Buch: „Das Beste, was wir tun können, ist nichts“ von Björn Kern

DasBesteBjörn Kern ist Schriftsteller und Familienvater, hat in den vergangenen Jahren eine handvoll Bücher veröffentlicht und dafür eine erstaunliche Anzahl von Preisen und Stipendien bekommen. Nun hat wurde bei Fischer eine besondere Schrift veröffentlicht, die vom Verlag als „Memoir und Manifest zugleich, Anleitung und Aufruf“ angekündigt wird. Sie trägt den provokanten Titel „Das Beste, was wir tun können, ist nichts“ und der Ich-Erzähler meint das wörtlich.

Anhand seiner eigenen Lebensgeschichte und Erfahrungen wird eine interessante Argumentationskette auf verschiedenste Art und Weise mit handfesten Argumenten unterfüttert. Das ist zuerst etwas gewöhnungsbedürftig, dabei mitunter aufschlussreich, immer unterhaltsam und sehr oft ziemlich witzig. Kern beschreibt wie er genervt von seinem großstädtischen Arbeitstrott anfängt sich und sein Leben auf das Wesentlichste zu reduzieren. Er schafft also Auto, Arbeitsweg, Fernseher, Internet und Superphone ab, verkürzt seine Arbeitszeit auf das Nötigste, kauft einen abrissreifen Hof im märkischen Oderbruch, befolgt Ratschläge seines lebensweisen Nachbarn, lernt das Gegebene zu schätzen und zu nutzen, richtet sich ein, passt sich an, lässt den lieben Gott einen guten Mann sein, sitzt unter seinem Birnbaum, genießt den prächtigen Sonnenuntergang über den Feldern, tut immer weniger und immer öfter: Nichts.

Mit Nichtstun ist hier allerdings nicht arbeitsscheue Untätigkeit gemeint, sondern die bewusste Vermeidung und Unterlassung von unnötigen, überflüssigen, kontraproduktiven und sinnlosen Aktivitäten, die oft genug und unweigerlich weitere unnötige, … nach sich ziehen. Das ganze beginnt mit einfachem Konsumverzicht, der sich über gesellschaftliche Absonderung zu einer durchdachten und praktisch erprobten Lebensphilosophie entwickelt. Man weiß als Leser manchmal nicht, ob man lachen oder weinen soll, so entlarvend sind viele seiner Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Dieses ewige schneller, höher, weiter, die Karriere, die Optionen, die Zukunft, kaufen, wegräumen, entsorgen, Arbeit, Freizeit, Urlaub, Essen, Trinken, Schlafen, repeat. Als großes Vorbild dient das französische Bauernehepaar Pierre und Marie, auf deren Hof er als junger Mann mal für ein paar Wochen gearbeitet hat. Dort hat er nicht nur das frankophile Laissez-faire, die vorsätzliche Nichteinmischung, sondern auch das klassische Aussteigertum in einer hochentwickelten Variante kennenlernen dürfen und das strebt er nun auch für sich an, arbeitet sich ran, erleidet Rückschläge, macht weiter nichts und schafft es schließlich bis zu einer gewissen Meisterschaft (wird vom Nachbar wortlos attestiert). Der Autor bewegt sich stilistisch an der feinen Grenze zwischen Ernsthaftigkeit und Ironie, die Beispiele und Geschichten sind jedoch so sehr aus dem realen urbanen Leben gegriffen, dass es sich kaum verhindern lässt, dass doch einige der Betrachtungen und Schlussfolgerungen hängen bleiben und Wirkung zeigen. Dieses Buch ist ein wunderbares Plädoyer gegen krankhafte Konsumsucht und blinden Aktionismus. Eine sehr lohnenswerte und kurzweilige Lektüre, ideal für den kommenden Sommerurlaub.

Das Taschenbuch erscheint bei Fischer, hat 248 Seiten und kostet 9,99 Euro.

7 Gedanken zu „Buch: „Das Beste, was wir tun können, ist nichts“ von Björn Kern

  1. Staubwischen sollte doch mindestens sein oder?!
    Ich besitze einen Fotoband, in der Leute in ihren Wohnungen jeweils zweimal im Abstand von etwa 10, 12 Jahren fotografiert wurden. Die Leute hatten sich meist stark verändert, natürlich, aber manchmal hatte sich rein garnichts an der Wohnung getan. Die Bücher, der Lampenschirm, der Sessel: Immer noch an der gleichen Stelle.

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