gerade jeder Musiker der ein Mikro bzw. ein Smartphone halten kann, irgendwelche zweit- und drittklassigen Quarantänevideos ins Netz stellt, natürlich alles kostenlos und im Auftrag der Kultur und für die Kulturinteressierten, die gerade ganz andere Probleme haben oder einfach nur in Ruhe netflixen wollen. Man sieht auf einmal wie weltfremd Mittelklassekultur erscheinen kann, wenn mal wirkliche Probleme vor der Tür stehen und Existenzen massiv bedroht sind.

Trotz Krise war es bis jetzt so, dass ein Auftritts- und Unterrichtsverbot natürlich auch Freiräume schafft und die nutze ich so gut es geht. Dazu gehört alles, was man alleine oder auf Distanz tun kann, z.B. die Fertigstellung von Produktionen, Artwork, Vorbereitung der Veröffentlichung etc. Schade nur, dass lokale und regionale Medien wegen der monothematischen Berichterstattung quasi nicht mehr ansprechbar sind. Ich habe derweil Pläne erstellt und Konzepte für zukünftige Projekte erarbeitet. Unterwegs ist bereits das Minialbum „Vom Ursprünglichen“ mit einer fünf-sätzigen interdisziplinären Komposition der jungen Cellistin Nina Clarissa Frenzel, seit dieser Woche in der heißen Phase außerdem das Kompilationsalbum „So klingt Würzburg 2020!“ mit einer Auswahl eigener Produktionen der letzten beiden Jahre. Soundtechnisch fertiggestellt werden gerade dazu noch die zwei Hörspiele „Pico“ (Martina Schütze) und „Living in the Shadows“ (Dennis Schütze) und ein eigenes Minialbum in kleiner, akustischer Besetzung inkl. zwei Videos. Die Arbeit geht mir nicht aus, das Geld vielleicht schon, mal sehen, aber man gibt ja auch deutlich weniger aus, wenn die Läden weitgehend zu sind und der Konsumrausch mal für eine Weile Pause hat.

In dieser Woche werde ich mich auch etwas intensiver meinem Blog widmen, der seit Ende letzten Jahres etwas gelitten hat, weil einfach zu viel los war und ich noch dazu kein so großes Mitteilungsbedürfnis hatte. Jetzt zwar auch nicht so wirklich, aber es haben sich viele Notenausgaben angesammelt, die besprochen werden müssen, sonst machen die Verlage zurecht Ärger.

Und sonst so? Habe nach einem Eigengewichtsmaximum Anfang Januar beschlossen die Ernährung umzustellen und abzunehmen. Seit mittlerweile drei Monaten (fast) kein Alkohol, keine Süßigkeiten und kein Abendbrot, dazu regelmäßige Bewegung und seit einigen Wochen wieder Ausdauersport. 8kg sind bereits runter, weitere 8kg sollen bis zu meinem Geburtstag im Juli folgen. Rocket 88, und das gilt es dann zu halten, was vermutlich schwerer wird als die Abnahme, das geht eigentlich sogar.

Ich hoffe nur, die Schulen machen bald wieder auf. Sonst sterben wir in unserer Wohnung nicht an Corona, sondern bringen uns demnächst gegenseitig um und das wäre doch auch irgendwie schade, oder nicht?

Foto: Impressionen vom 35. Jazzfestival, Würzburg (2019)

Am Wochenende fand im Stadtteilzentrum Grombühl in Würzburg das 35. Jazzfestival der Jazzinitiative statt. Sa und So waren ab 19.00 jeweils drei Jazzbands zu hören. Hier ein paar Impressionen:

Musikalisch eröffnet wurde das Festival von einem jungen Jazzquartett (Axis?) um die charismatische Sängerin Sarah Buchner. Sie übersetzten psychodelische Songs von Jimi Hendrix in die Sprache des modernen Jazz und das machten sie und ihre musikalischen Mitstreiter experimentierfreudig, facettenreich und sehr überzeugend. Dabei waren Sebastian Wagner (sax), Max Arsava (piano) und Jonas Sorgenfrei (drums), die Namen sollte man sich merken. Es folgten die etwas angestaubte Veteranenband Nighthawks, die einen Querschnitt durch ihr musikalisches Werk seit 2001 präsentierten. Schon okay, aber mit flächigen Playbacks vom Laptop und langatmigen modalen Klangfeldern auch einigermaßen antiquiert. Eine musikalische Entwicklung bis in die Jetztzeit war dem Konzert jedenfalls nicht zu entnehmen, Sounds der 90er und 00er Jahre.

Nighthawks

Der Samstagabend wurde beschlossen vom Leo Betzl Trio. Technojazz, hart, voller Spielfreude und überzeugend. Interessante Präsentationsform auch, weil keine Ansagen, keine Pausen zwischen den Stücken, nur szenischer Applaus. Dadurch war das 60-minütige Konzert wie ein morphender Dauertrack, der den Zuhörer in eine lang anhaltende Trance beamte. Cool.

Leo Betzl Trio

Der Sonntag startete mit Leléka, einem ukrainisch-polnisch-deutschem Quartett aus der Bundeshauptstadt. Namensgeberin Viktoria Leléka sehr überzeugend am Gesang.
Es folgte die Wolfgang Lackerschmid Connection, gut abgehangener und erfahrungsgesättigter, deutscher Vibraphonjazz in Quartettbesetzung. Viele Eigenkompositionen, ausbalancierter Sound, routinierte Arrangements, herausragende Musiker, sehr solide, fast klassisch, macht Spaß.

Wolfgang Lackerschmid Connection

Zum Abschluss mit Jazzkantine ein erfolgreiches Kollektiv der 1990er. Großer Auftritt, aber leider ist die Formation in den 90ern stehen geblieben. Alte Songs in alten Arrangements mit alter Attitüde. Die Band wirkte wie ein Coverband von sich selbst, die Performance wie die einer gut eingespielten Musicalbegleitband. Bei der Hip Hop / Jazz Combi fehlten ausgerechnet die konstituierenden Elemente Freestyle (Rap), DJ (Vinyl) und echte Impro (Jazz). Zu viel Routine, zu wenig Realness, da helfen auch keine einheitlichen Adidas-Sneaker.

Jazzkantine