Krise? Welche Krise? (KW28/2020)

Über zu wenig Arbeit oder Aufgaben kann ich mich in den letzten Monaten wirklich nicht beschweren, ganz im Gegenteil. Instrumentalunterricht habe ich nach den Osterferien auf Videoübertragung umgestellt, war deutlich einfacher als vorab befürchtet und lief gut bis sehr gut, weil fast alle Schüler anstandslos mitgemacht haben. Mittlerweile habe ich größtenteils wieder auf Präsenzunterricht umgestellt, einige Schüler habe ich verloren, dafür sind andere dazu gekommen. Die Absage aller Konzerte bis in den Herbst 2020 war dann auch weniger gravierend als gedacht. Zum großen Teil gab es anteilige Ausfallgagen oder private oder öffentliche Veranstaltungen wurden in beiderseitigem Einverständnis terminlich verlegt. Bis auf wenige Ausnahmen haben sich alle Beteiligten ehrenwert und anständig verhalten und eine faire Lösung gesucht.

Für mich selbst hatten die Absagen und Verlegungen zur Folge, dass ich alle reproduzierenden Tätigkeiten (Konzerte) schlagartig gestoppt und stattdessen komplett zu produzierenden Arbeiten (Aufnehmen, Mixen, Mastern, Filmen, Schneiden) übergegangen bin. Habe nahezu täglich für mich und viele andere aufgenommen, nachbearbeitet und finalisiert und kam dabei gerade so hinterher, musste oft auch früh aufstehen, Abende und das Wochenende nutzen um im Zeitplan zu bleiben. Viel Arbeit, aber auch sehr erfreuliche und befriedigende Ergebnisse. Seit dem James-Bond-Album vom Frühjahr sind auf diese Weise mehrere Alben, Singles und Videos entstanden, die allesamt auf dem Blog präsentiert wurden. Für die klassische Schreibarbeit am Blog wie Artikel, Kritiken, Fotoserien blieb da kaum noch Zeit. Habe mich auch in neue Arbeitsfelder eingearbeitet, insbesondere klassische Solo-Instrumenten- und Sprachaufnahmen. Dazu kamen stark beat-, sound und textur-basierte Tracks. Bei der Einarbeitung geholfen haben eigene Soundanalysen, zeitaufwändiges Getüftel und Video-Tutorials z.B. zu den Themen Mikrofonierung, EQing, Gain Staging, Subbass, Soundbibliotheken. Habe im Zuge dieser Entwicklung mehrere Anbieter für Klangbibliotheken gesichtet und bei Spitfire Audio und Native Instruments eingekauft. Dazu kam dann noch das Logic Update 10.5.1. mit neuen virtuellen Instrumenten, Sounds und Loops, die gesichtet werden mussten.

Selbst die Arbeiten am DS-Album „I‘m Still Here“ kamen voran, weitere Songs sind fertig eingespielt und bereits angemixt. Bis Ende Juli wird das Recording wohl abgeschlossen sein. Einige der neuen Erkenntnisse und Sounds sind in die laufende Produktion miteingeflossen. Es bleibt jedoch bei einer ehrlichen Produktion von Dennis Schütze (vocs, git, piano, bass) und Jan Hees (drums, mix), dazu kam Violoncello von Nina Clarissa Frenzel. Solistische Anteile wurden in den Arrangements deutlich reduziert, dafür gibt es mächtige Klang-Gebirge mit sonnenbeschienenen Gipfeln und tiefen, dunklen Tälern.

Als neues Arbeitsfeld habe ich neben der Audio-Produktion inzwischen die Video-Produktion erschlossen. War nach der Arbeit als Kamera- und Tontechniker an der Dokumentation „Kinderwelten“ (2020) auch einigermaßen naheliegend. Der entscheidende Impuls war dann, dass mir klar wurde, dass die visuelle Präsentation längst integraler Bestandteil von Musikproduktion geworden ist und ich die Kontrolle und Gestaltungskraft darüber nicht anderen bzw. dem Zufall überlassen will. Ideen habe ich genügend und umsetzen tue bzw. werde ich sie ab sofort auch. Ich mache das für mich selbst und andere, baue gerade ein repräsentatives Portfolio auf und komme damit schnell voran. Manchmal wundert man sich ja wie einfach es ist, wenn man die erforderliche Entscheidung endlich getroffen hat.

Eine berufliche Krise hat es für mich also nicht gegeben. Meine persönliche Krise spielt sich gerade auf einem anderen Gebiet ab. Mein schwer erkrankter Vater wurde zuerst ins Krankenhaus eingeliefert und zehn Tage später in einem Pflegeheim untergebracht. Er ist dort gut aufgehoben, wird anständig versorgt, aber so eine Veränderung stellt nochmal alles in Frage, was vorher so selbstverständlich gewesen ist. Er war erst im August 2019 auf eigenen Wunsch von München nach Würzburg gekommen und hatte sich gerade so eingelebt. Immerhin hatten wir fast ein ganzes Jahr sehr engen Kontakt und führten in dieser wertvollen Zeit viele versöhnliche Gespräche. Seit mehreren Monaten besuche ich ihn jeden Tag, zeitweise mehrmals täglich. Vermutlich ist auch das ein Grund dafür, dass ich andererseits so tief in klangliche und bildliche Phantasiewelten versinke.

Schule und Unterricht fand erst gar nicht, jetzt nur rudimentär statt. Urlaube und Zeltlager für Familie und Kinder sind ersatzlos gestrichen, ich bin wegen meines Vaters an Würzburg gefesselt, keine Konzerte, nichts neues im Kino. Ich bastele mir mein eigenes Musikfilmkopfkino. Mal sehen, was kommt, ich lebe im Augenblick.

2 Gedanken zu „Krise? Welche Krise? (KW28/2020)

    • Ja, finde ich auch.
      Dieser Tage musste ich wieder stark an meine Eltern denken. Hatte meine Mutter 94 nochmal auf die Festung geführt, jetzt waren wir erneut vor Ort, 26 Jahre danach.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.