Buch: „Auf nach Neuland“ von Monika Rech-Heider

Noch ein Buch über eine Familie, die sich, ausgehend von der Initiative der Mutter, eine Auszeit nimmt um die Welt, in diesem Fall Mittel und Süd-Europa, zu bereisen. Das besondere sollte wohl sein, dass die drei Kinder von der Schulpflicht befreit sind und die Reise als Schule des Lebens erfahren sollten. Auf Anordnung der Mutter soll die Familie die lästigen Pflichten hinter sich lassen, die Vielfalt der europäischen Regionen erleben und entspannt, erfüllt und glücklich in die Routine zurückkehren. Fazit: Eher so mittel.

Die Familie hat eigentlich alles, was man sich so wünschen kann. Zufriedene Ehe, drei gesunde Kinder, erfüllende Jobs, Haus, Garten, Auto, aber glücklich sind sie irgendwie doch nicht, meint die Mutter. Arbeit, Schule, alles so verdammt stressig. Stattdessen einfach mal alles hinter sich lassen und woanders hin, das Glück suchen. Warum denn nicht?

Aber als Leser wird einem spätestens nach der Einleitung klar, was das Problem ist: Sobald die grundsätzliche Entscheidung gefallen ist, wird nicht mehr der Familienalltag optimiert, sondern die Reise generalsstabmäßig mitsamt aller Kosten und Nutzen durchgeplant, journalistische Verwertung in Sozialen Medien, Blog, Buchveröffentlichung inklusive. Statt einfach eine längere Reise anzusetzen, müssen die Kinder offiziell von der Schule abgemeldet werden, dafür werden alle möglichen Rechtsvarianten durchgespielt. Obwohl der VW Bulli T3 vor der eigenen Haustür steht, wird ein runtergewirtschafteter überteuerter Camper angeschafft, wird ausgebaut und funktioniert dann doch nicht, bleibt in der Werkstatt, wird zum Kostenfresser und riesigen Klotz am Bein. Der Reisestart muss verschoben werden, der eigene Bulli aufwändig ausgebaut werden. Der Sommer ist zu Ende, der Herbst hat längst begonnen und das Buch hat zwei Drittel hinter sich, als die verdammte Reise endlich losgeht. Es geht dann nicht nach Skandinavien, wie geplant, sondern nach Osteuropa z.B. Polen, also jetzt nicht gerade ein wahnsinnig exotisches Reiseziel, für manche Deutsche eher ein Tagesausflug, aber die Autorin hat echt das Talent sich die allernormalsten Erlebnisse noch als herausragend ungewöhnlich und besonders schönzureden.

Es ist zusammengenommen nicht mal ein dreiviertel Jahr, das die Familie auf Reisen ist, eine griechische Insel, Südtirol, Albanien, immer wieder unterbrochen von Aufenthalten daheim (!), wegen was für Gründen auch immer. Man zahlt in Euro, braucht keine Visa, bleibt in Europa, die Versicherungspolice deckt alles ab, bloß kein Risiko, die Entdeckung von Neuland ist was anderes, Frau Rech-Heider.

Kurz vorm Ende der Reise bemerkt die Autorin, dass es vielleicht doch ein bisschen komisch ist, wenn man Neues entdecken will und gleichzeitig die Erlebnisse in Real Time auf einem Blog, auf Facebook und Insta dokumentieren will. Dazu kommt noch regelmäßiger Kontakt mit Familie und anderen Reisenden über Twitter und Whatsapp. Und Fotos und Filmchen müssen ja auch noch gemacht werden. Geht’s noch?

Der Mann hat während der kompletten Reise genau gar nichts zu melden, kommt kein einziges Mal zu Wort, hat anscheinend keine Bedürfnisse bzw. werden sie nicht formuliert, geschweige denn berücksichtigt. Die Kinder sind froh als sie wieder zurück sind, haben nach der Überdosis Kleinfamilie die Freunde, die Klasse, die Schule, die Vereine vermisst, müssen Stoff nachlernen und tun sich schwer sich wieder einzuleben.

Man muss Frau Rech-Heder zu Gute halten, dass sie offen und ehrlich Bericht erstattet, wenn auch manchmal auf fragliche Art und Weise (Briefe an Unbekannte). Es ist aber gleichzeitig heftig zu erkennen, wie viel von dem Stress, den sie empfindet, gar nicht von der Außenwelt kommt, sondern ganz und gar hausgemacht ist. Ist gibt auch Menschen, die müssen nicht erst ein Jahr Auszeit nehmen um zu erkennen, dass man nicht alle Kanäle bedienen muss, nicht jeden Scheiß mitmachen muss. Und ein Buch muss man auch nicht immer gleich über jedes persönliche Erlebnis schreiben und veröffentlichen. Ein kommentiertes Fotoalbum für die eigenen Familie hätte vollkommen ausgereicht. Bitte nicht alles zum Projekt machen, bitte nicht alles immer gleich der Welt mitteilen, bitte einfach mal zu Hause bleiben und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Wie wär’s mal damit? Danke.

Das gebundene Buch erscheint bei Benevento, hat 272 Seiten und kostet 22 Euro.

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