Buch: „Könnt ihr uns hören?“ von Jan Wehn & Davide Bortot

Jan Wehn (SPEX, DE:BUG, JUICE) und Davide Bortot (JUICE) haben als anerkannte HipHop- und Rap-Kenner eine umfangreiche Textsammlung zusammengestellt, die sie als eine „Oral History des deutschen Rap“ beschreiben. Diese per Definition gesprochenen Rückblicke werden von einer umfangreichen und beeindruckenden Anzahl von HipHop-Künstlern, Akteuren und Aktivisten erzählt. Wehn und Bortot haben diese, zum Teil äußerst detaillierten und präzisen Erinnerungen dokumentiert, aufgeschrieben und sinnvoll kompiliert.

Der beeindruckende geschichtliche Rückblick ist chronologisch angelegt, beginnt Mitte der 1980er Jahre und reicht bis in die unmittelbare Gegenwart. Eine grobe Einteilung bieten die Überkapitel: Die Anfänge (1983-1994), Die Neuzeit (1994-2003), Berliner Republik (1998-2007), Postmoderne (2006-2015) und Jetztzeit (2015-2019). Jedes dieser Kapitel ist noch einmal in ca. 10-16 Unterkapitel aufgeteilt und bietet dem Leser so einen guten Überblick.

Die Erzähler der vielen verschiedenen Entwicklungen reichen von Rappern, DJs, Produzenten bis zu Labelinhabern, Journalisten und anderen unumstrittenen Szenekennern darunter z.B. Sido, Jan Delay, Kool Savas, Samy Deluxe, Carpar, Max Herre, Marteria, Cora E. Smudo, Moses Pelham, Eko Fresh, Farid Bang, Peter Fox und viele andere. Dass die beiden Herausgeber so viele Protagonisten für dieses aufwändige Projekt gewinnen konnten ist das größte Kapital der Erzählung, macht sie authentisch, glaubhaft und wahrhaftig, genauso sollte Oral History im Idealfall sein. Fehlen tun in dem Reigen leider Xavier Naidoo, Bushido, Kollegah und ein paar andere Figuren, erwähnt werden auch sie aber selbstverständlich.

Besonders erfreulich ist es zu lesen, welchen außerordentlichen Grad von Reflexionsfähigkeit die meisten der Erzähler an den Tag legen, mit welcher Offenheit, Ehrlichkeit und Erkenntnis sie die zurückliegenden Ereignisse betrachten und einordnen. Das für das öffentliche Dissen bekannte Macker-Genre wird hier so gar nicht seinem mitunter unfeinen Ruf gerecht, sondern erweist sich übergreifend als freundlich, kollegial, respektvoll und zwar insbesondere bzgl. der musik-historischen Errungenschaften verdienter Kollegen.

Die beiden Herausgeber haben mit ihrer vermutlich sehr arbeitsreichen Sichtung und Sortierung wertvolle Arbeit geleistet und die historischen Phasen der Entwicklung mit der Kapiteleinteilung und Textanordnung sehr nachvollziehbar gemacht. Das geht soweit, dass es an etlichen Stellen nachgerade zu Cliffhangern kommt, man als Leser unbedingt umblättern und weiterlesen will um zu erfahren wie die Dinge sich weiter gestalten.

Selbst fragwürdige Entwicklungen wie die äußerst ausfälligen und aggressiven Rapper der Berliner Republik kann man nach der Lektüre besser einordnen. Am Ende werden die unangenehmen Themen Rassismus, Sexismus, Homophobie etc. wenigsten gestreift, hier hätte man sich etwas mehr Auseinandersetzung gewünscht. Auch den tatsächlichen Produktionsbedingungen, Gerätschaften und Sounds, die mit einzelnen Phasen stilistisch eng verbunden sind, hätte etwas mehr Platz eingeräumt werden dürfen. Das ist allerdings Jammern auf extrem hohem Niveau.

Alles in allem und fast ohne jede Einschränkung das „längst überfällige Standardwerk zur Geschichte des Deutschrap“ (Casper).

Erscheint bei Ullstein, 464 Seiten, broschiert 20€, TB 11€.

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