Bela Bartok: Ein ganz eigener Mikrokosmos

Letztens habe ich ein umfangreiches Buch zur europäischen Musikgeschichte gelesen, besonders interessant fand ich den Abschnitt über den ungarischen Komponisten Bela Bartok. In einem Nebensatz wurde erwähnt, dass er in den 1930er Jahren für seinen Sohn eine didaktisch geordnete Sammlung von Klavierstücken komponiert hat. „Mikrokosmos“ umfasst 153 Stücke und erschien in sechs Bänden. Es ist ein instrumental-pädagogisches Werk, präsentiert aber ebenso in verdaulichen Happen die Bartok’sche Klangsprache. Heutzutage kann man die Bände für teures Geld kaufen (ca. 15 Euro pro Band) oder in der Originalausgabe als PDF und MP3 kostenlos im Netz finden. Ich habe mir also alle Bände besorgt, heute habe ich mal reingeblättert, mich ans Klavier gesetzt und einige der Stücke des ersten Bandes angespielt.
Während ich da so saß und vor mich hin klimperte spürte ich, dass die Tasten in den oberen Lagen etwas klebrig waren. Wahrscheinlich hatte eines meiner Kinder mit von Süßigkeiten verklebten Händen auf der Tastatur herumgedrückt. Das kommt hin und wieder mal vor, wenn sie vor ihren Freunden mit dem Flohwalzer angeben. Jedenfalls hafteten meine Fingerspitzen jetzt nach jedem Anschlag spürbar an den Tasten und lösten sich zu langsam. Ich hatte nicht sofort reagiert und den klebrigen Schmand beim Spielen mit den Fingern der rechten Hand bereits abwärts in die mittlere Lage um das Schlüssel-C transportiert. Inzwischen hatte ich auch schon in den Fingerspitzen der linken Hand ein komisches Gefühl direkt nach jedem Anschlag. Ich unterbrach also mein Klavierspiel, ging in die Küche, holte einen feuchten Lappen und ein Geschirrtuch und setzte mich wieder ans Klavier. Erst ganz vorsichtig, dann immer energischer wischte ich von oben nach unten zuerst über alle weißen Tasten, dann zurück auf dem Weg nach oben über alle schwarzen. Manche der weißen Tasten konnte ich durch etwas Extraarbeit sogar noch etwas aufhellen, wow. Gleich danach nahm ich das Geschirrtuch und wische alle Tasten in derselben Reihenfolge trocken, abwärts die weißen, aufwärts wieder die schwarzen. Manche hatten etwas mehr Feuchtigkeit aufgenommen als andere und ich musste punktuell etwas intensiver trockenreiben. Ich brachte Lappen und Tuch wieder zurück in die Küche und ließ die Tasten noch einen Moment nachdampfen. Das klebrige Gefühl war jetzt weg und ich stocherte mich wieder skizzenhaft durch einige der Bartok’schen Miniaturen. Das ging so eine ganze Weile, bis ich irgendwann keine Lust mehr hatte, also hörte auf und ging rüber in das Zimmer meiner Tochter. Die Wohnzimmertür hatte die ganze Zeit über offen gestanden und sie hatte mein Klavierspiel um zwei Ecken mit halbem Ohr mithören können, während sie auf ihrem iPod herumgedrückt hatte. Sie fragte mich, was ich da gespielt hätte. Ich war ganz freudig überrascht, weil sie sonst meine hausmusikalischen Versuche geflissentlich ignoriert, kaum Interesse zeigt, manchmal schließt sie nach den ersten musikalischen Tönen auch nur kommentarlos ihre Zimmertür. Ich ließ mir meine Freude aber nicht anmerken, blieb ganz ruhig und entspannt und sagte: „Das waren Miniaturen aus dem ersten Band von Bartoks ‚Mikrokosmos’. Wie fandest du’s?“ Sie sagte darauf ohne mich anzusehen: „Naja, das am Anfang und am Ende war nicht so toll, aber der Teil in der Mitte hat mir gut gefallen.“ Ich sah ihr direkt ins Gesicht, während sie weiter auf das Display starrte, wartete noch kurz um sicher zu gehen, dass sie sich nicht über mich lustig machte, aber sie verzog keine Miene. Dann wandte sie sich um und drückte weiter auf ihrem iPod herum.

