„Neue Normalität“ (KW17/2020)

Hinter mir liegt die erste Woche in der „neuen Normalität“. Meine Familie und ich hatten so sehr gehofft, dass am Montag nach den Osterferien die Schulen wieder geöffnet werden, meine Kinder von ihren Lehrern unterrichtet werden und ich meinem Beruf als Instrumentallehrer nachgehen kann. Aber es kam anders bzw. wie befürchtet.

Es ist schon erstaunlich. Angebliche Experten empfehlen erst dringend das eine (keine Maske!), dann das Gegenteil davon (Maske!), Politiker beschließen erst gemeinsam (!) das eine, dann macht jeder der Beteiligten etwas anderes, viele Entscheidungen sind mit gesundem Menschenverstand beim besten Willen nicht mehr nachvollziehbar (800m2) und schon gar nicht in die Praxis umzusetzen. Wer dazu Beispiele braucht, dem empfehle ich nur mal versuchsweise als Selbständiger mit vier Kindern und einer Frau in einer 100m2-Wohnung bei allgemeiner Ausgangsbeschränkung und Kontaktverbot für sechs Wochen Homeschooling und Home-Office zu betreiben. Kluge Ratschläge bekommt man da gerne von Menschen, die kinderlos, finanziell vollversorgt und/oder von der Arbeit quasi freigestellt sind.

Höhepunkt des absoluten Irrsinns war der Montagmorgen. Über’s Wochenende waren Duschkopf und Schlauch in unserem Bad zerbröselt, was für ein Glück, dass die Baumärkte zum Wochenbeginn wieder öffneten. Ich also hin, obwohl erst kurz nach 8.00 standen schon viele Kunden vor der Tür. Am Eingang eine Bierbank, dahinter und außenrum keine Baumarktmitarbeiter, sondern private Security, die für 50 Cent „Masken“ nach Yps-Gymmick-Art verkauften: Ein orangener Bastelbogen aus perforierter Pappe zum selber zusammenfalten und auf die Nase setzen, unten, oben, seitlich tritt ungefilterte Atemluft aus/ein. Ich denke allen Beteiligten war vollkommen klar, dass dieser Schwachsinn aus epidemiologischer Sicht einfach mal überhaupt gar nichts bringt, sondern nur aufzeigt wie hilflos durchgedreht unsere Gesellschaft bereits geworden ist. Im Baumarkt drinnen dann natürlich keine Mitarbeiter, sondern noch mehr Securitymänner, die wohl dazu da waren die Einhaltung der selbstauferlegten Maskierung zu überwachen, aber weder Lust hatten irgendwelche Konflikte mit Kunden auszufechten, noch irgendeine Chance hatten in dem Gänge- und Regallabyrinth irgendwie den Überblick zu behalten. Und warum auch? In welcher Art Ladengeschäft gibt es bitte mehr Ausweichraum als in einem Baumarkt?

Um meinen eigenen Unterrichtsbetrieb aufrecht zu erhalten hatte ich bereits Ende letzter Woche die Umstellung auf Videoschalte angekündigt. Lief etwas schleppend an, ganz wenige Schüler habe ich anscheinend ohne weitere Erklärung verloren, aber die allermeisten haben sehr positiv reagiert und ohne Murren mitgemacht, vielleicht waren die Eltern auch froh, dass die Kinder sinnvoll beschäftigt sind, einen kleinen Impuls von außen bekommen und mit dem Unterricht ein bisschen althergebrachter Alltag in den neuen Familientrott zurückkehrt. Wie immer waren die Ansprechpartner innerhalb der Familien die Mütter meiner Schüler. Es ist auch hier wieder sehr auffällig, dass fast immer die Frauen das Homeschooling, die Kommunikation mit den Lehrern und sogar die technischen Aspekte dieser Aufgaben ohne viel Heckmeck erledigen und zwar so, dass es am Ende einfach klappt. Danke schon mal dafür, vergesst die Lehrer, auf die Mütter ist Verlass. Das unterrichten war dann fast so wie immer, nur musste ich aufgrund der technischen Bedingungen lernen mein Gegenüber aussprechen zu lassen, nicht immer ins Wort zu fallen und deren angefangene Sätze nicht selbst zu beenden (wie ich es anscheinend sonst oft tue). Der Austausch wird dadurch echt dialogisch, im Idealfall ohne akustische Überschneidungen und das ist eigentlich gar nicht so schlecht. Ich hatte die Unterrichtshefte vor mir liegen, konnte mitlesen und Dinge erklären, bei den Kleinen assistierten die Mütter im Hintergrund. Väter habe ich bei keiner meiner Videoschalten zu Gesicht bekommen, aber das ist im wahren Unterrichtsleben ja meist auch so. Nicht so ideal ist, dass ich keine Notizen in die Noten machen kann, aber auch dafür gab’s eine Lösung (Notiz ins eigene Heft, Foto machen, senden). Sieht ja so aus, als wenn die Schulen für die meisten Schüler noch einige Wochen geschlossen blieben, ich schätze mal bis mindestens nach den Pfingstferien. Mit den Videoschalten werde ich diese Zeit überbrücken können und das liegt an der Mitarbeit dieser vielen fleißigen Mütter, thx.

