Noten: „Dušek – Sämtliche Sonaten für Clavier“ von Vojtech Spurny (Hg.)

DusekVor der Musikepoche der Wiener Klassik, die rückblickend vor allem von Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig von Beethoven geprägt ist, gab es eine Übergangsphase vom Spätbarock, die von Musikhistorikern als Vor- oder Frühklassik (ca. 1730/40-80) bezeichnet wird. Während bedeutende Komponisten des Spätbarocks wie Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel und Georg Philipp Telemann auch musikalischen Laien noch geläufig sein dürften und die Kompositionen von Haydn, Mozart und Beethoven bis heute immer noch zum meistgespielten Konzertrepertoire gehören, tut sich bei Protagonisten der Frühklassik eine Lücke auf. Allenfalls hat man etwas von den Bachsöhnen oder dem zu Lebzeiten hochgeschätzten und sehr erfolgreichen Italiener Antonio Salieri gehört. Aber wer kennt bitte Georg Christoph Wagenseil, Georg Matthias Monn, Johann Friedrich Agricola, Johann Gottlieb, Carl Heinrich Graun, Reinhard Keiser, Johann Joachim Quantz oder gar deren Werk?

Auf ähnliche Weise durch den musikgeschmacklichen und gesellschaftspolitischen Epochenwechsel in Vergessenheit geraten ist der böhmische Komponist und Musiklehrer František Xaver Dušek (dt. Franz Xaver Dussek, gesprochen: Duschek) geb. 1731 in Chotěborky, gest. 1799 in Prag. Dušek wurde in Wien von Georg Christoph Wagenseil zum Cembalisten ausgebildet, ließ sich um 1770 in Prag nieder und war einer der bedeutendsten Cembalisten und Pianisten seiner Zeit. Er komponierte Sonaten, Variationen und Konzerte für Tasteninstrumente, mehrere Sinfonien und Streichquartette.

Wenn man Notenausgaben seiner Sonaten in Augenschein nehmen wollte, musste man bis vor kurzem auf alte Drucke oder Handschriften zurückgreifen, die naturgemäß schwer zu beschaffen sind. Der renommierte deutsche Musikverlag Bärenreiter hat sich deswegen zur Aufgabe gemacht die Klaviersonaten in der verlagseigenen Urtext-Reihe herauszugeben und somit wieder zugänglich zu machen. Soeben erschienen die ersten zehn von insgesamt 21 erhaltenen Klaviersonaten in einem ersten Band, ein zweiter wird wohl folgen. Als Herausgeber konnte der tschechische Pianist und Dirigent Vojtěch Spurný gewonnen werden. Er sammelte und verglich die in Archiven über Europa verstreuten Quellen sorgfältig und erstellte auf dieser Basis seine Edition. Die Sonaten, chronologisch nach Erscheinungsjahr angeordnet, erscheinen damit erstmal in kritischen Ausgaben. Sie sind technische leicht bis mittelschwer spielbar, einige entstanden wahrscheinlich für pädagogische Zwecke und dürften heutzutage für Lehrer, Studenten und Schüler eine willkommene Abwechslung zu den etablierten, zum bereits etwas arg abgespielten Klassikern darstellen.

Das Heft umfasst ein ausführliches Vorwort des Herausgebers in drei Sprachen (tsch., engl, dt.), zehn Sonaten und einen kritischen Kommentar. Drucktechnische Aufbereitung und Papierqualität ist – wie immer bei Urtextausgaben – hervorragend und tadellos. Das Notenheft umfasst 70 Seiten, erscheint bei Bärenreiter und kostet 21,95 €.

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