Greil Marcus ist amerikanischer Autor, Musikjournalist und Kulturkritiker. Mit einflussreichen Artikeln (z.B. in Rolling Stone, Village Voice) und Büchern (z.B. „Mystery Train“, Stranded“, „Dead Elvis“, „Lipstick Traces“, „Like a Rolling Stone“) hat er US-amerikanische Pop- und Rockmusik des 20. Jahrhunderts aus einer kulturhistorischen Perspektive gedeutet und gilt als wichtiger amerikanischer Popintellektueller. 2014 erschien sein Buch „The History of Rock’n’Roll in Ten Songs“, im Februar 2016 erschien bei Reclam die deutsche Übersetzung (wie immer hervorragend: Fritz Schneider) unter dem Titel „Die Geschichte des Rock’n’Roll in zehn Songs“.
Marcus kennt die Geschichte der nordamerikanischen Popmusik sehr gut und versteht ihre Intention, Auswirkung und Sprache. Anhand von 10 ausgewählten Songs in jeweils unterschiedlichen Interpretationen erzählt er die Geschichte des Rock’n’Roll aus einem ganz eigenen Betrachtungswinkel. Die Songs, die als rote Faden dienen, sind: „Shake some Action“ (1976), „Transmission“ (2007, 1979, 2010), „In the Still of the Nite“ (1956, 1959, 2010), „All I could do was cry“ (2013, 1960, 2008), „Crying, waiting, hoping“ (1959, 1969).
In einem sog. Instrumentalen Break in der Buchmitte phantasiert Marcus, wie die Musikgeschichte wohl gelaufen wäre, wenn der berüchtigte Bluesmusiker Robert Johnson nicht jung gestorben wäre, sondern lang gelebt hätte. Weiter geht es mit den Songs:
„Money (that’s what I want)“ (1959, 1963), „Money changes everything“ (1978, 1983, 2008, 2005), „This magic moment“ (2007, 2000), „Guitar Drag“ (2006, 2000), „To know him is to love him“ (1958, 2006).
Marcus schreibt kenntnisreich, detailliert und unterhaltsam, manchmal wirken seine Ausführungen und Exkurse allerdings etwas willkürlich und sehr frei assoziiert, man kann nicht immer nachvollziehen, worauf er jetzt wieder hinaus will. Er ist dabei allerdings ein guter Erzähler und als Leser folgt man daher interessiert und amüsiert seinen Ideen und Gedanken. Klar ist dabei aber gleichzeitig, dass hier jemand sehr intuitiv, fast schon besessen eine Geschichte erzählt so wie er sie subjektiv erlebt hat. Erstaunlich dann wiederum wie sich daraus letztlich allgemeingültige und unzweifelhafte Erkenntnisse ergeben, die erstaunen und noch ordentlich nachhallen.
Fazit: „Die Geschichte des Rock’n’Roll in zehn Songs“ ist eine Popmusikgeschichte für Popmusikfans, die die Geschichte eigentlich schon kennen, aber sie gerne noch einmal in einer neuen Variante erzählt bekommen wollen. Good read!
Das Taschenbuch hat 292 Seiten und kostet 22,95.
Ich staune manchmal wie oft „man ein Thema behandeln kann“. Eine „etwas andere Sicht auf ein Thema“, schon ist die Berechtigung da, darüber zu schreiben. Das ist auf mancherlei Gebieten so.
@Gerhard: Ja, da hast du sicher recht, aber ich muss auch sagen, dass Greils Weg der Annäherung durchaus funktioniert. Wahrscheinlich hätte er auch 10 andere Songs nehmen können und wäre zu einem sehr ähnlichem Ergebnis gekommen.
Zeitraum, musikalische Stilistik und grundsätzliche Herangehensweise über exemplarische Einspielungen sind in meiner Dissertationschrift nicht unähnlich, nur war die natürlich wissenschaftlicher und nicht so assoziativ. Mir gefällt sein narrativer Schreibstil aber durchaus, das entspricht auch dem Thema, konnte ich aber selbstverständlich im akademischen Rahmen nicht so locker formulieren.
Interessant auch, dass er nicht eine These voranstellt und sie dann untermauert, sondern sich über viele kleine Geschichten und Details einen Erkenntnisstand zusammensammelt, der dann durchaus zu einer belastbar Aussage und Position führt.