Familiengeschichte(n): Das Bildnis meines Urgroßvaters

IMG_3132Ende letzten Jahres gab es einen Todesfall in meiner Familie. Mein Onkel, den ich mein Leben lang kannte und zu dem ich bis zuletzt unregelmäßigen Kontakt hatte, verstarb kurz nach Weihnachten ziemlich unerwartet in einem Berliner Krankenhaus. Ich selbst erfuhr die traurige Nachricht erst Anfang des neuen Jahres durch eine Mail einer weit entfernten Verwandten. Seine Verhältnisse waren nicht ganz einfach und so dauerte es eine Weile bis die Dinge geregelt werden konnten. Irgendwann ging es auch um den bescheidenen Nachlass und mir wurde auf Anfrage prinzipiell die Möglichkeit eingeräumt einige persönliche Dinge aus seinem Besitz an mich zu nehmen. Ich musste mehrmals beim Nachlassgericht und bei der Wohnungsgesellschaft nachfragen, irgendwann im April wurde mir dann ein Termin genannt an dem ich mich an der Wohnung einzufinden hätte um bei der Begehung dabei zu sein und ein paar Sachen herauszusuchen. Ausgerechnet in der Woche entdeckte ich einige erhebliche Mängel an meinem Auto, der Termin stand aber fest und so mietete ich mir kurzerhand einen Wagen, bretterte an einem Mittwochabend von Würzburg nach Berlin, übernachtet bei alten Freunden und stand am nächsten Tag zur angesetzten Zeit vor der Haustür.

Aus seinen Erzählungen wusste ich, dass sich noch einige alte Alben mit Familienfotos in seinem Besitz befanden. Fotos aus der Zeit in Gerlos in Tirol, wo sich fast die gesamte Berliner Großfamilie Schütze in der Zeit von Ende 1943 bis nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in Sicherheit gebracht hatte. Außerdem wusste ich von einer Zeichnung, die meinen Urgroßvater Ludwig Hermann Schütze darstellt. Ich hatte sie nur dunkel in Erinnerung, hatte sie vor vielen Jahren einmal an der Wand seines Wohnzimmers hängen sehen. Damals konnte ich damit nicht viel anfangen, nahm die Zeichnung und meines Onkels Erklärungen dazu freundlich zur Kenntnis. Jetzt, viele Jahre später hatte es auf einmal eine besondere Bedeutung, es stand symbolisch für die wenigen Dinge, die nach unserem Tod von uns übrig bleiben. Andere Verwandte zeigten daran kein größeres Interesse und so hatte ich den Vorsatz dieses Bildnis, das meinem Onkel wichtig gewesen war, und die alten Fotos, die er ein Leben lang bewahrt hatte, an mich zu nehmen.

Das Bild und die Fotoalben waren schnell gefunden, es ging alles ganz flott, nach etwa 30 Minuten stand ich mit zwei halb gefüllten Umzugskisten wieder vor der Tür. Für den Nachmittag hatte ich bereits im Vorfeld ein Treffen mit einer Tante vereinbart, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. In der Wohnung war alles so zügig gegangen, dass ich jetzt etwas Zeit übrig hatte. Als ich ihre Adresse ins Navi eintippte, gab es allerdings eine kleine Überraschung: Die Straße, die sie mir genannt hatte, gab es in Berlin genau fünf Mal in verschiedenen Stadtteilen und eine Postleitzahl hatte ich leider nicht aufgeschrieben. Ich fuhr also zur ersten Option der Liste und stellte schnell fest, dass die angegebene Hausnummer hier gar nicht existierte, also weiter zur nächsten Station und dort hatte ich Glück, diesmal war ich richtig.

Der Empfang war sehr herzlich, ich brachte Blumen mit, meine Tante hatte Kuchen gekauft und wir tauschten uns über Kinder und Eltern aus. Kurz danach kamen noch meine Cousine und mein Großcousin dazu, von denen ich wusste, denen ich aber in meinem bisherigen Leben noch nie begegnet war, es hatte sich bis jetzt einfach nicht ergeben. Aber es war schon erstaunlich, eine Kennenlern- und Anwärmphase war gar nicht nötig, wir unterhielten uns ganz unbefangen, als ob wir uns schon ewig kennen würden, Familie eben. Wir sprachen über meinen Onkel, über andere Verwandte und unsere eigenen, kleinen Teilfamilien. Irgendwann erzählte ich auch von dem Bild und den alten Fotoalben und die holte ich dann auf ihren Wunsch aus dem Auto und wir schauten sie zusammen an. In der Runde erzählten wir uns Anekdoten und Familiengeschichten, das meiste davon war für mich vollkommen neu. Ich hörte ergreifende, lustige, erstaunliche, erhellende und geheimnisvolle Geschichten. Wir erzählten und erzählten, vom frühen Nachmittag bis zum sehr späten Abend. Ich stellte viele Fragen und erhielt viele Antworten, allerdings war bald klar, dass nicht alles so einfach zu erklären war, vieles davon lag Jahrzehnte zurück. Mein Großcousin hatte sich aber offensichtlich bereits etwas tiefgreifender mit der Familiengeschichte auseinandergesetzt und berichtete gut informiert von weiteren Fotos, Bildern, Briefen und Dokumenten. Irgendwann als es schon ziemlich spät geworden war, verabschiedeten wir uns voneinander und ich fuhr durch die Nacht wieder die weite Strecke zurück nach Würzburg. Gegen Müdigkeit musste ich während der Fahrt nicht ankämpfen, ich war von den vielen Eindrücken wie aufgedreht.

