Michael Langer ist vielseitiger Gitarrist, renommierter Instrumentallehrer und ein emsiger Herausgeber und Arrangeur diverser Notenausgaben. Bei Edition DUX erscheinen regelmäßig Gitarrenschulen, Spielanleitungen und Stückekompilationen.
Mit einem editorischen Doppelschlag hat er sich in nun dem Thema Nordamerika gewidmet. In der zweibändigen Sammlung „Saitenwege nach Nordamerika“ werden herausragende Einzelkompositionen für Gitarre aus den letzten ca. 100 Jahren präsentiert. Die Stücke des ersten Bandes sind keine Originale, was auch immer man darunter verstehen wollte (z.B. Transkriptionen legendärer Einspielungen), sondern ausschließlich von Langer selbst arrangierte Folksongs, Blues und Swingklassiker. Einzige Ausnahmen sind die mäßig interessanten Tunes „Always by my side“ (Ralph Towner) und „Song for a Rainy Day“ (Tommy Emmanuel). Alles nicht verkehrt, aber eben alles andere als authentisch, die große gitarrentechnische Bandbreite Nordamerikas wird so immer auf das Langer-Arrangement reduziert, noch dazu konsequent auf akustischen Fingerstyle, am besten auf der klassischen Gitarre. Plektrumspiel, Slidespiel, Open Tunings, E-Gitarre, alles kein Thema und das ist dann doch schon verwunderlich, weil Langer es ganz sicher besser weiß.
Ganze 60 nordamerikanische Stücke ohne Mississippi John Hurt, Reverend Gary Davis, Elisabeth Cotton, Merle Travis, Chet Atkins, Jerry Reed, Tony Rice oder gar moderne Gitarrenhelden wie Billy Strings. Vielleicht werden die alle im zweiten Band behandelt, aber dem ersten Band ist leider vorzuwerfen, dass es allesamt Arrangements aus der entfernten Sicht eines Mitteleuropäers mit Konzertgitarre sind. Das spielt sich anders, klingt anders, ist was ziemlich total anderes als die nordamerikanische Musikwirklichkeit. Wie schade, das war Langer bei der zweibändigen Riehe zu Südamerika viel besser gelungen, aber dort ist ja die instrumentale Grundlage auch wirklich die klassische Gitarre und die Musik viel stärker in der europäischen Tradition verwurzelt.
So ist die Freude über die Veröffentlichung leider deutlich getrübt, denn ausgerechnet Langer hätte wohl die Expertise gehabt hier konsequent den nordamerikanischen Gitarrenstil zu erfassen und abzubilden. Ohne Plektrum, ohne Fingerpicks und ohne Martin Dreadnaught geht da jedoch das Wesentliche unweigerlich verloren. Vielleicht wird das im zweiten Band reingearbeitet, aber vermutlich unwahrscheinlich, denn Langer operiert immer mit der Langer-Spieltechnik und die passt eben so gar nicht zum nordamerikanischen Stil, nicht mal Chet Atkins oder Jerry Reed kann man damit greifbar machen. Wie schade, schade, schade, ich hatte mich so sehr auf diese Bände gefreut.
„Saitenwege nach Nordamerika 1“ erscheinen bei DUX, kostet 28,80 €.
Probeseiten unter: dux-verlag.de