Buch: „The Journey of Humanity – Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende“ – Oded Galor

Oded Galor ist israelischer Wirtschaftswissenschaftler und Makroökonom. Seit den späten 1980ern veröffentlichte er akademische Schriften wie „Discrete Dynamical Systems“ (2007). Zuletzt entwickelte er die Unified Growth Theorie, mit der Wachstum über alle Phasen der Menschheit und alle Nationen in einem einzigen Modellrahmen erklärt werden soll. „The Journey of Humanity“ (2022) ist sein erstes Buch, in dem er seine dbzgl. Ideen einer allgemeinen Öffentlichkeit präsentiert.
Während vorherrschende Theorien sich auf die westliche Welt, die Neuzeit oder die Zeit seit der industriellen Revolution beschränken, präsentiert Galor eine allgemeine und umfassende Betrachtung der gesamten Menschheitsgeschichte aus wirtschaftlicher Sicht. Die deutsche Übersetzung „Die Reise der Geschichte durch die Jahrtausende“ hat den Untertitel „Über die Entstehung von Wohlstand und Ungleichheit“. Dieser vollumfassende Erklärungsversuch erinnert in seinem universellen Anspruch an epochale Manifeste wie „Die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin oder „Das Kapital“ von Karl Marx. Der Darlegung des Modells, das sich zeitlich über mehrere zehntausend Jahre erstreckt, werden gerade mal knapp über 300 Buchseiten eingeräumt, unterteilt in die zwei Oberkapitel „Odyssee der Menschheit“ (hier geht es um Wachstum und Entwicklung) und „Ursprünge von Wohlstand und Ungleichheit“.

Der erste Teil des Buches beschreibt die Anfänge der Zivilisation. Galor geht hier klassisch aus von der Idee der Wiege der Menschheit in Ostafrika und dem Exodus hin nach Nord-Osten. Im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, östlich des Nils erfolgt durch etliche günstige Faktoren der Übergang nomadischer Stämme von Jägern und Sammlern zu Verbänden sesshafter Bauern, die Viehzucht und Pflanzenanbau kultivieren, was schließlich zu einer Gesellschaft mit immer mehr Reichtum und Bildung führt, die sich in Dörfern, Ortschaften, Städten, Ländern und Nationen zusammenschließt. Der vermeintliche wirtschaftliche Aufstieg wird jedoch immer wieder zurückgeworfen durch einen Mechanismus, den Galor die malthusianische These nennt. Bessere Versorgung führt zu verbesserten Lebensverhältnissen, was zu größerem Bevölkerungswachstum führt, was wiederum zu schlechterer Versorgung und somit zu schlechteren Lebensverhältnissen führt. Die Erträge steigern sich, die Bevölkerung wächst, das Wachstum pro Kopf sinkt, ein teuflischer Kreis, die Bevölkerung wächst, aber die Lebensverhältnisse des einzelnen verändern sich über Jahrtausende nicht. Das ändert sich erst in der Neuzeit. Die Idee der malthusianischen Falle stammt nicht von Galor, sondern von dem britischen Ökonom Thomas Robert Malthus (1766-1834) und Galor macht sie zum eigentlichen Kern seiner Schrift. Nachdem er sie einmal ausgeführt hat, wird sie nach akademischer Manier über das ganze Buch hinweg immer wieder erwähnt, herangezogen und erläutert. Als Leser hat man diverse Déjà-vus und den Eindruck, dass Galor während des Schreibens das bereits geschriebene nicht mehr ganz parat hatte bzw. Bücher schreibt, die im akademischen Umfeld nur Ausschnittsweise gelesen werden. So viele Wiederholungen und Redundanz kann man sich im regulären Publikationen als Autor nicht erlauben, zumal, wenn die grundlegende Idee nicht einmal von einem selbst und auch nicht neu ist.

Der zweite Teil über Wohlstand und Ungleichheit ist da schon vielseitiger und interessanter, zieht auch in Betracht wie Kolonialisierung, Sklaverei, Ausbeutung, Raub, Völkermord und massivste Zerstörung von natürlichen Ressourcen zu vermeintlichem Wohlstand oder gar Reichtum geführt haben. Bereicherung des einen ist selbstverständlich immer auch ein oftmals schmerzlicher Verlust eines anderen. Dies wird nicht verschwiegen, aber in seiner gnadenlosen Brutalität über die Geschichte der Menschheit hinweg zu wenig ausgeführt. Als Faktoren für Wachstum sieht Galor Institutionen, Kultur, Geografie und den Grad der Diversität. Ausbeutung ist für ihn erstaunlicherweise kein wesentlicher Faktor. Die Lösung für Ungleichheit sieht er in mehr Bildung für alle und einer geringeren Geburtenrate.

Fazit: Eine im Grunde erhellende, universelle Betrachtung, leider sehr akademisch und langatmig erzählt mit zu vielen Wiederholungen und zu wenig eigenen Ideen. Hätte Galor bestimmt gut getan mal aus seiner akademischen Blase auszubrechen. Immerhin ist das aktuelle Buch ein erster Versuch.

Das gebundene Taschenbuch erscheint im dtv Verlag, hat 384 Seiten und kostet 26 Euro.

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