Nach meiner Rückkehr blieb ich mit meinem Großcousin weiter in Kontakt. Er mailte mir weitere Information und schickte mir eine dicke Mappe mit handschriftlichen Kompositionen meines Großonkels (seines Vaters) aus den 1920er bis 1950er Jahren, darunter Liederzyklen, Klaviersonaten und Ensemblestücke für Blockflöte und Klarinette. Von seinem Bruder (meinem anderen Großcousin) erhielt ich eine Sammlung von literarischen und autobiographischen Texten meines Urgroßvaters Ludwig Hermann Schütze und einige Bilder meines zu Lebzeiten berühmten Urururgroßvaters Eduard Schütz (geboren Johann Erdmann Nicolaus Schütze). Von anderer Seite kam dann noch eine Textdatei mit dutzenden journalistischen Texten meines Urgroßvaters, die er für die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) geschrieben hatte. Eine weitere Verwandte hat sie vor einigen Jahren in mühevoller Arbeit gesammelt, abgetippt und in Heftform zusammengefasst. Erst diese Woche erhielt ich dann noch ein PDF-Scan des Ariernachweises meines Großonkels, der über mehrere Generationen zurückreicht bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Außerdem befinden sich noch handschriftliche Gedichte und Briefe meines prominenten Urururgroßvaters in Familienbesitz, die noch gar nicht richtig gesichtet werden konnten, weil sie in alter Schrift verfasst sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Familie Schütze über Generationen hinweg aus Schauspielern, Kunsthändlern und Musikern (oder zumindest stark musikinteressierten Menschen) bestand, allesamt unreligiös, pazifistisch, aufgeschlossen und liberal, mit einem stark ausgeprägten, oft professionellen Interesse an Kunst und Kultur. Ich hatte davon bisher nicht die geringste Ahnung und es macht mich schon nachdenklich, dass ich dieser musischen Tradition vollkommen unbewusst, aber doch auffallend konsequent gefolgt bin. Die neuen Informationen und Erkenntnisse erreichten mich Stück für Stück im Laufe der letzten Wochen und haben mich sehr beschäftigt. Ganz langsam fügen sich die Puzzlestücke zu einem Bild zusammen und ich beginne Zusammenhänge und Parallelen zu erkennen. Ich sehe meine eigene berufliche Tätigkeit und meinen Lebensweg zunehmend mit anderen Augen, mein Blickwinkel hat sich verändert. Plötzlich wirken etliche Bereiche meines vermeintlich so selbstbestimmten Lebens determinierter und traditionsverbundener als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Ich hatte meine Ausbildung, meine Studiengänge, meine Interessengebiete und mein berufliches Betätigungsfeld zumindest zum Teil mit dem Gedanken einer Abgrenzung gegenüber meinem engsten familiären Umfeld ausgewählt und umgesetzt. Jetzt muss ich feststellen, dass ich mich nur vermeintlich abgegrenzt habe, ja, im überschaubaren Familienstammbaum väterlicherseits mehr oder weniger vollkommen auf Linie liege. Ich pflege und wertschätze vergleichbare Inhalte wie meine bildungsbürgerlichen Ahnen vor mir und bin gerade dabei sie an meine eigenen Kinder weiterzugeben. Diese Erkenntnis ist in keiner Weise enttäuschend, ganz im Gegenteil, es freut mich, erfüllt mich mit einer Art (Familien-)Stolz, den ich bisher nicht kannte, viele Dinge, die ich zuvor in Frage stellte, ergeben auf einmal einen tieferen Sinn. Ich fühle mich als lebendiger Teil einer langen, familiären Tradition und Gemeinschaft, von deren Existenz ich bis vor kurzem noch nichts wusste.

Gerade bin ich dabei die vielen Informationen zu sortieren und die Flut der Eindrücke einzuordnen. Es arbeitet aber schon in mir (wie dieser Text beweist). Vor einigen Wochen habe ich auf dem Blog ohne große Erklärung eine Kurzgeschichte meines Urgroßvaters gepostet („Asta und Ivo“) und darauf überdurchschnittlich viele und sehr positive Reaktionen und Kommentare bekommen. In der kommenden Zeit werde ich voraussichtlich immer wieder mal etwas in der Richtung einstellen. Die Familiengeschichte(n) und künstlerische Artefakte meiner Vorfahren werden mich wohl noch eine Weile beschäftigen, davon gehe ich fest aus, vielleicht ergibt sich sogar etwas Substanzielles daraus. Das gerahmte Bildnis meines Urgroßvaters hängt mittlerweile übrigens in meinem Wohnzimmer über dem Klavier und blickt gnädig und liebevoll auf unseren Esstisch herab. Hin und wieder, wenn ich am Tisch sitze oder daneben auf dem Sofa liege, blicke ich hoch und könnte schwören, er hätte mir gerade zugezwinkert.

32 Gedanken zu „Familiengeschichte(n): Das Bildnis meines Urgroßvaters

  1. @Dennis: Dann ist es wohl auch Zufall, dass du deinem ältesten Sohn den Vornamen deines Urgroßvaters gegeben hast? – Die „DAZ“ („Deutsche Allgemeine Zeitung“) war übrigens, wie mir die Wikipedia gerade erzählte, ein „liberalkonservatives“ Blatt, das sich während der Weimarer Republik immer stärker seiner liberalen Anteile entledigte, ohne jedoch jemals ganz auf Nazi-Kurs einzuschwenken.

    • @Stefan: Es gibt in meiner Familie in nahezu jeder Generation den Vornamen Ludwig für den erstgeborenen Sohn, da wollte ich keine Ausnahme machen.

      Mein Urgroßvater schrieb für die DAZ als freier Mitarbeiter bis ca. Mitte der 1930er Jahre viele Artikel in den thematischen Bereichen Kunst, Literatur, Film oder Musik, also feuilletonistisch. Auffällig oft berichtet er über Ausstellungseröffnungen und besondere Geschehnisse in New York, London oder Paris. Mir liegen im Moment 40 Textversionen von Artikeln vor, die nicht alle datiert werden konnten. Zu (tages-)politischen Themen äußert er sich an keiner Stelle, übrigens auch nicht in seinen privaten Aufzeichnungen.