Wenn ich nicht per Videoschalte unterrichte oder selbst beim innerhäuslichen Homeschooling assistiere, habe ich immer noch etwas Zeit an meinen eigenen Projekten zu arbeiten. Die Album-Kompilation “So klingt Würzburg 2020!“ nimmt langsam Gestalt an, die Künstler haben in Absprache ihre Tracks ausgewählt, 2-3 davon liegen noch im Mix, wenn alle fertig sind, geht’s Mitte Mai ins Mastering, erscheinen wird das Album mit ca. 16 Tracks voraussichtlich im Juni, spätestens Juli 2020, also noch vor Beginn der Sommerferien, die wir vermutlich alle auf dem eigenen Balkon verbringen werden.

Weiter geht’s auch mit der eigenen Albumproduktion „I‘m still here“, die ich – ich traue es mich kaum in die Tastatur zu tippen – bereits 2018 begonnen habe. Alle meine Albumproduktionen mit eigenen Songs haben mich bisher länger beschäftigt als geplant und wurden im Verlauf teilweise zu einer echten Geduldsprobe bzw. Belastung für mich und andere, tiefere Traumata konnten aufgrund der Abschlüsse (Release!) immer gerade noch verhindert werden. Auch diesmal muss ich darauf achten, dass der Prozess nicht wieder zu meinem eigenen kleinen „Chinese Democracy“ (GnRs arbeiteten 14 Jahre in ihrem Album) wird. Dbzgl. gibt es aber Entwarnung, denn eine mehrmonatige Blockade hat sich aufgrund zufälliger, aber ausgesprochen günstiger Konstellationen gelöst! Beim Schreiben der Songs und konzipieren der Produktion war noch ein etablierter E-Gitarrist fest eingeplant, der mir aber vor mehr als einem Jahr abhandenkam und nicht ersetzt werden konnte/sollte/musste. Ich dachte mir, dann spiel ich die E-Gitarrenparts und Solos eben selbst ein, musste aber feststellen, eigentlich will ich das gar nicht, das bin gar nicht ich. Ich selbst wollte sowieso nie so viel verzerrte E-Gitarren auf meinem Album haben, nicht überall solistische Einwürfe und epochale Solos platziert sehen. Aber was stattdessen? Tja, bis ich auf die Frage kam, hat’s gedauert und als sie formuliert war, hatte ich so schnell auch keine Antwort parat. Dann kam Bond, James Bond.

Für „James Bond 007“ (2020) habe ich zu einem Instrument gegriffen, das sich dann schnell zum zentralen klanglichen Element des gesamten Albums entwickelt und einiges in mir freigesetzt hat. Resonatorguitar everywhere. Die Lücken außenrum habe ich mit echtem (!) Violoncello und Klavier bzw. klassischen Tasteninstrumenten (Wurlitzer, Rhodes, Mellotron) gefüllt und das fühlte sich sehr gut an, denn da komm ich her, no shit. Acoustic Americana, früher nannte man es Folkrock, is my game, da bin ich zuhause, #stay@home, warum bin ich da nicht gleich draufgekommen? Ungefähr die Hälfte der Produktion ist schon eingespielt und entspricht in weiten Teilen der neuen stilistischen Ausrichtung, der andere Teil wurde letztes Jahr mit E-Gitarren eingespielt, die sind aber jetzt gestrichen und werden mit einem Wall of Sound aus Resonatorgitarre, Cello und Wurlitzer neu instrumentiert und sind auf diese Weise aus einem Dornröschenschlaf wachgeküsst worden. Konzept steht, Umsetzung steht unmittelbar bevor. Veröffentlichungsdatum für das Album gebe ich nicht an, hat mir bisher kein Glück gebracht, aber der Bann scheint gebrochen.

Fazit: Der Workflow für die „neue Normalität“ ist etabliert. Krise als Chance. Wird schon irgendwie werden.

9 Gedanken zu „„Neue Normalität“ (KW17/2020)

  1. Das mit der Videoschaltung war für mich bis vor der Pantemie nie ein Thema. WhatsApp Video manchmal mit der Tochter.
    Jetzt nutze ich das dienstlich wie auch privat.
    Hat doch klasse funktioniert mit dir und du hast mich wirklich mal aussprechen lassen 😉 (Spässle gmacht)
    Vielleicht ist das auch eine Chance für uns. Ich kann mir vorstellen dass auch nach der Krise Skype eine Hilfe sein könnte um uns in manchen Sachen absprechen zu können.