19 Gedanken zu „Bela Bartok: Ein ganz eigener Mikrokosmos

    • Ich muss noch nachschieben, wieso ich die Geschichte so gut fand: Ich fand sie wirklich dramaturgisch gut erzaehlt, langsam zunaechst aufbauend, mit fast meditativen Details und dann auf den Knackpunkt der paedagaischen Bemuehung zugesteuert. Die Aufloesung gefiel mir sehr.
      Finde auch irgendwie gut, dass Du die Originale gekauft hast. Bitte arbeite diese einigermassen vollstaendig durch. Ich faende es schade, wenn sie nur als Staubfaenger dienen wurden. Unlaengst sties ich naemlich auf einzelne Buecher, die ich einst, vor mehr als 10 Jahren, mit grosser Entdeckerfreude gekauft hatte (u.a. auch Kompositionen) und die unbearbeitet vor sich hinschmoren. In einem Fall war es das Lebenswerk eines begnadeten Problem-Komponisten ….im Schach.

  1. Wunderbare Geschichte und sie zeigt wieder einmal, dass immer etwas hängen bleibt bei den Kids, auch wenn man meint, sie würden sich nicht interessieren. Der musizierende Elternteil hat auch so einen bestimmten Einfluss auf das Gehörte der Kinder. Meine Kinder haben ab und an auch Freunde hier und da wir nur einen Fernseher haben, der sich bei uns im Wohnzimmer befindet, müssen sie bei mir X Box spielen, während ich mir neue Songs erarbeite mit Gitarre und Stimme. Ich stelle immer wieder freudig fest, dass die Kids anfangen mit dem Kopf und den Füßen zu wippen und wenn sie dann beim Gehen das Lied auf den Lippen tragen, welches ich vorher noch gespielt hatte, freue ich mich wie ein kleines Kind, etwas bewirkt zu haben. Sorry, dass ich jetzt gar nicht auf diesen ungarischen Menschen eingegangen bin…

    • @Danke für deinen Kommentar. Ja, als Eltern bewirkt man einiges, aber es liegt nicht in unserer Hand zu entscheiden, was bei den Kindern ankommt. Oft sind es die Sachen auf die man gar nicht geachtet hat, die hängenbleiben. Meine Kinder sprechen mich immer wieder auf Dinge an, die ich als vollkommene Nebensächlichkeiten erachtet hatte und an die ich mich z.T. gar nicht mehr erinnern kann. Dinge, die mir total wichtig sind und für die ich viel Zeit und Mühe aufwende, fallen dagegen in einem erstaunlichen Maße unter den Tisch. Da braucht man viel Zuversicht, wird schon werden, man muss einfach dran glauben, es liegt nicht allein in unserer Hand.

      Als halbe Ungarin wäre ein Kommentar von dir zu Bartok interessant gewesen. Ist er dir bekannt? Hatte sein Werk und sein Wirken einen Einfluss auf dich und deine Umwelt? Habe ihn selbst allerdings auch eher als Aufhänger für die kuriose Anekdote benutzt. Wenn der ein oder andere meiner Leser das als Anregung nutzt mal nachzuschlagen, wäre das ein schöner Nebeneffekt.

      • Hallo Dennis,
        Ja eben, ich mach die Musik auch nebenbei, ohne Einfluss nehmen zu wollen, aber es passiert, das ist ja das schöne daran. Wenn ich ihnen etwas bewusst beibringen möchte, (etwas was die Musik betrifft) schalten sie auch ab und verdrehen sogar die Augen tzzz.
        Mit Ungarn verbindet mich so einiges. Ich habe wohl mein Temperament dem ungarischen Teil zu verdanken, meine Kinder übrigens auch. Ich liebe die ungarische Küche, aber die richtige, nicht dieses eingedeutschte Futter, das es heutzutage dort gibt. Das hat mit Ungarn nichts zu tun und mit Musik verbinde ich eher die Zigeunermusik, die ich als Kind dort gehört habe. Also müsste ich nach dem Typen, den du oben beschrieben hast auch erst mal nachschlagen 🙂

        • @Mandy: Ey, das ist nicht irgendein „Typ“. In musikwissenschaftlichen Kreisen wird Bartok als DER ungarische Komponist schlechthin gehandelt. Und ausgerechnet die von dir erwähnten „Zigeuner“ sind ja nun eben gerade nicht ungarisch, sondern fahrendes Volk, oder bring ich da jetzt was durcheinander? Musst du mir mal erklären!