    • Das hat mich jetzt doch noch eine Weile beschäftigt! Daher einen schnellen Nachtrag:
      „Künstlerische Gene“ pflanzen sich fort! Für mich ist die Frage, ob es so etwas gibt wie unausgelebte künstlerische Kreativität? Hat man diese Gene, so ist man m.E., wenn die äusseren Verhältnisse dazu passen, wohl immer kreativ, fast schon gezwungen dazu. Aber die Frage finde ich interessant.
      Weiter könnte man fragen, ob sich künstlerische Kreativität als ununterschiedenes Paket weitervererbt? Kann es sein, daß eine Sängerin einen relativ unmusischen Maler als Sohn hat, und die nachfolgenden Generationen jeweils einen bildenden Künstler ausweisen?
      Offenbar galt Talent im kreativ-künstlerischen Bereich schon immer als etwas Besonderes. Welche sonstigen Anteile einer Person würden vielleicht sonst durch die Generationen durchscheinen? Vielleicht Mut, kaufmännisches Geschick, politisch Informiert sein oder ähnliches.
      Jedenfalls kann in bestimmten Zeiten das Vorhandensein eines Künstlers in der Familie andere Geschwister anfeuern, in ihrem Spezialgebiet zu glänzen, etwa im Laufsport.
      Ein letztes ist der Stolz auf das eigene Künstlertum. Wenn es sozusagen vererbt ist, worauf kann man dann eigentlich stolz sein? Es ist doch eher eine Bestimmung – die persönliche Ausprägung wählt man dann. Aber immer noch wähnt man wohl, etwas „Besonderes“ zu sein, bloß weil man sich künstlerisch betätigt.
      Gruß

      • @Gerhard: Danke für deinen ausführlichen Kommentar, er wirft hochinteressante Fragen auf. Meine Gedanken gehen tatsächlich in eine ähnliche Richtung. Möchte an dieser Stelle nicht zu weit vorausgreifen, aber ich habe mich schon gefragt wie mein Leben gelaufen wäre, hätte ich früher und differenzierter Kenntnis von dieser familiären Tradition gehabt. Wäre ich mit mehr Selbstvertrauen meinen Interessen nachgegangen oder hätte ich mir ein anderes Betätigungsfeld gesucht (andere Optionen hätte es theoretisch gegeben)?
        Gleichzeitig merke ich aber auch wie sehr man nach Parallelen, also auch Bestätigung der eigenen Entscheidungen im Leben sucht. Habe anfangs ständig Gemeinsamkeiten und dann erst (wie peinlich!) festgestellt, dass ich nur bei den männlichen Familiennamensträgern gesucht habe und das ist selbstverständlich nur ein kleiner Ausschnitt der Erbinformation. Lag allerdings auch daran, dass die Frauenfiguren wesentlich schlechter dokumentiert sind. Durch den Ariernachweis meines Großonkels habe ich nun einen umfassenderen Überblick bekommen, gerade die musikalischen Anteile scheinen auch von dem Zweig meiner Urgroßmutter zu stammen. Es gibt aber noch sehr viel zu recherchieren, bevor ich mir ein Bild machen kann, es ist noch viel zu früh für ein abschließenden Fazit.
        Erstaunlich aber immerhin was diese neuen Informationen in mir auslösen und noch erstaunlicher, was es alles noch an Informationen innerhalb und außerhalb der Familie zu entdecken gibt.
        Bin da ja jetzt per Zufall reingerutscht (oder doch Vorbestimmung?), kann aber nur jedem empfehlen sich darüber zu informieren woher er/sie stammt. Wie sagt man so schön: „You’ve got to know your past to face the future.“

        • Ja, es ist von Nutzen, sich zu informieren, woher man kommt. Ich habe das vor etwa 12, 13 Jahren versucht und bin dabei leider nur auf recht wenig Material gestossen. In der strikt männlichen Linie geht es weit zurück, doch leider nicht „hinter“ meine Großmutter väterlicherseits. Denn diese Frau schien recht interessant gewesen zu sein.
          Sie war ausgebildete Sängerin, gab das aber auf, um zig Kinder großzuziehen an der Seite eines Beamten. Ihr erster Sohn war ein Kirchenmaler und Musiker. Von seinen privat gemalten Bildern ist nichts übriggeblieben. Er fiel zudem im Krieg.
          Von diesem Menschen weiß ich fast auch nichts, aber er muß eine charismatische Stellung in der Familie gehabt haben – denn mein Vater wurde zu einem begnadeten Läufer auf der 10.000 m Strecke. Ich denke, ohne diesen großen Bruder als Vorbild wäre es nie zu solch einer Leidenschaft gekommen.

          Ich bedauere es manchmal etwas, daß ich nicht mehr in Erfahrung bringen konnte. Meine Onkel und Tanten wussten rein garnichts über meine Urgroßeltern. Offenbar verloren die Großeltern nie ein Wort am Tisch über ihre eigenen Eltern. Erschreckend!

          • @Gerhard: Danke für diesen Einblick, sehr interessant. Ich befürchte, dass gerade in vergangenen Zeiten sehr viele Menschen und insbesondere Frauen ihren Interessen gar nicht oder nur in sehr beschränktem Maße folgen konnten. SIe hatten einfach viel zu viel andere, drängendere Probleme. Trotzdem blitzen bei näherer Betrachtung doch einzelne Veranlagungen durch.
            Aber auch bei der relativen Freiheit dir wir heutzutage haben, ist es nicht immer leicht die eigenen Begabungen zu entdecken oder den Interessen konsequent zu folgen. Wir haben heute theoretisch zwar alle Freiheiten der Welt und auch viel Handlungsspielräume, der Preis dafür ist, dass wir unheimlich viele Entscheidung selbst fällen müssen und auch die entsprechenden Konsequenzen davon tragen müssen. Das kann auch ganz schön lähmen.
            Sehr wertvoll ist da jedenfalls ein familiäres und soziales Umfeld, das mit gutem Beispiel voran geht, den Jüngeren gegenüber Interesse zeigt und couragierte Aktionen unterstützt. Das kann für viele schon eine entscheidende Hilfe sein und viel bewegen.