    Schönes Wochenende

    Robbie

    • @R: Naja, also ich freue mich schon meinen Schülern wieder gegenübersitzen zu können, aber als Provisorium bis dahin ist die Videoschalte schon sehr wertvoll. Ich denke, dass man sich in anderen Bereichen viele Wege und Dienstreisen sparen kann.

      Auf der anderen Seite befürchte ich, dass gerade im Bildungs- und Kulturbereich vieles in digitale Welten ausgelagert werden wird um Kosten zu sparen. Dadurch wird die Welt dann noch indirekter und unkörperlicher als sie sowieso schon (geworden) ist.

      Als ich letztens ein Streamingkonzert ohne Publikum, Applaus oder Gage spielte war mir schlagartig klar, dass ich so nicht Musik machen will, das mache ich ganz sicher nicht noch einmal. Stehe nicht unter dem Verdacht esoterisch zu sein, aber da fehlt der alles entscheidende Energieaustausch, man spielt vollkommen ins Leere, das ist komplett widersinnig.

      Achilles sagt im Film „Troja“: Die Götter beneiden uns, Sie beneiden uns, weil wir sterblich sind. Weil jeder Augenblick unser letzter sein könnte. Alles ist so viel schöner, weil wir irgendwann sterben.“

  2. Erstmal freut es mich, dass deine Projekte trotzdem voranschreiten und die Entscheidung das Ganze auf die Resonatorguitar zu transportieren ist absolut richtig. Das kann ich ohne eine einzige Note gehört zu haben, sicher sagen ;-).

    Ich finde die Situation auch furchtbar, gehöre aber wenigstens zu den wenigen glücklichen, die einen Garten haben. Dass die KiTa´s und Schulen zu sind und das dieses Thema nicht an oberster Stelle in der Politik steht, macht mich auch wütend. Da wird lieber darüber diskutiert, wie weit man die Regeln beugen kann um irgendwelche Fussballvereine vor leeren Stadien spielen lassen zu können. Aller ehren wert, dass Fussball Volkssport ist – aber die vorgeschobene Argumentation es gehe hier um „Normalität“ für die Menschen, kann ich nicht mehr hören. Es geht um die Kohle! Um die Existenz der völlig überschuldeten „Vereine“. Nicht um die Menschen, die dann alleine zu Hause auf der Couch sitzen und „mitfiebern“…. wer´s glaubt.

    Ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass es endlich kreative Lösungen für das Betreuungs und Bildungsproblem gibt. Das betrifft wirklich jeden (auch Kinderlose, die z.b. auf Kollegen verzichten müssen) und die Familien gehen auf dem Zahnfleisch. Was die Mütter da aktuell ableisten ist übermenschlich und wie sehr die Kinder unter der ganzen Situation leiden, interessiert mal wieder niemanden – Stichwort häusliche Gewalt!

    Ich hoffe euch verlässt nicht der Mut – wir schaffen das ganz sicher.

    Viele Grüße

    Simon

  3. Zum Anfang ein genialer read, zum Schluss zu wieder mal das dennoch und hey! Geht doch.
    Vom Rentner g
    Bin gespannt auf z.b. 2022. Wie daaas dann aussehen wird, keine Ahnung.

    • @G: Von anfänglicher Genialität zu begründetem Optimismus, das ist doch ein schöner Bogen, Gerhard. Wär’s dir lieber, ich werfe die Flinte ins Korn, lege die Hände in den Schoss und geb mir die Kugel?

      Und was 2022 los ist, kann keiner von uns prophezeien, wir sind ja keine Hellseher. Ich vermute mal, wir werden uns alle wundern, was Politik & Gesellschaft bereit waren zu opfern wegen ein paar Tausend Grippetoten. Mittlerweile sind sich die Wissenschaftler wohl einig darüber, dass 99,65% (bei Mortalität von etwa 0,35%) die Pandemie überleben werden, falls sie überhaupt betroffen sind (!). Ganz guter Schnitt, finde ich.

      Als Raucher, Alkoholkonsument oder ganz normaler Verkehrsteilnehmer ist man da im Moment einem höheren Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Also Kopf hoch, Augen zu und durch. Wir werden’s alle überleben und wenn nicht, ist’s auch nicht so schlimm.

