Buch: „Immer am Limit“ von Christoph Daum mit Nils Bastek

Wer in den späten 1980ern und 1990ern die Bundesliga verfolgt hat, kennt Christoph Daum: deutscher Fußballtrainer und ewiger Schnauzbarträger. Er startete beim FC Köln, es folgten Stationen in Stuttgart, Leverkusen, später auch im europäischen Ausland, mehrfach Istanbul, Wien, Rumänien. Charakterkopf, große Klappe, öffentliche Dauerfehde mit Uli Hoeneß. Jetzt hat das Trainerurgestein seine Autobiographie vorgelegt, die er zusammen mit Nils Bastek niedergeschrieben hat.

Wen Fußball nicht interessiert, hat zumindest von dem sensationellen Kokain-Skandal gehört, der ihn im Jahr 2000 umschattete. Manchmal können retrospektiven Lebensgeschichten gefallener und wiederauferstandener Helden interessant oder zumindest unterhaltsam sein. Das ist in diesem Falle leider nicht so. Daum fühlt, riecht, schmeckt und denkt Fußball, hat sein ganzes Leben diesem einen Thema verschrieben. Das ist per se erstmal in Ordnung, allerdings nur als praktizierender Spieler oder Trainer, als Thema für eine Biographie ist es leider zu wenig.

Herkunft, Kindheit und Jugend werden mehr oder weniger übersprungen bzw. auf wenigen Buchseiten abgehakt. Familie, Freunde, Schulzeit, Fehlanzeige, so fehlen leider die Rahmenbedingung bevor das Buch überhaupt richtig Fahrt aufnimmt. Los geht es quasi mit seiner ersten Karrierestation als Jugendtrainer des Kölner FC. Daum schreibt viel über seine persönliche Situation und arbeitet im weiteren Verlauf fleißig die Wirkungsstätten seiner Arbeit ab. Hin und wieder wird mal ein Schlüsselspiel oder eine Schlüsselsituation herangezogen, um technische oder taktische Aspekte seiner Arbeit geht es quasi nie. Wer sich einen Einblick in seine Arbeit als Trainer erwartet, wird enttäuscht sein. Strategien? Spielsysteme? Technische Entwicklung? Pustekuchen. Auch seine erste Frau, seine Kinder, Freunde, Familie etc. spielen im Buch leider nur eine absolute Nebenrolle. Es geht meist um Absprachen im Hinterzimmer, Ansagen in der Kabine, Vertragsverhandlungen, Geschäftsbeziehungen, markige Sprüche, Beleidigungen, Interviews, Presseartikel, Seilschaften, Verbindungen, Männerfreundschaften, Verrat, Enttäuschungen, Vergeltung, Reue, Verzeihen usw., aber immer nur bzgl. Fußball, so als hätten zwischen 1988 bis 2010 nur eine endlose Reihe von Fußballsaisons, UEFA- und Championsleague-Qualifikationen stattgefunden. Mauerfall, Jugoslawienkrieg, 9/11, Afghanistankrieg, Wirtschaftskrisen, Politik, Gesellschaft, Kunst, Kultur? Nichts außer er selbst und Fußball scheinen diesen Mann zu interessieren. Es wimmelt von markigen Sprüchen und Binsenweisheiten („Ohne Fleiß kein Preis“), er will immer aufrecht und ehrlich und echt und wahrhaftig sein, vergisst aber, dass es hin und wieder auch mal um andere und anderes gehen darf.

Nicht mal die Kokain-Affäre wird wirklich thematisiert, dient lediglich als Rahmenhandlung. Er hat wohl Kokain konsumiert, aber nur „ganz wenig“ und „ganz selten“ und wie der Test positiv ausfallen konnte ist ihm unerklärlich, ist ein Fehler, er erklärt sich nicht, beschreibt nicht die Wirkung, den Grund es zu konsumieren, das damalige Umfeld, sowas macht man ja nicht alleine. Man hat den Eindruck er bereut erwischt worden zu sein, aber nicht es getan zu haben. Dieses Schlüsselergebnis bzw. der unklare Umgang damit sind typisch für das ganze Buch: Viel Blabla, aber wenig Erkenntnisgewinn für den Leser. Nach 90 Min Spielzeit, Verlängerung und Elfmeter schießen trotzdem verloren, schade Herr Daum, sie hätten hin und wieder die eigene Limitation erweitern sollen. So wie es ist, ist das Buch nur ein ausladendes Dokument der daum‘schen Eitelkeit, oder ist’s Beschränktheit?

Das gebundene Buch erscheint bei Ullstein, hat 316 Seiten und kostet 22 Euro.

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