  2. Eine spannende Geschichte, und herzlichen Dank, dass du diese sehr persönlichen Eindrücke über deinen Blog teilst.

    Soweit ich mich recht erinnere, ist es erwiesen, dass künstlerisches Talent, also im groben der Wunsch aus dem Nichts etwas entstehen zu lassen, sich erblich feststellen lässt. D.h. es ist genetisch hinterlegt künstlerisch tätig sein zu wollen.

    Wie und ob es dann verfolgt wird, hängt vor allem auch an Erziehung, Umfeld oder Leitbildern. Ich glaube der Psychologe Bandura hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts viel über Modelllernen geschrieben und diesen Aspekt ebenfalls beleuchtet.

    Ich denke es ist immer ein bisschen von Beiden; Veranlagung und Bestärkung. Da die wenigsten Menschen vollkommen Inselbegabt sind, wird es für jeden Menschen mehrere Optionen geben und man entscheidet sich nicht immer für den „begabtesten“ Weg. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich erst Fussball spielte, bis der Körper es mir verbot, und nun Musik mache, obwohl einige „handwerkliche“ Defizite nicht von der Hand zu weisen sind. =)

    Ein bisschen neugierig bin ich jetzt: Welche anderen Optionen gab es denn? Dennis Schütze der Börsenmakler? Der Mediziner? Der Klempner?

    • @Simon: Ich persönlich halte ja das tiefe Interesse an einer Sache für wichtiger als die reine Begabung. Das fällt ja nicht immer zusammen.

      Ich hatte schon immer verschiedenste Interessen, konnte aber während meiner kompletten Schulzeit keine Entsprechung im Bildungssystem finden. Bin irgendwie so durch getaumelt und habe meine Interessen vollkommen autonom in meiner Freizeit gepflegt. Das war ziemlich bald Musik, Songs, Singen, habe mich aber immer gefragt warum es in der Schule ein Fach mit dem Namen gibt, das überhaupt nichts mit meinem Verständnis von Musik zu tun hatte. Es war mir völlig unbegreiflich, was Dreiklangsumkehrungen, die Sonatenhauptstatzform oder die Franco-Flämische Vokalpolyphonie mit dem zu tun haben sollte, was ich stundenlang zu hause hörte und auf der Gitarre übte. Mich haben sehr viele Lehrer und Schulfächer einfach nicht erreicht, weil es mich nicht interessiert hat.

      In Mathe war ich immer ziemlich gut, fiel mir unheimlich leicht und habe dann doch nichts draus gemacht, Geschichte hat mir auch immer gefallen, wenn der Lehrer intelligent war. Richtig schlecht war ich in Deutsch und Englisch, erst nach meinem Austauschjahr in den USA hat sich das gedreht. Im meinem Zweitstudium habe ich dann aus Trotz Englisch und Amerikanistik als Nebenfächer gewählt und hatte da wesentlich bessere Noten als in meinem eigentlichen Hauptfach Musikwissenschaft. Das habe ich dann mit der Promotion (in MuWi) widerlegt, wollte unbedingt wissen, ob ich das hinbekomme. Habe mich also streng genommen mehr mit meinen Schwächen, als mit meinen Stärken beschäftigt, keine Ahnung warum, vielleicht weil ich ungern schwach bin? Oder weil mich das, was ich schon kann, nicht mehr so sehr interessiert? Ist jedenfalls ein bewährtes Muster bei mir. Genau das hat ein ehemaliger Lehrer von mir übrigens als Wankelmut bezeichnet (musste ich damals erstmal nachschlagen). Aber es war kein Wankelmut, ich habe mich unbewusst extrem von meinen Interessen leiten lassen, wenn ich das mache, habe ich eine ziemlich gute Performance und das mache ich heute immer noch (mehr denn je), bin nicht so schlecht damit gefahren und außerdem ist’s jetzt auch schon egal.

      • Dass es der Schule nicht gelingt – wahrscheinlich auch nicht immer gelingen kann -.ein Gegenstück zu den eigenen Interessen zu finden, habe ich ebenfalls so wahrgenommen. Ich habe mich nie als großer Kreativer gefühlt, kann heute aber rückblickend sagen, dass all das was mich gereizt hat, durch das simple Notensystem über den Haufen geworfen wurde. Mir war immer schleierhaft warum es zwingend in jedem Fach eine Note geben musste, denn eine Bewertung war… naja … schlicht unnötig. Der Unterricht hätte darauf abzielen sollen, die Kreativität zu wecken, und im besten Fall zu fördern. Hätte man das geschafft, wäre viel mehr erreicht gewesen, als eine Note auf die abgelieferte Leistung zu geben. So, jetzt bin ich abgeschweift.

        Ich denke der Musiker, Lehrer und Akademiker Dennis Schütze darf ruhig zufrieden sein – Wankelmut hin, Wankelmut her.

  3. Hallo in die Runde,

    Ich muss schon sagen, sehr interessante Beiträge hier. Ich melde mich mal als Frau. Es ist auch heute noch sehr schwierig als Frau seinen Interessen zu folgen. Wenn die Männer ehrlich sind, liegt heute mehr Belastung auf der Frau als früher. Ein schlechtes Gewissen hat eine liebende Mutter auch ihren Kindern gegenüber, wenn sie am Woe z.B. irgendwo Musik spielt, während andere Vorzeigemütter einen Familienausflug mit ihren Lieben unternehmen. Was ich aber ganz sicher sagen kann ist, dass Kinder aus Familien in denen sich künstlerisch betätigt wird, sehr viel Disziplin und Ausdauer lernen und das tun sie automatisch, weil ständig geübt, gelernt oder nachgelesen wird. Mein Sohn ist sehr ehrgeizig und will gut sein, in Schule und beim Sport. Allein sein Wille treibt ihn zu Höchstleistungen und er staunt selber drüber. Meine Tochter ist auch fleißig, was die Schule angeht und sehr kreativ im Gestalten und mittlerweile schreibt sie tolle Geschichten, sie hat auch immer schon viel gelesen. Ich will eigentlich sagen, dass vielleicht ein gewisses Durchhaltevermögen vererbt wird, das jeder dann für sich nutzt, denn ohne dieses, schafft man ja nix.