      • Ich finde es im Moment auch frustrierend, finde aber das wir schon aufpassen müssen, nicht zu sehr in die Grippepolemik zu verfallen…
        Der aktuelle Virus ist mit einer Grippewelle nicht zu vergleichen und deutlich (deutlich!) gefährlicher als jede Grippe der vergangen Jahre. Selbst die so oft zitierte Grippewelle von 2017 (die lediglich aufgrund von einer anderen Zählweise der Toten im Moment ständig herangezogen wird) ist nicht annährend so gefährlich, wie die aktuelle Pandemie.
        Sollten wir deshalb in Hysterie verfallen? Sicher nicht. Es ist nicht das Ende der Welt.
        Sollten wir die Sache Ersnt nehmen? Auf jeden Fall.

        Ich bin auch massiv unzufrieden mit einigen politischen Entscheidungen und wünsche mir nichts sehnlicher herbei als eine Rückkehr zur Normalität. Leider ist es derzeit unmöglich abzusehen, was Normalität in 3 Wochen bewirkt. So lange das so ist, lebe ich lieber in einem Land das (vielleicht) Überreagiert und wenig Tote zu beklagen hat, als in einem Land, dass die Sache auf die leichte Schulter nimmt und (vielleicht) am Ende dafür bezahlen muss.

        • @S: Danke für deinen ausgleichenden Diskussionsbeitrag. Aber wieso bin ich polemisch? Stimmen die offiziellen Zahlen nicht? Wir müssen uns schon entscheiden, ob wir die Zahlen Ernst nehmen oder eben nicht. Bei einer offizielen Überlebenschance von 99,65% im Falle einer Ansteckung sehe ich kein erhebliches Problem auf die Gesellschaft zukommen. Die zum Teil vollkommen willkürlichen Maßnahmen zeigen dagegen jetzt schon massivste, lebensbedrohende Auswirkungen. Die werden nur nicht in täglichen Statistiken dargestellt.

          • Die Polemik war eher auf den allgemeinen Diskurs bezogen, in dem häufig das Argument kommt, dass wir jetzt „mal“ eine starke Grippe haben und deshalb ist das was wir gerade tun unsinnig.

            Man muss sehr vorsichtig sein, dass man in dem aktuellen Wirrwarr (woran ebenfalls Bundesregierung und RKI mitschuld sind) Erkentnisse richtig ins Verhältnis setzt.

            Die Grippezahlen sind nicht sog. Fallzahlen sondern Hochrechnungen aus der sog. Übersterblichkeit. Die meisten Grippetoten werden nicht obduziert. Der Tod wird zwar festgestellt aber nicht einer Krankheit zugeordnet. Stattdessen blickt man auf die durchschnittle Sterberate im Land, vergleicht am Ende der Grippesaison die absoluten Todeszahlen und schreibt alle Toten, die über das normale Maß hinaus gehen der Grippe zu.

            In Corona bzw. Covid 19 wird aber die sog. Fallsterblichkeit herangezogen, also die Quote derer die positiv gestestet sind und dann versterben. Diese Quote ist bei der Grippe lächerlich gering.
            Vergleicht man jedoch Übersterblichkeiten in dieser kurzen Dauer der Pandemie sieht man sehr deutlich wie verhehrend das Virus sein kann. In allen europäischen Ländern (auch Schweden!) ist die Übersterblichkeit im Land mindestens doppelt so hoch! Wir erleben also eine verdopplung der gängigen Sterberate seit Ausbruch der Pandemie.

            Nun also zu sagen, die Letalität ist doch so gering, warum regen wir uns so auf, stellt einen verkürzten Vergleich auf.

            Im übrigen ist die Letalität nur in den Ländern so gering in denen eine ordentliche Versorgung gewährleistet ist. Ist dies nicht möglich und sind Ärzte gezwungen eine Triage durchzuführen (also zu entscheiden, wer Hilfe bekommt und wer nicht) steigt die Letalität massiv.

            Entschuldigung, dass es ein bisschen ausführlich geworden ist. Mir persönlich ist es einfach wichtig, dass bei aller (richtigen) Kritik an der aktuellen Lage nicht vergessen wird, dass wir im Grunde mit einer ernsten Situation konfrontiert sind, die sich dadurch verschärft, dass das Thema sehr abstrakt ist, wir viel zu wenig wissen und die Fallhöhe enorm ist. (siehe Italien, siehe New York usw.).

      • Die Interpretationen gehen ja quer Beet in der Gesellschaft.
        Ob alle Wissenschaftler den 99,65 % zustimmen werden? Da muss ich doch mal googlen 🙂

        Nichtsdestotrotz Kopf hoch. Wie sagte ein Präsident sinngemäss: Wir werden stärker daraus hervorgehen… 😉
        Raucher, Alkoholkonsument, Verkehrsteilnehmer ?
        Bin nur mittleres, das geht also :-O)

        Also bis denne 🙂

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