Buch: „Verehrt, verfemt, vernichtet“ von Hans-Theo Wagner

Es gibt Bücher über Menschen und Kultur ganzer Kontinente, einzelner Länder, Regionen und Städte. In „Verehrt, verfemt, vernichtet“ richtet der Architekt, Stadtplaner und Historiker Hans-Theo Wagner seinen Blick auf „Schicksale von Bewohnern der Gartenterrassenstadt Wilmersdorf“ in der Zeit zwischen „Kaiserreich und Nationalsozialismus (1910-2020)“.

Die 110 Jahre umfassende, umfangreiche Stadtteilchronik befasst sich mit den Wohnanlagen des Rüdesheimer Platzes und der Landauer Straße in Berlin, Wilmersdorf und entstand über Jahre hinweg, bis zum Zeitpunkt der Drucklegung (teils sogar darüber hinaus) in mühevoller, kleinteiliger Recherchearbeit. Im Vorwort erfährt der Leser, dass die Arbeit autobiographisch motiviert ist. Der in Berlin geborene Autor wuchs andernorts auf, kehrte als junger Mann zurück, lebte fortan in dem thematisierten Straßenzug, hat ihn, seine Bewohner, seine Kultur und Geschichte offensichtlich zu schätzen gelernt und tief ins Herz geschlossen. Anders ist eine so intensive Auseinandersetzung gar nicht vorstellbar.

Nach Angaben zur Vorgeschichte und Recherche folgt die eigentliche Chronik, die die Landauer Straße 1-16 und den Rüdesheimer Platz 1-11 umfasst. Chronologisch nach Hausnummern werden die Geschichte(n), die Bewohner, deren Herkunft, Werdegang, Familie Beruf und Verbleib beschrieben. Um an diese vielen Einzelinformationen zu gelangen und das Puzzle sinnvoll und nachvollziehbar zusammenzusetzten wurden Archive konsultiert, Ausstellungen besucht, historische Texte inspiziert. Zusätzlich füllen persönliche Nachforschungen und „Augenzeugenberichte […] jene Lücken, die zwischen den großen institutionellen Forschungsergebnissen entstehen.“

Im Zentrum von Wagners Betrachtung stehen neben architektonischen und städtebaulichen Aspekten die Bewohner, besonders die Menschen, „die in den Bereichen Kunst, Literatur, Malerei, Musik, Technik, Städtebau, Architektur, Medizin, Forschung, etc. neue Wege beschritten.“ Auch wenn man nicht jede einzelne biographische Miniatur verfolgt, bekommt als Leser doch rasch ein Gespür dafür wie reichhaltig und lebendig das gesellschaftliche Leben in der portraitierten Zeit gewesen sein muss.

Fazit: Hans-Theo Wagner bietet mit seiner mikroskopisch detaillierten Stadtteilhistorie deutlich mehr als eine bloße Chronologie von Einzelereignissen. In der Summe ist „Verehrt, verfemt, vernichtet“ eine bildungsbürgerlich geprägte Gesellschaftschronik mit kunst-, musik-, und literaturwissenschaftlichen, mit medizin-, architektur- und technologie-historischen Anteilen. Sie besteht aus unendlich vielen Einzelschicksalen, die – soweit erfahrbar – dargestellt werden und kurz davor standen dem Vergessen anheim zu fallen. Allein dafür, dass diese nun erhalten bleiben, muss man Wagner danken.

Wunderbar, wenn geschichtswissenschaftliche Forschung auf so viel pralles, reales Leben trifft und einen so offensichtlichen Erkenntnisgewinn generiert.

Das broschierte Buch enthält viele Fotos, Zeichnungen und Pläne (s/w, Farbe), erscheint im Wolfbach Verlag, hat 328 Seiten und kostet 29,80 €.

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