    • @Mandy: Danke für das Interesse und deinen Beitrag. Wie viel Spielräume man heutzutage als Frau und Mutter hat, hängt vermutlich sehr von persönlicher Situation und Art der Partnerbeziehung ab. Da gibt es ja von klassischer Rollenaufteilung bis zu sehr modernen Konstellationen viele mögliche Modelle.
      Viel hängt meines Erachtens auch davon ab wie viel Raum man seinen Interessen einräumen will. Oft merken Partner und Kinder ja dann auch was es einem bedeutet, nehmen sich vielleicht sogar ein Beispiel daran und fragen sich was sie selbst interessiert.
      Bin mir mittlerweile ziemlich sicher, dass es essentiell für die Erziehung ist mit gutem Beispiel voranzugehen und dazu gehört eben auch mutig seinen Interessen zu folgen, dadurch Erfüllung zu erfahren und Zufriedenheit auszustrahlen. Ist nicht immer ganz leicht das mit anderen Verpflichtungen in Einklang zu bringen, aber den Raum sollte man sich nehmen, besser ist das. Glücklich sind dann vielleicht die, die gar keine besonderen Interessen haben, das macht das Leben leichter, aber am Ende auch viel langweiliger.

      Also: Dran bleiben und durchhalten!

    • Durchhaltevermögen entsteht doch dann, wenn man plötzlich Ergebnisse produzieren kann, an die man zuvor nicht gedacht hatte.
      Wenn ich als Jugendlicher plötzlich und fast unerwartet zunächst 1,50 und dann 1,60 m überspringen kann, so treibt mich das mächtig an, denn das Können kommt sozusagen aus dem Nichts, ist aber spürbar einem selbst zugehörig Man merkt: Wenn man daran feilt, kommt man noch deutlich weiter.

  4. Hoffe noch mehr zu lesen von dieser Familiengeschichte. Ich find so was ungemein spannend. Ich wünschte, ich hätte selbst mehr Infos zu meiner Eigenen, aber das gestaltet sich leider schwierig. Ich finde es wichtig zu wissen wo man „her kommt“.

    • @Sandra: Ja, da kommt noch mehr, ganz sicher. Das hier war erstmal der Serienpilot. Bin noch dabei mir einen Überblick zu verschaffen, eine Ordnung zu etablieren und eine Systematik zu entwickeln. Gar nicht so leicht, du wirst dich wundern wie viel über meinem Urururgroßvater in alten Büchern zu finden ist. Will hier aber nicht vorausgreifen. Stay tuned!

  5. @Gerhard + Simon: Nach meinem Kenntnisstand vererbt sich kreative Begabung genausowenig wie Intelligenz. Ein aktuelles wissenschaftliches Standardwerk (Stern/Neubauer: “Intelligenz – Große Unterschiede und ihre Folgen”, 2013) sagt dazu: „Hochintelligente Menschen hatten bei der … Befruchtung einfach Glück – sie haben von jedem Elternteil das Optimum bekommen, und die Gene konnten ihre Wirkung entfalten. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass auch sie Träger von Genen sind, die sich weniger günstig auf die Intelligenzentwicklung auswirken, die jedoch bei ihnen nicht zur Wirkung kamen. […] Auch Eltern, die aufgrund ihrer genetischen Ausstattung selbst einen niedrigen IQ haben, geben mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht alle ihre »schlechten« Gene an ihre Kinder weiter. Hinzu kommt, dass sie mit einiger Wahrscheinlichkeit auch Träger von »guten« Genen sind, die bei ihnen selbst nicht zur Ausprägung kamen, die sie aber an ihre Kinder weitergeben können. […] Schon eine Generation weiter nimmt die Ähnlichkeit deutlich ab, und keinesfalls lässt sich ein auf sehr komplexe Weise vererbtes Merkmal wie Intelligenz über mehrere Generationen vorhersagen.“ Außerdem sagt einem ja schon die Logik, dass das mit der Erblichkeit von kreativer Begabung nicht stimmen kann, sonst hätte sich längst eine Kaste der Hochkreativen herausgebildet, die sich deutlich von anderen Menschentypen unterscheidet. Kennt ihr einen „genialen“ Enkel von Johann Sebastian Bach, Picasso etc.?

    • @stefan: Die Arbeit von Stern/Neubauer ist mir nicht bekannt, weshalb es mir schwer fällt hier gegen zu argumentieren. Einige Gedanken habe ich aber:
      Zunächst ist die Frage danach, was Intelligenz oder gar Hochintelligenz ist. Soweit mir bekannt ist, ist es bis heute strittig wie die Definition (falls eine existiert) ausfällt oder ausfallen würde. Allein deshalb scheint es richtig zu sein, dass Intelligenz nicht vererb bar ist, schließlich ist nicht einmal klar, was hier vererbt werden soll.
      Bei Begabung sieht es hier schon anders und nicht selten ist Begabung an körperlich Voraussetzungen geknüpft, die, soweit sollte es wissenschaftlich belegt sein, genetisch verankert ist.

      Ich denke also, dass Talent, Veranlagung oder Begabung durchaus vererbt wird, dass die Förderung und Entdeckung dessen aber in den Händen der Menschen selbst und derer Eltern, Vorbilder etc. liegt.

      Zu der Frage ob ich einen Enkel eines bekannten Künstlers kenne, muss ich natürlich verneinen. Glaubt man Wikipedia hatte Bach 20 Kinder wovon 5 ebenfalls Musiker wurden und „… den Ruhm des Vaters zeitweise übertrumpften“. Deren Kinder konnte ich auf die schnelle nicht finden.