          • Ich schrieb auch Zigeunermusik! Die Zigeuner hatten bei den Ungarn gar keinen guten Ruf. Die waren für die einheimischen ein stehlendes und herumlungerndes Volk. Ich erinnere mich noch daran, dass die sich gerne mal quer auf die Straße legten und tot stellten, um dann die Menschen zu überfallen, die Ihnen helfen wollten. Außerdem lebten diese Leute in heruntergekommenen Hütten, ohne Fenster und Türen, wuschen sich selten, hatten keine oder wenig Zähne in ihren Mündern. Niemals, habe ich Zigeuner Musik spielen sehen. Man nannte es Zigeunermusik, aber gespielt wurde diese, vom ungarischen Volk.

  2. how delightful a story and very cool a read,
    indeed.
    (this just for da rhymes, brother)

    i can literally see how M. fumbles around w/ her ipod- bored out of her wits… only until a storm of cacophony gets her attention… well, @ least for a little bit.
    her doctor father involuntarily had thrown her a curveball

    and on a side note:
    you kinda got me started… i’ll delve into BB’s body of work.

  3. @Dennis: Die „Zigeuner“, besser: Roma (siehe den entspr. Wikipedia-Artikel) wanderten vor ca. 700 Jahren in kleinen, heterogenen Gruppen von Indien nach Europa ein und hatten vor allem in Südspanien (Flamenco) und eben Ungarn („Zigeunermusik“) großen stilistischen Einfluss auf die regionale Musizierpraxis. Das bis heute Paradoxe daran ist, dass sowohl der Flamenco als auch die „Zigeunermusik“ von außen als „typisch spanisch“ bzw. „typisch ungarisch“ wahrgenommen werden, während die jeweilige „Altbevölkerung“ diese Musiken bis heute als „fremd“ wahrnimmt (was sie nicht daran hindert, damit Geld zu verdienen). Es ging hier ähnlich zu wie mit der Musik der Afrikaner in den U.S.A.: Nach außen wird der Blues selbstverständlich als nationales Kulturgut verteidigt, die farbige Familie in der Neighbourhood wird trotzdem bis heute misstrauisch beäugt.

    • „während die jeweilige „Altbevölkerung“ diese Musiken bis heute als „fremd“ wahrnimmt „.
      @Stefan: Was ist denn hier unter Altbevoelkerung zu verstehen? Wenn die Einwanderung im Wesentlichen vor 700 Jahren geschehen sein soll, dann kann es keine Altbevoelkerung im herkoemmlichen Sinn mehr geben.
      Was ist eigentlich so fremd-spanisch am Flamenco? Kann man diese Anteile benennen?

  4. @Gerhard: Mit „Altbevölkerung“ meine ich die Stämme, die zu der Zeit in Europa siedelten, als die Roma einwanderten. Musikologisch gibt es mehr Parallelen zwischen Flamenco und klassischer Indischer Musik (vor allem die Gesangstechnik, aber auch Rhythmik und Melodik) als zwischen Flamenco und „altspanischer“ Volksmusik (die klingt eher wie „unsere“ normale Volksmusik, Details bitte im Wikipedia-Artikel „Flamenco“ nachschlagen (der englische ist besser). Wenn man so will, handelt es sich beim Flamenco um akkulturierte Außereuropäische Musik mitten in Europa.

    • Danke. Ich habe mal die quellen etwas überflogen. Wie immer kompliziert und so manches davon ungesichertes wissen…mich rührten die Hinweise an, dass es im grunde eine Musik der Not und Hoffnung war.

  5. @MariUS-A:

    ad 1: Ja.
    ad 2: Nordwest-Indien
    ad 3: https://en.wikipedia.org/wiki/Romani_people#Possible_migration_route
    ad 4: Na ja, „Zigeunerarmeen“ sind mir unbekannt … Aber wenn man Straßenmusik als Form von Gewalt verstehen will, dann schon 😉
    zur Zusatzfrage: Im 12. Jahrhundert gab’s keine Bundeskanzlerin 😉 Die Roma traten wohl schon immer in kleinen, relativ unabhängigen Gruppen auf, was eine zentrale Kontrolle unmöglich machte (bis heute). Auch strebten sie – soweit mir bekannt – niemals nach einem eigenen Staat. Eigentlich eine recht intelligente Strategie, als Ethnie seine Freiheit zu bewahren…

    • very interesting.
      ***thank you***
      —————-
      nur die antwort auf meine zusatzfrage…
      ok, ok. dann eben bundeskanzler.
      dann war es halt ein bundeskanzler… im 12. Jahrhundert…
      frauen durften damals ja noch nicht mal wählen und so…
      rauchen glaub‘ ich auch nicht…

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