      Ich denke es ist sowieso mühselig eine allgemein gültige Festlegung dafür zu finden, weil es zu viele Parameter gibt, die Einfluss nehmen können.
      Insgesamt tut man wohl gut daran zu akzeptieren, dass innerhalb der nahen Familie (Kinder, Eltern, Großeltern) durchaus Veranlagungen oder auch Intelligenz (was immer das auch ist) vererbt werde kann, dass es aber 1.) nicht zwingend der Fall ist und 2.) trotz vorhandenem Gencode nicht zwingend genutzt werden muss.

    • @Stefan: Nichts anderes sagte ich doch, als daß sich Kreativität vererben kann, aber nicht muß.
      Meine Großmutter mütterlicherseits hatte etwa 25 Enkel, doch nur 2 sind mir bekannt, die Kreativität – im üblichen Spektrum – gezeigt haben. Ob es noch weitere gibt, die in ihrem Handwerk, bei der Gestaltung ihres Gartens oder in kreativen Sprachschöpfungen sich ausdrückten, ist mir nicht bekannt.
      Meine Auffassung, gespeist aus losen Informationen und einem kleinen Band Genetik sind die, daß „Kreativität“ ein Merkmal ist, das weitergegeben werden kann. Es hat gute Chancen. Aber ob das „kreative Gen“ im Kind wirksam wird, ist eine andere Sache. Es kann sozusagen ausgeschaltet sein.
      Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass auch sie Träger von Genen sind, die sich weniger günstig auf die Intelligenzentwicklung auswirken, die jedoch bei ihnen nicht zur Wirkung kamen.
      D’accord, auch für alles Weitere. Nichts anderes lag mir im Sinn.
      „Kennt ihr einen „genialen” Enkel von Johann Sebastian Bach, Picasso etc.?“
      Es muß ja kein Genie sein. Wer sagt denn das? Nur weil Picasso ein Genie war, kann ein kreativer Nachfolger durchaus „Mittelmaß“ besitzen. Kräftige Potenz erzeugt doch nicht notwendig Super-Potenz?!
      Ich kenne jedenfalls aus der Reihe von Picasso nur Paloma Picasso, die ein lesenswertes Buch mit kreativer Sprache über ihren Großvater schrieb.

      • Ich stehe weiterhin dazu.
        Aus dem Pool der Genausstattung der Eltern werden bestimmte Anteile übernommen. Welche das sind, wer weiß um das Zusammenspiel. Ferner gibt es Mutationen.
        Jedenfalls ist das Resultat des Genbestands des Kinds „unvorhersehbar“.
        Es ist aber anzunehmen, daß sich das Merkmal „Kreativität“ in in einem der „Nächsten“ zeigen wird. Und ich denke, es kommt nicht aus dem Pool aller Möglichkeiten, die es geben mag, sondern als FOLGE, als Überbleibsel des einen (oder anderen ) Vorgängers.
        Insofern ist es sinnvoll, sich zu fragen, ob in den Generationen zuvor (-2) auffällige Kreative gab. Und sich dann die Auskunft zu geben: Ja, von ihm oder ihr KÖNNTE es stammen!
        Die Veranlagung selbstverständlich. Die Potenz! Die Möglichkeit!
        Ob ich Kreativität auslebe, ausleben kann oder sie verkümmern lasse, liegt an bestimmten Erfahrungen im Aufwachsen. Etwa in Bestätigungen, in Aufmuinterung, im Beispiel.

  6. @alle: Ich finde es wunderbar, sich von faszinierenden VorfahrInnen inspirieren zu lassen. Es wäre aber verfehlt, das in irgendeine Form von genetischem Determinismus übergehen zu lassen („Ach so, ich bin ja nur musikalisch, weil meine Großmutter das auch war! Wie enttäuschend ist das denn?“). Der aktuelle Wissensstand der Genetik (siehe Zitat oben) gibt hierfür auch kaum was her. Man darf nie vergessen, dass diese deterministische Denke ja immer auch eine andere Seite hat. Die geht dann so: „Ja, mein Gott, ich bin drogensüchtig, mein Onkel war’s auch, das liegt halt in unserer Familie, es ist nicht meine Schuld. Es hätte gar keinen Sinn, irgendetwas dagegen zu tun, denn es sind ja die Gene.“

    Fakt ist (laut Stern/Neubauer): Es gibt immer eine gewisse **Wahrscheinlichkeit**, dass sich Merkmale vererben, aber einen kausalen Zusammenhang zwischen dem genetischen „So-Sein“ der Eltern und dem genetischen „So-Sein“ ihrer Kinder konnte die Wissenschaft bisher nicht liefern. Was allerdings wissenschaftlich sehr wohl erwiesen ist (und hier bin auf Dennis‘ Seite), ist, dass kompetente pädagogische Förderung jedweder Art schlafende Potentiale zum Leben erwecken kann. Genauso erwiesen ist, dass verpasste intellektuelle Entwicklungen in Kindheit und Jugend in höherem Alter ganz gut nachgeholt werden können, da die Plastizität des Gehirns im höheren Alter nicht so stark abnimmt, wie man bis vor 20, 30 Jahren noch glaubte („Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ ist zwar weiterhin nicht ganz falsch, hat aber seinen dogmatischen Schrecken weitgehend verloren).

    Die Inspiration durch faszinierende VorfahrInnen ist eine Konstruktion: Man pickt sich raus, was einem passt – und das ist völlig in Ordnung, denn – und jetzt kommt der Agnostiker in mir durch – man hat gar keine andere Wahl, da es keine göttliche Instanz, keine Vorsehung, keinen Heilsplan etc. gibt, dem wir unterliegen. Was es gibt, ist der Zufall, den wir normalerweise nicht gern zur Kenntnis nehmen, denn wir verstehen nicht, nach welchen Regeln er funktioniert. Nun ja, vielleicht gilt dann ja Gott = Zufall? Aber das führt jetzt alles ein bisschen weit…

    • @Stefan: Vielen Dank für diese kompakte Ausführung zum augenblicklichen Stand der Forschung, das klingt alles ganz vernünftig.
      Wenn man drüber nachdenkt, kann man eigentlich selbst drauf kommen. Allein auf der väterlichen Seite des Stammbaums habe ich innerhalb von fünf Generationen die Namen von 31 Personen, auf der mütterlichen Seite rein rechnerisch nochmal so viele (auch wenn ich da kaum Namen habe). Da hat man natürlich eine große Auswahl unter dem was noch in Erfahrung zu bringen ist, das passende rauszusuchen. Das kann für einen Hobby-Mystiker wie mich aber eine besondere Inspiration darstellen und die Beschäftigung mit deren Lebensläufen eine Hilfe bei der Deutung der eigenen Identität.
      Außerdem: Familiengeschichte ist nicht nur Genetik. Es werden auch Verhaltensmuster, Lebenseinstellungen oder Traumata weitergegeben. Sowas kann man nur erkennen (und vielleicht durchbrechen), wenn man genauer hinschaut, deswegen kann ich jedem nur raten genau das zu tun. Es ist erstaunlich was sich noch finden lässt und ganz nebenbei ist es auch eine äußerst kommunikative Betätigung, eine schöne Thematik um mit der älteren Generation ins Gespräch zu kommen. Die haben noch viel zu erzählen, wir müssen nur fragen und zuhören.

      • Man muß nur der älteren Generation die richtigen Fragen stellen! Die hat man meist aber selbst nicht parat…denn die womöglich essentiellen Fragen kommen erst so nach und nach zu Bewusstsein..und dann ist es womöglich zu spät.
        Ausserdem: Wer von meinen Onkel oder Tanten hat denn meine Großmutter als Kind oder Jugendliche erlebt? Doch nur als satt erwachsene Frau, mit womöglich wenig Verbindung zu ihren jungen Jahren – und zudem sich ja in der Mutterrolle befindend!
        Mehr erfährt man nur, wenn diese Onkel und Tanten selbst nachgefragt hatten, doch das wurde wenig getan.

    • @Stefan: Genetischer Determinismus?
      („Ach so, ich bin ja nur musikalisch, weil meine Großmutter das auch war! Wie enttäuschend ist das denn?”).
      Nein, es muß heißen: Die Option, die Möglichkeit für Musikalität ist gegeben und sie hat sich „in Folge“ genetisch „zugetragen“.
      Bezüglich der Drogensüchtigkeit: Es gibt m.E. durchaus eine genetische Veranlagung zum Suchtverhalten. Soll sich Suchtverhalten etwa nicht genetisch etablieren können und sich rein aus Adaption ergeben?
      „ Fakt ist (laut Stern/Neubauer): Es gibt immer eine gewisse **Wahrscheinlichkeit**, dass sich Merkmale vererben, aber einen kausalen Zusammenhang zwischen dem genetischen „So-Sein” der Eltern und dem genetischen „So-Sein” ihrer Kinder konnte die Wissenschaft bisher nicht liefern. „
      Das stimmt so, nichts anderes wurde gesagt! Es sind zum Teil genetische Optionen, die „sichtbar“ werden können oder nicht.

      „Was allerdings wissenschaftlich sehr wohl erwiesen ist (und hier bin auf Dennis’ Seite), ist, dass kompetente pädagogische Förderung jedweder Art schlafende Potentiale zum Leben erwecken kann.“
      D’accord.
      „Genauso erwiesen ist, dass verpasste intellektuelle Entwicklungen in Kindheit und Jugend in höherem Alter ganz gut nachgeholt werden können.“
      Dem widerspreche ich!

      „Die Inspiration durch faszinierende VorfahrInnen ist eine Konstruktion: Man pickt sich raus, was einem passt“.
      Das liegt mir fern. Wer sagt Dir, daß ich genau nach bestimmten Anteilen suchen würde, die mir den Wamst streicheln könnten?

      • @Gerhard: In Kindheit und Jugend verpasste intellektuelle Entwicklungen lassen sich nachholen, sonst könnte ein 50-jähriger Analphabet nicht mehr lesen lernen, oder? Aber natürlich ist das *richtig* schwer, nehme ich mal an. Aber *unmöglich* erscheint es mir nicht.
        Und was die „Latenz“ vererbbarer Eigenschaften betrifft: Es ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, dass relativ unmusikalische Eltern ein hochmusikalisches Kind haben – aber eben auch umgekehrt! Würden sich Eigenschaften stets hochwahrscheinlich vererben, wäre die Menschheit – ich habe das, glaube ich, oben schon mal gesagt – längst in spezialisierte Unterarten zerfallen („Künstlerkaste“, „Kriegerkaste“, „Priesterkaste“ etc.). Obwohl alle sozialen Eliten aller Zeiten immer sehr daran interessiert waren, sich „intern“ fortzupflanzen (man denke nur an den Adel), also ihre „Besonderheit“ genetisch zu konservieren, ist das doch ganz offensichtlich nur in recht bescheidenem Maße gelungen. Ich bin hier ein großer Freund des Zufalls und der Unberechenbarkeit.

        • „Würden sich Eigenschaften stets hochwahrscheinlich vererben…“ – zu welchem Zeitpunkt habe ich eigentlich „hochwahrscheinlich“ in Zusammenhang mit Vererbung verwendet? Ich denke zu keinem Zeitpunkt.

          Meiner Auffassung nach hat eine bestimmte Eigenschaft (Kreativität, Intelligenz, Eigenheit) eine Chance, in einem der vielen Nachfolger eine genetische Ausprägung zu erfahren. Das muß aber auch nicht sein und auch nicht in der ganz spezifischen Ausprägung.
          Es besteht nur eine Chance, aber ich schätze diese etwas höher ein als die, daß unmusikalische Generationen plötzlich ein Kind oder Enkel aufweisen, das musikalisch ist. Dieses plötzlich auftauchende musikalische Kind unmusikalischer Vorfahren hätte natürlich seine Ursachen und diese sind eigentlich bekannt. Da brauche ich die Stichworte aktive/inaktive Gene und Mutationen nicht in den Mund zu nehmen.

          Bzgl. des „Nachlernens“: Unser Gehirn verfügt über eine nachgesagte und vermutlich auch zutreffende große Plastizität. Aber wie schon mal Großmeister Hübner in Bezug seiner Vita betonte: Wenn man mit 11 in ein künstlerisches Aufgabengebiet einsteigt, ist das eine andere Sache als wenn man es schon mit 5 macht. Zwar kann man mit 11 beginnend richtig gut werden, aber sicher kein „wirklich Großer“ werden. Das meinte ich.

          Im übrigen bin ich nicht mehr sonderlich ein Freund des Austausches mittels des geschriebenen Worts, weil die Chance, verstanden und gewürdigt zu werden, annähernd so zufällig ist, wie die Gen-Fortführung in der nächsten Generation.

          • @Gerhard: Och, komm jetzt, lieber Gerhard. Ich freue mich doch immer so über deine Querdenker-Kommentare. Die sind so eine schöne Bereicherung der Diskussion, bitte nicht damit aufhören, wir brauchen dich hier!

  7. @Dennis: „Konstruktion“ und „Hobby-Mystizismus“ sind ein und dasselbe. Beide Handlungen erzeugen Sinn, wo vorher keiner war. Und – ich wiederhole mich hier gern – wir sind **verurteilt** zu dieser ständigen Sinnhuberei, da der menschliche Geist einen ganz schrecklichen Horror vacui hat: Er duldet alles, nur keine Sinnlosigkeit.

    Und: – ja, Verhaltensmuster und Lebenseinstellungen werden zweifellos „weitergegeben“, aber es ist bekanntermaßen unvorhersehbar, wie Kinder auf diese Weitergabe reagieren: affirmativ, rebellisch oder in einer Mischung aus beidem.

    Bei der Weitergabe von Traumata ist die Sache ein wenig komplizierter, da diese ja per defintionem „unbewusst“ weitergegeben werden. Hier kann aber ein/e TherapeutIn hilfreich sein, diese (oft destruktive) Weitergabe beim Kind ins Bewusstsein zu heben, damit es anschließend ebenfalls die Wahl hat, mit dem Traumainhalt umzugehen: affirmativ, rebellisch oder in einer Mischung aus beidem.

    • „Bei der Weitergabe von Traumata ist die Sache ein wenig komplizierter, da diese ja per defintionem „unbewusst” weitergegeben werden. Hier kann aber ein/e TherapeutIn hilfreich sein, diese (oft destruktive) Weitergabe beim Kind ins Bewusstsein zu heben, damit es anschließend ebenfalls die Wahl hat, mit dem Traumainhalt umzugehen: affirmativ, rebellisch oder in einer Mischung aus beidem.“

      @Stefan: Was ist Deiner Meinung nach ein Traumata?
      Ein Traumata kann z.b. ein Kriegserlebnis sein wie es meinem Vater geschah, der 3 mal dem Tot entrann. Dies waren völlig bewusste Erlebnisse. Natürlich, was diese Erlebnisse „drinnen“ anrichten, das ist meist Verschlußsache.
      Es gibt sozusagen „Dramen“, die von Generation zu Generation weitergetragen werden können und die weitestgehend unbewusst sind. Ein Therapeut kann solche Dramen sichtbar machen und ihre Mechanismen, die das Leben vergiften, bloßlegen. Dann kann man evtl. aus dem Zug ausseigen und das Ganze nicht noch verlängern. Natürlich nur „eventuell“, denn solche Dinge sind sehr machtvoll.

  8. Meine Frau sagt seit längerer Zeit: „Wenn Du so wirst wie Dein Vater, werde ich noch viel Spaß mit Dir haben“.
    Tatsächlich merke ich jetzt, da ich meinen alten Herrn alle vierzehn Tage im Seniorenheim besuche, um mit ihm Schach zu spielen, wie ähnlich wir uns sind und das nicht nur bei den positiven „Angewohnheiten“ und Marotten.
    Interessant ist: das Hyperaktive, das Nervöse, das Hibbelige, was wesentliche Persönlichkeitszüge von mir sind,die mir an meinem Vater nie aufgefallen waren und die er auch ständig an mir moniert hat, als ich noch Kind und Jugendlicher war, brechen sich jetzt im Alter bei ihm Bahn. Ich erkenne an seiner Zerfahrenheit und Nervosität den jungen Axel und manchmal, vor allem, wenn ich mich auf einem Video sehe, erschrecke ich richtig über derartige Übereinstimmungen.
    Auch interessant: bei Lichte betrachtet ist es natürlich eine bunte Mischung aus Charakterzügen von Vater und Mutter, denn das mausikalisch/künstlerische habe ich eher von meiner Mutter.
    In dem Zusammenhang könnte ich mir vorstellen, dass es für viele Kinder ein Entwicklungsmanko darstellt, wenn sie mit nur einem Elternteil aufwachsen.

    • @Axel, ich denke, man übernimmt als Mann viele Züge des Vaters, egal, ob man sich dagegen gestemmt hat oder nicht. Im Alter oder Älterwerden wird man gewahr,daß manches, nicht alles, „eine Kopie“ darstellt.
      Vor einigen Jahren wurde ich mit der Familie eines Freunds bekannt. Obwohl jeder der Geschwister einen anderen Weg gegangen war, fand ich bei zweien sehr verblüffende Ähnlichkeiten in Gestik und Sprache. Ich denke, ihnen selbst blieb das unbewusst (oder halbbewusst), aber für Aussenstehende wie mich, der den Freund gut kannte, ein doch sehr verblüffendes Ergebnis.
      Daher denke ich, daß ich viele Kleider meines Vaters auch trage. Ich werde sie nicht los und muß auch nicht.

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